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Grafik: StudioVlayStreeruwitzGrafik: StudioVlayStreeruwitzFoto: Volker DienstFoto: Park, Team Wien/Zara Pfeifer

Mitten ins Leben – die produktive Stadt(entwicklung)

31.05.2019

Fachkonzepte, Förderungen und politische Bekenntnisse – ob Wien die Wende zu einer durchmischten Stadt mit integrierten Produktionsstätten schafft, wird weniger von Strategiepapieren als vom Mut zur Umsetzung neuer Wege abhängen - Zusammenarbeit inklusive.

von Volker Dienst

Keine Frage, die Stadt Wien hat große Ambitionen, sich als attraktiver Wirtschaftsstandort im europäischen und internationalen Wettbewerb zu positionieren. Sie steht vor großen Herausforderungen, denn das anhaltende Wachstum der Stadt geht mit einem steigenden Bedarf an qualitätsvollen Arbeitsplätzen, auch im Produktionssektor, einher. Wurden bisher in den innerstädtischen Gebieten seitens der Stadt vor allem Flächen für Wohnen, Dienstleistung und Handel vorgesehen und die Industrie in Gewerbegebiete vorzugsweise in Stadtrandlagen ausgesiedelt, sollen jetzt jene Industrie- und Gewerbebetriebe, die mit einer Wohnnutzung kompatibel sind, wieder in die Stadt zurückkehren – sozusagen mitten ins Leben. Und jene, die in der Stadt durchgehalten haben, sollen unterstützt werden. Denn kurze Wege und wohnnahe Arbeitsplätze fördern nicht nur die Lebensqualität in einer Stadt – sie sichern auch den Verbleib bzw. den Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften, und die wiederum sucht die Wirtschaft. Und das ist wohl auch die einzige Alternative, um dem globalen Trend der Produktionsverlagerung in Niedriglohnländer entgegenzuwirken. 

Politische Dokumente und Strategiepapiere

Daher haben sich zahlreiche politische Dokumente und Strategiepapiere dem Thema der urbanen Produktion gewidmet. So hat der Europäische Rat bereits 2010 das auf zehn Jahre angelegtes Wirtschaftsprogramm der EU-Kommission „Europa 2020“ beschlossen, das die Erhöhung des Anteils der Industrie bis 2020 auf 20 % anstrebt. Die Mitgliedsstaaten sollten in weiterer Folge durch selbst bestimmte nationale Zielwerte intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum in die eigene Wirtschaftspolitik integrieren. In Wien wurde 2014 das Standortabkommen „Stadt der Zukunft – Stadt der Industrie“ zwischen Stadt und Industriellenvereinigung abgeschlossen, und auch im Regierungsübereinkommen 2015 ist das Bekenntnis zur Industrie sowie zur nachhaltigen Sicherung von Betriebsflächen festgehalten. Es folgte die ­„Strategie Innovatives Wien 2020“, und auch im STEP 2025 wurde die Schaffung von ausreichendem Raum für die industrielle Produktion beschlossen. Während die „Smart City Rahmenstrategie“ noch sehr allgemeine Ziele formuliert, definieren die „Leitlinien der Wiener Wirtschaftspolitik 2015“ den Ausbau von aktivem Liegenschaftsmanagement und Infrastruktur für Produktion und Gewerbe.

Gemeinsam von Wirtschaftskammer und Stadt Wien wurde das „Fachkonzept Produktive Stadt“, getragen und vom Wiener Gemeinderat 2017 beschlossen. Es ist ein umfassendes Strategiepapier mit dem Ziel, Industrie und produzierendes Gewerbe in der Stadt neu zu positionieren und den Wandel von der „postindustriellen zur produktiven Stadt“ einzuleiten. Der Wiener Wirtschaft sollen für gewerbliche Tätigkeiten leistbare indus­triell-gewerbliche Flächen zur Verfügung stehen. Dies soll durch die Schaffung eines großen Flächenangebots und die Vermeidung konkurrierender Funktionen in diesen Gebieten erreicht werden. „Bodenpreisanstiegen, die durch andere Nutzungsüberlegungen verursacht werden“ soll entgegengewirkt werden. Aber wie soll das konkret funktionieren? 

Schlüsselfaktor Leistbarkeit

Denn tatsächlich ist die Leistbarkeit der Flächen für viele Unternehmen ein Schlüsselfaktor. Sie benötigen oft größere Flächen. Aber Bauland in der Stadt ist von vornherein um ein Vielfaches teurer als im Umland. Ebenso verhält es sich bei den Mieten von Gewerbeobjekten. Die Abnehmer der produzierenden Betriebe sind nicht bereit, einen höheren Preis für die Produkte zu bezahlen, nur weil diese „urban“ produziert wurden. Zusätzlich verursachen eine Flut an Vorschriften, Normen und behördlichen Auflagen oft eine Vervielfachung der notwendigen Produktionsfläche, ohne dass sich der Output der Produktion erhöht. Auch diese Kostensteigerungen können zumeist nicht an den Endkunden weitergegeben werden.  Und derzeit werden für Produktionsflächen auch keine Mietmodelle mit Kaufoption angeboten.

Ein ganz wesentlicher Grund für den Exodus vieler Produktionsbetriebe in den Speckgürtel außerhalb der Stadt und darüber hinaus liegt auch in einer übermächtigen Konkurrenz durch andere Nutzer. Weder können sie in den Erdgeschoßlagen mit den Mieten für Supermarkt- oder Einzelhandelsketten mithalten, die durch einen unsinnigen Verdrängungswettbewerb hochlizitiert werden. Noch mit Wohn- oder Büromieten. Wenn die Stadt Wien also tatsächlich wohnverträgliche Produktions- und Gewerbebetriebe wieder in die Grätzel holen will, wird sie sich Gedanken über gedeckelte Mieten machen müssen bzw. über vertragliche Vereinbarungen mit den Bauträgern, die dann die reduzierten Einnahmen für Produktionsflächen in anderer Form kompensieren müssen. Denkbar wäre auch die Festlegung einer maximalen Gebäudehöhe, die nur dann voll konsumiert werden kann, wenn im Sockel entsprechende Raumhöhen und reduzierte Mietkosten sichergestellt sind. Und nicht selten mangelt es in den Sockelzonen an den entsprechenden Raumhöhen, die bei Produktionsbetrieben zumeist deutlich über 3 m liegen.

Kaum wurde das Prestigeprojekt „Produktive Stadt“ beschlossen, wurde es durch die Bauordnungsnovelle wenig später wieder infrage gestellt. Die Zurverfügungstellung von leistbaren Wohnungen ist wichtig. Die Schaffung und Erhaltung „leistbarer Arbeitsplätze“ in der Stadt aber nicht minder. Die Stadt Wien wird sich überlegen müssen, ob der Bauträger künftig bis zu zwei­ Drittel der neu gewidmeten Wohnflächen für sozialen Wohnbau zur Verfügung stellen muss oder alternativ für leistbare Produktionsflächen. Beides zusammen wird sich nicht ausgehen.

Gewerbliche Mischgebiete als ­Zukunftsvision

Die im „Fachkonzept Produktive Stadt“ thematisierten Produktionsflächen nehmen insgesamt etwas mehr als 5 % des Wiener Stadtgebiets in Anspruch. Stadtplanung und Wirtschaftsagentur sind gleichermaßen gefordert, denn rund 100 ha Ersatz für verdrängte Produktionsflächen und weitere rund 100 ha Bedarf für die Erweiterung und Modernisierung bestehender Betriebe sollen zur Verfügung gestellt werden. Außerdem sollen ebenfalls rund 100 ha als Angebot für Beschäftigungswachstum und innovative Entwicklungen reserviert werden.

Man unterscheidet dabei drei Zonentypen: Die „industriell-gewerblichen Gebiete“ sind Betriebs- und Industriegebiete mit in der Regel über fünf Hektar Fläche, die auch langfristig ausschließlich industriell-gewerblichen Tätigkeiten vorbehalten sind. Dann gibt es die „integrierten Einzelstandorte“. Das sind „Betriebsinseln“ in einem meist wohnorientierten Umfeld, die eine urbane Nutzungsmischung innerhalb eines Stadtteils schaffen. Ein gutes Beispiel dafür sind die beiden Produktionsblöcke der Josef Manner Fabrik mitten in Hernals.

Eine wirkliche Alternative zur klassischen Trennung von Wohnen und produzierenden Arbeitsstätten stellt aber nur das „gewerbliche Mischgebiet“ dar. Dabei handelt es sich um traditionell betrieblich genutzte Flächen, die aufgrund ihrer zentralen Lage und aktuellen Entwicklungen die Chance für eine intensivere, dichtere und vielfältigere Nutzung bieten – eine neuartige Form von nachhaltiger Durchmischung. Der Knackpunkt bei der gemeinsamen Nutzung von Produktion und Wohnen sind sehr oft Anlieferung und Abtransport sowie eine Lkw-taugliche Verkehrserschließung. Die angestrebte Melange wird nur funktionieren, wenn sich beide Nutzungen nicht beeinträchtigen. Daher wird in vielen Fällen eine geschlossene Erschließungs- und Lieferzone notwendig sein. Auch das sind Mehrkosten, die in die Gesamtrechnung mit einbezogen werden müssen.

Ein möglicher Standort dafür wäre beispielsweise am Areal der Ottakringer Brauerei im 16. Wiener Gemeindebezirk. Bereits jetzt werden dort Produktion, Gastronomie und Eventnutzungen vereint. Dies könnte zukünftig durch Nutzungen zum Wohnen und urbane Produktionen erweitert werden. Neben der erweiterten Nutzungsvielfalt wäre auch die Nutzung der industriellen Abwärmen oder der gemeinsamen Energieerzeugung in einem Plusenergiequartier ein spannender Mehrwert.

Zusammenarbeit und Querschnittsdenken

So spannend diese „Wiener Mischung“ klingt, so schwierig sind Standorte auszumachen, in welchen die Rahmenbedingungen und Eigentumsverhältnisse passen. Die „Produktive Stadt“ hätte dann eine Chance, wenn sie von Beginn an interdisziplinär und gemeinsam zwischen Wirtschaft, Stadtplanung und Projektentwicklung und vor allem im Zuge der Entwicklung neuer Stadtteile betrieben und gefördert würde. Denn auch wenn das „Fachkonzept Produktive Stadt“ zonenübergreifende Maßnahmen, Produktionsflächenmanagement sowie eine strategisches Standortentwicklung durch ein Quartiersmanagement vorsieht, liegt die Herausforderung in der Umsetzung. Es gilt alle handelnden Akteure zu einer konstruktiven und akkordierten Zusammenarbeit zu bringen. Derzeit agieren Wirtschaftsagentur Wien, Wohnfonds Wien, Wirtschaftskammer und Wien Holding in ihren eigenen Wirkungsbereichen engagiert, oft aber parallel, zuweilen gegenläufig und nicht selten unkoordiniert, konstatiert Projektentwicklerin Michaela Mischek-Lainer von 6B47. Derartige Querschnittsmaterien müssten zwischen allen Playern abgestimmt werden. Dafür sei die Interaktion zwischen den diversen Verwaltungsabteilungen der Stadt ebenso notwendig wie die enge Kooperation mit der Wirtschaft. Idealerweise sollten der architektonische Gestaltungsprozess, Projektmanagement und das wirtschaftliche Verfahren gesamtheitlich, interdisziplinär und gemeinsam entwickelt werden.

Der Mut zum Unfertigen schafft ­Zukunftschancen

Ganz wesentlich für eine nachhaltige und produktive Stadt ist die Ermöglichung von Entwicklungsspielräumen und Aneignungsflächen, berichtet Architekt Mark Neuner von ­mostlikely. In neuen Stadtentwicklungsgebieten könnten die öffentlichen Flächen und Erdgeschoßflächen als zusammenhängende „Stadtterrassen“ über alle Bauplatzgrenzen hinweg durch eine gemeinwohlorientierte Trägergesellschaft entwickelt und gemanagt werden. Und zwar so, dass diese Sockelzonen mit entsprechend großzügigen Raumhöhen erst im weiteren Verlauf und schrittweise weitergebaut werden. Das ermöglicht einerseits die partizipative Entwicklung von „Common Spaces“, und andererseits könnten so auch Produktionsflächen mit späteren Erweiterungsoptionen entstehen. Architekten als Teil interdisziplinärer Teams, als Raummanager und Moderatoren mit dem Ziel, die Identität des neuen Grätzls mit den Nutzern gemeinsam zu entwickeln.

„Urban Manufacturing“ ist jedenfalls in aller Munde. So widmet sich die aktuelle, 15. Auslobung des EUROPAN-Wettbewerbs dem Thema „Productive Cities 2“, zu dem man sich noch bis 28. Juli 2019 anmelden kann. Und auch bei der Vienna Biennale for Change 2019: Schöne Neue Welt steht „die Gestaltung innovativer (städtischer) Arbeitsmodelle, zu neuen Formen des (Zusammen-)Lebens“ im Mittelpunkt des Festivals, das von 29. Mai bis 6. Oktober im MAK sowie an mehreren Orten in der Stadt „interdisziplinäre Impulse setzen und Orientierung geben will“. Christoph Thun-Hohenstein, Direktor des MAK sowie Initiator der Biennale: „Die Vienna Biennale ist die erste Biennale, die Kunst, Design und Architektur verbindet und darauf abzielt, mit kreativen Ideen und künstlerischen Projekten zur Verbesserung der Welt beizutragen. Ihre spartenübergreifende, interdisziplinäre Ausrichtung und ihre Verklammerung von Kunstanspruch und Kreativwirtschaft eröffnen neue Perspektiven zu zentralen Themen unserer Zeit und fördern damit einen positiven Wandel unserer Gesellschaft.“

Am Beispiel des Standortes Ottakring zeigen im Zuge der Departure Challenge „Future Factory“ der Wirtschaftsagentur Wien fünf Kreativteams, welche ungenutzten Potenziale die urbane Produktion und Standortnutzung mitten im Grätzl bietet. „Mit experimentellen Prototypen erforschen sie Schauproduktion und Kreislaufwirtschaft für Nahrungsmittel, produzieren urbane Mode, optimieren Stadtplanung in bionischen Settings oder nutzen Leerstand als virtuelle Escape Rooms.“ Die Teaserausstellung in der MAK Galerie gibt ab 29. Mai einen ersten Einblick in die Projekte, die von 11. September bis 5. Oktober in der Ottakringer Brauerei gezeigt werden.

Die Biennale geht der Frage nach, auf Basis welcher Werte die Utopie einer ökonomisch und sozial gerechten sowie ökologisch nachhaltigen Zukunft Realität werden kann. Strategiepapiere, Konzepte und Programme alleine verändern die Stadt nicht. Der Mut zur interdisziplinären und spartenübergreifenden Zusammenarbeit aller Akteure, zum Experiment, zur Umsetzung innovativer Ideen und Prozesse im Sinne einer gemeinwohlorientierten Politik – ja, das würde die Stadt jedenfalls produktiver machen.

 


AGRARPRODUKTION MITTEN IN OTTAKRING 
Urbane Räume, besonders innerstädtische Bestandsgebäude von Betrieben, haben großes Potenzial für die Lebensmittelproduktion. Das Ziel von Future Factory ist die Implementierung eines Urban Food Hubs in der Ottakringer Brauerei. Das vertical farm institute erprobt dort Synergien intelligenter Kombinationen verschiedener Kulturen, wie Fisch- und Pilzzucht oder Gemüseanbau in nachhaltiger Bewirtschaftung unter Nutzung lokaler Ressourcen. Der Hub ist Produktions-und Verarbeitungsort, Treffpunkt, Markt und Genussort , verbindet so Produzenten und Konsumenten. 
www.verticalfarminstitute.org
Future Factory – Urbane Produktion neu denken
Vienna Biennale for Change 2019, MAK
29.Mai bis 06.Oktober 2019, www.mak.at

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