Direkt zum Inhalt

moserarchitekten: Zwischen Plecnik und Calvin

22.03.2010

Ein Kammervorsitzender ist nie unumstritten. Thomas Moser, seit vier Jahren Sektionsvorsitzender der Architektenkammer für Tirol und Vorarlberg, vertritt eine klare Haltung. Sein gesellschaftspolitisches Engagement hat er nie hintangestellt, und er riskiert durchaus ein offenes Wort.

Gretl Köfler im Gespräch mit Thomas Moser

moserarchitekten: "Für mich spielt Angemessenheit und Sparsamkeit der Mittel eine große Rolle. Ich muss zugeben, ich repariere gern die Stelle, den Raum, der schlecht funktioniert, und ich glaube, dass mir beim Reparieren am meisten einfällt." 

Wie hast du das Studium an der neu gegründeten Architekturfakultät in Innsbruck erlebt?
Die Architekturfakultät hat im Vorjahr ihr vierzigjähriges Bestehen gefeiert. Ich gehöre zur zweiten Studentengeneration, und zu meiner Zeit wurde die Fakultät von einem einzigen Architekten, nämlich Othmar Barth, getragen. Die anderen Professoren haben praktisch nichts gebaut, das war eigentlich eine Katastrophe.
Manche haben aber als überzeugte Sozialdemokraten ihr gesellschaftspolitisches Engagement weitergegeben und standen auch den Protesten der 68er-Generation mit Wohlwollen gegenüber, obwohl die Institution angegriffen wurde. Um so etwas wie Meisterklassen aufzubauen, war das nicht das richtige Umfeld, doch die technischen Standards haben wir gelernt. Was die theoretische Seite betrifft, so galt das Credo: Architektur ist etwas Angewandtes, eine Wissenschaft hat da nichts verloren. Wir waren die geschichtslose Generation. Andere Perspektiven habe ich erst nach dem Studium als Gasthörer an der Angewandten in Wien erfahren, Vorlesungen eines Philosophen waren in Innsbruck damals undenkbar und mit einem Künstler wie Franz West zusammenzusitzen auch. Die folgenden Studentengenerationen, die jetzt in Tirol bauen, haben schon ein besseres Angebot vorgefunden.

Gibt es in der hiesigen Architekturszene etwas typisch Tirolerisches, es sind ja fast alle jetzt hier tätigen Architekten auch hier ausgebildet worden?
Ich hatte immer das Gefühl, Josef Plecnik markiert durch das Aufladen der Architektur mit kulturellen Inhalten den Osten von Österreich und auf der anderen Seite gibt es diesen nüchternen, kargen Schweizer Calvinismus, dem auch die Vorarlberger verpflichtet sind. Die Tiroler pendeln zwischen Calvin und Plecnik. Da kann man es fast mit dem Zentimetermaß nachmessen, wo mehr zu Plecnik oder mehr zu Calvin tendiert wird. Es gibt eine breit gestreute Qualität in Tirol, und es sind ganz unterschiedliche Leute halbwegs erfolgreich, aber es gibt immer wieder Architekten, die weit unter ihrem Wert wenig beschäftigt werden. Und das sind individuelle Schicksale, bei denen man sich fragt, wieso die nicht zum Zug kommen.

Was stört dich?
Wenn Schlagwörter wie Energiesparen, Nachhaltigkeit, Holz, zu Dogmen werden und Kompliziertes oder schwer Vermittelbares keine Chance hat. Für mich spielt Angemessenheit und Sparsamkeit der Mittel eine große Rolle. Ich muss zugeben, ich repariere gern die Stelle, den Raum, der schlecht funktioniert, und ich glaube, dass mir beim Reparieren am meisten einfällt. Die unberührte große Wiese, wo man wie verrückt herumspringen kann, und das wird dann von irgendjemandem in Beton gegossen oder in Holz gepuzzelt, das ist nicht mein Lieblingsspielplatz. Der Kontext spielt für mich eine zentrale Rolle.

Wie siehst du die Beziehung zwischen Aut-Architektur und Tirol und Kammer?
Die Architekten- und Ingenieurkammer ist für mich für die Spielregeln zuständig, etwa wie wir die Qualitätshürde hoch legen, wie wir unser Fachwissen und unser Können einbringen gegenüber der Schmutzkonkurrenz. Wir können Wettbewerbe verlangen, einen Gestaltungsbeirat, damit es nicht mehr der politischen Willkür überlassen bleibt, was gebaut wird. Das aut hat beständig und mit ganz wenigen Konflikten einen Vermittlungsplatz besetzt, dort wird über Qualität geredet, über die gebaute Umwelt bei uns und anderswo. Es ist eine Diskussionsplattform gegenüber den Bürgern, aber auch innerhalb der Architektenszene.

Teamarbeit versus Geniemodell?
Ab 1995 hat man sich langsam daran gewöhnt, dass Architektinnen und Architekten im Team antreten, wo nur Insider wissen, welche Köpfe dahinterstecken. Diese Teams haben ernorme Vorteile. Man muss nicht immer greifbar sein, der Laden läuft trotzdem. Es wirkt sich auch positiv aufs Familienleben aus, wenn man nicht an sieben Tagen der Woche um 8 Uhr früh aus dem Haus geht und um 10 Uhr abends zurückkommt. Das Geniemodell des manischen Arbeiters, der die Architektur nur so herauswirft, gibt’s vielleicht noch immer. Wenn jemand alles vereinen kann: technische Neuerungen, gesetzliche Regelungen, Normen etc., und es fällt ihm dann immer noch etwas ein, wo man sagt: Wow, das repariert die Welt, das ist eine Lösung für eine lange schwärende Wunde, dann muss ich sagen: Hut ab.

Aber ich kann’s mir nicht recht vorstellen. Ohne Werner Leon, meinen langjährigen Büropartner, geht fast gar nichts. Wir sind gut beraten, uns breiter aufzustellen. Da sind die Vorarlberger Vorreiter, die Baukünstler haben begonnen, an einem Netzwerk zu wirken. Jetzt gibt es das Netzwerk Architektur, mehrere kleine Büros, die gemeinsam an Wettbewerben teilnehmen und sich eine weit über das Einzelbüro hinausgehende Möglichkeit zum Arbeiten schaffen. Auch bei uns ist die Szene sehr kollegial und Einzelkämpfertum nicht mehr üblich.

Die Kammerwahlen stehen vor der Tür, was sind deine Erfahrungen?
Mit internen Streitereien haben wir praktisch keine Zeit vergeudet. Bei den letzten Kammerwahlen gab es bei den Architektinnen und Architekten verschiedene Listen. Das wird auch heuer auch so sein. Derzeit gibt es 558 Wahlberechtigte, 128 in Vorarlberg, davon 102 mit aufrechter Befugnis, 430 in Tirol, davon 300 mit aufrechter Befugnis, davon sind 10,5 Prozent Frauen. Die gewählten Funktionäre finden auf Landesebene ziemlich schnell ihr Betätigungsfeld, da derzeit niemand alles an sich reißt. Nach meiner Erfahrung sind für die Tätigkeit des Sektionsvorsitzenden eineinhalb Tage pro Woche plus Sitzungszeiten nötig. Das Problem der Funktionäre, sich gegenseitig ins Gehege zu kommen, nimmt im Laufe der vierjährigen Funktionsperiode ab. Im Gegenteil, wir haben uns schnell zusammengerauft. Zwischen den Wahlterminen, wenn es schnöde Arbeit wird oder der eigentliche Beruf alles abverlangt, entfällt schon ab und zu eine Vorstandssitzung wegen Beschlussunfähigkeit.

Wie wird mit dem Problem aufrechte und ruhende Befugnis umgegangen?
Das wirtschaftliche Umfeld in diesem Beruf ist ohnehin so, dass die Einkommen gering sind und die Leute individuell versuchen durchzukommen. Mit einer ruhenden Befugnis darf man an Wettbewerben teilnehmen; wenn man auch diese Möglichkeit streicht, gibt’s für viele überhaupt keine Chance, selbstständig in dem Beruf zu arbeiten. Falls sie dann Arbeit haben, müssen sie die Befugnis aufrecht stellen, Kammerbeiträge und Versicherung zahlen. Pfusch mit ruhender Befugnis ist unkollegial und riskant. Unsere Bauherren müssen davor geschützt werden. Man denke an Schadensfälle ohne Versicherungsdeckung. Als Polizist will ich da aber nicht tätig sein. Ruhend gelegt, nicht in die Pensionskasse eingezahlt, später in die Armutsfalle geraten. Da gibt’s bereits Präzedenzfälle. In Vorarlberg läuft eine ganz starke Bewegung, die ruhende Befugnis abzuschaffen. Ohne alternative Regelungen für schlechte berufliche Zeiten halte ich das aber für verkehrt.

Zuladungen zu Wettbewerben durch die Kammer?
Es gibt den Markt, dort gelten die Marktgesetze und die schließen einige Leute aus. Es ist die Frage, ob es Möglichkeiten gibt, die jungen Talente oder solche, die sich als gut arbeitend qualifiziert haben, im Markt zu pushen. Dazu gibt es in den Länderkammern verschiedene Systeme. Bei uns kommen die Tiroler und Vorarlberger Kammermitglieder aufgrund von Wettbewerbserfolgen auf eine Liste, für neu Eintretende gibt es einen Anfänger-, für Frauen zusätzlich einen Frauenpunkt. Die Liste umfasst etwa fünfzig Namen, je mehr Wettbewerbserfolge, desto weiter oben im Ranking.
Wir haben Vereinbarungen mit allen möglichen Institutionen, die als Bauherren oder maßgebliche Geldgeber fungieren, dass die Kammer zwischen Architekten bei Wettbewerben zuladen kann. Da wird die Liste abgearbeitet. Wer zu einem Wettbewerb geladen wurde, wird für das Jahr darauf gesperrt. Durch dieses Statut sind die Alteingesessenen, die Kammerförderung nicht mehr notwendig haben, immer gesperrt; das sind etwa 50 Prozent der Liste, zum Beispiel früher Heinz-Mathoi-Streli, jetzt Din A4, weil die ständig irgendwo geladen sind. Bei einer Nennung ist es der Listenerste, bei mehreren Zuladungen wird innerhalb der Liste gemixt, etwa die erste, die fünfte, die fünfzehnte und die letzte Person.

Durch diese Segmentbildung greift man manchmal auf jemanden zu, der noch nicht so erfahren ist. Da kommen junge Kräfte ins Spiel, und der eine oder andere Bauherr tut sich damit schwer. Tatsächlich werden in diesem Zusammenhang aber oft Arbeitsgemeinschaften gebildet, bei denen frischer Elan und Erfahrung eine durch und durch positive Verbindung eingehen. Unser Berechnungssystem ist transparent und sucht ohne menschliches Zutun die Leute aus. Kammern haben immer wieder mit Seilschaftsvorwürfen zu kämpfen und wir schauen, uns möglichst unangreifbar zu machen. Der Reformbedarf sitzt im Detail: Wofür kriegt man wie viele Punkte, sind irgendwelche Awards anrechenbar etc., wie viele Punkte zählen EU-Wettbewerbe etc. Da ist ein super System gewachsen für erfolgreiche Qualitäts- und Nachwuchsförderung.

Es wird demnächst die Position des Wettbewerbskonsulenten geben, was hat man sich darunter vorzustellen?
Der problemlose Normalfall von durchschnittlich 20 Tiroler und sieben Vorarlberger Wettbewerben pro Jahr ist abgedeckt durch fachkundige Architekturwettbewerbsvorbereiter, durch die Unterstützung seitens der Kammerdirektion und den immensen Arbeitseinsatz des Wettbewerbsausschussvorsitzenden. Es steigt aber die Zahl von sogenannten Architekturwettbewerben, die eine faire Konkurrenz zu zumutbaren Bedingungen nicht erwarten lassen. Da gehen dann die Wogen hoch, nicht nur im Wettbewerbsausschuss. Alle Kammerfunktionäre arbeiten total unentgeltlich, das heißt neben und auf Kosten ihres Berufes und ihres privaten Umfeldes. Das stößt an Grenzen. Eine professionelle Zertifizierungsstelle oder auch Schlichtungsinstanz wird gebraucht. Vorläufig als bezahlter Halbtagsjob, aber es könnte sich ein Büro daraus entwickeln, wie es das in Finnland bereits gibt. Ich habe mich schon seit zweieinhalb Jahren damit beschäftigt und bin stolz, dass es bis Ende März auf Schiene sein wird.

Werbung

Weiterführende Themen

Gespräche
27.03.2019

Claudia Staubmann und Cédric Ramière, die Gründer des französischen Büros CoCo ­Architecture, waren Ende Februar Invited Speakers des Departure-Talk one und Gast von architektur in porgress im ...

Wolfgang List, Maik Perfahl und Mark Neuner
Gespräche
27.02.2019

Mostlikely – wieder ein Büroname mit Erklärungsbedarf? FORUM wollte es von Mark Neuner, Wolfgang List und Maik Perfahl genauer wissen und traf die drei in ihrem Wiener Büro. Dabei erzählten sie ...

Gespräche
17.12.2018

Architektur, Lehre und die Aufgeschlossenheit zu Innovationen sind in der dritten Generation eng mit dem Namen Hoppe ­verbunden. Diether Hoppes Söhne, Thomas und Christian, haben Baukultur mit der ...

Individuell angefertigte Waschtische von Laufen finden sich in Ian Schragers ­Public Hotel.
Hotelprojekte
06.11.2018

In der Laufen-Manufaktur in Gmunden wurde etwa das revolutionäre Material „Saphir Keramik“ entwickelt, das besonders dünnwandige Keramikprodukte mit engen Radien ermöglicht. Das Laufen Innovations ...

Gespräche
31.10.2018

Professorin Aglaée Degros ist seit 2016 Leiterin des Instituts für Städtebau an der Technischen Universität Graz und Science Fellow der Vrije Universiteit Brüssel. Ursprünglich in der belgischen ...

Werbung