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Mario Cucinella: Holistisch gedacht – ganz ohne große Gesten

03.07.2019

Das italienische Büro Mario Cucinella Architects (MCA) gewann 2017 den Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren für zwei Hochhäuser im Wiener Viertel Zwei. FORUM traf den Architekten Mario Cucinella anlässlich eines Baustellenbesuchs des Architekten zum Gespräch über Nachhaltigkeit, Türme und kreative Empathie.

David Calas im Gespräch mit Mario Cucinella

"Ich meine, die Beziehung von Architektur zur Ästhetik ist zu einem globalisierten Einheitsbrei verkommen."
-  Mario Cucinella

Der Fokus Ihrer Arbeit zielt auf holistisch gedachte Projekte, angewandte Nachhaltigkeit am Gebäude und den sparsamen Umgang mit Ressourcen ab. Woher kommt die Motivation, so zu arbeiten?
Mario Cucinella: Das Thema des nachhaltigen Bauens ist tief in der Menschheitsgeschichte verwurzelt, während es das Wort der Nachhaltigkeit in unserem Sprachgebrauch erst seit einigen Jahrzehnten gibt. Aus diesem Grund sehe ich den Menschen als einen Komplizen seiner Umwelt. Ich vergleiche diese Beziehung stets mit Energiequellen für die Speisung unserer Städte, die wir seit etwa 250 Jahren kennen, und der Errichtung von großartigen urbanen Räumen sowie wunderbaren mehrere tausend Jahre alten Gebäuden, die fast ohne Energieträger auskamen. Ein Vergleich, der einerseits die abhandengekommene Beziehung vom Menschen zur Umwelt dokumentiert und andererseits die notwendige Partnerschaft mit Wind, Sonne und klimatischen Einflüssen hervorhebt. Somit ist Nachhaltigkeit der Ursprung der Architektur und keine Neuheit der letzten Jahrzehnte. 200 Jahre endlicher Energieträger haben den Architekten die Symbiose zwischen Bebauung und Umwelt vergessen lassen. Verantwortlich dafür ist auch ein technologischer Fortschritt, wodurch sich die Gebäude, dank maschineller Kühlung, ein eigenes Klima geschaffen haben. Nun sind wir jedoch an einem Punkt angelangt, wo uns das Klima die Rechnung präsentiert. Eine große Mitschuld daran trägt die Bauindustrie, die, auch infolge demografischer Entwicklungen, unweigerlich nach neuen Gebäuden verlangt. Wichtig erscheint mir zu erkennen, wie Gebäude besser gebaut werden können. Mit der Technologie allein werden wir die Schattenseiten des Klimawandels nicht in den Griff bekommen. Vielmehr braucht es einen kulturellen Wandel und eine Herangehensweise ans Bauen, bei der klimatische Einflüsse als Chance genutzt werden. Ohne Nostalgie.

Nachhaltigkeit ist mittlerweile ein inflationär genutztes Wort. Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?
Das rührt daher, dass man Begrifflichkeiten nutzt, ohne Taten folgen zu lassen. Wenn wir uns die aktuellen Klimadaten anschauen, hat sich die Gesamtsituation rapide verschlechtert. Trotz aller globalen Abmachungen und internationalen Konferenzen. Hinzu gesellt sich die Implementierung von baulichen Richtlinien, die sehr lange dauert. Wenn wir die Roadmap 2050 der EU betrachten, lässt sich eine Abwendung angesichts technologischer Bestrebungen in Richtung baukultureller Bemühungen erkennen. Wir benötigen eine neue Kultur des Projektentwurfes, und dafür wieder benötigen wir Fachpersonen sowie eine Bauwirtschaft, die einem anderen Denkmuster folgt. Das braucht wiederum Zeit, jedoch halte ich dies für zielführender.

Daran arbeiten Sie bereits seit der Bürogründung im Jahr 1999. Wie kann man sich die Arbeit als Architekt vor dem großen Nachhaltigkeitshype vorstellen?
Wir haben immer an einen ressourcenschonenden und energieoptimierten Ansatz unserer Projekte geglaubt, weil darin die Wurzeln der Architektur liegen. Ende der Neunzigerjahre lag der Fokus der Architektur zwar anderswo, dennoch hatten wir das Glück Auftraggeber zu finden, die für nachhaltige Zugänge offen waren. Auch wenn teilweise ein marktwirtschaftliches Interesse überwog, konnten wir mit erhöhtem Raumkomfort und positivem Raumklima überzeugen. Insbesondere dann, wenn damit das gesteigerte Wohlbefinden der Angestellten am Arbeitsplatz zusammenhing. Die gesamte Überzeugungsarbeit war nicht immer leicht, hat jedoch einige ästhetische Trends der Architektur überlebt.
Trends, denen sie offensichtlich nicht folgen. Davon zeugen ihre sehr unterschiedlichen Projekte in Italien, Algerien, China, Ghana und Palästina.
Jedes Projekt wird sehr individuell entwickelt. Bürointern haben wir eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung, die eine vertiefte Analyse des jeweiligen Kontexts erarbeitet. Neben klimatischen Erkenntnissen werden auch die kulturellen Gegebenheiten der jeweiligen Region untersucht. Wichtige Informationen, die sehr nützlich für Konzeptideen sind, jedoch auch in der Überzeugungsarbeit der Auftraggeber Verwendung finden. Ein Verständnis des Ortes sowie des Umfelds, das in einem empathischen Zugang mündet, anstatt einen ästhetischen Codex vorzugeben.

Mit welchem empathischen Zugang sind Sie an die Entwurfsaufgabe für die beiden Hochhäuser im Viertel Zwei (IC Development – Architekturwettbewerb 2017) herangegangen?
Die Planungsaufgabe sah zwei Türme, einen Wohnturm und einen Büroturm vor. Unsere erste Feststellung war, dass es sich um zwei unterschiedliche Hochhäuser handelt, die eine eigene Architektursprache benötigen. Unser Beitrag sah unterschiedliche Zwillinge anstatt Twin Towers vor, wobei sich der Fokus des Entwurfs stark auf die ersten Geschoße richtete. Ein Raum, an dem die beiden Türme zusammenwachsen und ein qualitativ hochwertiger öffentlicher Platz entstehen soll. Die Ausformulierung der Architektur wurde von unzähligen Wind-, Schattenwurf- sowie Sonnenverlaufsstudien beeinflusst. Daraus ergaben sich die aerodynamische ovale Form des Büroturms sowie die Ausrichtung der grünen „Treibhäuser“ und Terrassen im Wohnturm. Allessamt Studien, die wir als Architekten in unserem Büro durchführen. 

Wie stehen Sie eigentlich Wohn- und Büro­türmen gegenüber?
In Bologna, wo ich seit 1999 mein Büro habe, gibt es eine lange Tradition innerstädtischer Türme. Im Mittelalter gab es mehr als hundert davon, ein erstes Manhattan damaliger Zeit. Die Türme wurden zu Repräsentationszwecken von reichen Familien gebaut und hatten keine weiteren Funktionen. Dennoch schufen sie einen gewissen Identifikationscharakter, bis heute. Ich meine, die Beziehung von Architektur zu Ästhetik ist zu einem globalisierten Einheitsbrei verkommen. Ein Turm in Los Angeles sollte anders als in Algerien geplant werden, mit Bedacht auf den jeweiligen Kontext; als eine planerische Diversität, der sich anscheinend wenige Architekten annehmen.

Was möchten Sie mit Ihrem Entwurf für das Viertel Zwei erreichen?
Die Türme sowie die Höhenentwicklung wurden uns vom Masterplan vorgegeben, dennoch können diese Hochhäuser, in einer derartigen Umgebung, als einschüchternd wahrgenommen werden. Meine Idee war es, das Grün vom Prater in den Wohnturm über Balkone und Terrassen nach oben wachsen zu lassen. Der Büroturm hingegen hat eine klarere Form sowie härtere Fassade, da sich dieser näher an der Infrastrukturseite bzw. U2-Trasse befindet.

Wie nachhaltig sind Ihre Turmprojekte?
Das Viertel Zwei beinhaltet bereits ein vernetztes Gesamtenergiekonzept, weshalb jedes einzelne Gebäude zur energetischen Gesamteffizienz beiträgt. Dies finde ich sehr wichtig, da nicht mehr das Einzelgebäude im Fokus steht, sondern der Energiekonsum in einem größeren Maßstab betrachtet werden kann. Im Büro- sowie Wohnturm haben wir, neben den üblichen Verschattungselementen und Wassernachnutzungen, ein natürliches Lüftungskonzept in Ergänzung zur mechanischen Lüftung vorgeschlagen. Ein hy­brides Lüftungssystem mit großem energetischen Einsparungspotenzial. Klarerweise werden solche Lösungen anfangs von allen sehr begrüßt und anschließend, im Angesicht der Kosten, verstärkt gekürzt.

Zur Nachhaltigkeit gesellt sich auch die gesellschaftliche Akzeptanz. Glauben Sie mit den Hochhäusern im Viertel Zwei auch einen wunden Punkt im Wiener Hochhausdiskurs zu treffen?
Ehrlich gesagt bin ich da überfragt, aber eine gewisse polemische Haltung gibt es ja immer. In Mailand beispielsweise wurde die äußerst kritische Einstellung zu Hochhäusern (Porta Nuova) etwas überwunden, da es eine gute Diskurs­ebene sowie Transparenz gab und mit den umliegenden Vierteln gut zusammengearbeitet wurde. Immerhin entstand dort auch eine Aufwertung des gesamten Areals. Des Öfteren wird die Kritik auch von Vorurteilen bestimmt, weshalb es Beteiligung und Information braucht. Nachvollziehbar erscheint mir die Kritik an einem Hochhaus im historischen Stadtkern, eher weniger dort, wo die Stadt noch Räume für moderne Architektur bietet. Somit sehe ich mit den Hochhäusern des Viertel Zwei eher den Abschluss einer Achse als einen wunden Punkt.

Ein Abschluss als „Gran Finale“ mit Ausrufezeichen oder ein Willkommenstor an dieser Stadtnaht?
Aufgrund der verschiedenen Nutzungen im Viertel Zwei und darüber hinaus sehe ich eine fließende Bewegung und deshalb eher ein „Gate“. Ein Tor zum Aus- sowie Eintreten. Auch die Einhaltung einer gewissen Maßstäblichkeit scheint mir erhalten, da es sich nicht um übergroße Türme handelt. Das Gleichgewicht mit der Umgebung scheint ein interessantes zu werden. 

Was wäre Ihr Wunsch für das Projekt?
Ein Spaziergang, der am Hauptplatz unter den Türmen und dem Portikus vorbeiführt, sodass die Türme nicht als Fremdlinge, sondern als Teil des Ganzen wahrgenommen werden. Das Schönste am Projekt ist die Schaffung eines öffentlichen Raumes, der von seinem Kontext lebt. Wünschenswert wäre auch der Bezug des obersten Apartments im Wohnturm. (lacht)

Sie sprechen in Ihren Projekten oft von kreativer Empathie. Was kann man sich darunter vorstellen?
Eigentlich entstand der Begriff auf der Suche nach einem Ersatzwort für „Nachhaltigkeit“. Damit wollte ich eigentlich zwei sehr wichtige Zugänge verdeutlichen. Einerseits die Empathie als ein Verständnis zum Menschen sowie zum Ort und andererseits die Kreativität als notwendige Interpretation dieser Erkenntnis. Ohne große Gesten versteht sich.

Sie arbeiten auch in Erdbebenzonen oder kleinen Dörfern Italiens …
Das ist wohl unsere größte Genugtuung. Diese Arbeiten gehören zu unseren sensibelsten Projekten, da wir es mit Personen zu tun haben, die einem großen Trauma ausgesetzt waren und bis heute teilweise noch sind. Eine Form von Empathie, die den Menschen durch eine Bedacht nehmende Architektur wertschätzt. Der Dialog über Architektur, den wir da versuchen, möchte Möglichkeitsräume schaffen, in denen sich benachteiligte Personen wohlfühlen. Bei der Übergabe der Projekte sind auch Tränen geflossen, und es gab Momente großer Emotionalität. Innerhalb einer Sekunde wurde das geplante und realisierte Gebäude Teil des Lebens dieser Menschen. All dies ohne kreative Arroganz, nur durch empathische Architektur.

War dies einer der Gründe, weshalb die School of Sustainability (SOS) für junge Berufseinsteiger gegründet wurde?
Nach meinen Vorträgen an Universitäten wurde und werde ich des Öfteren von Studierenden gefragt, wo sie eine derartige nachhaltige Entwurfsweise erlernen können. Über die Jahre hat sich der Gedanke einer eigenen sogenannten CSR (corporate social responsability) in unserem Büro durchgesetzt, weswegen SOS als Schule innerhalb unserer Struktur gegründet wurde. Für zwei Jahre bieten wir 15 Teilnehmern eine Einführung in verschiedenste nachhaltige Entwurfstechniken sowie die Anwendung des Erlernten an einem realen Projekt an. Somit investieren wir in junge Berufseinsteiger, die eine empathische Denkweise weiterentwickeln und auch Teil einer nachhaltigen Entwicklung von Architekturprojekten werden. Eine Win-win-Situation in unserem bescheidenen Aktionsradius und auch für zukünftige Architektengenerationen.

Wo liegen die zukünftigen Herausforderungen nachhaltiger Architektur?
Schwer zu sagen, dennoch verfolge ich mit etwas Besorgnis die Entwicklungen in China, wo enorme Bauprogramme umgesetzt werden. Da wären die idealen Voraussetzungen gegeben, nachhaltige Ansätze zu verwirklichen. Dennoch passieren zukünftige Konzepte auch im Kleinen. Beispielsweise haben wir in ein junges Start-up-Unternehmen investiert, das ein 3D-Druckverfahren mit Erde entwickelt hat. Da­raus können sehr primitive Häuser für 900 Euro gedruckt werden. Wohlgemerkt mit Erde und zu niederen Kosten. Dabei interessieren mich weniger die technologischen Tools, sondern der dahinterliegende Gedanke, der sich einer neuen Technologie bedient. Aus diesem Grund sehe ich die größte Herausforderung im Wandel von Technologieorientiertheit zu einem tieferen Verständnis des Menschen. Unser Vertrauen in die Technologie überrascht mich immer wieder.

 


MARIO CUCINELLA
1960 geboren in Palermo
1987 Architekturdiplom bei Giancarlo De Carlo
1987 – 1992 Mitarbeit bei Renzo Piano in Genua und Paris
1992 Gründung von MCA (Mario Cucinella Architects) in Paris, später in Bologna
1998 – 2006 Professor an der Fakultät für Architektur Ferrara
Seit 2004 Honorarprofessor an der Nottingham University
2015 Gründung der SOS – School of Sustainability 

Ausgewählte Bauten
2018 Kurator des italienischen Pavillons an der Architekturbiennale in Venedig
2018 ARPAE – Regionale Energieagentur, ­Ferrara, Italien
2017 COIMA Headquarters, Mailand, Italien
2016 Kunst- und Technologiezentrum Golinelli, Bologna, Italien
2015 Nido d’Infanzia „La Balena“ Guastalla, Italien
2015 One Airport Square, Accra, Ghana
2014 MET Tirana Building, Tirana, Albanien
2012 San Berillo Masterplan, Catania, Italien

Preise und Anerkennungen
2017 Ehrenmitglied des American Institute of ­Architects
2016 Mitglied des Royal Institute of British ­Architects

www.mcarchitects.it

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