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Massimiliano Fuksas: Die Leichtigkeit der Wolken

23.03.2004

Anarchischer Geist aus Berufung, kühn in den Behauptungen, Massimiliano Fuksas ist ein vielseitiger Architekt: Planer, Universitätsprofessor, Publizist und aufmerksamer Analytiker der sozialen Phänomene. Er betrachtet die Geschichte nur, um die Gegenwart zu verstehen, denn was für ihn zählt, ist die Zukunft. FORUM traf Fuksas in seinem außergewöhnlichen, über drei Geschoße reichenden Atelier in einem historischen Palazzo im Herzen Roms.

Franco Veremondi im Gespräch mit Massimiliano Fuksas

Als Sie sich für diesen Beruf entschieden haben, an der Schwelle der sechziger zu den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts war eine Zeit großer ideologischer Unruhen, in der die Jungen dafür kämpften, ausgehend von Gebautem, Modelle sozialen Fortschritts durchzusetzen. Was ist Ihnen von diesem Eifer geblieben und von der Architektur jener kämpferischen avantgardistischen Erfahrung?
Ich habe meine Arbeit als Architekt 1969 begonnen, und was mir von dieser Zeit geblieben ist, das ist ein persönliches Gefühl, das ich nicht von meinem Leben trennen kann; Betrug verachte ich, und obwohl ich meine Meinung oft geändert habe – in Wirklichkeit ändere ich meine Meinung jeden Tag –, habe ich dennoch nicht meinen Bezugspunkt geändert, in jenem Sinn, als ich noch immer, heute wie damals, davon überzeugt bin, dass die Gesellschaft besser sein könnte. 1968 haben wir Barrikaden errichtet, um den Kapitalismus zu besiegen, aber die Architektur hat damit nichts zu tun; Die Architektur hat nichts mit Revolution am Hut, ebenso wenig ist sie eine Disziplin oder eine Sprache – und daher auch nicht Politik. Die schlechteste Architektur war jene, die unter der Ideologie der Politik ihren Ausdruck fand. Ich glaube, dass die Architektur zur Welt der Künste gehört und die Künste Ausdruck der Freiheit sind. Architektur ist also, da sie Kunst ist, Schöpfung, und das war meine Welt. Die künstlerische Schöpfung entspricht in ihrem Wesen dem Weiblichen: Auch die Frau benötigt zur Schöpfung keinerlei ideologischen Kunstgriff.

Sie sind in Rom geboren und litauischer Herkunft; Zurzeit pendeln Sie zwischen Italien, Frankreich, Deutschland. Als Planer haben Sie in vielen, nicht nur europäischen Ländern Erfahrungen gesammelt. Sie hatten und haben Universitätsprofessuren inne und diverse Berufungen in Rom, Wien und Paris. Ich würde Sie also als eine kosmopolitische Persönlichkeit bezeichnen, mit einer universalistischen Vision der Existenz: Kosmopolitisch ist auch Ihre Architektur, oder gestalten Sie diese von Mal zu Mal gemäß den unterschiedlichen Breitegraden oder aber nach theoretischen Vorgaben?
Es gelingt mir einfach nicht, die Architektur als regionalen Faktor zu sehen; Wenn man mich für ein Projekt nach Singapur holt, weiß ich, dass man eine meiner Ideen will, nichts anderes. Im Übrigen suchten auch die Großen wie Bramante, Alberti, Maderno oder Borromini – obwohl sie aus unterschiedlichen Orten stammten –, wo auch immer sie bauten, universelle Werte auszudrücken; Die lokalen Einflüsse auf sie waren äußerst marginal. Was mich betrifft, schenke ich meinen Auftraggebern die Ideen dieses Augenblicks.

Folgen Sie beim Skizzieren eines neuen Projekts der üblichen Praxis vom Zeichenstift zum Computer?
Nein. Jedes Projekt entsteht instinktiv, ähnlich einem Gestus im „Action Painting“. Von einer generellen Idee gehe ich zu auf Karton hingeworfenen Farbskizzen über, sofort im Anschluss daran entstehen gemeinsam mit meinen Mitarbeitern die Modelle.

Und nach Fertigstellung des Projekts verfolgen Sie persönlich und nachhaltig die Umsetzung auf der Baustelle, oder betrauen Sie andere damit?
Ich und mein Team verfolgen immer die Ausführung. Das ist der Grund, weshalb wir an allen Orten, an denen wir arbeiten, auch technische Büros unterhalten. Die wenigen Male, als ich die Ausführung nicht übernommen und nur teilweise die Umsetzung verfolgt habe, waren die Schäden offensichtlich. In Wien hingegen waren wir für die Twin-Towers auf dem Wienerberg mit allen Architektenleistungen betraut, vom Vorentwurf und Entwurf bis zur Ausführung. Wenn der Bauherr mich nicht mit diesen Leistungen beauftragen will, lehne ich den Auftrag ab. Es kommt vor, dass ich mit den Auftraggebern streite, aber es gelingt mir auch, mit ihnen eine freundschaftliche Beziehung aufrecht zu erhalten, sonst wäre es unmöglich, vier bis fünf Jahre miteinander zu verbringen.

Angesichts der unterschiedlichsten Geometrien und Materialien, die Ihre Projekte prägen, könnte man meinen, dass Sie vermeiden, einen erkennbaren persönlichen Stil aufzubauen wie etwa Frank Ghery, Calatrava oder Coop Himmelb(l)au.
Ich frage Sie: Erkennen Sie bei den Projekten, die Sie in diesem Raum sehen, Gemeinsamkeiten? Viele sagen ja, trotz der unterschiedlichen Formen! Da ich für eine antiformalistische Architektur eintrete, tendiere ich dazu, das Objekt von seinen konkreten Bestandteilen zu entleeren, es als absolut nicht wiederholbar zu kennzeichnen. Aber es gibt immer Konstanten, die meine Schöpfungen charakterisieren, und wenn Sie mich fragen, worum es sich handelt, dann antworte ich Ihnen, dass ich meine Geheimnisse nicht gerne preisgebe. Allenfalls versuchen Sie, sich selbst eine Antwort zu geben.

Wissenschaft, Kunst, Traum, Sinnlichkeit … Welcher Dimension ist die Architektur Ihrer Meinung nach zuzuordnen?
Der Erotik! Die nicht mit der Sinnlichkeit zu verwechseln ist, denn sie hält beim reinen Verlangen inne, ohne dieses je zu befriedigen, ohne, sozusagen, je zum Höhepunkt zu kommen; Ich denke an eine Spannung, die ihr Ziel im Orgasmus hat. Ohne Erotik versagt die Architektur, denn sie ist keine schüchterne Kunst, sondern äußerst mutig, vorsichtig und stark zugleich.

Was steht für Sie an erster Stelle beim Gelingen eines architektonischen Werks: die Erfindung der Form, die technisch-ästhetische Innovation, die kommunikative Fähigkeit oder etwas, das mit Tradition und Geschichte zu tun hat?
Daran habe ich nie gedacht. Ich gebe zu, dass ich mich leer fühle, wenn ich nicht an zehn Projekten gleichzeitig arbeite.Was die Tradition anbelangt oder die Geschichte, das ist ein Problem, das ich mir überhaupt nicht stelle: Entwerfen bedeutet für mich Vergessen, nicht Anamnese, sondern Schöpfung, die sich Tag für Tag erneuert. Dennoch kann ich Ihnen drei Schlüsselelemente für ein befriedigendes Ergebnis aufzählen: einen guten Auftraggeber, ein gutes Projekt, eine gute Baufirma.

Wie erleben Sie den schöpferischen Prozess: auf eine persönliche Art, oder denken Sie an eine hypothetische Präsenz des Publikums, jenes Publikums, das dann Ihr Werk zum Geschenk erhält und es bewerten wird?
Ich achte sehr auf meinen Auftraggeber und weiß, dass ich ihm einen bequemen Zugang zu allen Notwendigkeiten praktischer Natur geben muss. Dennoch wiederhole ich entschieden, dass die Schöpfung allein meine Sache ist; Meine wahre Aufgabe ist es, das Überflüssige zu erschaffen; Wenn ich dann noch an jemanden wie das Publikum denken soll, so scheint mir dieses Wort „Publikum“ aus der Welt des Fernsehens zu kommen, und daher lehne ich es ab. Wenn schon, dann bevorzuge ich es, von Gesprächspartnern zu sprechen, von jemandem zum Nachdenken und Diskutieren. Die Hilfe, die ein Architekt möglicherweise geben kann, ist ethischer Art, eine Zukunftsvision, die dazu beiträgt, die Existenz zu verbessern. Hier gehen wir natürlich schon über die Architektur hinaus.

Teil Ihres reichen Curriculums ist auch die Leitung der Architekturbiennale Venedig im Jahr 2000, der Sie den Titel „Less Aestetics, More Ethics“ gaben. Welche Intentionen und Ziele standen hinter dieser Veranstaltung?
Diese Veranstaltung hat Spuren hinterlassen. Sie werden sich erinnern, dass ich im Rahmen dieser Biennale einen 300 Meter langen Bildschirm installieren ließ, auf dem einprägsame Bilder gezeigt wurden wie die Revolte von Seattle während des G8-Gipfeltreffens und die bedrohliche Anwesenheit zahlreicher am Himmel kreuzender Flugzeuge. Diese beunruhigende Zukunftsvision hat sich bewahrheitet, leider. Und die Ethik steht heute allgemein im Zentrum jeder Betrachtung, wie mit der Bioethik, der Finanzethik usw.Wie ich schon damals sagte: „Die Architektur ist nicht genug“, man muss andere Dinge tun. Es genügt nicht, nur ein guter Architekt zu sein, schöne Wohnungen zu planen, komfortable Arbeitsstätten und spektakuläre Vergnügungscenter. Sind wir denn auch in der Lage, es mit dem Problem der Megalopolis und den drei Milliarden Menschen, die weltweit in Städten leben, aufzunehmen? „Less Aesthetics, More Ethics“ sollte darauf verweisen: Achtung, die Frage der Ethik verfolgt uns auf unabwendbare Weise.

Gibt es ein Land, in dem Sie sich bei Ihrer Arbeit besonders wohlfühlen?
Meinen idealen Raum lebe ich im Flugzeug in 10.000 Metern Höhe, schwerelos und fern der Welt mit einer umgekehrten Vision der Wolken, wenn ich von oben auf sie hinunterschauen kann und sie zum Boden werden: Ich liebe deren Absenz jeglicher Geometrie; Deren Nicht-Form, ist das, was mir gefällt.

Österreich ist einer jener Orte, an dem Sie eine zweifache Aufgabe erfüllt haben, als Architekt und Lehrer: Wie haben Sie diese Erfahrung gelebt?
In Österreich bin ich auf große Wertschätzung gestoßen. Mit den Auftraggebern hatte ich eine optimale Beziehung, ob in Salzburg oder Wien. In Wien habe ich dann nicht nur die Twin-Towers geplant, sondern auch das gesamte Viertel am Wienerberg. In diesem Zusammenhang, trotz ihrer vordergründigen Einfachheit, erachte ich die beiden Türme als eine meiner besten Arbeiten, als die Summe dessen, was ich in der Architektur bevorzuge. Da gibt es zwei eindrucksvolle Glas-Monolithe unterschiedlicher Höhe und zu deren Füßen das Labyrinth, diese engen Windungen, Ordnung und Unordnung: das „sublime Chaos“, wie ich es gerne nenne. Österreich ist ein Land, das der Architektur große Bedeutung beimisst, und das war immer so. Ich will nicht sagen, dass alles, was entsteht, immer gut ist, aber die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, des Privaten und der Architekten ist außergewöhnlich. Es gibt, das ist wahr, ein Risiko des Overdesigns, aber es gibt auch eine exzellente Qualität der Ausführung und der Materialien, die weltweit einzigartig ist.

Sie haben mehrmals wiederholt, eine vertikal orientierte, konzentrierte Architektur vorzuziehen …
Ich mag Hochhäuser, aber es gefällt mir, wie sich neben ihnen der Freiraum ausdehnt, eben um den Unterschied zwischen der Vertikalen und der Horizontalen schätzen zu können; Und ich liebe da unten das Labyrinth, jenes „sublime Chaos“, dessen Essenz nicht reine Unordnung ist, sondern ein Algorithmus, dessen Berechenbarkeit wir noch nicht kennen.

Rom sieht der Realisierung Ihres Kongresszentrums im Bezirk Eur entgegen; Es entsteht in Form eines gigantischen gläsernen Parallelepipeds, das eine semitransparente Wolke einschließt, die wiederum den Raum bildet, in dem sich die Besucher bewegen. Es ist ein sehr eindrucksvolles Projekt, das eine traumähnliche Vision schafft, surreal, magrittianisch, mit dieser Idee des in einen Raum eingeschlossenen Himmels, belebt von frei schwebenden Menschen. Das gute Gelingen der Umsetzung wird von den verwendeten Materialien und der Qualität der Ausführung abhängen: Gibt es wirklich die Möglichkeit, das Projekt so zu realisieren, wie wir es auf dem Papier und als Modell gesehen haben?
Es ist alles bereit und in der Phase der Ausführungsplanung; Der Baukörper wurde außerdem sogar verbessert. Die „Wolke von Fuksas“, wie diese Form im Inneren des Glaskörpers ohne mein Wissen getauft wurde, wird aus Goretex entstehen; Ich vertraue der Baufirma, die die Arbeiten ausführen wird.

Haben Sie einen Traum in der Schublade, vielleicht einen zwischen dem Experimentellen und der Utopie?
Hm …, ich würde sagen nein, im Allgemeinen versuche ich alles, was ich erdenke, auch zu realisieren.

(Übersetzung Christine Müller) 

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