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miss_vdr architektur: Im Dialog zu mehr Wert

19.10.2015

Selbst in der Kategorie „Young Viennese Architects“ senken Theresa Häfele, Julia Nuler und Matthäa Ritter erheblich den Altersschnitt. Gemeinsam sind sie seit 2010 miss_vdr architektur, bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Kunst und Architektur, sehen beides als Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, die ihrer Meinung nach dringend als eine inklusive gedacht werden muss. Woher der kryptische Büroname kommt, soll hier nicht verraten werden. Es handelt sich dabei um eine Art Wortspiel, über das jeder selbst tüfteln darf. Architektur &  Bau FORUM sprach mit den jungen Missen über Verbesserungspotenzial bei der Regelung des Berufszugangs,  die Wichtigkeit von Social Skills, Lebens­ und Baukultur und den richtigen Ton in der Architektur.

Gertrud Purdeller im Gespräch mit miss_vdr architektur

miss_vdr architektur: „Zusammenarbeit und Kommunikation untereinander und mit Spezialisten ist uns wichtig. Dabei sehen wir die Nutzer ebenso als Experten, wie Projektpartner und Professionisten.“

Wie habt ihr euch in dieser Konstellation zusammengefunden?
Julia Nuler (JN):
Wir kennen uns alle von der Akademie und haben schon damals, eigentlich zu viert, darüber nachgedacht, ein Netzwerk von Frauen zu gründen, in dem man sich gegenseitig stärkt. Uns beschäftigte der dramatische Unterschied zwischen dem Frauenanteil an der Uni und jenem später im Beruf. Nach der Uni ging dann aber zunächst jede eigenen Projekten nach. Wir sammelten Berufserfahrung in unterschiedlichen Architekturbüros, und die Idee kam erst wieder auf den Tisch, als Theresa uns fragte, ob wir mit ihr gemeinsam das Einfamilienhaus für ihre Eltern umsetzten möchten.
Theresa Häfele (TH): Ich habe zwar während und nach der Uni schon ein paar kleinere Projekte für Freunde und Verwandte gemacht, aber dieses habe ich ganz lange vor mir hergeschoben, bis meine Eltern irgendwann meinten: Jetzt oder jemand anderes. Für mich war aber klar, dass ich das nicht allein durchziehen möchte, und so kam miss_vdr architektur wieder ins Spiel.
Matthäa Ritter (MR): Der Schritt in die Selbstständigkeit war dann schon ein bisschen wie ein Sprung ins kalte Wasser, aber ich denke, auf eine gewisse Weise ist es auch gut, einfach zu springen und etwas zu probieren.
JN: Man muss dazu sagen, ich war nicht ganz von Anfang an dabei, da ich mich zu dem Zeitpunkt in einem Angestelltenverhältnis befand und noch meinen Ziviltechniker machen wollte, dafür Johanna Werschnig, die aber nach ein paar Projekten entschieden hat, eigene Wege zu gehen.

Ein Partner mit aufrechter Berufsbefugnis ist in Österreich ja auch nicht ganz unwesentlich ...
TH:
Uns ist es allerdings wichtig, dass wir möglichst bald alle den Ziviltechniker haben. Ursprünglich wollten wir als gleichberechtigte Partnerinnen eine OG (offene Gesellschaft) gründen, was unserer nichthierarchischen Arbeitsweise eigentlich besser entsprechen würde. Solange allerdings nur eine von uns den Ziviltechniker hat, ist nur eine KG (Kommanditgesellschaft) möglich. Grundsätzlich ist es unser Ziel, dass wir alle die Befugnis erlangen.

Wie empfindet ihr den im Vergleich zu anderen Ländern sehr aufwendigen Zugang zur Berufsgruppe in Österreich?
MR:
Ich hoffe hier sehr auf eine Änderung der Ziviltechnikergesetze in den nächsten Jahren. Bisher ist es in Österreich ja quasi unmöglich, die Berufsbefugnis zu erwerben, wenn man vor der Selbstständigkeit nicht drei Jahre in einem Angestelltenverhältnis verbracht hat. Die Kammer, in der die IG-Architektur ja gerade stärkste Partei ist, ist aber gerade intensiv damit beschäftigt herauszufinden, wie man das ändern kann, zumal die Gesetzeslage derzeit dazu führt, dass viele zu komplizierten Methoden greifen müssen, beispielsweise auf andere Gewerbe ausweichen. Ziel ist es, die Kammer zu öffnen und eine stärkere Berufsgenossenschaft zu entwickeln.
JN: Es gibt Länder, in denen man mit einem fertigen Studium immerhin eine Wohnung umplanen darf. Das macht meiner Meinung nach Sinn. Ich finde es nämlich schon eigenartig, dass man hier mit einem abgeschlossenem Studium nicht einmal irgendetwas selbstständig machen darf. Dabei sammeln viele schon während des Studiums Arbeitserfahrung. Diese Zeit wird als Praxisnachweis für die Ziviltechnikerprüfung allerdings nicht anerkannt. Sicher ist es wichtig, Erfahrung zu sammeln, aber nicht jeder Architekt will beispielsweise Gutachten erstellen. Vielleicht wäre eine Art Staffelung die Lösung, damit man schon früher zu einer kleineren Befugnis kommt.
TH: Es ist ja möglich, sich auf den Entwurf zu beschränken und die Ausführungsplanung anderen zu überlassen. Das Problem ist nur, dass wenn ein anderes Management übernimmt, andere Maßstäbe an die Architektur gesetzt werden.

Entscheidungen werden bei euch im Konsens getroffen. Wie funktioniert das in der Praxis?
TH:
Es ist tatsächlich so, dass sich Kollegen oft wundern, wenn sie uns arbeiten sehen. Für uns fühlt sich das aber normal an. Es ist das, was uns entspricht. Wir haben eine gute Kommunikationsweise untereinander entwickelt und auch eine Offenheit und Transparenz, was Entscheidungen angeht.
MR: Ich finde, es geht dabei auch um die Frage, wie man grundsätzlich leben möchte beziehungsweise wie man seine Beziehungen gestalten möchte. Auch in der Stadtgestaltung geht es im aktuellen Architekturdiskurs unter dem Slogan „Recht auf Stadt“ darum, wie öffentlicher Raum gemeinschaftlich gestaltet werden kann. Kommunikation ist überall da wichtig, wo Menschen aufeinandertreffen.
TH: Aufgrund von Feedbacks ist uns inzwischen bewusst, wie wir nach außen hin wirken und dass unser Zugang wohl keineswegs alltäglich ist. Wir haben im Umgang mit Bauherren und Firmen aber gemerkt, dass sich eine nichthierarchische Arbeitsweise auf den Prozess auswirken und das gebaute Ergebnis durchaus positiv beeinflussen kann.
JN: Nachdem wir nicht alle Projekte gemeinsam machen, ist dieser Ansatz allerdings eher ein Überthema, das wir in den Hinterköpfen haben, das aber jede von uns ein bisschen anders lebt, da wir unterschiedliche Charaktere sind.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Umsetzung eurer ersten Projekte?
TH:
Beim Projekt für meine Eltern war für mich die größte Herausforderung die Kommunikation zwischen allen Beteiligten und die Trennung zwischen Privatem und Geschäftlichem.
MR: Wir haben gelernt, dass es wichtig ist, vor allem klar zu kommunizieren.
JN: Daran müssen wir bis jetzt immer wieder arbeiten.

Ihr seid ein reines Frauenteam in einer immer noch sehr stark von Männern dominierten Branche. Rührt das daher, dass Frauen und Männer vielleicht unterschiedlich kommunizieren?
TH:
Es gibt sicher eine gewisse gesellschaftliche Prägung. Frauen lernen, tendenziell weniger auf Konflikt zu gehen und sind eher auf Verständnis und Konsens aus. Wenn man sich das aber bewusstmacht, kann man es sich trotzdem aneignen, klar zu sein und seine Prägung als Stärke einzusetzen. Social Skills werden im Berufsleben meiner Meinung nach immer wichtiger. Dessen wird man sich inzwischen schön langsam bewusst, weshalb Frauen endlich auch häufiger in Führungspositionen stehen. Gerade in der Baubranche sehe ich allerdings oft, dass bei Frauen die Kompetenz hinterfragt wird und man sich schon immer noch mehr beweisen muss.

Wie sind eure Erfahrungen diesbezüglich?
JN:
Gerade auf der Baustelle wird es schon manchmal etwas deutlicher spürbar, dass wir noch junge Frauen sind. Man merkt, dass Bauleute teilweise damit spielen oder einen auf die Probe stellen wollen, wobei ich denke, dass das auch unseren männlichen Kollegen so geht. Es kann schon sein, dass man dann einmal auf den Tisch hauen muss, oder man spielt das Spiel mit. Aber bis jetzt hat eigentlich noch alles gut funktioniert, und am Ende haben wir immer erreicht, was wir wollten.
TH: Man muss dazusagen, dass wir bis jetzt auch Glück mit unseren Teams hatten. Wir konnten mit den ausführenden Firmen von gleich auf gleich kommunizieren und gemeinsam Lösungen entwickeln. Es ist uns gelungen, von den Kompetenzen her gute Synergien zu erzeugen, sodass wir mit unseren gebauten Ergebnissen sehr zufrieden sein können.
MR: Es hat sich bewährt, allen klarzumachen, dass sie Teil eines Teams sind und dass das Projekt nur gemeinsam möglich ist.

Gibt es eurer Meinung nach einen Unterschied in der Architekturproduktion von Männern und Frauen?
JN:
Ich würde sagen, es kommt viel mehr auf die Persönlichkeit an als auf das Geschlecht. Jede Menge bekannter Architektinnen haben längst bewiesen, dass sie ihren männlichen Kollegen um nichts nachstehen, und wenn man sich die Architektur von Frauen und Männern anschaut, so ist diese auf beiden Seiten so vielfältig, dass eine Kategorisierung nach dem Geschlecht meiner Meinung nach keinen Sinn macht.
MR: Schade ist nur, dass der Vergleich deshalb etwas schwierig ist, da ein viel größerer Anteil der gebauten Umwelt immer noch von Männern stammt.

Nach ersten Direktaufträgen habt ihr inzwischen in unterschiedlichen Konstellationen auch an einigen Wettbewerben mitgemacht. Was haltet ihr grundsätzlich von Wettbewerben?
JN: Das Schlimmste an Wettbewerben ist, dass man als junges Büro größtenteils gar nicht teilnehmen darf, da Nachweise zu erbringen sind, die nicht einmal etabliertere Büros leicht aufbringen können. Und kaum wird tatsächlich ein offener Wettbewerb ausgeschrieben, ist dieser so überlaufen, dass die Chancen auf Gewinn verschwindend klein sind.
MR: Eigentlich ist es eine große Herausforderung, sich als junges Büro wirtschaftlich über Wasser zu halten. Die finanzielle Situation ist für viele Kollegen sehr prekär. Es ist sehr viel Arbeitseinsatz und Verantwortung, die einem für wenig Geld abverlangt wird. Man muss viel Herzblut für die Sache haben, damit man das durchsteht. Man fragt sich schon, wo all die jungen Menschen – allein an der Technischen Universität sind derzeit etwa 6.000 Architekturstudenten inskribiert – irgendwann alle unterkommen sollen. Man muss sich dringend fragen, welche neuen Tätigkeitsfelder für Architekturschaffende vielleicht infrage kommen.

Was sollte sich eurer Meinung nach im Berufsfeld Architektur ändern?
MR:
Ich denke, dass es total wichtig wäre, sich als Berufsgruppe wieder besser zu positionieren. Wenn sich alle Architekten zusammenschließen und als Masse gemeinsam für etwas einstehen, kann man sicher etwas zu erreichen. Insofern sehe ich in der großen Masse auch wieder ein Potenzial. Allerdings fehlen sowohl an den Unis als auch in der Berufswelt derzeit die Strukturen dafür.
JN: Meiner Meinung nach darf man es nicht allein der Architekturausbildung an den Universitäten überlassen, die Baukultur zu verbessern. Damit die breite Masse auch versteht, was es bedeutet, gute Architektur zu haben, wäre es wichtig, schon bei den Kindern in der Grundschule oder sogar im Kindergarten ein Bewusstsein für Raum und die gebaute Umwelt zu fördern. Es gibt Länder, in denen das ganz selbstverständlich so praktiziert wird. Hierzulande denken viele Menschen, sie brauchen eigentlich keinen Architekten, und dann wundert man sich, was da wieder für ein „schiaches“ Gebäude gebaut wurde. Wenn man die Köpfe der Menschen öffnet für neue, gute Architektur, bin ich der Meinung, dass sie den Mehrwert davon erkennen. Solange nur einige wenige verstehen, was wir überhaupt leisten, wird es auch keine besseren Bedingungen für uns Architekten geben.

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