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Martha Schwartz: Schockieren? Aber jetzt!

14.06.2010

Ihr eigener Vorgarten mit den essbaren Kringeln aus der Bäckerei geisterte damals durch alle Medien. Mit dem Bagels Garden 1979 gelang der US-amerikanischen Landschaftsarchitektin Martha Schwartz der ­absolute Durchbruch. Demnächst wird die bunte Dame auch hierzulande wüten mit der Gestaltung des Healths ­Gardens im Krankenhaus Wien Nord.

Wojciech Czaja im Gespräch mit Martha Schwartz

Martha Schwartz: "Wenn ich in Europa oder in den USA arbeite, dann fangen meine Auftraggeber spätestens beim Thema Farbe an, mit mir zu streiten und zu diskutieren. Es ist jedes Mal das Gleiche. Chromophobie ist ein interessantes Phänomen in diesen patriarchalen und maskulin geprägten Breitengraden."

Sie tragen meistens rot gefärbte Sonnenbrillen.
Martha Schwartz: Schauen Sie mal da durch! Ist das Licht nicht wunderbar? Plötzlich erscheint der Himmel rosa und das Leben unkompliziert und schön. Es ist, als würde man allem, was man sieht, eine Art rotes Glühen verpassen! Ich muss diese Brillen einfach tragen, ich kann nicht anders. Vor allem dann nicht, wenn ich wochen- und monatelang in London bin, wo der Himmel immer grau und düster ist und wo es ununterbrochen regnet. Diese roten Brillen retten mir mein britisches Leben!

Haben Sie auch andere Sonnenbrillen auf Lager?
Ich habe auch schon blaue Brillen ausprobiert, aber die sind mir zu heftig. Das Licht ist viel zu kalt. Bei grünen Brillen wiederum schauen die Leute grauenvoll aus. Die Gesichtsfarbe steht ihnen überhaupt nicht. Und dann gibt es da noch die gelben Sonnenbrillen. Gelb ist eigentlich nicht so schlecht, weil es das Bild klarer und härter macht und die Kontraste verstärkt. Eine Zeitlang habe ich gelbe Brillen getragen, aber im Augenblick habe ich es eindeutig auf die roten abgesehen.

Wie stehen Sie zu Farbe?
Farbe ist etwas Großartiges. Sie beeinflusst unsere Laune und unser gesamtes Empfinden. Mich fasziniert vor allem, dass jede Kultur auf der Welt einen anderen Zugang zu Farbe hat. Die einen mögen es etwas bunter, die anderen etwas dezenter. ­Besonders hingezogen fühle ich mich zu Südafrika und Süd­amerika. Aber glauben Sie mir: Es gibt keine Spezies auf dieser Erde, die mehr Angst vor Farben hat als der nordeuropäische, hellhäutige Mann. Die Zusammenarbeit mit Nordeuropäern – und meistens sind es die Männer, die in der Chefetage sitzen und die Entscheidungen treffen – ist in der Regel besonders kompliziert. In Ihren Gärten verwenden Sie goldene Frösche, violetten Kies und rosa lackierte Baumstämme.

Unterscheidet sich der Einsatz von Farbe von Land zu Land?
Ja, zwischen nördlichen und südlichen Ländern gibt es riesige Unterschiede. Wenn ich in Mexiko arbeite, ist Farbe eigentlich niemals ein Thema. Ich präsentiere mein Konzept, und die Leute sagen: Super! Mir scheint, sie rechnen bereits damit, dass da irgendetwas knallig bunt gestrichen und lackiert wird. Wenn ich hingegen in Europa oder in den USA arbeite, dann fangen meine Auftraggeber spätestens beim Thema Farbe an, mit mir zu streiten und zu diskutieren. Es ist jedes Mal das Gleiche. Chromophobie ist ein interessantes Phänomen in diesen patriarchalen und maskulin geprägten Breitengraden.

Würde Ihre Architektur anders aussehen, wenn Sie ein Mann wären?
Ich bin Nordamerikanerin, ich lebe in London, ich habe mit Männern zu tun. Lassen Sie mich nachdenken … Oh, ich befürchte, meine Projekte würden ganz anders aussehen, als sie es heute tun.

Der allererste Garten, den Sie entworfen hatten, war mit ­Bagels belegt. Was ist in Ihrem Kopf damals vorgegangen?
Von meiner Ausbildung her bin ich Künstlerin, und daher ist mein Anspruch an die Landschaftsarchitektur wahrscheinlich ein etwas anderer. Ich wollte immer Kunst mit Landschaft vereinen. Lassen Sie es mich so sagen: Architektur ist ein zutiefst männliche Domäne. Da wird intellektuell verhandelt, da werden Argumente vorgebracht, da findet eine technisch genährte Diskussion statt. Landschaftsarchitektur hingegen ist etwas Weibliches. Da geht es um Behübschung, um Gefühle, um einen angenehmen Duft in der Nase. Das ist doch schrecklich!

Wir sind noch immer nicht bei den Bagels.
Diese Bagels sind schon über 30 Jahre her. Das war 1979. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie es dazu gekommen ist. Ich glaube, es hat mich einfach überkommen. Vielleicht wollte ich einfach nur meine altmodische und propere Nachbarschaft schockieren. Wer weiß! Die Leute haben mich gehasst. Was ich mir alles anhören musste! Sogar in den Zeitungen haben sie sich das Maul über diesen Garten zerrissen.

Hatten Sie mit diesem medialen Niederschlag gerechnet?
Aber wo! Das war Ende der Siebzigerjahre. Da waren die Medien in ihrer heutigen Gehässigkeit noch nicht einmal erfunden. Am meisten gehasst hat mich damals aber mein Mann. Martha, hat er gesagt, du weißt, ich mag temporäre Architektur, aber warum nur hast du Bagels in unseren Garten gelegt? Die Wahrheit ist: Wir hatten ewig lang darüber diskutiert, was wir aus diesem kleinen Vorgarten vor unserem Haus machen sollen. Es war ein monatelanges Hin und Her ohne Einigung. Als er dann für zwei Wochen beruflich weg musste, habe ich mir gedacht:So, aber jetzt!
 

Waren das echte Bagels oder Plastikbagels?
Echte Bagels. Solche zum Reinbeißen. Man macht Architektur mit Glas und Plastik, mit Stoff und Metall, mit Holz und was weiß ich. Warum also nicht auch mit Bagels? Ich habe damals sogar einen Projekttext geschrieben, in dem ich den Einsatz von Bagels erläutert habe: Bagels sind ein demokratisches Baumaterial. Sie sind billig, man kriegt sie überall, sie sind leicht zu transportieren, man braucht sie nicht zu gießen und sie sind unproblematisch in der Entsorgung. Um ganz ehrlich zu sein, haben sie nicht lang gehalten. Die Nachbarskatzen haben sich über sie hergemacht, nach ein paar Stunden war das Werk aufgefressen.

Eines der größten Projekte Ihrer Laufbahn ist die Gartengestaltung des bevorstehenden Krankenhauses Wien Nord. Werden Sie uns Bagels in die Wiese legen?
Es wird in diesem Garten ein paar Stellen geben, wo so etwas durchaus Sinn machen könnte. Ich kann Ihnen allerdings versichern: Ich werde nicht mit Bagels und Fröschen arbeiten. Das wäre langweilig, das gab es schon.
 

Sondern?
Dafür ist es noch viel zu früh. Ich bin aber davon überzeugt, dass an ein paar unerwarteten Stellen unerwartete Elemente zum Einsatz kommen werden. Abwechslung ist gut. Über so etwas reden die Leute, besonders in einem Krankenhaus, wo der Alltag der Patienten ohnehin monoton ist und wenig Höhepunkte aufweist.

Wie genau soll das im Krankenhaus Wien Nord aussehen?
Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir eine fertige Struktur und eine Choreografie des gesamten Areals haben. Der nächste Schritt wird nun sein, ins Detail zu gehen und die Planung etwas auszudifferenzieren. Nun beginnt der Prozess, in dem es auch um die vielen, wichtigen Kleinigkeiten geht. Anders ausgedrückt: Jetzt fangen wir an, uns über den Bagles-Effekt den Kopf zu zerbrechen. Ich kann nur so viel sagen: Wir werden definitiv mit Farbe arbeiten, wir werden Sitzgelegenheiten vorsehen, wir werden den Leuten die Möglichkeit geben zu lachen. Es gibt Tausende von Möglichkeiten.

Wie wichtig ist Lachen in einem Krankenhaus?
Sehr wichtig. Und ganz ehrlich: Ich denke, dass die Architektur des Krankenhauses selbst das nicht erfüllen kann. Zu viele Parameter müssen in einem solchen Gebäude erfüllt werden, zu rigide wirkt das gesamte Konstrukt. Ein Garten ist nicht nur lebendiges und blühendes Grün, sondern bietet auch eine gewisse Distanz zu den Visiten und Operationen, zu den Krankengeschichten und Schmerzen. Sobald Sie einen Garten betreten, ist das ein Abschalten vom Alltag und von all den Problemen, die man hat.

Hat der Humor an einem Ort wie dem Krankenhaus auch Grenzen?
Als kranker Mensch ist man sehr sensibel, womöglich sogar emotional labil. Das muss man respektieren. Jemanden vor den Kopf zu stoßen wäre das Falscheste, was man machen kann. Ich denke, hier ist viel Feingespür gefragt. Ich würde sagen, es wird ein typischer Martha-Schwartz-Garten sein, ohne dass wir ­dabei an die Grenzen des Denkbaren und Machbaren gehen werden.

Viele Architekten bilden sich ein, mit ihrer Architektur die Welt retten zu müssen. Fraglich, ob das gelingt. Wie schaut’s mit der Landschaftsarchitektur aus?
Mit der Gestaltung des menschlichen Lebensraumes an der frischen Luft und mit lebender Materie, sprich mit Fauna und Flora, hat man sicherlich die besseren Karten in der Hand, um die Welt zu verbessern. Das ist das Schöne an diesem Beruf.

Wie schwierig ist der Umgang mit lebender Materie?
Höllisch! Es gibt so viele Dinge zu beachten. Aber die Arbeit zahlt sich aus. Eine hochwertige Freiraumgestaltung beeinflusst das Mikroklima, regelt den Wasserhaushalt, reinigt die Luft und schafft Lebens- und Erholungsraum. Man darf nicht vergessen, dass die Freiräume in einer Stadt maßgeblich am Zustandekommen von öffentlichem und sozialem Leben beteiligt sind. Ganz klar: Eine Gesellschaft entwickelt sich nicht drinnen im Wohnzimmer, sondern draußen in der öffentlichen Stadt – in den Parkanlagen und Gärten, auf Plätzen und Gehsteigen, ja sogar in der Haltestelle und vor dem Zigarettenautomat. Sie haben einmal eine Studie gemacht, dass die Menschen in London mehr Zeit auf der Straße als im Park
verbringen.

Heißt das, dass man in Zukunft mehr Aufmerksamkeit auf die Straßenarchitektur richten sollte als auf die Gestaltung von Parkanlagen?
Ohne dabei zynisch zu sein: Ja, das heißt es! Mit grünen Oasen in der Stadt kommen wir nicht weit. Die Realität sieht anders aus. In den Metropolen dieser Welt muss der Freiraum immer dezentraler, immer differenzierter und vor allem immer innovativer gedacht werden. Wir müssen auf die Anforderungen der Gesellschaft und auf die Umstände unseres westlichen, zivilisierten, mobilisierten und medialisierten Lebens reagieren. Was gestern noch grün war, ist morgen bereits anachronistisch und veraltet. Das alles ändert sich sehr schnell.

Wie groß ist das ökologische Potenzial von solchen städtischen Gärten im Vergleich etwa zu dichtbewaldeten Gegenden fernab jeglicher Großstadt?
Das ist eine gute und schwierige Frage! Global betrachtet fallen Park- und Gartenflächen überhaupt nicht ins Gewicht. Auf lokaler Ebene jedoch können sie in einer gewissen Akkumulation und Dichte die Ökologie einer Stadt sehr wohl nachhaltig beeinflussen. Besonders wichtig ist aber natürlich der psychologische und soziopolitische Gewinn.

Wo leben 50, ja bald schon 60 Prozent der globalen Bevölkerung? In Städten! Und daher ist es auch wichtig, hier mit gutem Beispiel voranzugehen und das Netz urbaner Grünflächen weiter auszubauen und zu verdichten. Und zwar auf einem hohen Niveau, denn dies ist unser zukünftiger Lebensraum!
 
Wie viel Zeit verbringen Sie persönlich an der frischen Luft?
Leider viel zu wenig. Die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich im Büro, im Flugzeug und in der U-Bahn. Was soll ich sagen? Ich bin ein typischer Stadtmensch, und ich liebe die Stadt. Ach was, ich bin süchtig nach der Stadt! Und wenn es mir mal wirklich zu viel wird, dann fahre ich in mein kleines Haus auf Cape Cod, nicht weit entfernt von Boston.

Und Ihr Garten heute?
Ich habe keinen Garten. Ich bin auch keine wahnsinnig große Gärtnerin. Sie sollten das nicht drucken, aber ich habe Angst vor Spinnen. Daher begnüge ich mich mit dem Garten in meinem Kopf.

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