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Gerald Zugmann/ Archiv Zamp AWG

Neue Wege – Neue Strategien

16.05.2018

Jede Generation an Architekturschaffenden erfindet sich neu. Aber was hat junge Architekten motiviert und angetrieben, ihr eigenes Atelier zu eröffnen? Und ist der Sprung in die Selbstständigkeit für die „next generation“ überhaupt noch ­erstrebenswert?

von Volker Dienst

Unsere Gesellschaft verändert sich, die Lebensmodelle verändern sich und damit auch die Anforderungen und Herausforderungen für die Berufsgruppe. Erst der Rückblick zeigt bei kontinuierlichen Entwicklungen, welche Zäsuren prägend waren und welche Strategien erfolgreich. Wir beginnen unsere Zeitreise also im Jahr 1967. Erst zehn Jahre zuvor wurde die Architektenkammer zur Pflichtvereinigung für Architekten. Seit damals ist Architekt in Österreich kein Beruf mehr, sondern Stand. Die ZV wurde auf die kulturelle Agende reduziert. Wiederaufbau als staatlich gefördertes und gelenktes Programm – günstig, funktionalistisch und schnell heißt die Devise. Seit 1966 gibt es ein Bundesministerium für Bauten und Technik. Der für den Aufbau verantwortliche Berufsstand wird durch eine verbindliche Honorarordnung (GOA 1972) vor dem Preiskampf am freien Markt „geschützt“. Eine neue Kommunikationskultur und Architekturkritik etablieren sich. 1967 werden die Fachmagazine „bauforum“ (heute Architektur & Bau FORUM) und „architektur.aktuell“ gegründet. Friedrich Achleitner schreibt seit Anfang der 1960er Jahre Architekturkritiken für „Die Presse“. 1965 wurde die Österreichische  Gesellschaft für Architektur gegründet, und Hans Hollein schreibt sein Manifest „Alles ist Architektur“ (veröffentlicht 1968 in der Zeitschrift „Bau“).

„Alles ist Architektur“
Neben der traditionellen Hochkultur erringen Populär- und Jugendkultur weltweit einen neuen Status. Die Architekten Laurids Ortner, ­Günter Zamp Kelp und der Maler Klaus Pinter gründen 1967, inspiriert von Rock- und Jazzbands, die Architekten-Künstlergemeinschaft Haus-Rucker-Co (1971 Eintritt Manfred Ortner). „Die Rockbands waren berühmt, hatten Geld und jede Menge  Mädels – das wollten wir auch“, erinnert sich Laurids Ortner im Interview mit dem Architektur & Bau FORUM. Und die Boulevardmedien berichteten bereitwillig über die aufsehenerregenden Installationen. Tageszeitungen als Instrument, Popularität als Ziel. 1968 wollen auch Coop ­Himmelblau Rockstars der Architektur werden.

Provokation als Strategie – Aktionismus als Mittel
Die visionären Entwürfe und Installationen der Wiener Avantgarde mit Walter Pichler, Haus ­Rucker Co., Hans Hollein, Coop Himmelblau, ­Domenig und Huth, Salz der Erde und Zünd-Up erweitern den Architekturbegriff und beginnen immer mehr die Grenzen zwischen Kunst, Design, Bekleidung, Architektur und Städtebau aufzubrechen. „Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken zu denken!“, so Hans Hollein. Der Vortrag von Otto Mühl bei Günther Feuersteins Vorlesung „Gegenwartsarchitektur“ im Wintersemester 1966/67 auf der Technischen Hochschule (heute TU) Wien führte zu gemeinsamen Aktivitäten zwischen der Wiener Avantgarde-Kunst und dem Wiener Aktionismus wie beispielsweise beim „Zock-Fest“ im April, das durch einen Polizeieinsatz jäh beendet wurde. Ein gemeinsames Merkmal dieser jungen Architektengeneration war die Faszination für Technik und dass sie ihre Visionen nicht nur zeichneten, sondern auch im Rahmen von Installationen und Selbstversuchen die Auswirkungen der neuen Technologien auf Körper und Geist untersuchten. Die Aktionen und Experimente standen zumeist im Kontext eines theoretischen Backgrounds und wurden in Manifesten definiert und niedergeschrieben. Die junge Wiener Architekturszene war vereint durch den Protest gegen den konventionellen Kunstbetrieb und durch einen radikalen Bruch mit dem Funktionalismus der Nachkriegsmoderne. Nicht selten starten die „Jungen“ nun als Kollektive, um dann aber Jahre später und mit zunehmendem Renommee als Einzelkämpfer dem Starprinzip zu folgen. Und vereinzelt beginnen auch weibliche und männliche Architektenpaare die männerdominierten Partnerstrukturen aufzubrechen.

Digitale Medien und kreative Dienstleister
Zeitsprung in die 1990er Jahre: Die einstigen Avantgardisten der 1960er Jahre sind bereits zu professoralen Würden aufgestiegen. Computer und Plotter beginnen Reißbrett, Transparentpapier, Rapidographen und Planpausen abzulösen. Gab es noch vor den 1990er Jahren eine klare Unterscheidung zwischen den kreativen Ateliers der Künstlerarchitekten und den „spekulativen Architekturfirmen“, so beginnt diese nun zunehmend zu verschwimmen. Wesentliche bundespolitische Lenkungsinstrumente werden ab Mitte der 1990er Jahre aufgegeben oder privatisiert. Schon seit 1987 gibt es kein eigenes „Bautenministerium“ mehr. Wohnbauforschung und Wohnbauförderung werden „verländert“ (Schüssel/­Lacina 1996) und verlieren die Zweckbindung. Die öffentliche Hand verabschiedet sich zunehmend als Bauherr und delegiert diese an private, ausschließlich wirtschaftlich agierende Unternehmen bzw. agiert selbst so (1992 wird die Bundesimmobiliengesellschaft gegründet). Aus dem „geschützten Beruf“ des Architekten wird mehr und mehr ein Dienstleister, der dem freien Markt unterworfen wird (2005 wird die Honorarordnung für Architekten von der österreichischen Bundeswettbewerbsbehörde aufgehoben).
In dieser Zeit gründet sich eine Vielzahl an jungen Architekturbüros – mehrheitlich als mehrköpfige Teams, die keine andere Wahl als den Sprung in die Selbstständigkeit sehen und sich oft hinter mehr oder weniger fantasievollen Boygroup-Names- oder Buchstabenkürzeln verbergen. Die Suche nach einem trendigen Namen (natürlich klein geschrieben) sowie nach der passenden Typographie ist wichtiger als ein Manifest. Dietmar ­Steiner konstatiert die Verdopplung der Architekten seit den 1980er Jahren innerhalb von nur 25 Jahren („Junge Architekten: Zum Erfolg verdammt“, Profil 21. 04. 2007). Die meisten dieser „Emerging Talents“ konnten bereits während des langen Architekturstudiums ausreichende Erfahrungen sammeln – die rasche Gründung des eigenen Büros wird nicht hinterfragt. Die zunehmend zeitsparenden, weil digitalen, Arbeitsabläufe und ein hohes Maß an Selbstausbeutung sichern trotz Honorarverfall ein Überleben. Gepaart mit dem unbändigen Willen, sich über offene Wettbewerbe Aufträge zu erkämpfen, gelingt es diesen Gruppen, sich zu etablieren. Das Privat- und Familienleben gerät dabei nicht selten ins Hintertreffen, denn Nacht- und Wochenendarbeit prägen den Architektenalltag beinahe flächendeckend. Im ersten Kreativwirtschaftsbericht 2003 werden die Architekten zwar als die mit Abstand größte Berufsgruppe innerhalb der Kreativwirtschaft beschrieben. Allerdings mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen, den längsten Arbeitszeiten und nicht selten prekären sozialen Arbeitsbedingungen. Und auch eine Mitgliedschaft in der Architektenkammer, insbesondere die Pflichtversicherung und die WE-Abgaben, sind in der Gründungsphase für die meisten nicht leistbar. Nicht selten werden die Übergangsregelungen infolge des EU-Beitritts ausgenützt, um mit günstigen holländischen, deutschen oder italienischen Lizenzen zu arbeiten. Oder der ehemalige Chef ­„stempelt“ den Wettbewerb.
Auf den Architekturfakultäten beginnen vermehrt internationale Stararchitekten die Professuren zu übernehmen. Die bisher generalistische Ausbildung für ein gesamtheitliches Leistungsbild weicht immer öfter jener des angloamerikanischen Entwurfsarchitekten. In den Folgejahren gibt die Berufsgruppe den Leistungsbereich der örtlichen Bauaufsicht vermehrt ab.

Solidarische Netzwerke und Selbstorganisation
Neu sind ab Mitte der 1990er Jahre die Bildung solidarischer Netzwerke zwischen den jungen Kollektiven und ein hohes Maß an Selbstorganisation. Weil noch Mitte der 1990er Jahre unter der etablierten Kollegenschaft und den Institutionen die Meinung vorherrscht, dass junge Büros noch keine Berechtigung hätten, öffentliche Vorträge zu halten, wird 1997 die Plattform architektur in progress gegründet, die die Organisation von Vorträgen für junge, innovative Büros übernimmt und auch beginnt, den Austausch zwischen den regionalen Szenen österreichweit zu etablieren. Die Initiative wonderland spannt ein europaweites, grenzüberschreitendes Netzwerk junger Büros auf. Und auch die berufspolitischen Belange werden solidarisch organsiert und selbst in die Hand genommen.
2000 entwickelte sich aus der kammerkritischen Bypass-Bewegung die ig-architektur. Daraus entwickelt sich im Nationalratswahlkampf 2002 gemeinsam mit weiteren Institutionen die Plattform Baukultur und Architekturpolitik (heute Plattform Baukulturpolitik): Architekturschaffende treten in direkte Kommunikation mit der Politik. Ganz wesentlich für den großen Erfolg der Selbstorganisation waren neben einem hohen Maß an Solidarität sicherlich auch die Entwicklung von E-Mail und Internet. Und auch der gegenseitige und regelmäßige Austausch von Informationen zu Wettbewerben, wie etwa im Rahmen des „Fightclubs“ in Wien, zeigt eine weit offenere Diskussions- und Austauschkultur als jene der Vorgängergeneration.

Junge Architekten brauchen Aufmerksamkeit
Neben Wettbewerbsgewinnen ist vor allem das Eigenmarketing ein ganz wesentlicher Erfolgsmotor für diese Generation. Gute Fotos und fertige Textbeiträge über die oft kleinen, eigenen Projekte und eine aktive Medienarbeit schaffen Aufmerksamkeit. Die Professionalisierung der Selbstvermarktung schreitet mit der verstärkten Nutzung der Social Media aber auch mit der Beauftragung eigener PR-Agenten voran. Die flachen Hierarchien innerhalb der jungen Büros schaffen ein gutes Arbeitsklima und die Möglichkeit der Mitgestaltung für Mitarbeiter. In der Folge wachsen erstaunlich viele dieser Büros rasant an. querkraft, AWG, franz&sue, BEHF, BWM usw. haben 2017 teilweise weit über 30 Mitarbeiter. So ist es auch zu erklären, dass der Gründungsboom ab der Mitte der 1990er Jahre in den letzten Jahren wieder merklich verebbt. Viele der nachfolgenden Architekten fühlen sich in diesen Bürostrukturen als Mitarbeiter wohler. Die zunehmende Verrechtlichung im Normenbereich (zwischen 1999 und 2014 steigen die Baunormen von zirka 10.000 auf über 24.700 an) sowie im Vergabewesen und die merkliche Verschärfung an Bewerbungskriterien bei Wettbewerben machen den Sprung in die Selbständigkeit nicht nur schwieriger, sondern auch unattraktiver. Ganz wesentlich tragen aber auch die geänderten Lebensmodelle mit dem Ziel einer ausgeglichenen Work-Life–Balance dazu bei, dass sich viele junge Kollegen zweimal überlegen, ob sie selbst und ständig arbeiten wollen.

Work-Life-Balance, freie Zeiteinteilung und Muße
Lisi Wieser gründet 2013 in Wien das Unternehmen WEISSGLUT. Am Anfang steht für sie der Wunsch, Architektur anders anzubieten und anders als üblich zu leben. Für Wieser war und ist die Suche nach einem Architektenleben mit freier Zeiteinteilung, ausreichender Muße, ungebunden an Orte, mit adäquatem Verdienst, minimaler Haftung und somit größtmöglicher Freiheit wesentlich. Die jungen Kollegen lernen im Rahmen eines Mentoring-Programms, sich und ihre Projekte besser zu verkaufen. Diese und andere Initiativen der ig-architektur haben dazu beigetragen, dass 2014 Mitglieder der ig als Fraktion bei der Kammerwahl so erfolgreich kandidieren, dass sie nunmehr die Anliegen der jungen und kleinen Büros auch innerhalb der Architektenkammer wahrnehmen. Auch der aktuelle Präsident der Bundesarchitektenkammer, Christian ­Aulinger, gehört zu dieser Gruppe, und so verwundert es wenig, dass im aktuellen Entwurf der ZTG-Novelle der Anwärterstatus für Architekturabsolventen formuliert ist und sich auch insgesamt die Situation der Start-ups in der Standesvertretung deutlich verbessert hat.

Internationale Großbüros und wendige Swarms
Der globale Trend international agierender und breit aufgestellter Megabüros, in welchen angestellte Architekten nur eine Profession von vielen sind, wird auch vor Österreich nicht Halt machen. Sie werden künftig die Großaufträge professionell abwickeln. Parallel dazu werden aber der Umbau und die intelligente Nutzung des Bestandes ein zunehmendes Thema werden. Und da können wendige Kleinststrukturen, die für kleinstrukturierte Auftraggeber noch leistbar bleiben, besser punkten. Die mobile und digitale Kommunikation erlaubt eine projektspezifische und interdisziplinäre Zusammenarbeit in unterschiedlichen Konstellationen als sogenannte „Swarms“. Diese Kleinststrukturen mit ein bis zwei Architekten agieren flexibel und können aufgrund eines äußerst effizienten Ressourcenverbrauches gut überleben. Gemeinsame Aktivitäten im öffentlichen Raum, wie etwa beim „Team Wien“, schaffen Aufmerksamkeit. So geben Kollektive wie „Studio Magic“ mit Kleinstbüros in Innsbruck, Bozen, Bad Goisern, Graz und Wien schon jetzt einen Ausblick darauf, wie sich in Zukunft Architekten organisieren werden. 

 

Autor/in:
Redaktion Architektur & Bau Forum
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