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Nachruf

24.06.2014

Helmut Richter: Der geniale Architekt des „hand-tailored tech“Präzision und kompromisslose Qualität prägten die Haltung des großen Stillen der österreichischen Architektur, der mit seinen prototypischen Bauten an der Grenze des Machbaren und Möglichen Ikonen der Architekturgeschichte geschaffen hat.

Nachruf von Brigitte Groihofer

Geboren 1941 in Graz, hat Helmut Richter (*13. Juni 1941 in Graz – 15. Juni 2014 in Wien) an der TU Graz das Studium zu einer Zeit begonnen, als die Generation Günter Domenig, Eilfried Huth, Raimund Abraham, Eugen Gross oder Friedrich St. Florian soeben diplomiert hatten. Mit ihm bevölkerten u.a. Heidulf Gerngroß, Volker Gienke, Bernhard Hafner und Klaus Gartler den legendären autonomen Zeichensaal. Viele der Absolventen wurden als Vertreter der sogenannten „Grazer Schule der Architektur“ international bekannt. 1968, gleich nach der Graduierung ging er, wie viele seiner Kollegen, ins Ausland. Von 1969 bis 1971 vervollständigte er seine Ausbildung mit einem Studium der Informationstheorie sowie der System- und Netzwerktheorie an der University of California in Los Angeles, wo er auch als Forschungsassistent tätig war. In dieser Zeit „verwandelte“ er sich – auch durch sein Interesse für Mathematik – vom „Baukünstler“ zum „Ingenieurarchitekten“. 1971 bis 1975 lehrte er als Professor für Architektur an der École Nationale Supérieure des Beaux Arts in Paris.

Die Anfänge
1977 nahm Richter mit der Gründung seines Ateliers in Wien seine freischaffende Tätigkeit als Architekt auf. Später, im Kampf mit der Bürokratie und der Stadtverwaltung, der Mutlosigkeit von Bauherren, hat er diesen Schritt zurück immer wieder heftigst bereut. Im Westen, in Los Angeles, London und Paris wurden die Bauten seiner Vorbilder, Renzo Piano, Norman Foster oder Richard Rogers realisiert, zu einer Zeit, als in Wien mit bekannt rückwärtsgewandten Blick die Postmoderne Einzug hielt. Im Westen wäre seine Architektur besser verstanden worden. Seine Sehnsucht nach Paris zeigte sich an seiner stets elegant-legeren Kleidung – er war der bestgekleidete und fescheste Architekt Wiens – und der Wahl seiner Automarken, die immer französischer Herkunft waren.

Die erste Aufmerksamkeit in Wien erregte er als Student. 1967 gewann er als einer von 72 Teilnehmern den 1. Preis für den „Wittmann-Möbel-Wettbewerb“. Ein 2. und 3. Preis wurde erst gar nicht vergeben. Ausgeschrieben worden war ein durch einfache Manipulation in eine Bank verwandelbare, mechanisches Bett t. Richter löste diese Aufgabe, indem er eine Liegefläche in einen doppelten Stahlrohrrahmen einhängte und darauf drei unabhängige, auf- und abhebbare Fauteuils montierte. Dieser Prototyp wurde in der „Selection 66“ in einer von Johannes Spalt gestalteten Ausstellung im MAK präsentiert und brachte ihm eine erste hymnische Rezension von Friedrich Achleitner in „der Presse“.
1966 entwarf er auch ein „Mobiles Büro“, einen visionär-innovativen mobilen Arbeitsplatz, technisch höchst ausgetüftelt und seiner Zeit weit voraus.

Ein erstes, frühes Hauptwerk entstand 1977 bis 1980 in Zusammenarbeit mit Heidulf Gerngroß mit dem Haus Königseder in Oberösterreich, das auch internationale Beachtung fand und heute als bahnbrechendes Werk österreichischer Architektur gilt. Es folgte das Haus Plattner in Niederösterreich. Wettbewerbsteilnahmen für die Friedrichstadt in Berlin und die Opéra de la Bastille in Paris Anfang der 1980er Jahre machten das Wiener Atelier über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Mit dem Wohnbau auf den Gräf & Stift-Gründen in Wien 19 konnten Helmut Richter und sein damaliger Partner Heidulf Gerngroß für die Gemeinde Wien einen großen kommunalen Wohnbau verwirklichen, wobei jedoch praktisch kein Detail in seinem Sinn realisiert wurde, weshalb er sich auch von diesem Bau distanzierte.

Technologisch orientiertes Bauen
Auf das damals „meistpublizierte Badezimmer der Welt“ für Stefan Sares in Wien 3 (1983-84) folgte der erste sogenannte „High-Tech-Chinese Wiens“, das „Kiang 1“ in der Rotgasse in ersten Bezirk. Es verursachte 1985, wie Dietmar Steiner im Buch für Helmut Richter (das seine Studenten und Assistenten aus Liebe zu ihm 2007 auf der TU herausgaben) bemerkte, „eine Aufregung, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann“ und weiter „mit diesem Lokal wurde ein architektonischer Kontrapunkt zur inzwischen schon klassischen Wiener ‚kleinen Architektur’ gesetzt“. Erfreulich und dem Bauherrn zu verdanken ist, dass das Lokal noch heute unverändert erhalten ist, „selbst die rote Plane ist noch original“, bemerkt Thomas Kiang stolz. Unbedingt zu nennen sind noch weitere, als Hauptwerke zu bezeichnende Arbeiten: die Wohnanlage in der Brunner Straße in Wien 23 (1986-90), ein Bau mit dem Richter stolz den Beweis antrat, dass High-Tech nicht teurer sein muss. Dann die Informatik-Hauptschule am Kinkplatz in Wien 14 (1992-94) und das Restaurant Kiang 2 in Wien 3 (1996-97).

Alles Manifeste technologisch orientierten Bauens
Abgesehen von den zahlreichen Realisierungen (z. B. Wohnbau Grundäcker, Wohnbauten in Graz) und Wettbewerbsprojekten (Projekt Donau, Quartier Pulvermühle, Museo del Prado) muss auch die Tätigkeit Helmut Richters als Ausstellungsarchitekt hevorgehoben werden. So in Wien die Gestaltung der legendären Festwochenausstellung 1991 „Bildlicht“ im Museum des 20. Jahrhunderts und für die Biennale in Venedig „die Vertreibung der Vernunft – der kulturelle Exodus von Österreich“, wo er auf eindrucksvolle Weise die unendliche Anzahl der Vertriebenen durch auf einer Linie gereihte TV-Geräte verbildlichte, die sich optisch quasi ins Unendliche hinaus auf den Canale Grande in einen die Wand durchbrechenden Container fortsetzte und gleichzeitig als Werbeträger auf die Ausstellung von außen hinwies.

Helmut Richters Architekturen gelten heute im überwiegend technologiefeindlichen österreichischen Umfeld als Sonderleistungen internationalen Zuschnitts, die aus den zumeist in Österreich gewohnten Normen ausbrechen. Viele seiner Bauten entstanden in der „vordigitalen Zeit“ ohne Computer – heute kaum mehr vorstellbar. Er zeichnete seine High-Tech-Pläne mit Tusche auf Transparentpapier, mit Stiften der Liniendicke 0,15 und 0,20 mm und mit höchster Präzision. Das veranlasste Peter Cook zum Ausspruch, seine Architektur sei „hand-tailored tech“. Ich erinnere mich, dass er von der Uni ins Büro am Fleischmarkt kam und am Plan eines Mitarbeiters eine unpräzise Linienführung von einem Bruchteil eines Millimeters auf den ersten Blick erspähte.
Einzigartig war auch seine kongeniale Zusammenarbeit mit dem Bauingenieur und Tragwerksplaner Lothar Heinrich des Büros Vasko&Partner. Stundenlang tüftelten beide – bald lebenslange wesensverwandte Freunde – an konstruktiven Details. Träger wurden bis an die Grenze des Möglichen herunter gerechnet, um jeden Zentimeter wurde gestritten. Das Ergebnis waren atemberaubend kühne und poetisch elegante Lösungen. Wenn Lothar Heinrich kam, musste es mucksmäuschenstill im Büro sein oder man wurde zum „Auswandern“ ins Cafe Schmoll aufgefordert.

Nachhaltig prägender Lehrer
Als Glück für die österreichischen Studenten kann man den Einzug Helmut Richters von 1991 bis 2007 in der Nachfolge von Ernst Hiesmayr als o. Univ.-Prof. an der TU Wien, Lehrkanzel an der Abteilung für Hochbau 2 bezeichnen. Seit Karl Schwanzer hatte es keinen so nachhaltig prägenden Impresario an der TU gegeben. Wie jener, war er offen für alles konstruktiv Neue, wie jener stellte er den Menschen in den Mittelpunkt und wie jener, interdisziplinäre Planung. In den 17 Jahren seiner Lehrtätigkeit an der Technischen Universität Wien betreute er die unglaublich große Zahl von mehr als 500 Diplomarbeiten – unter seinen Schülern waren Andi Gerner, Jakob Dunkl, Gerd Erhartt, Hemma Fasch, Jakob Fuchs, Ritter&Ritter, Johannes Baar-Baarenfels, Bernhard Sommer- womit sein Wirken – unabhängig von seinem gebauten Werk und seinen zahllosen Vorträgen – von größter Nachhaltigkeit auf die österreichische und auch internationale Architektur ist. Wie Karl Schwanzer lud er internationale Architekten, wie Richard Rogers, Peter Cook oder Norman Foster zu Vorträgen an die TU, die auch sofort und gerne kamen und Exkursionen führten – trotz seiner anfänglichen Flugangst, es kam vor, dass er vom Flughafen zurück ins Büro kam und dann mit dem Zug folgte – nach Los Angeles, Paris und London.

Es ist zu hoffen, dass eines der wichtigsten Werke Helmut Richters, die Informatik Mittelschule Kinkplatz in Wien, unter Denkmalschutz gestellt wird. Der Schulbau ist eine bis zum letzten Millimeter durchdachte poetische Konstruktion. Jeder verändernde Eingriff in dieses Gebäude würde es zerstören.
Der architektonische Nachlass Helmut Richters befindet sich im AZW (Architekturzentrum Wien).

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