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Marc Barani: An der Côte d´Azur verwurzelt

17.05.2010

Marc Barani hat durch den Prix de l’Équerre d’Argent in Frankreich, aber auch durch die Nominierung zum Mies-van-der-Rohe-Preis für sein umfangreiches gestalterisches Repertoire internationale Anerkennung bekommen. Sein Wissen als Bühnenbildner und seine Herkunft aus Roquebrune-Cap-Martin übersetzt er in spannende Gebäude mit theatralischem Charakter. Ein Gespräch über die Ingredienzen seiner Arbeit, ­französische Mittelmeerarchitektur und seine Rolle als Architekt und Städteplaner.

Michael Koller im Gespräch mit Marc Barani

Marc Barani: "Wir versuchen, eine Idee konsequent zu verfolgen, selbst wenn uns das an die Grenzen des Machbaren führt, weil wir gerade dadurch technische Lösungen und Innovationen entwickeln."  

Inwieweit hat Ihre Herkunft Ihre Entscheidung, Architektur zu studieren, beeinflusst?
Roquebrune-Cap-Martin ist sicher kein neutraler Ort, weil dort das Haus von Le Corbusier oder die Villa Eileen Gray stehen. Ich weiß nicht, ob das der Grund war, dass ich Architektur zu studieren begann – man kann immer eine Geschichte im Nachhinein konstruieren –, aber es ist sicherlich wahr, dass diese Tatsachen nicht unwesentlich waren. Le Corbusier hat in der Gemeinde eine große Rolle gespielt und den Ort durch seine Persönlichkeit stark geprägt.

War Ihnen das schon sehr früh bewusst?
Nein, natürlich nicht. Ich kann mich nur erinnern, dass mir das Grab von Le Corbusier schon als Kind durch seine außergewöhnliche Gestaltung und seine spezielle Form aufgefallen ist. Es war gleich neben unserem Familiengrab und hat sich in seiner ganzen Erscheinung und Konzeption grundlegend von allen anderen unterschieden und überhaupt nichts mit der klassischen Formen eines Grabes zu tun gehabt. Aber ich wusste damals noch nicht, wer Le Corbusier war.

Ihre Architektur zeigt eine starke Verwurzelung mit der Mittelmeerregion, sie besitzt viele Elemente, die die Rahmenbedingungen für das Planen am Mittelmeer erst bewusst machen. Wie kommt das?
Ich bin überzeugt, dass die Autobiografie eine ganz entscheidende Rolle im Leben eines Architekten und ganz besonders in meiner Arbeit spielt. Bei der Friedhofserweiterung habe ich erstmals versucht, das Leben auf den Hügeln von Roquebrune-Cap-Martin, das Klima, das Territorium, die ganz spezielle Geo­grafie von Roquebrune einzufangen und architektonisch und gestalterisch umzusetzen. Die Berge fallen steil und unmittelbar ins Meer ab. Der extreme Gegensatz der Härte des Gesteins und der mächtigen Präsenz der Berge auf der einen Seite und dem ungreifbaren, fließenden Horizont des Ozeans und des Himmels auf der anderen Seite haben mich tief beeindruckt und nachhaltig geprägt.

Die Konstruktion eines Horizonts ist ein Element, das in vielen ihrer Projekte wiederkehrt ...
Je mehr ich arbeite, desto stärker wird mir bewusst, dass das Thematisieren des Horizonts Teil meiner Wurzeln ist und ich von diesen ausgehend arbeite, auch wenn ich heute in Regionen plane, die nicht am Mittelmeer liegen. Der genetische Code einer Region bzw. die Tatsache, dass ich aus einer bestimmten Region komme und damit zu einer bestimmten Kultur gehöre, ist quasi die erste Kondition meines Arbeitens.

Und wodurch zeichnet sich die Kultur von Nizza und der Region aus?
Wenn man in Nizza arbeitet und lebt, befindet man sich in einem permanenten Übergang zwischen den Kulturen. Das ist auch die zweite Kondition, die mich stark geprägt hat. Nizza ist ursprünglich eine italienische Stadt, aber gleichzeitig eine französische Stadt. Sie steht in mehrerlei Hinsicht zwischen den Dingen. Nizza ist eine sehr internationale Stadt und daher sehr schwierig zu begreifen und zu verstehen. Es gibt hier sehr viele verschiedenen Kulturen, die sich treffen: Es gibt neben der französischen Gemeinschaft eine dänische, eine italienische, eine englische etc.

Ist Nizza darum so ein guter Nährboden für künstlerisches Schaffen?
Sicherlich. Die Lebenskonditionen in Nizza waren für Künstler immer sehr inspirierend, was zum Beispiel in der École de Nice, den Nouveaux Réalistes oder bei Matisse etc. zu sehen ist. Es hat hier immer ein ganz ausgeprägtes künstlerisches Schaffen gegeben, nur eben nicht primär auf die Architektur bezogen.

Sie haben zu Beginn der 1970er-Jahre an der École d’Architecture in Marseille zu studieren begonnen. Was wurde damals gelehrt?
Ich habe mein Studium 1976 begonnen, also in der Zeit nach  ‘68, die den Unterricht grundlegend verändert hat. Damals dominierten die Soziologen die Ausbildung an der Universität. Dadurch kam es zu diesem Bruch mit der Auffassung, dass Architektur Teil der schönen Künste sei. Architektur musste für die Gesellschaft gemacht werden. Der Ausgangspunkt unserer Studien war die Soziologie, die Entdeckungsreise der menschlichen Gruppierungen. Das war auch der Grund, warum wir letztlich kaum Architektur im konstruktiven Sinne gemacht haben, sondern hauptsächlich programmatische Diagramme, städtebauliche Studien und Visionen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Gesellschaft erstellten, auf der Suche nach einer neuen sozialen Organisation. Es war ein Unterricht, der uns lehrte, dass die Architektur eine Umsetzung der sozialen, kulturellen und politischen Bedingungen in eine adäquate Form ist und nicht allein eine formal-ästhetische Übung zum Selbstzweck.

Das Interesse für die Stadt kommt also aus Ihrer Ausbildung?
Instinktiv ja. Die Straßenbahn in Nizza ist sicherlich ein perfektes Beispiel, weil eine derartige Intervention die Stadt dutzende Male stärker verändert als ein einzelnes Gebäude. Sie hat ein ganzes Viertel verändert und die Menschen, die dort leben wieder mit dem Stadtzentrum verbunden. Diesen Effekt kann ein einzelnes Gebäude natürlich nicht erzielen. Sie hat uns außerdem bestätigt, dass man letztlich die Teile einer Stadt nicht unabhängig voneinander betrachten kann, sondern als Teil eines ganzen Organismus verstehen muss.

Das heißt, das Straßenbahnprojekt ist ein soziales Projekt?
Ja, die Straßenbahn verbindet symbolisch aber auch ganz real die Stadt und die Bewohner miteinander. Verbindungen für und zwischen Menschen herzustellen ist auch in den anderen Projekten wie den pädagogischen Ateliers, den Friedhöfen und den Infrastrukturprojekten ein zentrales Anliegen. Und obwohl es natürlich einen Unterschied zwischen einer Villa und einem Straßenbahnprojekt gibt, ist die Arbeitsmethode für beide ähnlich. Daneben verändern wir in beiden Fällen durch eine architektonische Intervention die Wohn- und Lebenskonditionen der Menschen und ermöglichen ihnen dadurch eine andere Sichtweise auf ihre Umwelt.

Sehen Sie sich dann heute eher als Städteplaner oder als Architekt?
Während unseres Studiums an der Architekturschule in Marseille fehlte schon der Unterricht, wie man Architektur als solche zeichnen soll. Wir machten ganz wenige technische Zeichnungen. Aber noch während meines Studiums gab es dann die Umkehr vom Erstellen von sozialen Organigrammen zum Entwurf urbaner Formen und der Entwicklung des Projekts an sich. Letztlich wusste ich damals noch nicht, was Architektur für mich war, habe aber gespürt, dass sie zwischen der Anthropologie, also wie die Menschen leben, und der bildenden Kunst liegen musste.

Sie haben dann eigentlich über die Fotografie die formale Seite der Architektur untersucht.
Ich habe eine Zeitlang, quasi als Assistent, mit dem Fotografen Jacques Henri Lartigue gearbeitet. Für ihn war das Ziel der Fotografie, das Leben, die Menschen, ihr Verhalten und ihre Bewegungen einzufangen und nicht ein formal schönes Bild zu schießen. Durch ihn lernte ich die Balance zwischen dem formalen Aspekt der Essenz der Form zu erkennen.

Wie definieren Sie dann Architektur für sich?
Architektur ist für mich das räumliche und formale Ensemble, das erst durch die Menschen, die sich darin bewegen, seinen eigentlichen Sinn erhält. Architektur ist für mich die Begleitung des menschlichen Körpers.

Neben Friedhöfen, Brücken und Infrastrukturprojekten haben Sie viele Ausstellungsräume und Museen entworfen. Wie kommt das?
Über die Arbeit mit Künstlern und meine künstlerische Ausbildung zum Bühnenbildner bin ich zu Aufträgen für die Gestaltung und zum Umbau von Museen wie dem pädagogischen Ateliers für Kinder im Château de Mouans-Sartoux gekommen. Was für mich an der Aufgabe damals besonders interessant war, war das soziale Projekt, das die Stadt durch den Bau der Ateliers und der Förderung der Kunst im Allgemeinen anstrebte: die Verbindung zwischen der Kunst, den in der Region, in vielen kleinen Enklaven existierenden Künstlern, und der Bevölkerung zu schaffen. Daneben stand die Frage: Wie kann man Kinder für Kunst sensibilisieren oder ihnen vielmehr das Sehen, Hören und Fühlen beibringen? Das stand im Zentrum des Projekts. Damals war dieser Ansatz eine Neuheit.

Aber das ist heutzutage eigentlich keine Besonderheit mehr. Das ist das Ziel zahlreicher Städte, was am deutlichsten durch die europäischen Kulturhauptstädte zum Ausdruck kommt.
Die Situation der Kultur ist heute ein bisschen delikat, weil sie in Europa sehr stark als Vektor für die politische Kommunikation eingesetzt wird und starke wirtschaftliche Interessen dahinterstehen, die Förderung aber gleichzeitig sehr interessante Dinge produziert. Die Kultur einer Region oder Stadt ist aber auch zentrales Element im Konzept der nachhaltigen Stadtentwicklung, nicht nur die Frage der Energie.

Ihre Projekte zeigen ein hohes technisches Können und die Suche nach dem Außergewöhnlichen.
Von Beginn unserer Selbstständigkeit an haben wir einen Partner im Büro gehabt, der nicht Architekt, sondern Ingenieur war, der die Bauausführung gemacht hat und das technische Wissen und den Kontakt zu den Firmen hatte. Das war für uns immer essenziell, um Gebäude einfach korrekt ausführen zu können.

Das hat Ihnen die Möglichkeit gegeben, weiterhin verstärkt am Entwurf zu arbeiten ...
Es gibt für mich keinen Schnitt zwischen der Idee und der Umsetzung. Wenn wir uns nicht die Möglichkeit geben, die Bauprozesse gut genug zu kennen, um sie zu verstehen, dann haben wir natürlich auch keine Mittel, sie zu verändern oder zu beeinflussen, und damit werden die Ideen irgendwie umgesetzt. In der gleichen Manier nehmen wir uns die Zeit und geben uns die Möglichkeit, an vorgegebenen Programmen zu arbeiten, sie zu verändern und an die lokalen Gegebenheiten anzupassen. Das haben wir in Nizza für die Straßenbahn genauso wie für das Kongresszentrum in Nancy getan.

Der Ingenieur ist für Sie also nicht nur die ausführende Person?
Im Vergleich zum Ingenieur kann der Architekt innerhalb eines komplexen Ensembles von sozialen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen eine Vision ins Projekt einbringen. Das Atout des Architekten ist die Fähigkeit, eine räumliche Vision eines komplexen Programms für einen Ort mit vielen Limits zu entwerfen, es zu positionieren, zu überlagern und zu verbinden. Das ist ein Wissen, das dem Architekten zu eigen ist, aber nicht dem Ingenieur.

Ist Innovation für Sie ein Ziel in Ihrer Architektur?
Wir versuchen, eine Idee konsequent zu verfolgen, selbst wenn uns das an die Grenzen des Machbaren führt, weil wir gerade dadurch technische Lösungen und Innovationen entwickeln. Das Ziel ist dabei aber nicht die Innovation an sich, sondern vielmehr eine Idee umzusetzen und die Qualitäten von Materialien optimal für unsere Gebäude einzusetzen – sei das nun für eine Brücke oder eine Gebäudefassade.

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