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Marta Schreieck: Flieg auf und bleib am Boden

03.09.2004

Die Architektin Marta Schreieck ist Kommissärin des Österreichbeitrags zur diesjährigen 9. Internationalen Architekturbiennale in Venedig, die von 12. September bis 7. November zu sehen ist. FORUM traf sie in ihrem Wiener Atelier und erfuhr einiges über das Ausstellungskonzept, die darin vorgestellten Projekte, ihre Interpretation des Themas Metamorph und das österreichische Architekturgeschehen.

Christine Müller im Gespräch mit Marta Schreieck

Marta Schreieck: „Wichtiger als Diskussionen über Gebäudetypologien erscheint mir, dass Projektentwicklung als vielschichtiger, ganzheitlicher Prozess verstanden wird, der die Komplexen Möglichkeiten von Architektur stets neu auslotet, bei dem der Gebrauchswert, technologische Aspekte und ästhetische Qualitäten gleichwertig nebeneinander stehen.“

Wie beeinflussen Ihre Erfahrungen als Architektin die Ausarbeitung Ihres österreichischen Biennalebeitrags?
Es ist ein Unterschied, ob eine bauende Architektin ein Ausstellungskonzept erstellt oder etwa ein Theoretiker – was auch an der Auswahl deutlich wird. Ich habe mich auf Projekte konzentriert, welche, unabhängig voneinander, auf alltägliche Aufgabenstellungen, mit großer Feinfühligkeit und unter Ausnützung zeitgemäßer Planungstechniken einen Mehrwert erzeugen, der auf das kulturelle Klima insgesamt zurückstrahlt. Temporäre Interventionen, nachhaltige städtebauliche Planungskonzepte und geglückte bauliche Realisierungen sind das „metamorphe Potenzial“ der Auswahl.

Wie wird man Kommissärin der Biennale?
Nach der überraschenden Anfrage durch das BKA habe ich mir eine kurze Bedenkzeit erbeten. Die Chance, sozusagen mit den Augen einer Architektin im Rahmen der gegebenen Themenstellung eine Ausstellung zu konzipieren, ist eine interessante Erfahrung und bereichert mein eigenes Arbeitsleben.

Was bedeutet für Sie Metamorph, das Thema der Biennale?
Angesprochen sind die kulturellen und technologischen Veränderungen und deren Auswirkungen auf die Architektur. In Österreich existiert eine sehr heterogene Architekturlandschaft mit vielen unterschiedlichen Einzelpositionen und Ergebnissen. Es gibt dadurch eine faszinierende, breite, qualitative Entwicklung, welche in den letzten beiden Jahrzehnten kontinuierlich, ebenso in städtischen Zentren wie in ländlichen Kommunen, zu einem übergreifenden Wandel, einer original „hausgemachten“ Metamorphose führte.

Wie sind Sie zu Ihrer Auswahl gelangt?
Auf der Suche nach Beispielen, in welchen dieser intensiven Wandlungsprozess besonders überzeugend in Erscheinung tritt, sind mir das Modell der MPREIS-Supermarktkette in Tirol und die boomende junge Architekturszene in Österreich aufgefallen. MPREIS agiert gegen die Konventionen des Marktes. Mit einer individuellen Art der Projektentwicklung wird auf jeden Standort reagiert, werden erarbeitete Lösungen hinterfragt und stetig weiter entwickelt. Nicht diese gewohnte Instant-Architektur, die wir aus dem Shopdesign-Katalog kennen, sondern der Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Komponente ist hier entscheidend. MPREIS ist es gelungen, mit seinem Marktkonzept soziales Leben wieder auf seinen Platz zu rücken und um kulturelle Impulse anzureichern. Diese außergewöhnliche Haltung des Bauherrn schöpft die Möglichkeiten von Architektur voll aus, und sie hat wesentlich dazu beigetragen, eine breite Akzeptanz für zeitgenössisches Bauen in ganz Tirol herzustellen. Das verdient, international präsentiert zu werden.

Weshalb haben Sie gerade diese vier Architektenteams ausgewählt? Was charakterisiert oder unterscheidet sie von anderen?
Diese vier Teams gehören zum „Urgestein“ der expandierenden jungen Architekturszene, die in Wien zu einem treibenden Element geworden ist. Die Qualität ihrer baulichen Realisierungen mit ihren Tendenzen zu hybrider Anreicherung liegt ganz im metamorphen Bereich. Als etwas vielleicht typisch Österreichisches kann man beobachten: Ausgeprägte architektonische Persönlichkeiten finden sich unter einem sehr spezifischen Gruppenlabel zusammen und agieren grenzüberschreitend voll im Kommunikationsfeld der wiederum ausgesprochen individuell ausgerichteten kreativen Szene.
Wie sich junge Architekten organisieren, auf sich aufmerksam machen – mit Partys, temporären Installationen, Events, Ausstellungen – ist sehr vital, sehr kraftvoll; Hier wird nicht gejammert oder gewartet, bis Auftraggeber kommen, sondern offensiv zur Tat geschritten. Man will bauen und umsetzen.

Es ist eher ungewöhnlich, einen Auftraggeber zu präsentieren.
Das hat es auch in der Vergangenheit bei der Biennale gegeben, direkt oder indirekt. „Das ,System MPREIS‘ funktioniert als eine Partnerschaft von Unternehmen, Architekten und Experten, und, so gesehen, muss man es primär als ein Kommunikationsmodell verstehen…“, meint so treffend Arno Ritter, Leiter des Architekturforum Tirol.

Was verstehen Sie unter dem Titel Metamorph; Was kann man in Österreich mit diesem Begriff verbinden?
Das spielerisch Undogmatische, das Doppelbödige und die Fähigkeit zur Ironie kann man vielleicht als österreichspezifisches Ferment dem Titel „Metamorph“ unterstellen.

Gehört dazu auch der veränderte Umgang mit dem Architekturgeschehen, den die junge Architektengeneration pflegt?
Ja natürlich, die Jungen arbeiten im Team, bevorzugen flache Hierarchien, haben durch die neuen Medien einen schnellen Informationsaustausch, organisieren sich – das nützen sie perfekt.

Wie definieren Sie den Titel Metamorph international?
Diese Definition erwarte ich mir von der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig, dem möchte ich nicht vorgreifen. Wie ist der Titel des österreichischen Beitrags – „Gegen den Strom“ – zu verstehen? Gegen den Strom agiert, denke ich, MPREIS eindeutig. Das Selbstverständnis der vier Teams – AllesWirdGut, pool, querkraft, the next ENTERprise – geht nicht unbedingt in diese Richtung. In der Auseinandersetzung mit ihren Arbeiten kristallisiert sich für mich als Kuratorin schon ein Ankämpfen gegen tradierte Verhaltensmuster heraus. Ihnen geht es nicht um vordergründige Imagearchitektur oder um effiziente Seilschaften. Der Versuch einer Erweiterung des Architekturbegriffs um neue Ansätze und Denkweisen bewirkt selbstverständlich immer wieder eine Bewegung gegen den Strom. Ich wollte mit diesem Motto aber auch meine generelle Skepsis ausdrücken. Jeder Titel bedeutet ja immer eine gewisse Verkürzung, eine Ausgrenzung und versucht, die Dinge nur von einer Seite zu beleuchten. Ich wollte ein offenes Konzept. Das Problem dabei ist, dass es keine konzeptuelle Vorlaufzeit gibt, man muss sofort eine Auswahl treffen, ein Thema positionieren. Oft verändert sich die Sichtweise im Laufe der Bearbeitung, was ja auch spannend ist – aber der Titel bleibt (oder auch nicht).

Und der Untertitel „Flieg auf und bleib am Boden“…
Das ist kein Untertitel, drückt aber eine Haltung aus, die Fantasie und Kreativität zulässt und andererseits doch sehr pragmatisch ist. Das geschieht bei den vier Teams und den MPREIS-Architekten sehr unterschiedlich: Von experimentellen Entwurfspraktiken – bis hin zu einem pragmatischen Ästhetizismus.

Sie unterstreichen das neue Verhältnis von Entwurf, Einsatz der Planungsmittel, Planung und Bauherr. Ist das spezifisch österreichisch?
Der intensive Dialog zwischen Architekten und Bauherren ist bei allen Projekten nachgerade von entscheidender Bedeutung. Wenn man sich unter den ausgewählten Beispielen umsieht, sticht TRUM von pool Architektur – tagsüber die Schlosserei, abends die öffentlich zugängliche Bar – besonders ins Auge. Bei allen Beteiligten wird die Zusammenarbeit zu einem Prozess gegenseitiger Bereicherung. Faszinierend, was dann letztlich damit ausgelöst werden kann: An Nutzungsmöglichkeiten, an Initiativen, an Veränderungen der Sichtweisen.

Was machen die Jungen da anders?
Mit ihren Aktivitäten unterlaufen sie die Hürden gegebener Sachzwänge und schaffen sich Voraussetzungen, die zwar nicht unmittelbar zu Aufträgen führen, aber die Situation insgesamt verbessern. Vor allem ist es ihnen gelungen, die mediale Aufmerksamkeit für Architektur zu verstärken.

Wie erfolgt die Präsentation der einzelnen Projekte?
Die 15 ausgewählten Supermärkte von MPREIS werden auf zwei Ebenen präsentiert: Eine raumfüllende Tischfläche zeigt Ideenskizzen, Arbeitsmodelle, schriftliche und visuelle Notizen zur Entstehung der Bauten. Ihr realisierter Zustand wird über die beweglichen Videoprojektionen gezeigt, in doppeltem Sinn ein „Roadmovie“ durch Tirol, wobei Nutzungsaspekte, Kontext und Alltäglichkeit im Vordergrund stehen. Zwei der Teams stellen mit ausgedehnten Interventionen einen raumgreifenden Anspruch. Die Bodenentwicklung VIA von AllesWirdGut zieht sich von der vor dem Pavillon errichteten BUDE durch den rechten Flügel bis zur eigentlichen Präsentation der Projekte im hinteren Teil. Die pool-Architekten entwerfen die Abschattung für eine filmische Repräsentation ihrer beiden Projekte TRUM und ROLPHI als skulpturales Element im Hofbereich. querkraft präsentiert sich mit einem wandgroßen Diagramm über Arbeitsprozesse, ausgehend vom Einfamilienhaus DRA, und the next ENTERprise mit Formentwicklungsstudien zu ihrer Audiolounge Olienlöcher, mehr auf die Besetzung von Wandflächen bzw. auf das Skulpturale konzentriert.

Die Präsentation von Architektur ist ja etwas schwierig.
Gebäude kann man nicht als Original zeigen. Wir versuchen, einen Einblick in die Denk- und Handlungsweisen von Architekten und Bauherren zu geben, zeigen die Projektentwicklung und die Realisierungen im Kontext ihrer Benutzung.

Forster wehrt sich gegen Vorwürfe der Typologisierung. Ihm gehe es um Formenvielfalt wie in der Natur, denn Gebäudetypologien seien am äußeren Erscheinungsbild nicht mehr festzumachen. Sehen Sie das auch so?
Wichtiger als solche Diskussionen über Gebäudetypologien erscheint mir, dass Projektentwicklung als vielschichtiger, ganzheitlicher Prozess verstanden wird, der die komplexen Möglichkeiten von Architektur stets neu auslotet, bei dem der Gebrauchswert, technologische Aspekte und ästhetische Qualitäten gleichwertig nebeneinander stehen.

Laut Forster verhindert die Statik die neuen formalen Entwicklungen.
Neue Technologien und Materialien erweitern die konstruktiven Möglichkeiten zwar beträchtlich, jedoch ohne üblicherweise zur Realisierung zu kommen. Wenige gebaute Beispiele beweisen eindrucksvoll, was machbar ist. Es dauert in der Architektur immer relativ lange, bis die Dinge greifen.

Wenn man aber etwa an das Kunsthaus Graz denkt: Überholt da nicht die Informatik die gebaute Realität?
Wer gerade auf der Überholspur ist, lässt sich nicht eindeutig feststellen.

Ein anderer Punkt, den Forster angesprochen hat, ist die Überwindung der Tektonik, der geometrischen Formensprache.
Der Anspruch auf Ausschließlichkeit weicht dem Nebeneinander. Die „Tektonik geometrischer Formensprache“ und die „skulpturale Freizügigkeit“ produzieren in diesem Spannungsfeld ihre hervorragenden Architekturen.

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