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Mutation vom Bunker zum Büroturm

22.02.2012

Wenn man einen unförmigen Bestand aus Beton nicht als Klotz am Bein betrachtet, ist vieles möglich. Dies lässt sich zumindest aus dem vorliegenden Beispiel eines Luftschutzbunkers ableiten. Eine gehörige Portion geistiger ­und jede Menge professioneller Flexibilität sowie gewaltige Umbaumaßnahmen waren vonnöten, welche die Wandlung der Funktion ermöglichten. Unter Beteiligung von fast hundert Firmen und dank jahrelangen ­Vorantreibens des Projektes liegt in Bochum die Fertigstellung des Exzenterhauses zum Greifen Nahe.

Die Lösung, einen Hochbunker zum Büroturm auszubauen, gehört sicherlich der Kategorie „geniale Ideen“ an, die allerdings in der Umsetzung so ihre Schwierigkeiten verursachen. Ablesbar wird dies im Fall des Betonkolosses an der Bochumer Universitätsstraße, der ein modernes Bürohaus werden soll. Jenes Projekt wird neben dem bautechnischen Know-how auch von hoher praktischer und architektonischer Qualität getragen. Dass die Höhe der Baukosten und die Länge der Bauzeit die Erwartungen der Beteiligten übertreffen wird, liegt vermutlich in der Natur der Sache beziehungsweise an der Gewagtheit des Projekts und ist als solches eigentlich keine Überraschung. „Die Außenwände des Rundbunkers mit einer Stärke von zirka zwei Metern mussten abgetragen werden ebenso wie die Sohlplatte mit einer Stärke von exakt zwei Metern und auch das Dach mit einer ebenfalls zwei Meter starken Stahlbetondecke“, rekapituliert der Bauleiter Udo Teigelkötter die vorgelagerten Bauarbeiten.

Betonkoloss
Von der Cemex Deutschland AG erfährt man zum Thema Betonarbeiten außerdem, dass mittels Großmastpumpe vorgegangen wurde, um 410 Kubikmeter Transportbeton durch die Dachöff­nung in den Bunker zu befördern. Für die Firma ist das Projekt eine besondere Referenz in Sachen Betonbau, dessen endgültiges Format doch noch korrigiert werden kann. Rund 7.000 Kubikmeter Transportbeton wird man, wenn alles geschafft ist, auf die prominente Großbaustelle befördert haben. Die alten, zwei Meter dicken Bunkerwände sind zwar so tragfähig, dass sie einiges an Last aufnehmen können, allerdings nicht alles, was an Last tatsächlich dazukommt. Darum hat man Konsolen in den alten Baubestand eingeschnitten, und es wurde Beton unter die Bunkerwände gedrückt, um diese zu stabilisieren. Der aufschießende Ergänzungsbau wird dann von der neuen Bodenplatte, den dreiunddreißig Meter tief verankerten Bohrpfählen und einem neuen, innenliegenden Treppenhaus mitgetragen.

Orientierung
Das so benannte Exzenterhaus ist dabei, unter Aufwendung von viel Fantasie ein Konglomerat aus Altem und Neuem zu werden. Der seit 1942 existente Hochbunker aus Stahlbeton wird dabei zu einem zwanzig Meter hohen und neunzehn Meter breiten Sockel degradiert. Er hatte im Zweiten Weltkrieg ganz profan als Luftschutzbunker für die Bevölkerung zur Verfügung gestanden und als solches auch seinen Zweck durchaus erfüllt. Aus diesem Grunde steht er nun unter Denkmalschutz. Auf den Rundbau aufgesetzt wird derzeit ein fünfzehngeschoßiger Hochhausteil. Dessen drei vertikal abgesetzte Abschnitte sind exzentrisch, aus der Mittelachse gegeneinander verdreht, angeordnet. Die Blöcke, deren Umfänge sich im Grundriss eiförmig darstellen, verfügen jeweils über fünf Regelgeschoße. Die kreisartigen Rundungen formen im Zentrum den Turm, der in drei verschiedene Richtungen elliptisch auskragt. Die Orientierung ist nicht zufällig zustande gekommen, sondern entsprechend den besten Aussichten von den Arbeitsplätzen aus: Der unterste Abschnitt richtet sich bodennah nach Süden auf die Baumkronen der grünen Mittelinsel der Hauptstraße. Der mittlere Abschnitt ist zur dreieinhalb Kilometer entfernten Großform der Universität gerichtet. Der oberste Abschnitt wendet sich hingegen zur Innenstadt und schafft optisch Kontakt zu mehreren anderen Hochhäusern.

Wegen des symbiotischen Nebeneinanders aus Bestand und Ergänzungsbau wird seitens des Architekten auch von einem Hybridbaukörper gesprochen. Ziel wäre es ihm zufolge außerdem gewesen, dem Bau eine dem Ort angemessene eindeutige Figur zu geben. Deshalb entwickelte er die Gestalt nach Proportionsregeln. „Die Höhenentwicklung des Hauses war verbindlich festlegt worden, was dem gedrungenen Rundbunker auch eine gestrecktere Gesamterscheinung verleihen soll. Die Höhe des Bunkers zu jener des Aufbaues verhält sich nämlich exakt im Verhältnis eins zu drei. Die Höhe der drei fünfgeschoßigen Pakete verhält sich außerdem zur Bunkerhöhe jeweils wie eins zu eins“, beschreibt der planende Berliner Architekt Gerhard Spangenberg die proportionalen Effekte.

Rentabilität
Der Turm wird bald seine finale Höhe von 89 Metern erreicht haben, womit er dann zu den höchsten Gebäuden der Stadt gehört. So streng darf man das mit der Höhe im Fall Bochums aber nicht nehmen, da hier ein durchmischtes Stadt-Land-Gefüge vorhanden ist und zwischen den Siedlungsbauten dank reichlich natürlicher Erhebungen vertikale Dysbalancen schon bestehen. Mit der Ruhruniversität sticht seit den Sechzigerjahren auch ein Baukörper aus dem Siedlungsgebiet hervor, der alles danach Errichtete wie eine Kleinigkeit aussehen lässt. Allerdings gibt es rund um die Baustelle auf der Universitätsstraße auch Anrainer, die es mit der Gebäudehöhe und dem damit verbundenen Schattenwurf doch lieber sehr genau nehmen. Eine direkte Nachbarschaft im eigentlichen Sinn ist allerdings nicht gegeben. Der Baukörper liegt nämlich auf einem Verkehrsstreifen in Insellage. Genau jene Lage und seine einmalige Höhe machen das wachsende Haus zu etwas Exklusivem, mit allen Vorteilen für die Vermarktung. Aus kommerzieller Sicht veredelt wird das Projekt dann noch mit rund hundert gedeckten Parkplätzen. So ist es weiters auch nicht überraschend, dass höchste lokale Quadratmeterpreise für die Büroflächen am ehemaligen Rundbunker erzielt werden. Die obersten Geschoße sind auch bereits vorvermietet. Dass manche Nachbarn sich da übervorteilt vorkommen, ist nachvollziehbar, tut dem wirtschaftlichen Erfolg des Projekts aber anscheinend keinen Abbruch. Zumindest wurde ein von Anwohnern angestrebter Baustopp vom Projektbetreiber erfolgreich abgewendet.

Geerdetes Hochhaus
Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass funktionell aus dem Bestand in Sachen Infrastruktur viel herausgeholt wurde. Neben den oberirdischen Stellplätzen, welche durch die Freiflächen in der Sonderlage ermöglicht wurden, hat man auch gebäudetechnisch der Situation einiges abgetrotzt. Bei der Tiefengründung war nämlich gleich die Geothermie erschlossen worden. Was die Planungsdetails betrifft, ist der Umstand beachtlich, dass wesentliche Räume für Gebäudetechnik in den Bunkergeschoßen untergebracht werden konnten. Damit hat man für den zuvor unnützen Baukörper eine sinnvolle Funktion gefunden. Zusammen mit der großzügigen Lobby ergibt dies Vorteile in der gesamten Nutzbarkeit des Gebäudes. Die oberen Geschoße werden damit nämlich im Volumen für Nebenflächen erheblich entlastet. Dies führt in weiterer Folge dazu, dass das Haus, im Verhältnis vermietbarer zu nichtvermietbarer Fläche günstig dasteht (77 Prozent zu 23 Prozent).

Abgesehen davon wurden die Querschnitte der Regelgeschoße optimiert, um auch in den Gebäudeinnenbereichen eine höhere Aufenthaltsqualität zu schaffen. Um eine verbesserte Lichtausbeute zu erzielen, wurde zu den Glasfronten hin die Raumhöhe trichterartig angehoben. Damit es vor allem in Richtung Süden trotzdem nicht zu Blendeffekten kommt, wurde auf Chrombeschichtungen an den Glasflächen zurückgegriffen. Sie sollen sonnenbrillenartig funktionieren und in der Folge eine dosierte natürliche Belichtung ermöglichen. Diesen Maßnahmen ist es zu verdanken, dass eine überdurchschnittlich gute Raumqualität im Inneren des Hochhauses zu erwarten ist. Auch die äußere Erscheinung lässt sich ja nun bereits abschätzen. Das Exzenterhaus kann in Summe dank Luftschutzbunker nicht nur als ambitioniertes Bauprojekt gelten, wie es ja bei vielen Hochhäusern der Fall ist, sondern tatsächlich auch als geerdetes.

Text Peter Matzanetz

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