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Model Living und Showrooms

25.10.2012

Schlüsselübergabe bei Azita Praschl-Goodarzi und Martin Praschl, den Gründern und Geschäftsführern von P. Good: Nach einem dreitägigen Workshop in der Werkbundsiedlung bringen wir den Schlüssel des Hauses Veitingergasse 113 zurück und nutzen die Gelegenheit für ein Gespräch, in dem es um die Sanierung der ­Werkbundsiedlung geht.

Die Themenpalette wird im Verlauf des Gesprächs immer größer: vom Architekturtourismus zum Siedlungsmuseum, von der Privatheit des Wohnens zu öffentlichen Interessen wie Denkmalschutz und Musealisierung, von Kellerfeuchtigkeit zu Mieterhöhungen.

Im Besprechungsraum von P. Good sorgt die türkise Tisch­oberfläche für eine entspannte Atmosphäre. Martin Praschl fotografiert Wasseroberflächen und verwendet sie bisweilen als Motiv für Möbeldesigns. Den Konferenztisch ziert die Wasserfläche der Schweinebucht von Kuba. Türkis beruhigt erhitzte Gemüter. Man merkt gleich, die Architekten können gut mit Menschen umgehen. Tatsächlich haben sie viel mediatorische Erfahrung bei der Leitung der Gebietsbetreuung in Wien Brigittenau und bei Blocksanierungen gesammelt. Viel Geduld ist bei einer komplizierten Sanierung wie bei der Werkbundsiedlung, wo viele unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, besonders wichtig.

Sanierung
P. Good gewann im Dezember 2010 die öffentliche Ausschreibung für die Generalsanierung der Werkbundsiedlung. 2011 wurde mit der Sanierung begonnen, im Juli 2012 die erste Phase abgeschlossen: rechtzeitig zum 80-Jahr-Jubiläum der Werkbundsiedlung und fast gleichzeitig mit der Eröffnung einer Ausstellung im Wien Museum zu diesem Thema.

Zur ersten Sanierungsphase gehörten drei der von Gerrit Rietveld und eines der von Josef Hoffmann konzipierten Reihenhäuser. Derzeit werden die restlichen 44 Häuser, die im Besitz der Gemeinde Wien sind, ausgeschrieben, Phase zwei beginnt im Herbst 2013, und bis 2016 sollen alle Häuser saniert sein. Zehn Millionen Euro sind seitens der Gemeinde Wien dafür vorgesehen. Häuser, die im Privateigentum stehen, sind nicht in die Sanierung einbezogen.

Saniert werden zunächst jene Häuser, die in besonders schlechtem Zustand sind; die Kellerfeuchtigkeit ist bei der Bewertung ein wichtiges Kriterium. Da die Belastung der Bewohner während der langwierigen Arbeiten ohnedies schon sehr groß ist, erfolgt die Restaurierung blockweise.

Untersuchungen und Befundungen
Viel Zeit nahmen die Bauuntersuchungen in Anspruch. Nachdem die Wiener Substanzerhaltungsgesellschaft (Wiseg), 2011 für Sanierung und Verwaltung der Werkbundsiedlung gegründet, die Mieter über die anstehende Sanierung informierte, wurden je zwei Termine pro Haus für die Untersuchungen veranschlagt. Bis zu zehn von P. Good beauftragte Spezialisten für Restaurierung und Bautechnik vermaßen Wohnflächen, Fenster- und Gebäudehöhen und nahmen Materialproben. Kontinuierlich fand ein Informationstransfer zwischen den Fachleuten, Wiseg und BDA (dem Bundesdenkmalamt), aber auch dem Az W und dem Werkbund-Spezialisten Otto Kapfinger statt.

Output all dieser Untersuchungen sind zehntausende Seiten an Protokollen und Befunden, die wiederum Basis eines 1.200 Seiten umfassenden Konzepts sind, das nun – von BDA und Wiseg freigegeben – die Grundlage der Sanierung darstellt. Unter anderem wurde auch eine Liste der No-Gos aufgestellt, zu der zuallererst vom BDA nicht bewilligte Garagen, Ein- und Ausbauten sowie Kunststofffenster gezählt werden. Bei einigen Siedlungshäusern wurden aufgrund der exakten Vermessungen mehr Quadratmeter Wohnfläche festgestellt. Das hat dazu geführt, dass sich die Mieten entsprechend erhöhten.

Substanzerhaltung und Wohnbehaglichkeit
Die Architekten erwähnen, dass die angestrebte Gleichbehandlung aller Mieter oft eine heikle Sache ist. Das hat mit in der Vergangenheit erfolgten Bewilligungen des BDA – zum Beispiel für Autoabstellplätze auf dem Grundstück – zu tun. Umso wichtiger ist daher ein für jedes Haus individuell zu erstellendes Konzept.

Und immer wieder heißt es für die Architekten, zwischen den manchmal divergierenden Interessen des BDA und der Mieter zu vermitteln und entsprechende Maßnahmen zu setzen. Dazu gehört die allergrößte Rücksichtnahme auf die Mieter während der Sanierung. Wie erhält man die Intimität des Wohnens, wenn Fenster und Fensterstöcke mit originaler Leinölfarbe viermal gestrichen werden müssen und die Trocknungszeit zwischen den Anstrichen jeweils eine Woche beträgt? Die Architekten von P. Good haben für dieses Problem einen temporären Witterungsschutz aus Holz und transparentem Kunststoff entwickelt, der den Handwerkern das Arbeiten von außen ermöglicht. Auch wenn in den vergangenen Jahren die notwendige Sensibilisierung seitens der Gemeinde Wien nicht gezielt erfolgte, so lässt sich doch feststellen, dass die Sanierung von den Mietern sehr begrüßt wird. Trotzdem ist es schwierig zu vermitteln, warum eine Wärmedämmfassade ein No-Go ist und dass Dämmungen innerhalb der Häuser ein Kondensatrisiko darstellen und damit dem Ziel des Denkmalschutzes – der Bestandssicherung – widersprechen. Eine Reihe von kombinierten Maßnahmen sollen die fehlende Dämmfassade kompensieren und dennoch eine Reduktion der Heizkosten um circa 50 Prozent bewirken.

Gelbe Fenster und graues Linoleum
Für die Architekten bedeutet der Auftrag, den ständigen Austausch mit internationalen Experten aus der Restaurier- und Fachtechnik zu pflegen, manchmal ergeben sich auch erstaunliche Ergebnisse und Entscheidungen. So haben die Befunde der Metallrestauratoren bewiesen, dass Rietveld für das Balkongeländer Silber-Metallic-Lack verwenden ließ. In einem der Rietveld-Häuser wurden auch noch Spuren des originalen Linoleumbodens gefunden. Das Linoleum wurde aufwändig restauriert und ergänzt. Nun – nach der Rekonstruktion des Originalzustands – sind sensible Mieter gefragt, die das „Kunstwollen“ der modernen Meister auch zu schätzen wissen.

Die drei Rietveld-Häuser hatten während der Sanierung übrigens den Vorteil, dass sie mieterfrei waren und erst nach der Restaurierung von der Wiseg an neue Mieter – im besten Fall an Architektur- und Linoleumliebhaber – vergeben wurden. Ob sich langfristig das soziale Profil der Bewohnerschaft verändern wird, ist ungewiss. Intendiert sei dies von der Wiseg jedenfalls nicht. Mietbeihilfen sollen den Altmietern zugänglich gemacht werden, damit sie sich die nach der Restaurierung erhöhten Mieten auch leisten können.

MaurerLehrlinge lernen im Museum und in der Werkbundsiedlung
Drei Tage lang lernten, diskutieren und produzierten Lehrlinge der Baugewerbeschule Wagramer Straße (1220 Wien) in der Werkbundsiedlung. Das derzeit leerstehende Haus in der Veitingergasse 113, das von Josef Wenzel entworfen worden war, war gleichsam die Homebase, der Titel der zweieinhalb Tage dauernden Veranstaltung lautete „Schöner Wohnen in der Mustersiedlung“. Das Projekt wurde von den Vermittlungsabteilungen des Wien Museums und des Az W initiiert, von Johanna Rainer künstlerisch begleitet und von Kulturkontakt Austria finanziell unterstützt. Die 18 Jugendlichen absolvieren dabei ihre Lehre bei Bauunternehmen verschiedenster Größe und Spezialisierung, einige Lehrlinge haben bereits praktische Erfahrungen bei der Sanierung von Gemeindebauten aus den Zwanzigerjahren gemacht. Was Architekten, Denkmalschützer und – vielleicht auch – die neuen Mieter freut, beeindruckt die Lehrlinge, die an dem Workshop teilnehmen, weniger. Der graue Linoleumboden, die gelb gestrichenen Türen und die teilweise blau gefassten Fenster der Rietveld-Häuser gefallen nicht, aber man findet die Siedlung – von den Lehrlingen als „die Ortschaft“ beschrieben – doch sehr schön.

Noch vor ihrem „Auszug” in die Werkbundsiedlung besuchten die Lehrlinge die Ausstellungen im Wien Museum und im Az W. Es ging um die Musealisierung der Werkbundsiedlung, um Dokumentation, Forschung und Denkmalschutz, um die Ideologie des „Roten Wien“, um Wohnpolitik heute und vor allem um die Lebens- und Gesellschaftsmodelle, die sich in den Entwürfen der modernen Häuser widerspiegeln.

Schöner Wohnen in der Mustersiedlung
Die Jugendlichen artikulierten ihre eigenen Wohnerfahrungen und -ideale und setzten sie kritisch in Bezug zu den Ideologien und Geschmacksvorgaben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Rahmen einer „Einrichtungsberatung“ präsentierten sie ihre Vorschläge einer zeitgemäßen Einrichtung, die von Sitzlandschaften, großen TV-Screens und Spielkonsolen geprägt waren. Damit zeigten sie auf, wie weit entfernt sich heutige Wohnvorstellungen von jenen der Dreißigerjahre entfernt haben, einer Zeit, in der sich das Radio erst durchsetzte. Große Probleme gab es bei der Unterbringung der Elektrogeräte in der kleinen Arbeitsküche. Auf einen Tiefkühlschrank wurde verzichtet, der Terminkalender über der Waschmaschine visualisierte die Leistungsorientierung.

Eine andere Gruppe beschäftigte sich mit der Frage, wie man Architekturtouristen Grundrisse und Proportionen eines Siedlungshauses vermitteln kann. Sie stülpten den Innenraum nach außen, indem sie die Grundrisse der beiden Stockwerke eins zu eins auf Gehsteig und Straße übertrugen. Ein Gruppe widmete sich dem Modellbau: Wenzel-Haus und Neutra-Haus wurden nachgebaut und mit Garage, Autowaschplatz auf dem Dach und englischem Garten ergänzt. „Wie lebt es sich im Denkmal?“, war die zentrale Frage der Jugendlichen im Rahmen von Interviews mit Bewohnern. Diese erzählten von Konflikten mit dem BDA und fotografierenden Architekturtouristen, die die Privatsphäre nicht respektierten. Die Lehrlinge lernten über historische Baumaterialien und von der Unantastbarkeit der Fassaden und profitierten von der Gastfreundschaft: „Wir haben schon vielen Architekten die Siedlung gezeigt, aber noch nie waren Maurerlehrlinge auf einem Rundgang bei uns“, konstatierten Bewohner.

Open the door!
Die Präsentation am letzten Tag war allgemein zugänglich und zeigte, dass das Interesse der Bewohner an einem offenen Ort groß ist. Man kam, weil man neugierig war, wie die Innenräume eines anderen Siedlungshauses aussehen, man kam, weil man Erfahrungen austauschen und Neues erfahren wollte. Und man kam auch deshalb, weil es in der Nachbarschaft fast keine Orte der sozialen Begegnung gibt.

Bisweilen ertönte der Ruf nach einem Museum in der Siedlung. Schließlich hat auch die Werkbundsiedlung Weißenhof eines. Stuttgart erwarb 2006 das von Le Corbusier entworfene Haus. Drei Jahre dauerten die aufwändigen Adaptions- und Restaurierungarbeiten, circa 2,4 Millionen Euro investierte die Kommune (http://de.wikipedia.org/wiki/Weissenhofmuseum). Ein Museum wie in Stuttgart ist ein Ort der Hochkultur, der das Ziel hat, ein Fachpublikum zu bedienen und Touristen zu generieren.

Showroom of life
Was aber, wenn in Wien die Bewohner selbst ihr Museum initiieren? Wenn eines der Häuser als Open Space für Bewohner, Besucher und Experten geführt würde? Was wäre, wenn statt einer top-down kuratierten Schau die Bewohner ihre Geschichten und Erfahrungen selbst erzählen? Das Lehrlingsprojekt „Schöner Wohnen in der Mustersiedlung“ hat sich von der Idee des Ecomuseums inspirieren lassen. Beim Konzept des vor allem in Frank­reich angewandten Ecomuseums geht es darum, dass Bewohner ihr Museum (z. B. eine kulturhistorisch wichtige Region, eine aufgelassene Industrieansiedlung, in der die Menschen wohnen) selbst definieren und organisieren. Sie stellen Touren zusammen, laden Experten zu Vorträgen ein und machen damit das Museum zu einer offenen Plattform. Auch die von Allain den Botton gegründete „School of Life“ in London (www.theschooloflife.com) zeigt inspirierend vor, wie kulturelle Bildung mit Mediation, Lebensberatung und anderen Angeboten für Locals kombiniert werden können. Statt den Museumsbegriff statisch aufzufassen, wird er frei interpretiert, als Ort der Kommunikation, als Schnittstelle verschiedener Interessen, als „Third Space“ der Bewohner. Und wie beim 1982 gegründeten „Storefront for Art and Architecture“ in New York (www.storefrontnews.org/info/about) könnte das Innere der Häuser außen sichtbar gemacht werden. Die Werkbundsiedlung als Österreichs wichtigster Ort der internationalen Moderne würde damit auch zeitgenössischen Künstlern und Architekten zugänglich gemacht werden.

Ausstellung von der Ausstellung
Die Ausstellung „Werkbundsiedlung Wien 1932 – Ein Manifest des neuen Wohnens“ arbeitet klar heraus, dass die Werkbundsiedlung nicht als homogene Siedlung, sondern als Musterausstellung mit Mustereinrichtungen geplant war und als Manifest einer sozialen und ästhetischen Utopie gelesen werden muss. Der enorme Erfolg der Ausstellung im Sommer 1932 und das mediale Interesse zeigen, wie sehr das Wohnen zum ideologischen Kampfplatz geworden war. Die von Eva-Maria Orosz und Andreas Nierhaus kuratierte Schau, mit zahlreichen originalen Möbeln und Artefakten, ist bis zum 13. Jänner 2013 im Wien Museum Karlsplatz zu sehen. Sie wird ergänzt von der wissenschaftlichen Tagung „Wie wohnen? Beziehungen zwischen Wohnmodellen, Vorbildern und BewohnerInnen“, die von 29. 11. bis 30. 11. 2012 stattfindet. Die filmische Dokumentation zum Workshop „Schöner Wohnen in der Mustersiedlung“ findet sich auf:
www.wienmuseum.at/de/schule/on-the-wall-schule-stellt-aus.html.

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