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Sprungturm Millstätter See: Minimales Weiterbauen am Denkmal

03.07.2019

Am Nordufer des Millstätter Sees prägt – weithin sichtbar – ein außergewöhnlicher Sprungturm aus den frühen 1930er Jahren die Strandsilhouette. Sonja Hohengasser und Jürgen Wirnsberger verpassen der in die Jahre gekommenen Anlage eine Generalüberholung mit architektonischem Anspruch.

von Lukas Vejnik

Fünf regenfreie Tage in Folge! Darüber freuten sich Anfang Juni dieses Jahres am Kärntner Millstätter See nicht nur die Badegäste. Während sich über den Stegen im Gemeindebad erstmalig in dieser Saison der Geruch von Sonnencreme ausbreitete, konnte am markanten Beton-Sprungturm nebenan endlich der neue rutschhemmende Bodenbelag aufgebracht werden. Reparaturen am Fundament sind ebenfalls abgeschlossen. Damit steht einer baldigen Wiederinbetriebnahme der fast 90-jährigen Sprung- und Rutschanlage – die 2009 aufgrund sicherheitstechnischer Mängel gesperrt werden musste – nicht mehr viel im Weg. Vorausgesetzt die neuen Rutschen treffen zeitgerecht ein. 

Plastisch – Konstruktiv – Genial

Für Planung und Umsetzung der denkmalgeschützten feingliedrigen Betonskulptur, die gleichsam ein Stück Technikgeschichte mit Seltenheitswert darstellt, waren, einem Gutachten von DOCOMOMO zufolge, die beiden Oberbauräte Walter Benedikt und Rudolf Christof verantwortlich. Die bautechnische DNA des Sprungturms setzt sich aus einer leicht abgewandelten Form des „System Hennebique“ zusammen. August Perret verwendete das standardisierte Eisenbetonverfahren in der „Rue Benjamin Franklin“, wo sich auch sein Büro befand. Josef Hoffmann setzte es bei den Betonbalkendecken im Sanatorium Purkersdorf ein. Friedrich Achleitner erkannte in dessen rohem Einsatz am Millstätter See einen „kleinen plastisch-konstruktiven Geniestreich“. Wie recht er damit hatte, verdeutlicht der Befund einer im Vorfeld der Sanierung durchgeführten statischen Prüfung. Es zeigt sich, so die Statiker Dietmar Glatz und Wolfgang Steiner, dass die Berechnungsergebnisse von heute mit der ursprünglichen Statik von 1930 sehr gut übereinstimmen, wodurch auf statische Verstärkungsmaßnahmen an der aufgehenden Betonkonstruktion verzichtet werden kann. Zwei annähernd gleichschenkelige Dreiecke übertragen Horizontal- und Vertikallasten auf eine polygonale Betonrippendecke, die das Gesamtgewicht von 200 Tonnen auf etwa fünfzig darunterliegende Pfähle aus Lärchenholz verteilt. Genau hier, nämlich unter der Wasseroberfläche, wurde es laut Jürgen Wirnsberger erst richtig spannend. Schwankungen des Wasserspiegels und der damit verbundene Witterungseinfluss führten zu starkem Fäulnisaufkommen an den Köpfen der Piloten. Wie beim Turmspringen zählt damit auch bei der Turmsanierung nicht nur die Performance in luftiger Höhe; auch die Eintauchphase, die überraschenderweise zur eigentlichen Crux wurde, meisterten Planer und Handwerker mit Bravour. In 41 Tauchgängen montierte die Zimmerei Ralf Moser ebenso viele maßgeschneiderte Edelstahlprothesen an den Pfählen. Vorsorglich reichen die seitlich aufgeschraubten U-Profil-Schienen einen Meter weit unter die Wasserlinie. Ein elementarer Eingriff, der für die zukünftigen Nutzer allenfalls verschwommen wahrnehmbar bleibt. Die unterste Stahlbetonplattform, wasserseitig durch Korrosion ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen, wurde mittels Stahlbetonverbunddecke verstärkt. Dass die Struktur überhaupt so lange gehalten hat, kann in diesem Sinne durchaus als bautechnisch-statischer Glücksfall gewertet werden. 

Zurückhaltend – Einfach – Sicher

Neben dem mehrschichtigen rutschhemmenden Bodenbelag mit eingestreutem Quarzsand machten die neuen sicherheitstechnischen Anforderungen eine Anpassung der Geländer, Zugangsschleusen vor den Absprungplattformen sowie eine Entschleunigung der Rutsche unumgänglich. In Zukunft startet diese nicht mehr vom höchsten Punkt. Das wäre wegen des zu engen Kurvenradius und der hohen Geschwindigkeiten mit heutigen Standards nicht zu vereinbaren gewesen. Stattdessen geht es bald etwas gemächlicher – aber immer noch mitten durch die Konstruktion – vom rund vier Meter tiefer liegenden landseitigen Zwischenpodest los. Für die Kleinen führt ein seitlicher Ableger in seichtere Gewässer. Wer auf quietschgelbe Röhren hofft, wird enttäuscht. In der Farbwahl orientierten sich die Architekten am Grau des knochigen Bestandes. Mit einer Ausnahme. Das Geländer wird in Weiß weitergebaut. Optische Irritationsmomente werden durch die dezente Farbgebung von vornherein ausgeschlossen. Wo es möglich ist, kommen als zusätzliche Absturzsicherung Stahlseile zum Einsatz. Die Wendeltreppe zur Zehn-Meter-Marke wird mit einem Lochblech eingehüllt. Bei allen Verrenkungen, die das Projekt mit sich bringt, suchen Hohengasser Wirnsberger Architekten stets einen zurückhaltend einfachen Weg mit hohem Anspruch an die architektonischen Details. Das ist den beiden bei bereits fertiggestellten Projekten in der Region wie der genossenschaftlich betriebenen Schaukäserei Kaslab’n in den Kärntner Nockbergen oder den Holzklassen, einem Schulumbau unter Verwendung regionaler Hölzer, bereits mehrmals gelungen. Pfähle unter Wasser werden das Büro möglicherweise noch länger begleiten. Die nächste Baustelle befindet sich vielleicht am Keutschacher See, wo sich mit den Überresten prähistorischer Pfahlbauten ein von der UNESCO anerkanntes unsichtbares kulturelles Erbe befindet. Dafür entwickelten sie gemeinsam mit Erhard Steiner einen Vermittlungsparcours mit Ausstellungspavillons, die, wenn es nach den Architekten geht, dann und wann auch ein wenig im Wind schwanken könnten.

Lass was springen!

Die Mittel für das Projekt am Millstätter See kommen von Gemeinde, Bund, Land, Tourismusverband und den Bäderbetrieben. Bei der Sanierung der Pfähle ist das Bundesdenkmalamt eingesprungen. Für zusätzlich aufgetretene Kosten durch die erschwerten Bedingungen startete die Gemeinde Anfang 2019 einen Spendenaufruf. Mit „Lass was springen!“ lieferten die Soroptimisten aus Spittal den idealen Titel für die Kampagne. Identitätsstiftend ist das allemal. Hier zeigt sich, wie wichtig ein Zusammenspiel von Behörden, Planern und Zivilgesellschaft für das Gelingen von nicht alltäglichen Planungs- und Bauaufgaben mit höchsten denkmalpflegerischen Ansprüchen ist. Am Millstätter See kann nach dem verspäteten Beginn der Badesaison damit hoffentlich auch bald wieder die Sprung- und Rutschsaison eröffnet werden.
 


 

PROJEKTDATEN
Sprungturm am Nordufer des Millstätter Sees, Kärnten
 
Bauherr Millstätter Bäderbetriebe GmbH 
Architekturbüro Hohengasser Wirnsberger Architekten, 
www.hwarchitekten.at
Projektleitung Jürgen Wirnsberger
Tragwerksplanung 
und Statik
Urban & Glatz ZiviltechnikergmbH
und Wolfgang ­Steiner ZT
 
Zimmerer Ralf Moser Holzbau-­GesmbH
Schlosser Die Schlosser P & B KG
Beschichtungen Allgemeine Bau Chemie GmbH
Baumeister A. Niedermühlbichler ­Baugesellschaft mbH 
Wettbewerb 09-10 | 2015
Planungsbeginn 12 | 2015
Baubeginn 02 | 2019
geplante Fertigstellung  Sommer 2019

 

ARCHITEKTEN
 

Hohengasser Wirnsberger ­Architekten

Seit 2008 sind Sonja Hohengasser und Jürgen Wirnsberger als Team in Fragen regionaler Baukultur engagiert. Beide, aus Millstatt stammend, verbinden Lehre und Forschung an der FH Kärnten in ­Spittal mit bereits viel beachteten Projekten und Bauten. Regional denken in sozialem und strukturellem Zusammenhang von Ortsgefüge und Landschaftsraum ist ihr „Credo“. Darüber hinaus engagieren sie sich in einer Vielzahl von Aktivitäten zur Kärntner ­Architekturszene ehrenamtlich.

www.hwarchitekten.at

 

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