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 © Architekten Loudon, Habeler & Kirchweger ZT GmbH © Architekten Loudon, Habeler & Kirchweger ZT GmbH

MCI: Ein Schlachtfeld

10.12.2018

 

Vom Wettbewerbssieg zum Verfahrensstopp - Das Schlachtfeld zwischen Juristen und Technikern präsentiert sich derzeit als Schotterplatz nördlich der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Innsbruck. Noch gehört dieser den Bussen, die Tagestouristen in die Stadt bringen.

von Gretl Köfler

 

Das vor zwanzig Jahren gegründete Management Center Innsbruck (MCI) – eine Fachhochschule mit Studienlehrgängen für Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Life Science – platzt aus allen Nähten. Neben dem ursprünglichen Standort im Umfeld der ­sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (SOWI) wurden bereits Räume an vier weiteren Standorten in der Stadt angemietet, um die derzeit 3.400 Studierenden adäquat zu betreuen. Ein Neubau des MCI steht seit über zehn Jahren zur Diskussion. Als Bauplatz ist das sogenannte Fenner-Areal nördlich der SOWI ausersehen, das sich derzeit noch ein Busparkplatz, ein Fußballplatz und die Bundesgärten teilen; die Grundstücke befinden sich teils im Besitz der Stadt, teils des Bundes. 

EINE KOMPLEXE PLANUNGSAUFGABE
Bereits 2008 hatten Henke Schreieck Architekten eine Machbarkeitsstudie für die komplexe Planungsaufgabe auf beengtem Raum geliefert. 2013 beschloss die Landesregierung die Planungskosten mit drei Millionen Euro zu budgetieren. Die Abteilung Hochbau als Vertreter des Auftraggebers startete daraufhin mit Raimund Rainer als Wettbewerbsorganisator und weiteren Experten, u. a. Univ. Prof. Arnold Tautschnig, eine profunde Recherche zu Raumprogramm, Terminen, Art und Organisation des Wettbewerbs und Grundlagen der Kostenermittlung. Das vom MCI vorgelegte Raumprogramm wurde abgespeckt, der Kostenrahmen auf der Basis BGF/NNF Faktor 1,54 erstellt. Die Bruttogrundfläche von knapp 17.000 Quadratmetern gliederte sich in 65 Prozent Nutzfläche, 18 Prozent Verkehrsfläche, zehn Prozent Konstruktionsfläche und sieben Prozent Funktionsfläche. Als Bemessungsgrundlage wurden 80 Mio. Euro angesetzt für eine Kubatur von 102.000 Kubikmetern, dazu 25 Mio. Euro für die Garagen. Im Mai 2015 folgte ein entsprechender Regierungsbeschluss. Die Vorarbeiten flossen ein in einen 2016 EU-weit ausgeschriebenen, zwei­stufigen Wettbewerb, von dem man baukünstlerische Vorentwurfskonzepte für das MCI, für eine Busgarage mit 40 Stellplätzen, eine PKW-Garage mit 200 Stellplätzen, die Neuplatzierung des Sportplatzes samt Nebengebäuden sowie eine Neustrukturierung der Bundesgärten auf dem knapp bemessenen Areal erwartete. Die Teilnehmer mussten über zumindest eine Referenz verfügen, in deren Rahmen die Generalplanung über ein im Hinblick auf die Komplexität mit dem Wettbewerbsgegenstand vergleichbares Projekt erfolgreich abgewickelt worden ist; Das Preisgeld betrug 300.000 Euro. Die Jury war mit Dietmar Feichtinger, Kjetil Thorsen, Yvonne Farrell und Daniel Marques hoch kompetent besetzt. In der ersten Wettbewerbsstufe sollte eine städtebauliche Lösung unter prinzipiellem Nachweis der Erfüllung des Raum- und Funktionsprogramms erarbeitet werden. Von 88 Teilnehmern kamen neun in die zweite Stufe. Dort wurde die vertiefte Durcharbeitung der Entwurfsidee unter Nachweis der Erfüllung der Ausschreibungsbedingungen in Richtung Hochbau erwartet. Der erste Preis ging an Loudon, Habeler & Kirchweger ZT GmbH, der zweite an Triendl und Fessler Architekten ZT OG mit Arch. DI Peter Larcher und Arch.DI Michaela Mair-Nothegger, weiters wurden drei Anerkennungspreise vergeben. Doch nur die beiden ersten Projekte wurden für realisierbar gehalten.

DAS SIEGERPROJEKT
Der Wettbewerb war kammeroptiert und galt allgemein als gelungenes Verfahren. Das Siegerprojekt formulierte aus fünf unterschiedlich hohen Bauvolumina einen emblematischen fünfeckigen Baukörper, der sich als Solitär in den baumbestandenen Grünraum setzt und sich nach innen zu einem großzügigen von oben belichteten Atrium öffnet. Begehbare Dachflächen und Terrassen bieten Aufenthaltsflächen für Studierende. Insgesamt würdigte die Jury „die architektonisch wertvolle Gebäudekomposition und die städtebauliche Integration der Anlage in den vom Hofgarten und den historischen Monumenten geprägten Ort. Der Charakter der strukturell gedachten Fassaden verspricht, eine charismatische und identitätsstiftende Gesamtfigur an diesem Ort zu generieren“. Dazu empfahl die Jury, die weiteren Planungsschritte auf Basis des siegreichen Projektes begleitet von einem Ausschuss der Jury vorzunehmen.
Die Jurymitglieder beschäftigten sich intensiv mit dem Kostenrahmen, da die Gebäudekennwerte gezeigt hatten, dass es, trotz des unmissverständlichen Hinweises auf Einhaltung des Kostenrahmens, nicht gelungen war, den Bruttorauminhalt tatsächlich zu reduzieren. Die Kubatur des Siegerprojektes betrug 126.000 Kubikmeter. Jedenfalls war bereits am Tag der Preisverleihung unter Fachleuten klar, dass der Kostenrahmen mit dem Faktor 1,54 zu niedrig angesetzt war. Bei österreichischen Hochschulbauten ist der Faktor 1,8 bis über 2 Usus, und die Wettbewerbssieger hatten von Anfang an darauf hingewiesen. Wobei Daniel Fügenschuh, Vizepräsident der Bundeskammer für ZiviltechnikerInnen grundsätzlich dafür plädiert, keine Kosten im Wettbewerb anzugeben, sie seien durch die Sinnhaftigkeit des Entwurfs und die Kubatur ohnehin ablesbar.

Die Sieger kannte man bereits in Innsbruck, sie hatten das Medizinzentrum in der Anichstraße gebaut; als Partnerbüro vor Ort holten sie sich Obermoser arch-omo, beide Büros haben Erfahrung im Baumanagement. Im März 2017 begannen sie das Wettbewerbsprojekt genauer zu bearbeiten. 

DIE BAUKOSTEN
Mit dem Vorentwurf waren sie mündlich beauftragt worden. Sie kalkulierten bereits Sparmaßnahmen ein und setzten sich zum Ziel, von der genauen Planung die Budgetnotwendigkeiten abzuleiten. Auch meldete das MCI neue Wünsche an. Eine Schätzung im Sommer 2017 ergab bei den Kostengruppen 2–6 eine Überschreitung von 30 Prozent, d. h. 56 Mio. Euro. Die Kosten wurden von den Landesjuristen nicht akzeptiert, der neue Kostenrahmen mit 51 Mio. Euro und einer Unschärfe von zehn Prozent vorgegeben. Noch im selben Jahr wurde in enger Zusammenarbeit mit dem MCI bei gleichbleibender Nutzfläche die Kubatur um zehn Prozent geschrumpft, dabei blieb eine neuerliche Schätzung bei einer Schwankungsbreite von 15 Prozent im Kostenrahmen.
Im März 2018 wurden die Architekten mittels eines GP-Vertrages auch formal beauftragt, den Vorentwurf fortzusetzen. Im Juni 2018 stellten sie den Vorentwurf und die Kostenermittlung für eine Regierungsvorlage fertig. Der Kostenrahmen belief sich netto auf 51 Mio. Euro für die Kostengruppe 2–4 und 6. Baukosten brutto insgesamt 97 Mio. Euro auf Preisbasis 2017 inklusive einer Schwankungsbreite 15 Prozent, dazu kamen 25 Prozent angenommene Indexierung bis 2022 und 20 Mio. Euro Mehrwertsteuer (das Land Tirol als Auftraggeber war mehrwertsteuerpflichtig), was insgesamt eine Summe von durchaus nachvollziehbaren 121,25 Mio. Euro ergibt. Die in der Presse kolportierten 132 Mio. Euro ergaben sich ausschließlich aus optionalen Zusatzwünschen der Nutzer.

DER VERFAHRENSSTOPP
Landesrat Johannes Tratter, der nach der Landtagswahl 2018 das Projekt von seiner Vorgängerin übernommen hatte, stoppte das Verfahren, gestützt auf mehrere, bisher unveröffentlichte Gutachten interner und externer Juristen. Er kündigte eine Neuausschreibung an, die auch zu Auseinandersetzungen mit der Innsbrucker Stadtregierung führte, wo man inzwischen vom Plan einer Tiefgarage für Busse abgerückt war. Das MCI war mit dem Baustopp nicht glücklich; man war mit dem Siegerprojekt vorbehaltlos einverstanden gewesen und wünschte sich seine Umsetzung: „Eine Neuausschreibung würde kein besseres Ergebnis bringen, sondern lediglich massive Folgekosten und Risiken nach sich ziehen.“
Bei den daraufhin folgenden öffentlichen Diskussionen wurde mit Schuldzuweisungen, Vermutungen und unbewiesenen Zahlen operiert, auch fehlte in der Berichterstattung die für Laien schwierige Differenzierung zwischen Baukosten, Bauwerkskosten, Errichtungskosten und Investitionskosten. Die Debatte schwappte bis in den Landtag, wo zwei oppositionelle Landtagsabgeordnete – beide von Beruf Architekten – die fehlende Kostenkontrolle monierten und auf die politische Verantwortung pochten.
Kontakt mit den planenden Architekten gab es seit der Abgabe des Vorentwurfes keinen. Sie wurden nur Anfang August schriftlich informiert, dass das Land auf weitere Planungsleistungen verzichte. Für die Architekten ist die „Behauptung einer Kostenüberschreitung um 70 Prozent (von 80 Mio. auf 132 Mio. Euro) mit Absicht konstruiert, genauso wie die Behauptung, notwendige Einsparungen und Adaptierungen würden vergaberechtlich betrachtet eine Neuausschreibung des Wettbewerbs notwendig machen“.
Im November wurde der Neubau endgültig gestoppt, was die Landesregierung folgendermaßen begründete: „Laut eingeholter Rechtsexpertise stellt eine nachträgliche Erhöhung des Kostenrahmens ebenso wie die Redimensionierung des Projekts (unter Beibehaltung des Kostenrahmens) eine wesentliche und damit unzulässige Vertragsänderung dar. Das macht eine Neuausschreibung unerlässlich. Externe Gutachter bestätigen intern durchgeführte Evaluierungen und die nun beschlossene Vorgangsweise.“

AUFRUF ZUM AUFSTAND
Die anhaltende Diskussion um Kosten und Verfahren rief die Architektenschaft auf den Plan. In einem offenen Brief beschwerten sich die Bundeskammer der ZviltechnikerInnen, die Kammer für Tirol und Vorarlberg, das aut, die Architekturfakultät der Universität Innsbruck und die ZV gemeinsam über das negative Bild der Architektenwettbewerbe in der Öffentlichkeit und forderten: Das Bewusstsein für die Baukultur zu entwickeln und geeignete Strukturen zu fördern, das Gemeinwohl zu stärken, ganzheitlich und innovativ zu planen, Flächen und andere Ressourcen mit Bedacht zu nutzen sowie öffentliche Mittel an Qualitätskriterien zu knüpfen. 
Dazu gibt es eine Petition für ­einen fairen und korrekten Umgang mit dem Wettbewerbsgewinner samt Unterstützungserklärung für Loudon, Habeler und Kirchweger. Daniel Fügenschuh ruft zur Besonnenheit auf: „Es kann nicht sein, dass für diese Fehler das mit der Planung beauftragte Architekturbüro herhalten muss. Nach dem Motto ‚Schuld ist immer der Überbringer der Botschaft‘ nun eine komplett neue Vergabe anzustreben, ist unsachlich und unseriös“. 
Derzeit plant die Landesregierung eine Neuausschreibung – wahrscheinlich als Bauträgerwettbewerb. Termin gibt es bis dato keinen. Die Tiefgarage für Busse ist gestrichen, aber das Raum- und Funktionsprogramm auf 136.000 Kubikmetern mit Faktor 1,8 angehoben. Das MCI rechnet mit kontinuierlich steigenden Studentenzahlen. Billiger wird es sicher nicht.


 

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