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Michael Hopkins: Kaffee und Kuchen müssen gut schmecken, dann erst reden wir über Nachhaltigkeit

02.10.2012

Der britische Architekt Michael Hopkins ist schon seit Jahrzehnten im Geschäft. Mit der Zeit – hört man im ­Gespräch heraus – wird das Nachdenken über Architektur ganz unaufgeregt, und die Anforderungen an das ­Metier werden klar und präzise. Wir haben noch einen breiten Weg vor uns.

Wojciech Czaja im Gespräch mit Michael Hopkins

Michael Hopkins: "Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn man sich mit den Facetten von Mutter Natur arrangieren kann. Im Sommer ist es etwas heißer, im Winter etwas kühler. Das ist der Lauf der Welt. Wenn wir es aber nicht einmal schaffen, uns in der Gegenwart wohlzufühlen, wie wollen wir dann über die Zukunft diskutieren?"

Sie waren Ehrenpräsident des Blue Awards 2012 der TU Wien. Waren Sie mit den eingereichten Projekten zufrieden?
Das ist ein großartiger Preis. Es haben Studenten aus aller Welt teilgenommen, und die Denkansätze sind nicht nur sehr unterschiedlich, sondern auch sehr innovativ. Ich bin mit der Qualität der eingereichten Projekte sogar sehr zufrieden.

Sie sind selbst ein Preistiger. Ich habe nachgezählt: Allein im vergangenen Jahr haben Sie 24 unterschiedliche nationale und internationale Preise erhalten. Wie machen Sie das?
24 Auszeichnungen? Echt wahr? Ach, du lieber Himmel! Ich bin ja richtig gut! Aber ganz im Ernst: Ich leite ein Büro, das seit der ersten Stunde in der glücklichen Lage ist, interessante und innovative Projekte umsetzen zu dürfen. Wir hatten gute Ideen, und die Bauherren waren stets auf unserer Seite. Auf diese Weise war es möglich, das Thema Nachhaltigkeit und Ökologie bis zur Perfektion weiterzuentwickeln. Die 24 Preise im Jahr 2011 – falls es wirklich so viele sind – sind so gesehen das Resultat jahrzehntelangen Dranbleibens.
 
In Ihren Projekten verbinden Sie Hightech-Bauweise mit Greenology. Richard Rogers, Norman Foster, Nicholas Grimshaw und Zed Factory haben einen ähnlichen Ansatz. Würden Sie diese Herangehensweise als typisch britisch bezeichnen?
Schon in den Sechzigerjahren wussten wir, dass Öl und Benzin nicht ewig reichen werden. Schon damals wussten wir, dass das Auto nicht das Wundermittel für alle Zeiten bleiben wird. Aber wir hatten immer noch den – sagen wir einmal – naiven Glauben, dass sich mit Sonne und Wind eines Tages alle Probleme lösen lassen werden. Foster, Rogers und ich entstammen der gleichen Generation. Vielleicht sind sich die Projekte ja deshalb im Ansatz so ähnlich. Schon seit 40, ja fast 50 Jahren trachten wir nach einer Architektur, die diesem Glauben Ausdruck verleihen will.

Das heißt, der Hightech-Ansatz ist oft nur Symbol für die Zukunft?
Nein, so kann man das nicht sagen. Ich denke, wir haben uns in unseren Projekten alle darum bemüht, das Können und Wissen bis an seine Grenzen auszureizen. Die formalen und technischen Aspekte folgen dieser Vision. Aber in einem Punkt, das muss ich schon betonen, unterscheide ich mich dramatisch von meinen Kollegen, die Sie vorhin angesprochen haben.

Und zwar?
Rogers, Foster und Grimshaw arbeiten alle mit futuristischen Materialien, also mit Stahl und Glas sowie mit Membrankonstruktionen. Sie sind Vertreter einer Art technoider Spätmoderne. Ich jedoch bin Mitte der Achtzigerjahre dazu übergegangen, mit Baustoffen zu arbeiten, die uns vertrauter sind, also vor allem mit Ziegel und Stein. Ich bin der Überzeugung, dass man der Zukunft nicht begegnen darf, indem man die Vergangenheit verleugnet. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Ich interessiere mich heute vor allem dafür, wie man modernes Bauen und moderne Technologien mit den Traditionen unserer Baukultur verbinden kann. Wenn man so will: Ich bin ein Verfechter einer ökologischen Architektur, die gemütlich sein darf und die nicht den Hightech-Stempel tragen muss.

Wie haben Ihre ersten Ansätze nachhaltiger Architektur ausgesehen?
Sie meinen noch vor der Welle der technischen und technologischen Innovationen?

Genau. Ich meine die nachhaltige Architektur in ihren archaischen Kinderschuhen.
Eine kleine Rückblende: Von Anfang an waren es meist die großen Büroburgen, die so grausame, unmenschliche Architektur an den Tag legten, dass man sich darin kaum wohl fühlen konnte. Wir haben uns daraufhin überlegt, was genau das Grausame daran war, und haben unterschiedliche Konzepte erarbeitet, wie man sich von diesen sogenannten „sick buildings“ abwenden kann. Das waren ganz einfache Dinge wie natürliche Belüftung, Arbeitsplatz an einem Fenster, Nähe zur Natur, Orte der Begegnung, Vermeidung von anonymen Räumen und Atmosphären und so weiter. Für mich war das nichts Besonderes. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass wir je darüber nachgedacht hätten, dieser Architektur einen eigenen Namen zu geben. Für uns war das eine Selbstverständlichkeit. Heute sagen wir „sustainable architecture“ dazu. Auch gut.

Wie haben Ihre Auftraggeber damals auf diese Lösungen reagiert?
Bestens. Ich habe niemals schlechte Erfahrungen gemacht. Meine Auftraggeber waren immer klug und weitsichtig genug, um zu begreifen, dass man nicht immer nur die Investitionskosten betrachten darf, sondern auch die Betriebskosten eines Gebäudes und die Zufriedenheit der Mitarbeiter am Arbeitsplatz. Vielleicht war’s ja auch Glück, aber meine Kunden haben sich für diese Themen immer schon interessiert. Damals wie heute.

Würden Sie jemals einen Bauherrn akzeptieren, der damit nichts am Hut hat?
Natürlich. Denn sobald er mit mir ins Gespräch kommt, wird er schon merken, wie wichtig dieser Hut ist.

Sind Sie damit zufrieden, wie das Thema Nachhaltigkeit heute abgehandelt wird?
Nein, ich finde das ziemlich unbefriedigend. Nachhaltigkeit ist meist nur reines Begriffsdropping ohne Inhalte. Ich vermisse die ernsthafte Auseinandersetzung. Mir wäre lieber, man würde sich über die Grundanforderungen der Architektur an sich unterhalten als darüber, wie wir diese Grundanforderungen möglichst medienwirksam bezeichnen wollen.

Sie mögen den Begriff Nachhaltigkeit nicht besonders.
Nein, überhaupt nicht.

Fällt Ihnen denn ein besserer Begriff ein?
Ich habe keine Idee. Was nützt mir die ganze Debatte, wenn die Leute einerseits über Ökologie, Naturschutz und Emissionssenkung reden, andererseits aber nicht einmal dazu bereit sind, mit den Jahreszeiten zu leben. Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn man sich mit den Facetten von Mutter Natur arrangieren kann. Im Sommer ist es etwas heißer, im Winter etwas kühler. Das ist der Lauf der Welt. Ich sehe nicht ein, warum man das ganze Jahr über immer die gleiche Temperatur im Zimmer haben will, warum man das ganze Jahr über immer mit Krawatte und Sakko am Schreibtisch sitzen will. Kurze Hosen im Sommer und einen dicken Pullover im Winter – da fängt Nachhaltigkeit an!

Es gibt in Großbritannien ein sehr ambitioniertes Programm namens Zero Carbon Home. Demnach dürfen alle Neubauten, die nach dem Jahr 2016 errichtet werden, kein CO2 mehr emittieren. Wird es gelingen, diesen straffen Plan durchzuziehen?
Die meisten Leute, die ich kenne, befürworten das Programm sehr. Aber natürlich sind diese Aussagen nicht sehr repräsentativ. Ich glaube nicht, dass das Zero Carbon Home bis 2016 umsetzbar sein wird. Aber ich freue mich, dass dieses Bekenntnis existiert. Immerhin liefert es Inspiration für viel Neues. Wenn wir es schaffen, einen Teil davon umzusetzen, dann haben wir schon viel erreicht.

Was muss man tun, um diesen Prozess zu beschleunigen?
Es geht nicht darum, den Prozess zu beschleunigen. Es geht darum, die Lust am Thema zu steigern. Schauen Sie sich nur einmal um! Man kann nicht über solche Themen sprechen, wenn man auf der TU Wien in einem alten Raum mit so einer grauenvollen Akustik sitzt und vor sich einen Kaffee hat, den man nicht trinken kann, weil er so grauslich schmeckt, und einen Kuchen, den man nicht essen will, weil er so aussieht, wie er aussieht. Das ist nicht überzeugend. Das holt uns nicht in der Seele ab. Oder fühlen Sie sich hier etwa wohl?

Körperlich nein, geistig ja.
Ja aber wie will man denn über Geistiges diskutieren, wenn der Körper nicht mitmacht? Das geht nicht. Das ist unmöglich! Wo sind da die Grundbedürfnisse?

Haben wir dieses einfache Einmaleins der Architektur verlernt?
Manchmal scheint es, als hätten diese Grundbedürfnisse keine Existenzberechtigung mehr. Manchmal scheint es, als sei das simple Wohlfühlen in einem Raum eine zu primitive Sache, eine zu primitive Aufgabenstellung an uns Architekten. Dabei wäre es so einfach, Wohlbefinden zu schaffen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wenn wir es nicht einmal schaffen, uns in der Gegenwart wohlzufühlen, wie wollen wir dann über die Zukunft diskutieren?

Wie sehen denn Ihre persönlichen Grundbedürfnisse aus?
Ich erzähle Ihnen einmal, wie ich wohne. Ich wohne in einem Stahl-Glas-Haus in Hampstead im Nordwesten von London. Ich habe das Haus gemeinsam mit meiner Frau Patricia vor 36 Jahren selbst geplant. Die Vorlage dafür war das Eames House aus dem Jahr 1950 – ein sehr schönes, stilles, zurückhaltendes Projekt. Ich habe die Idee lediglich ein bisschen weiterentwickelt. Das gesamte Gebäude besteht aus sehr wenigen Materialien: Profilstahl, Trapezblech, ein paar Verstrebungen und viel, viel Glas. Eigentlich, könnte man sagen, wohnen wir mitten in der Natur, umgeben von Wiese, Bäumen, Himmel und Vogelgezwitscher. So sehen meine Grundbedürfnisse aus.

Haben Sie eine Vision für die Zukunft?
Ich will lange leben, und ich will noch lange als Architekt tätig sein. Ich liebe diesen Beruf. Aber doch, einen Wunsch habe ich für meine alten Tage: Ich will mich aus dem Neubau ein bisschen zurückziehen und stattdessen den Fokus auf Sanierung und Reparatur verlegen. Einerseits genieße ich es, Dinge zu reparieren und wieder in Ordnung zu bringen. Andererseits ist es genau das, was wir alle in den kommenden Jahren und Jahrzehnten werden lernen müssen: Wir müssen das Alte wieder in Ordnung bringen. Immer nur neue Architektur zu produzieren – das wird auf Dauer nicht gehen. So lautet die Aufgabe an die Zukunft.

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