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Margarethe Heubacher-Sentobe: Erfolg abseits des Mainstreams

25.10.2010

Die eigenständige, nirgends eingegliederte und unangepasste Architektin Margarethe Heubacher-Sentobe arbeitet seit 32 Jahren als Ein-Frau-Büro in ihrem weinumrankten Stadthaus in der Schwazer Altstadt. Nur für größere Projekte beschäftigt sie sporadisch einen Mitarbeiter.

Gretl Köfler im Gespräch mit Margarethe Heubacher-Sentobe

Margarethe Heubacher-Sentobe: "Nach meiner Erfahrung sind Frauen in diesem Metier nie so eitel wie Männer, wir haben eine andere Art von Konfliktlösung, sind eher auf Harmonie bedacht. Männer trauen sich alles zu, auch die gigantischsten Projekte – und dann kochen sie auch nur mit Wasser."

Das ist ein wunderbares Ambiente, fällt da das Entwerfen leicht? 
Ehrlich gestanden, ich kann mich nicht mit einem neuen Auftrag ins Büro setzen und am Zeichentisch sofort anfangen zu entwerfen, das geht einfach nicht. Ich habe eine andere Strategie: ich erledige den üblichen Alltagskram, gehe in die Natur oder ins Konzert. Das Projekt begleitet mich dabei überall, es lässt mich nicht los. Für mich hat Kreativität auch mit diesem Zeitfaktor zu tun: so lange daran glauben, bis aus dem Fundus der gespeicherten Bilder die Inspiration eintrifft. Alle meine Gebilde entstehen im Kopf und ich brauche viel Zeit, bis das Projekt rundherum stimmig ist. Erst wenn es im Kopf fix und fertig ist, setze ich mich an den Zeichentisch. Da ich die Bauleitung zumeist selber mache, bin ich bei der Umsetzung bis zum Ende dabei. Ich brauche daher nicht jedes Detail aufzuzeichnen, ich habe es im Kopf.

Du führst dein Architekturbüro von Anfang an alleine. ­Warum?
Ich glaube, ich bin nicht geschaffen, um im Team zu arbeiten; man lässt sich zu leicht abbringen von seiner Intuition und ist in der Zusammenarbeit oft schnell konsensbereit, bestimmte Bereiche wandern zum Partner. Obwohl Diskussionen sehr befruchtend sind, will ich für meine Entscheidungen gerade stehen, nicht abgelenkt, nicht auf einen fremden Pfad gelockt werden. Das Wichtigste für mich ist, gefordert zu werden und nicht unter meinem Anspruch arbeiten zu müssen. Das geht nur, wenn ich alleine arbeite und den Zeitaufwand nicht penibel nachrechne. Ein Büro mit mehreren Mitarbeitern muss anders rechnen, muss genau wissen, wie lange man wofür brauchen darf. Ich ändere bis zum Schluss und das mit Vorliebe!

Und wie geht’s mit dem Computer?
Das wollte ich zuerst nicht lernen, habe es aber dann doch gemacht, weil ich die plötzliche Abhängigkeit von anderen - den Computerexperten – nicht mehr ausgehalten habe. Ich war noch nie in meinem Leben so abhängig, und da habe ich mich mit dem Computer angefreundet. Aber ich kann nur das Notwendigste, die 3D-Visualisierungen beherrsche ich noch nicht – ich baue lieber Modelle. Der Aufwand ist riesig, die aufzuwendende Zeit nicht mehr abschätzbar. Ganz intelligent kommt mir die Geschichte nicht vor – ich möchte lieber mit einem Minimum an Zeichenaufwand ein Maximum an Ergebnis erzielen.

Wie waren deine Erfahrungen als Rainer-Schülerin?
Wir waren zu sechst im Jahrgang, zusammengewürfelt aus vielen Nationen, aber die Rainerschüler der anderen Jahrgänge hat man natürlich auch gekannt. Roland Rainer hat nur HTL-Schüler aufgenommen, das Handwerkliche hat er vorausgesetzt, wir konnten uns somit auf den Entwurf konzentrieren, wobei die ersten beiden Entwerfen immer Wohnbau und verdichteten Flachbau zum Thema hatten. Er als Professor hat entschieden, wann ein Student reif für den Abschluss ist, manche hat er ewig arbeiten lassen. Die Diplomarbeit musste in wenigen Wochen an der Akademie vor Ort bearbeitet werden. Ich habe dabei in der Tradition der Post-Achtundsechziger-Generation den Schwazer Städtebau auf den Kopf gestellt und eine bewegte Stadt entworfen: Fließbänder vom Stadtplatz über die verbaute Innbrücke hin zum Bahnhof. Alles bewegt und technoid, denn damals herrschte die Vorstellung: der Mensch in der autofreien Stadt geht nicht zu Fuß, er wird bewegt.

Du warst lange Zeit die einzige Frau im Metier, wie ist es dir damit ergangen?
Nach meiner Erfahrung sind Frauen in diesem Metier nie so eitel wie Männer, wir haben eine andere Art von Konfliktlösung, sind eher auf Harmonie bedacht. Männer trauen sich alles zu, auch die gigantischsten Projekte – und dann kochen sie auch nur mit Wasser. Über Arbeitsmangel konnte ich mich bis jetzt eigentlich nie beklagen, manche Aufträge musste ich sogar ablehnen oder habe sie an Kollegen weitergegeben. Sehr genossen habe ich die vielen Jury- und Beiratstätigkeiten, zu denen ich als „Frau“ eingeladen wurde und das damit verbundene Kennenlernen von interessanten Personen.

Bauherren – Baufrauen
Ich habe sehr viele Einfamilienhäuser in und um Schwaz gebaut, jedes zugeschnitten auf seine Bewohner. Zumeist habe ich mit Baufrauen gearbeitet, einmal mit einem Mann, das hat nur ein Drittel der Zeit beansprucht. Baufrauen sind anspruchsvoller und komplizierter, bringen aber auch viel mehr ein. Diese Aufrichtigkeit ist mir wichtig, zuerst sollen alle Wünsche auf den Tisch, um dann zusammenkomponiert zu werden.

Wie hast du die Arbeit mit Studenten erlebt?
Ich habe seit zwanzig Jahren Lehraufträge für Entwerfen an verschiedenen Instituten der Innsbrucker Architekturfakultät. In den letzten Jahren geht der Bezug zur konkreten Aufgabe immer mehr verloren. Die Studenten entwerfen in Weltdimensionen riesige, visionäre Projekte, das darf in der Studienzeit auch sein. Sie sind nur am Rande mit den alltäglichen Aufgabenstellungen konfrontiert, würden sich zwischendurch mal aber auch ganz normale Bauaufgaben wünschen. Genau diesen Bereich versuche ich bei aller Freiheit an Kreativität derzeit abzudecken.

Wie siehst du die derzeitige Entwicklung der Architektur?
Ich weiß nicht mehr, wo es lang geht. Ich beschäftige mich seit 40 Jahren mit dem Bauen und wenn ich jetzt in Architekturzeitschriften blättere, wandern sie oft gleich in den Papierkorb – gesehen und vergessen. Vieles ist plakativ und unintelligent, ein einziger Einheitsbrei, es gibt kaum Überraschungen und mir fehlt die Atmosphäre als vierte Dimension. Es berührt mich nicht, aber Architektur muss mich berühren. „Außen bescheiden, nach innen entfaltet sich der ganze Reiz“ – dieser Ausspruch von Roland Rainer ist für mich schon ein passender, oder der Satz: „Wenn Du Schönheit gestalten willst, musst Du beim ganz Einfachen beginnen, es dann ins Komplexeste wenden und von dort wieder ins ganz Einfache zurückkehren.“

Wo setzt deine Kritik an?
Architekten und Architektinnen müssten viel kritischer sein, sollten schon im Vorfeld Aufklärungsarbeit leisten, die Bauaufgabe hinterfragen und nicht jeden Auftrag um jeden Preis sofort annehmen.
Ich sehe mit Besorgnis, wie mittelmäßige Architektur, Grauslichkeiten und Dummheiten in die Dörfer ziehen und leide darunter mit meinem ganzen Körper. Besonders die Bezirksstädte gehen mit ihrer Bausubstanz oft fahrlässig um. Es fehlt etwa eine Kultur der Dachlandschaften; früher galt ein Dach als unantastbar, jetzt entstehen die wildesten Auswüchse, von Stimmigkeit und Harmonie keine Rede. Das ist meiner Meinung nach auch die Folge von unzähligen Bauvorschriften und Reglements. Wäre das Recht des Nachbarn auf Luft, Licht und Aussicht die einzige Vorschrift, wäre es vielleicht auf lange Sicht nicht schlechter.

Wie siehst du den Umgang innerhalb der Kollegenschaft?
Ich ärgere mich, wenn gute Architektur von der Kollegenschaft zerstört wird, ohne den ursprünglichen Entwerfer zu kontaktieren. Der sollte wenigstens gefragt werden. Man kann ja etwas verändern, wenn neue oder zusätzliche Anforderungen auftreten, aber warum darf ein Architekt sein Werk nicht wie ein Musiker zu Ende komponieren. Einem Künstler übermalt man auch kein Bild, bei uns Architekten ist das üblich.

Das Problem vor Ort sind die Tabakwerke Schwaz
Im Gegensatz zu Linz wurde in Schwaz eine intakte Bausubstanz mitten in der Stadt aus Angst vor dem Denkmalschutz über Nacht abgerissen, ohne sich über die neue Nutzung im Klaren zu sein. Die Tabakwerke waren für die Stadt identitätsstiftend, haben vielen Menschen Arbeit gegeben, und es hätten sich bis zur Projektfindung tolle Möglichkeiten für Zwischennutzungen angeboten. Jetzt ist das Areal seit drei Jahren eine riesige Baulücke und eine Wunde in der Stadt – wie nach einem Bombeneinschlag. Der bereits durchgeführte Wettbewerb wurde einfach ignoriert, die Sieger von einem Kollegen kommentarlos abgelöst. Falls eine andere Nutzung seitens der Bauherrschaft angedacht war, hätte man doch den Erstplazierten eine Chance zum Umplanen ihres wirklich guten Konzeptes geben können. Es ist einfach unverständlich und bedeutet für mich die rote Karte für einen Kollegen. Jetzt wird Schwaz um seine Vision betrogen.

Schwaz hat ein sehr interessantes Kulturleben, bringst du dich da ein?
In der lebendigen Schwazer Kulturszene bin ich mit Genuss dabei, das gehört für mich beim Architektenberuf dazu. Ich war im Kulturbeirat, inhaliere unsere Musikszene, mische gern im Kulturgeschehen mit, aber nie in der Lokalpolitik. Ich bin eine kritische Beobachterin, die sich mit Kommentaren nicht zurückhält und meine Meinung wird ernst genommen. Das vermisse ich manchmal an den Studenten und auch an den Kollegen, dass sie an allen anderen Künsten so desinteressiert sind.

Welches sind Dir von den eigenen Bauten die liebsten?
Mein Lieblingsbau ist bzw. war das Musikstudio am Weerberg, zu dem ich mittlerweile nach dem Eigentümerwechsel und den baulichen Veränderungen nur noch wenig Bezug habe.
Mein erstes Haus in Schwaz, ein Pavillon mit differenzierter Raumabfolge und stimmiger Atmosphäre und ein kleines Ferienhaus am Achensee berühren mich immer noch sehr. Ich bin selber überrascht, wie ich das als ganz junge Architektin geschafft habe. Den neuen Karmel St. Josef in Innsbruck finde ich im Nachhinein doch sehr gelungen. Leider hat den Nonnen der vom Künstler Leo Zogmayer gestaltete Innenraum der Kirche später nicht mehr gefallen, obwohl sie anfangs damit einverstanden waren. Nach einem Jahr haben sie mit Hilfe eines Architektenkollegen den Sakralraum ohne Kontaktaufnahme unsererseits massiv verändert. Dass man architektonische Werke zerstört, sind wir ja gewohnt – sich an der Kunst zu vergehen – das führt für mich zu weit!

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