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 © Larry R.Williams© I love Belgium© valetta 2018.org

Marke und Motor Kulturhauptstadt

18.09.2017

Europäische Kulturhauptstadt zu sein bedeutet, einen immensen Aufmerksamkeitszuwachs. Zwei Städte in Österreich haben bereits diesen Titel getragen, Graz im Jahr 2003 und Linz im Jahr 2009. Die Ausrichtung ­eines ­solchen Veranstaltungsmarathons zieht auf der praktischen Seite Maßnahmen im Bereich urbaner Infrastruktur nach sich. Zunächst geht es aber um die Einstimmung auf den Gedanken der Repräsentation. 2024 ist Österreich wieder an der Reihe, eine Kulturhauptstadt zu ­küren.

Die Idee der Kulturhauptstadt reicht weit in die 1980er Jahre zurück und verdankt sich der Erkenntnis, dass Kultur allgemein in der Etablierung von Gesellschaften eine wesentliche Rolle spielt, insbesondere in urbanen Gemeinschaften. Ihr inspirierendes und verführerisches Image leistet einen unschätzbaren Beitrag zur Sichtbarkeit von Städten, sowohl im regionalen als auch im internationalen Kontext. Die Idee des Städtewettbewerbs ist wesentlich weniger jung als möglicherweise gedacht. Nicht nur zu Zeiten des römischen Reiches blickte man skeptisch auf jegliche Konkurrenz – mit destruktiven Folgen, wie etwa an Karthago exemplifiziert wurde. Auch im Mittelalter gab es stetigen Wettbewerb, nicht nur in Bezug auf Handel, sondern massiv auch in puncto Kunst und Lebensstil. So gab sich die erfolgreiche Handelsmetropole Brügge mindestens ebenso weltgewandt wie der wohlhabende Stadtstaat Florenz oder das multiethnische Danzig. Und auch die reichen Seerepubliken Venedig, Genua und Ragusa versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen.

Allgemeingültig und individuell

Das Thema Kulturhauptstadt scheint in seinen Ansprüchen zunächst widersprüchlich. Einerseits soll idealerweise die Bezeichnung einen Verweis auf einen europäischen kulturellen Hintergrund bieten, der für alle Gäste einen Zugang garantiert – über europäische Herkunft hinaus. Hier wird die oben bereits erwähnte, gerade international hochgeschätzte, Weltläufigkeit wichtig. Andererseits sollen die einzelnen jeweils gekürten Orte dabei dennoch charakteristisch wirken, unverwechselbar, und ihre einzigartige Ausformulierung von Kultur auf dieser europäischen Folie präsentieren. Gewünscht ist also eine gleichzeitig allgemeingültige und individuelle Position. Dies soll durch eine ausgewogene Kombination von jeweils regional verankerten Agenten und international fluktuierenden Programmen realisiert werden. Für das nächste Jahr stellen sich Valletta/Malta und die niederländische Region Leeuwarden-Friesland dieser Aufgabe. 
Die Niederländer versprechen Offenheit und die Bereitschaft, aus ihrer Community eine Open Community zu machen und diesbezüglich Veränderungen zu begrüßen. „Iepen Mienskip“, der Gesamttitel, bedeutet etwas in der Art von „offene Gemeinschaft“. Das Konzept setzt auf Partizipation aus allen Altersstufen und biografischen Backgrounds und vor allem auf die Geste der Einladung, an ihrem Lebensstil teilzunehmen. Beteiligung aus der Bevölkerung wird ausdrücklich gewünscht. Diversity soll gefeiert werden, bezogen auf Menschen ebenso wie auf Natur und Landschaften.1
Valletta, die barocke Malteserritterstadt, repräsentiert mit den warmen, gelbtönigen Palazzi urbane Großzügigkeit und stellt für sich bereits einen kleinen Schmelztiegel ­kultureller Vielfalt dar – die geografische Lage zwischen Nordafrika und Sizilien bezeichnet auch die historischen Einflüsse. Das Leben auf der Insel, das Aufeinandertreffen von Meer, Himmel und lebhafter Altstadt werden als Bühne für ein großes Fest angekündigt, das Malta 2018 ausrichten wird: „An Island-wide Festa“.2 Erstaunliche militärische Errungenschaften wie die Abwehr einer ottomanischen See-Attacke im Jahr 1565 gehören zum Geschichtskanon der wehrhaften Inselgruppe und verweisen auf europäische Zugehörigkeit – wiewohl mit der arabischen Sprache diese Identität sogleich hinterfragt wird. 
Die künstliche Erzeugung nationaler Traditionen und Identitäten wird denn auch von manchen Projektpartnern kritisiert, etwa vom Leiter der Tanz- und Theatergruppe Rubberbodies ­Collective, die eine Performance präsentieren werden. Jimmy Grima bezweifelt das Vorhandensein einer maltesischen Identität. Stattdessen beobachtet er, wie aus populären Speisen oder Tänzen plötzlich „nationale“ Speisen oder Tänze gemacht werden, um auf ein stabiles kulturelles Erbe verweisen zu können. Nun kann man leicht sagen, gerade in Malta seien eben, im Gegensatz zu anderen europäischen Regionen, allein aufgrund der Geschichte, die Bevölkerungsanteile besonders stark durchmischt und deswegen eine homogene Erzählung nicht möglich. Allerdings lässt sich dieser Grundgedanke bei näherem Hinsehen auch auf andere Regionen anwenden – nirgends gibt es eine konstante homogene Bevölkerung, auch nicht im historischen Kontext. Einflüsse anderer Kulturen sind lebensnotwendig – weshalb auch das Bestreben, eine Kulturhauptstadt(region) stark zukunftsorientiert zu präsentieren, und nicht in folkloristischem Getümmel zu versinken, die Auswahlkriterien maßgeblich bestimmen sollte.

Die Suche nach der idealen Stadt

Genau diesen Aspekten gehen die Initiatorinnen der österreichischen Plattform zur Kulturhauptstadt 2024 nach, deren Crew sich selbst in Lehrende, Studierende und Freunde einteilt und hauptsächlich aus architektonischen Kontexten stammt, aber auch transdisziplinär vernetzt ist.3 Thematische Ausstellungen waren bereits in allen Landeshauptstädten außer Eisenstadt zu sehen, außerdem zusätzlich in Bad Ischl und Wels. In einem der zahlreichen Beiträge aus den Bereichen Film, Interviews, Partizipations- und Diskussionsprojekte wird die Frage, was denn eine ideale Stadt ausmacht, gestellt. Tuba ­Cetindag und Zeynep Esen von der TU Wien haben Interviews mit Touristen und Stadtbewohnern geführt, bei denen sie genau danach gefragt haben: Was macht die ideale Stadt aus? Was darf (nicht) fehlen?4 Antworten umfassen u. a. folgende Ansprüche an die lebenswerte Stadt: gutes Bildungswesen, gut ausgebauter öffentlicher Verkehr, Möglichkeiten, in der Stadt zu schwimmen, Akzeptanz unterschiedlicher Herkünfte und Religionen. Auswahlkriterien in diese Richtung zu bearbeiten, wäre sicherlich ein spannender Ansatz – Siegerin des Bewerbs um die Ernennung / den Titel wäre die exemplarische Kulturhauptstadt, die sich nach den Wünschen international orientierter und einheimischer Bürger erkundigt und diese eingearbeitet hat. 

Im partizipativen Prozess
Die Erfahrungen der bisherigen Kulturhauptstädte Österreichs werden unterschiedlich bewertet – wo einerseits die Öffnung der jeweiligen Stadt in internationale Dimensionen gelobt wird, kommen andererseits kritische Anmerkungen zum Erhalt der eigens etablierten Kulturinfrastrukturen zum Tragen. Wie der Erfolg letztlich zu bemessen ist, hängt von den fokussierten Aspekten ab. Sicherlich bedenkenswert ist jedenfalls in Hinblick auf zukünftige Kulturhauptstadt-Aktivitäten der Anspruch, regionale Player noch stärker einzubinden und die Umsetzung der kreativen Agenda nicht privatwirtschaftlich zu vergeben, wie ­Monika ­Mokre in ihrem Text zu Graz 2003 und Linz 2009 kritisiert hat.5 Auch der Spagat zwischen international Tauglichem und regionstypisch Individuellem bleibt eine Herausforderung. Eine entsprechende Vorlaufzeit ist dringend notwendig, die geplante Bewerbung im Jahr 2018 hält Elisabeth Leitner, Mitinitiatorin von Kulturhauptstadt 2024 für zu knapp, weshalb die Aktivitäten der Plattform schon längst gestartet wurden. So wird momentan etwa bis Ende des Jahres ein partizipativer Prozess zur Entscheidungsfindung, „Stadtfinden“, in verschiedenen Gemeinden abgehalten, dessen Ergebnisse im Oktober in einer Show, die aus allen nominierten Orten sendet, präsentiert werden sollen.

Historische Beispiele

Eine wichtige Frage stellt sich bezüglich der Nachhaltigkeit der Projekte – wie können etwa Bauten prominenter Architekten wie Calatrava und Libeskind in der kleinen mittelalterlichen Stadt Mons, die mit großen finanziellen und räumlichem Aufwand verbunden sind, nach dem Hauptstadtjahr 2015 noch entsprechend ausgelastet werden? Für die Menschenmengen des Hauptstadtjahrs waren sie wohl dimensioniert, aber wie wirken sie danach? Halten sie dem Anspruch stand, wirklich auch für die Region ein Gewinn zu sein, oder gehören sie doch eher zur Kategorie „Design für das Stadt-Marketing“? Nach allgemeiner Beobachtung ließe sich vorsichtig andeuten, dass sich der Trend von überdimensionierten Großprojekten weg entwickelt. Der Einsturz der hölzernen Riesenskulptur des Künstlers Arne Quinze in Mons noch vor Beginn des Kulturhauptstadtjahres oder die Errichtung eines für den Ort riesigen Kongresszentrums werden künftig nicht als Vorbild dienen. Sinnvoller erscheinen nachhaltige Investitionen in den öffentlichen Verkehr oder die Überführung temporärerer kultureller Orte in permanente Einrichtungen. Die Kulturhauptstadt-Region Ruhr.2010 war geprägt vom Anspruch, „dass von den Kulturhauptstädten entscheidende Impulse und beispielhafte Modelle ausgehen.“6 Explizit gemeint ist damit auch der Umgang mit sozialen und politischen Realitäten. Die Errichtung des Museums am Meer in ­Marseille (MUCEM)7 von Ricciotti zum Kulturhauptstadtjahr 2013 spielt in dieser Kategorie mit – nicht nur architektonisch und thematisch. Errichtet wurde es als Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers, und der niederschwellige Zugang, beneidenswerte Öffnungszeiten (teilweise bis 22 Uhr) und gut durchmischte Angebote machen es zu einem wichtigen Ort im urbanen Gefüge. Eine kleine Anregung in diese Richtung gibt auch die Projektidee von Anastasiia Kurmacheva und Igor Petrychenko von der TU Wien, in der Kulturhauptstadt für einige Tage die Subkulturen jenseits der Klischees von Tradition und Geschichte zu präsentieren8 und die Lebendigkeit von jugendlichen Szenen sichtbar zu machen. „Come and feel the difference!“

Autor/in:
Susanne Karr
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