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Mut zur Baulücke

03.05.2010

Das honiggelbe Wohn- und Geschäftshaus in der Wiener Innenstadt stülpt den Innenhof nach außen. Dadurch entsteht städtischer Raum – und noch mehr Platz, um die charakteristische Sonnenschutzfassade zu betrachten. Das Projekt von Rataplan ist in seinen letzten Zügen. Kommenden Sommer nimmt das chaotische Lamellenspiel seinen Lauf.

Eine Neubauparzelle mit 1.400 Quadratmetern, und das mitten in der Wiener Innenstadt – das ist nichts Alltägliches. Als im November 2005 das von der Immorent AG ausgeschriebene Expertenverfahren entschieden wurde, hagelte es sogar Berichte in Tageszeitungen und Fachmagazinen. Die großen Wogen erscheinen plausibel: Das als Sieger hervorgegangene Architekturbüro Rataplan hatte sich als einziger Teilnehmer getraut, die Einzigartigkeit der Bauaufgabe zu nutzen und den typischen Wiener Blockrand aufzulockern beziehungsweise neu zu interpretieren.

„Die Blockrandstruktur ist für eine Parzelle im dicht verbauten Stadtgebiet nicht immer die beste Lösung", sagt Architekt Rudi Fritz, „wir haben uns ausgerechnet, dass wir mit einer Auflockerung der Bauvorschriften ein Projekt schaffen können, von dem nicht nur der Investor, sondern auch der Mieter und Eigentümer, letztendlich sogar die Stadt profitieren kann."

Und das geht so: Die beiden vorgeschriebenen Innenhöfe wurden auf ein Minimum reduziert, die nötige Freiraum-Differenz wurde dafür dem Straßenraum zugeschlagen. Fritz: „Wir haben den klassischen gründerzeitlichen Innenhof einfach nach außen gestülpt. Der Anteil an Wohnungen und Büros mit Blick auf die Straße konnte auf diese Weise vergrößert werden. Nicht zuletzt profitiert der Straßenraum in dieser engen Lage von einer platzartigen Aufweitung."

Die Stülpmethode wird in Wien zur Zeit öfters angewandt: Beim Bürohaus k47 am Franz-Josefs-Kai (Fertigstellung 2003) hatten henke und schreieck architekten die rechnerische Rochade schon einmal vollzogen. Bei ihrem aktuellen Projekt auf der Mariahilfer Straße, dem neuen Geschäftshaus auf den Palmers-Gründen, kommt der Trick ein weiteres Mal zum Einsatz. Walter Stelzhammer, Prediger des neuen Wiener Blocks, Wolf Prix und Konsorten, sie alle plädieren schon seit Jahren für eine Auflockerung der Blockrandbebauung. Allmählich gelangen die planerischen Wünsche zur Umsetzung.

Der erste Eindruck des neuen Wohn- und Geschäftshauses: Leichtigkeit und Fröhlichkeit. Allein das ist schon ein eklatanter Gewinn gegenüber dem Vorgängerbau, einem gründerzeitlichen Skelett, das in den Sechziger und Siebziger Jahren mit einer dumpfen Marmorfassade verkleidet, ach was, regelrecht eingesargt worden war. „Wir wollten eine spielerische Fassade mit viel Farbe und mit einem sich ständig verändernden Erscheinungsbild kreieren", sagt Fritz, „durch die Benützung der Verschattungselemente wird das Haus auch nach außen hin lebendig und bewohnt erscheinen."

Das gesamte Haus in vom zweiten bis zum sechsten Obergeschoß in einen umlaufenden Sonnenschutzmantel eingehüllt. Die Falt-Schiebe-Konstruktion besteht aus geschoßhohen Lamellen aus Edelstahl-Streckmetall auf Formrohrrahmen. Das Streckmetall ist elektropoliert und somit von scharfen Graten befreit sowie polyspektral beschichtet (Farbton Champagner). Die oberen und unteren Laufschienen sind auf Konsolen montiert, die jeweils an die Geschoßdecke befestigt sind und rund 60 Zentimeter weit in den Straßenraum auskragen. Wartungsstege aus Gitterrost ermöglichen die kranlose Erschließung für etwaige Reparaturarbeiten.

Die Falt-Schiebe-Konstruktion ist individuell steuerbar. Dabei können die rund 40 Zentimeter breiten Lamellen pro Zimmer beziehungsweise Arbeitsraum zu einem querstehenden Paket zur Seite geschoben werden. Der Antrieb erfolgt über einen zentral platzierten Rotationsmotor in der ersten Lamelle. Durch die Drehung werden die Folgelamellen in eine ziehharmonikaartige Bewegung versetzt. Integrierte Laufwagen ermöglichen eine reibungslose Fahrt. Für den relevanten Bemessungszeitraum vom 15. Mai bis 31. August liegt der Verschattungsfaktor bei 0,27, wobei der Blick auf die Straße jederzeit wie durch einen Schleier möglich ist. „Das ist der große Vorteil am Streckmetall", sagt Fritz, „durch die Schrägstellung des Materials ist die Einstrahlung von oben abgebremst, während der Ausblick nach unten nach wie vor gegeben ist."

Eine zentrale Notsteuerung sorgt dafür, dass alle Lamellen im Brandfall vollautomatisch zur Seite geschoben werden und die Fensterfassade somit für eine etwaige Löschung beziehungsweise Bergung von außen freigeben. Spezielle Tests im Windkanal des Austrian Institute of Technology (AIT, vormals Arsenal Research) ergaben, dass die Fassade sowohl im geöffneten als auch im geschlossenen Zustand wind- und sturmfest ist. Einziges technisches Manko ist die fehlende Beheizung. Nach Auskunft von Rataplan habe die Fassade im AIT-Kanal jedoch auch dem Vereisungstest standgehalten.

Hinter der Verschattungsebene liegt die thermische Haut der Hauses. Im Erdgeschoß und ersten Stock, wo ab Sommer das Unternehmen Bene Büromöbel seinen neuen Schauraum und sein Wiener Head Office haben wird, gibt es eine vollflächige Glasfassade in Pfosten-Riegel-Bauweise. In den Geschoßen darüber ist die Außenwand in eine Bandfassade mit massivem Parapet und darüberliegendem Fensterband aufgelöst. Das Parapet ist gedämmt und mit honiggelb emaillierten Glasscheiben verkleidet. Insgesamt wurden rund 600 Quadratmeter Glasfläche verbaut, wobei die Gläser in den Gebäudeecken gekrümmt sind. Die Fensterebene besteht aus öffenbaren und nicht öffenbaren Fensterflügeln. Vor allem in den Wohngeschoßen wurden zwecks leichterer Möblierbarkeit vermehrt auch geschlossene Aluminiumpaneele verbaut.

Während in den unteren vier Stockwerken ausschließlich Büronutzung vorgesehen ist (hauptsächlich Großraumbüro), verfügen die Wohnungen in den vier obersten Geschoßen allesamt über einen eigenen Freiraum in Form von Loggia oder Dachterrasse. „In der Wettbewerbsphase lag der Anteil an Büroflächen noch bei zwei Drittel der gesamten Nutzfläche", erinnert sich Architekt Rudi Fritz. Aufgrund des exklusiven Standorts und der damit verbundenen hohen Nachfrage sei das Verhältnis im Laufe des Projekts auf 50:50 geändert worden. Die Büroflächen (ca. 5.000 Quadratmeter) werden vermietet, bei den insgesamt 34 Wohnungen handelt es sich um Eigentum.

Mit dem Funktionswechsel zwischen oberer und unterer Hälfte des Hauses ändern sich auch Raumhöhe und statisches Konzept. In den Wohnungen liegt die lichte Raumhöhe bei 260 cm, in den Bürogeschoßen liegt sie bei durchschnittlich 285 cm. Einzige Ausnahme ist der ins Projekt integrierte Altbau an der Neutorgasse, in dem die licht Höhe rund 320 cm beträgt. Sowohl in den Büroräumlichkeiten, als auch in Wohnungen wurde der Altbau in seiner Charakteristik beibehalten und ist in den Verband integriert. Bausubstanz und Fenster wurden saniert, der Rest wurde entkernt. Die Splitlevels sind über wohnungs- und bürointerne Stufen miteinander verbunden. Die Verbindungsgänge sind vom Alt- und Neubauteil optisch deutlich getrennt und als Brückenbauwerke mit entsprechenden Dehnungs- und Setzungsfugen ausgeführt.

Während in den Geschoßen 4, 5, 6 und DG die Wohnungstrennwände die statische Primärfunktion übernehmen, sind die Bürogeschoße EG, 1, 2 und 3 von einer Säulenstruktur im möblierungs- und zellbürofreundlichen Stützenraster von 127 cm durchzogen. Auf Straßenniveau wechselt die Tragstruktur komplett. Die Decke über dem 1. UG ist als massive Platte mit einer Stärke bis zu einem Meter ausgeführt. Sie übernimmt die gesamte Lastverteilung des Hauses und leitet die Kräfte in einen auf Garagenzwecke adaptierten Pfeilerraster über. In den drei Untergeschoßen befinden sich den 132 Stellplätzen Räume für Keller, Archive und Haustechnik. Das Gebäude ist ans Fernwärmenetz der Stadt Wien angeschlossen.

„Ich glaube, schon jetzt zeigt sich im Straßenraum die eigentliche Qualität des Projekts", sagt Architekt Rudi Fritz, „ich kann mir vorstellen, dass der nach außen gestülpte Innenhof in mehreren innerstädtischen Lagen Sinn machen würde." Am Vorplatz wird bereits der Unterkies gestreut. Mit der restlichen Gestaltung wird sich weisen, ob der Wiener Blockrand 2.0 urbanes Leben anlockt oder nicht.

 

Projektdaten: 

Bauherr: Sparkassen Immobilien AG
Architektur: Rataplan-Architektur ZT GmbH,  www.rataplan.at
MitarbeiterInnen: Waltraut Hoheneder, Markus Steinmair,  Armin Draxl, Anna Morawek, Katharina Müller, Alexander Dworschak
Statik: DI Zemler + Raunicher ZT GmbH, Wien
Bauphysik: DI Dieter Kath, Purkersdorf
HKLS: Immorent Objekttechnik HaustechnikplanungsgmbH, Wien
Fassadenplanung: AFC-Aluminium Fassaden Consulting GmbH, Wien
Brandschutzkonzept: DBI – Düh Beratende Ingenieure KEG, Wien
Wettbewerb: 2005
Planungsbeginn: 2005
Baubeginn: März 2008
Fertigstellung: geplant Juni 2010
Nettonutzfläche: 10.000 m²
Planungsbeginn: Sparkassen Immobilien AG
Fassade: Ing. A. Sauritschnig Alu-Stahl-Glas-GmbH, St.Veit/Glan
Shutter Sonnenschutz: GIG Project GmbH, Attnang-Puchheim
Baumeisterarbeiten: Universale Hochbau, Wien
HKLS: Ing. August Lenauer GmbH & CoKG, Linz
Elektro: Gottwald GmbH & CoKG, Hürm 

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