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Mario Botta: Die Ethik der Schwerkraft

01.09.2008

"Der Architekt muss auf frischer Tat ertappt werden." Das ist eine nicht kodifizierte Maxime, die jedoch spannende Dialoge verspricht. Und dies erlaubte uns, die Gedanken eines der bekanntesten europäischen Architekten kurz vor einem bevorstehenden Vortrag über seine Arbeit zu sondieren. Wie der große Borromini stammt er aus dem Tessin und wie dieser verdankt er seine Bekanntheit seinem ganz persönlichen, energischen und wiedererkennbaren Stil.

Franco Veremondi im Gespräch mit Mario Botta
 

Mario Botta: "Viele meiner Kollegen suchen die Leichtigkeit, ich hingegen meine, dass die Schwerkraft und nicht die Leichtigkeit eine der essenziellsten Werte in der Architektur darstellt. Ich baue ja keine Flugzeuge oder Zeppelins." 

Ich würde unser Gespräch gern mit einer sehr akademischen Frage beginnen: Wo situieren Sie den Ursprung der Architektur? Besser gesagt, entsteht diese aus einem rein funktionalen Bedürfnis heraus oder bewusst als Suche nach einer Beziehung zwischen Mensch und Umwelt?
Ein Mensch, der nicht in einem organisierten Raum Schutz findet, auch wenn sich dieser nur an den Notwendigkeiten ursprünglicher Lebensbedingungen orientiert, ist unvorstellbar. Auch die Tierwelt modelliert ihren physischen Raum des Überlebens nach den geeigneten Notwendigkeiten. Denken wir nur an das Nest. Die Architektur hingegen setzt sich als Ausdrucksform des Menschen durch, nachdem die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Die menschliche Vorstellungskraft ist das Maß für alles Tun, und dieses Tun ist bereits eine poetische Form. Der Mensch fühlt daher in seinem Umfeld und in der eigenen historischen Zeit das Bedürfnis, der Materie durch technisches Handeln einen Mehrwert zuzuteilen. Ein Handeln, das die Umwelt historisch gesehen in einen emotional-expressiven, relationalen, politischen Raum verwandelt hat.

Sie sind heute in Rom, um einen Vortrag zum Thema Museumsbauten zu halten. Im Übrigen haben Sie weltweit einige wichtige Museen geplant, wie etwa das Museum Tinguely in Basel, das Museum für moderne Kunst in San Francisco, das Mart in Rovereto. Würden Sie uns etwas von Ihrem Vortrag vorwegnehmen?
Die Typologie des Museums ist eine der erfolgreichsten Thematiken des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts. Ich glaube, es wurden in den letzten sechzig Jahren mehr Museen errichtet als in allen Epochen zuvor. Entstand das Museum ursprünglich aus der Idee der Konservierung, so ist es heute ein Ort der Beziehung, des Spektakels und vieles mehr. Ich sehe das Museum der Gegenwart mit kritischem Auge, denn ich glaube, hinter diesem Erfolg versteckt sich die ganze Verletzbarkeit der spätmodernen Kultur: Das Museum ist das Spiegelbild unserer Zerbrechlichkeit. In der Vergangenheit etwa stellte man sich nicht dem Problem der Zerstörung als Grundlage für Neues, um die Werte einer Epoche besser auszudrücken. Unsere Kultur hingegen ist schwach und "museifiziert" alles, inklusive die Gegenwart, selbst wenn diese noch keine historischen Zeiträume gelebt hat.

Eine andere Typologie, mit der Sie sich sehr beschäftigen, ist die Sakralarchitektur. Was bedeutet es für einen Architekten, mit der Errichtung sowohl von christlichen als auch jüdischen Kultusbauten, wie etwa mit der Planung der Cymbalista Synagoge in Tel Aviv, beauftragt zu werden?
Das Verlangen nach dem Geistlichen ist eine Konstante der Menschheitsgeschichte. Jede menschliche Gemeinschaft hat sich über die materielle Erfahrung hinaus mit dem Nichtgreifbaren gemessen. Diese menschliche Suche nach dem Übernatürlichen gibt es von jeher, auch in einer geistigen Werten gegenüber scheinbar unaufmerksamen Gesellschaft. Das Rätsel des Todes etwa bleibt auch in unserer auf die Wissenschaft ausgerichteten Epoche, die die Endlichkeit der Erfahrung nicht überwinden kann, bestehen.

Und wie beeinflusst das Ihre Projekte?
Als Architekt antworte ich Ihnen auf zwei Arten: Wenn ich könnte, würde ich wegen der dieser Thematik eigenen Suggestivkraft ausschließlich Sakralbauten errichten, wegen der Emotion, die von der Errichtung eines genau begrenzten und klar umschriebenen spirituellen Ortes ausgeht, und wegen der Möglichkeit, einen dem Kult einer Gemeinschaft maximal angemessenen Ort zu schaffen. Aber ich sage Ihnen mehr: Die Kirche ist ein Raum, in dem die fundamentalen Elemente der Architektur gepriesen werden: Raum, Schwerkraft, Licht und jene spezifischen, wie Schwelle und Mauer, die am besten den Verlauf einer Grenze versinnbildlichen. Wenn ich ein Haus bauen muss, zeichne ich zuerst dessen Umriss: Somit ist auch im Haus die Idee des Sakralen inbegriffen. Und schauen Sie, auch Museen sind letztlich eine Form der Sakralisierung, in sie geht man, um nach Werten zu suchen, um den Sinn der Kunst über deren Materialität hinaus zu hinterfragen, um sich der Weltanschauung des Künstlers anzuvertrauen.

Die Architektur der Gegenwart liebt es, hochtechnologische Materialien zur Schau zu stellen, Transparenzen, den Eindruck von Leichtigkeit, von unstabilem Gleichgewicht. Ihre Bauten hingegen charakterisiert eine starke Materialität aus Ziegeln oder Stein. Eine Wahl radikaler Natur, oder?
Ja. Viele meiner Kollegen suchen die Leichtigkeit, ich hingegen meine, dass die Schwerkraft und nicht die Leichtigkeit einen der essenziellsten Werte in der Architektur darstellt. Ich baue ja keine Flugzeuge oder Zeppelins. Die Architektur hat ihre Berechtigung in der Verankerung am Boden, an einem bestimmten Ort, um einzigartig und unwiederholbar zu sein. Meiner Meinung nach ist die Idee der Schwerkraft ein eminent wichtiger Wert. Der Gebrauch bestimmter Materialien wie Ziegel oder Stein - auch wenn diese einen Kern aus Beton oder Stahl verstecken - vermittelt den Eindruck, das Gebäude in der Erde zu verankern. Und außerdem bin ich überzeugt, dass auf diesem Sinn für Schwerkraft und Stabilität der Wert der europäischen Stadt basiert.

Folglich sind Ihre Bauten in formaler Hinsicht durch eine homogene Kompaktheit und rigorose Geometrie gekennzeichnet, und sie haben etwas Monumentales …
Der monumentale Charakter ist Teil einer Genealogie. Es gibt Wohnformen, die das Bedürfnis in sich tragen, nicht nur Funktionen zu beinhalten, sondern die Erinnerung an diese Funktionen, an Archetypen wachzurufen. Auch entspricht die Idee des Monumentalen, wie gesagt, - gemeinsam mit der Schwerkraft - dem Unwiederholbaren und bildet eine sakrale Identität, die durch die Veränderung der Erde mittels menschlicher Arbeit entsteht. Und es gibt noch einen anderen Aspekt: Im Babel der heutigen Sprachenvielfalt erlaubt das Setzen eines Zeichens auf einem bestimmten Territorium eine Art kulturelle und topografische Orientierung. Der Philosoph Martin Heidegger sagte, dass der Mensch nur "wohnt", wenn er die Möglichkeit hat, sich in einem Raum zu orientieren. Und das Monumentale liefert hierzu die nötigen Ansatzpunkte.

Wenn Sie mit der Planung eines Bauwerks an einem bestimmten Ort der Welt beauftragt werden, welche Elemente kommen da ins Spiel?
Die kritische Betrachtung des Umfelds ist der erste Planungsakt und kein nebensächlicher Aspekt. Der morphologische Gesichtspunkt des Territoriums und der anthropologische Kontext sind beide unverzichtbare Elemente, sie beschreiben eine Geopolitik, bestimmen Identitäten. Der Kontext beinhaltet bereits das Potenzial einer kontinuierlichen Veränderung, deren Ansprüche man jedoch begreifen muss. Ich sehe diesen Aspekt gern unter der Form einer auf den Menschen bezogenen Veränderung.

Welche Bedingungen stellen Sie Ihren Auftraggebern in der Praxis?
Leider stellen die Auftraggeber mir Bedingungen. Der jeweiligen Situation und Anforderung entsprechend, übernehme ich, wenn es mir möglich ist, die Bauaufsicht, denn ich bin gerne auf der Baustelle. Es ist aber klar, dass es etwa in Asien nicht möglich ist, einzugreifen. Hier entdeckt man, dass Architektur auch einen sehr lokalen Anspruch hat und den eigenen Traditionen entsprechend auf Technologie und handwerklicher Praxis basiert. Und hier beziehe ich mich nicht nur auf den Orient.

Warum ist die zeitgenössische Architektur in unzählige formale Erfindungen aufgespaltet, mit oft auch antiästhetischen Ausdrucksformen, die jedoch ebenso als "lebenswert" angesehen werden?
Ich glaube, dass die Initialzündung von den bildenden Künsten herrührt. Nehmen wir das auffälligste Beispiel: Als der Künstler Marcel Duchamp ein gewöhnliches Alltagsobjekt wie ein Urinal zum Kunstwerk ausrief und es "Brunnen" nannte, verfolgten von da an alle Bereiche der Kreativität diese bislang unübliche Sinnesumkehrung. Die Architektur machte da keine Ausnahme, und heute ist daher alles möglich, weil alles unmöglich ist.

Mir scheint als würde der Architekt der Gegenwart einem verblüffenden Paradox entgegengehen: Er hat sich von den traditionellen Regeln befreit, möchte originelle Formen und neue Geometrien kreieren; er entwickelt so Projekte, deren Umsetzung immer mehr von der kreativen Fähigkeit anderer abhängt, von Ingenieuren, Materialspezialisten, Hilfsmitteln der Informatik. Je mehr also der Planer die eigenen künstlerischen Fähigkeiten hervorheben möchte, umso weniger ist er selbst Schöpfer seines eigenen Projektes, und zwar mangels spezifischer Kompetenzen, die es ihm erlauben würden, die eigene Autorität über sein Werk zu behalten.
Ich denke, Sie haben recht, hier würde ich aber die verzweifelt angestrebte Arbeitsteilung unserer Gesellschaft zur Verantwortung ziehen, die es dem Architekten im Bereich der Planung erlaubt hat, ein Demiurg der Form zu werden. So aber entsteht die Notwendigkeit, innovativer, sehr komplizierter und spezialisierter Konstruktionstechniken, in denen wirklich alles von Ingenieuren abgewickelt wird.

Aber der Architekt, und nur er, wird zum Star …
Dies geschieht, weil der mediatische Prozess gern den Moden folgt. Auch in der Architektur schafft man Stars, die das Unmögliche möglich zu machen scheinen.

In einem Ihrer Bücher schreiben Sie: "Ich bin fest davon überzeugt, dass die alte europäische Stadt einen möglichen Widerstand gegen die Barbarei der Globalisierung bieten könnte." Dies ist ein sehr strenges Urteil über die Globalisierung und in dieser Form, auch ein wenig eurozentrisch.
Diesen Aspekt der Globalisierung, der zur Annullierung der historisch-kulturellen Werke führt, erachte ich als barbarisch. Gerade der an Geschichte und Tradition so reiche Orient, ist heute das Epizentrum eines Phänomens, das ich als Barbarei bezeichne. Wissen Sie, was aus Seoul geworden ist? Unter diesem Gesichtspunkt stellt Europa eine Ausnahme dar. Ein sehr signifikantes Beispiel ist hier der Potsdamer Platz in Berlin, an dem trotz der kolossalen urbanistischen Eingriffe die historischen Schichten immer noch ablesbar geblieben sind. Das ist der Wert des alten Europas.

Dann könnte man also den schicksalhaften 11. September als eine natürlich äußerste Form des Widerstandes gegen die "Barbarei der Globalisierung" sehen?
Ja, im weitesten Sinn könnte man dies so interpretieren, allerdings unter einem absolut negativen Blickwinkel, jenem des ideologischen und religiösen Fanatismus. Es ist aber anzumerken, wie der terroristische Akt an sich über die Intentionen hinausgegangen ist: Der Einsturz der Twin Towers, jener zwei Kolosse, die wir für unzerstörbar hielten, wurden zum eigentlichen Symbol der Verletzbarkeit unserer Kultur.

Als Professor der Architektur liegt Ihnen doch sicher die Ausbildung der neuen Generationen am Herzen: mehr Ethik oder mehr Ästhetik also?
Natürlich erfülle ich als Lehrer im Rahmen meiner Lehrveranstaltung "Einführung in die Entwurfsplanung" eine Bildungsaufgabe; Ich werfe aber oft Fragen auf, um selbst die möglichen Lösungen über den Filter meiner Studenten zu verstehen. Meine Antwort auf Ihre Frage: Sicher mehr Ethik, aber es gibt definitiv keinen Unterschied. Nehmen wir Guernica von Picasso, gibt es da mehr Ethik oder mehr Ästhetik? Es gibt beide und sie befruchten sich gegenseitig.

Übersetzung: Christine Müller

 

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