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Nachruf

15.05.2017

Eduard F. Sekler (30. September 1920 Wien – 1. Mai 2017 Cambridge, Massachusetts)

Eduard F.Sekler

Durch den Tod von Eduard Sekler hat die Architektur einen der großen Denker des Jahrhunderts verloren, der auch für die Wiener Architektengenerationen der Nachkriegszeit von wesentlicher Bedeutung war.

Der unglaublichen Fülle seiner Leistungen, seiner Lehre, Forschung und seines aktiven Mitwirkens an Theorie und Diskurs durch ein Jahrhundert Architekturgeschichte kann ein Nachruf niemals gerecht werden, sondern lediglich einige wenige Facetten in Erinnerung rufen. Sekler hat Generationen von Architekten geprägt und begleitet, war mit wesentlichen Architekten des Jahrhunderts bekannt, hat alle Strömungen und Richtungen der Architekturentwicklung miterlebt.

Sein besonderes Engagement galt parallel der Betätigung, gemeinsam mit internationalen Organisationen, im Bereich des historischen Erbes. Als Teilnehmer desCongress of Architects for Historic Buildings“, der in Venedig stattfand, war er am Entwurf der berühmten Charta von Venedig sowie an der 1965 erfolgten Gründung von Icomos instrumental beteiligt.

Sekler hatte eine internationale Ausbildung absolviert: Basis dafür war nach dem Wiener Schottengymnasium das Architekturstudium während des 2. Weltkriegs an der Technischen Hochschule Wien, wo er 1945 seinen Abschluss machte. Anschließend wurde er Assistent bei Karl Holey an der Lehrkanzel für Baugeschichte und Bauaufnahme an der Technischen Hochschule Wien. Einen Ph. D. in Kunstgeschichte machte er 1948 am berühmten Warburg Institute in London. Mit einem Fulbright Stipendium kam er 1953 an die Harvard University Massachusetts. 1955 berief ihn Dekan Josep Lluís Sert als Visiting Professor of Architecture an die Graduate School of Design, Harvard University, wo er 1960 Full Professor für Architekturgeschichte, 1962 Coordinator of Studies an dem nach Plänen von Le Corbusier errichteten Carpenter Center for the Visual Arts wurde und von 1966-1976 dessen Direktor. Parallel dazu wurde Sekler unter dem damaligen Architekturdekan Michel Engelhart 1953 Dozent und 1960 ordentlicher Professor am Institut für Theorie und Kritik der Architektur an der Technischen Hochschule Wien. 1959 wurde Karl Schwanzer an die TH berufen und beide wurden zu Wegbereitern einer neuen internationalen und weltoffenen Ära in Wien.

Im informationshungrigen Wien im Jahrzehnt nach dem 2. Weltkrieg war es Sekler, der u. a. ab 1948 bis 1959 zunächst als Mitglied und schließlich österreichischer Delegierter bei den CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne – Internationale Kongresse Moderner Architektur) das Tor zur internationalen Architekturwelt öffnete und die Wiener Fachwelt mit Informationen aus der Welt versorgte und somit den Zugang zum internationalen Diskurs öffnete. Seit 1946 berichtete Sekler als Korrespondent der Zeitschrift „Der Aufbau“ über Kongresse und internationale Tendenzen und Themen.

Als Architekturhistoriker verfasste er bedeutende Schriften. Wie Otto Kapfinger in seiner Laudatio zur 2012 an Eduard Sekler verliehenen Ehrenmitgliedschaft der Wiener Secession erwähnt, waren seine Publikationen, wie die 1956 über Christopher Wren und dessen europäische Bedeutung erschienene, der 1978 in Harvard publizierte große Band über Le Corbusiers Carpenter Center und die 1982 Josef Hoffmann-Monografie drei international bis heute gültige, architekturwissenschaftliche Standardwerke, die noch dazu die Spannweite vom Barock bis zur Gegenwart umreißen. Besonders das Hoffmann-Buch war es, so Kapfinger „dass Sekler meiner Generation von Architektur- und Kunstbegeisterten erstmals nahebrachte“. Für die damals Jungen, wie Fritz Achleitner, Johann Georg Gsteu, Adolf Krischanitz und Dietmar Steiner sei, so Kapfinger „Seklers Buch über den in so vielen widersprüchlichen Facetten schillernden Hoffmann eine Primärerfahrung“, das zur Neubetrachtung und Beschäftigung mit dem Jugendstil und der Wiener Moderne beitrug.

Die Anknüpfungen und Verbindungslinien zu Sekler und der österreichischen Architektenschaft sind unglaublich zahlreich. So reiste Sekler 1962 als Unesco-Konsulent nach Nepal, wo er sich für die Katalogisierung der Denkmäler einsetzte. 1964 bestärkte er Carl Pruscha, der soeben ein Postgraduate-Studium in Harvard absolviert hatte, nach Nepal zu gehen, um dort als Unesco-Berater an einem Entwicklungsplan, dem „Protective Inventory for the Preservation of the Cultural Heritage and the Physical Environment for the Kathmandu Valley“ zu arbeiten, der die Basis für eine schließlich durch die Unesco erfolgte Unterschutzstellung als World Heritage Site gesetzt hatte. Ende der 1960er-Jahre folgte auch der Wiener Architekt Götz Hagmüller mittels einer FAO-Mission der UNO und lebt noch heute in Bhaktapur. 1990 gründete Sekler einen lokalen „Preservation Trust“ zur organisatorischen Begleitung von Renovierungen in Nepal.

Eduard Sekler erhielt international zahlreiche Ehrungen, 1987 ein Ehrendoktorat der ETH-Zürich, 2005 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst und 2012 wurde er Ehrenmitglied der Wiener Secession. Seit 2010 war er auch Mitglied der Kurie für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich.

Ein mehrstündiges Interview mit Eduard Sekler führte Richard Càndida Smith für den J. Paul Getty Trust 1995: Spirit and project : Eduard F. Sekler. Es ist transkribiert und online aufrufbar unter: https://archive.org/details/spiritprojectedu00sekl

Eine Auswahl der Publikationen von Eduard Sekler:

  • 1956: Wren and His Place in European Architecture, MacMillan and Company 1956
  • 1978: Le Corbusier at Work: The Genesis of the Carpenter Center for the Visual Arts, Harvard University Press, ISBN 978-0-674-52059-2
  • 1982: Josef Hoffmann: das architektonische Werk ; Monographie und Werkverzeichnis, Residenz-Verlag, Salzburg/Wien, 1982, ISBN 978-3-7017-0306-7
  • 1988: Die Architektur und die Zeit, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Abteilung für Architektur, Verlag der Fachvereine, Zürich 1988, ISBN 978-3-7281-1628-4
Autor/in:
Brigitte Groihofer
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