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The next enterprise: Im Stetigen Prozess der Verräumlichung

02.05.2008

Für ihre eigenwillige Formensprache sind Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs, the next ENTER­prise architects, als Visionäre der österreichischen Architektur weit über die Landesgrenzen bekannt. Ihr Ausbrechen aus vorgefertigten Denkmustern und Dogmatismen lässt neue Raumvorstellungen entstehen. FORUM sprach mit den Architekten über das Überschreiten von konventionellen und fiktiven Grenzen, um der Individualität des Menschen Platz zu bieten, sowie über komplexe und formal anspruchsvolle Ansätze, die in den jüngsten Bauten umgesetzt wurden.

Brigitte Amort im Gespräch mit Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs

Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs

Es ist schade, dass man eine Bauaufgabe oft nur auf eine simple Box reduziert. Die Raumvorstellung ist doch endlos, nur die Kapazität unseres Gehirns ist eingeschränkt.

Im internationalen Kontext sieht man euch in der Architekturszene als Visionäre. Welche sind eure Visionen für die Stadt und die Lebensformen der Zukunft?
Ernst J. Fuchs (EJF): Die Stadt der Zukunft existiert nur dann, wenn sie auch die Möglichkeit bekommt, sich zu entwickeln. Jede Stadt ist reglementiert, und je höher der Grad der Reglementierung ist, umso geringer ist die Chance einer Zukunft. Es gibt kein Rezept für Zukunft, nur Strategien, Vorstellungen und Überlegungen. Das betrifft nicht nur die Arbeit der Architekten, sondern alle, die in einer Stadt leben. Prozesse müssen möglich sein. Die Stadt ist sehr stark in Reglementierungsgedanken verankert: Wenn es zu dogmatisch wird, wird es keine Stadt der Zukunft geben, sondern nur eine Stadt von gestern.
Marie-Therese Harnoncourt (MTH): Wir haben uns im Rahmen des Projekts „How to Start a City!“ mit den Regelwerken auseinandergesetzt, die festlegen, wie Stadtteile anhand von Masterplänen entwickelt werden. Der Masterplan ist ein fertig konstruiertes Formular, das einen Prozess der Veränderung unserer Meinung nach nicht unterstützt. In einer Stadt der Zukunft sollte der Benutzer mit einer immer größeren Selbstverantwortung agieren können. Uns interessiert, für sich ständig ändernde Lebens- oder Kommunikationsformen Räume, Plätze und Nischen im öffentlichen, halböffentlichen und privaten Raum zu schaffen. Uns interessieren Orte, die nicht gänzlich vorprogrammiert sind. Wir bezeichnen solche Orte als weiße Flecken in der Stadt, öffentliche oder halböffentliche Bereiche, die nicht zur Gänze strukturiert sind und die es kaum noch gibt.

Wie wichtig ist für euch die konkrete Umsetzung eines Konzepts?
EJF: Im Voraus kann man nie mit Sicherheit sagen, ob ein Projekt realisiert wird. Als Basis gilt es auf jeden Fall, ein interessantes Denkmodell zu erstellen, ganz egal, ob es nun realisiert wird oder ein Prototyp bleibt. Es geht nicht darum, nur ein Haus zu bauen, sondern auch darum, Lebensweisen zu verräumlichen. Der Entwicklungsprozess ist das Spannende.
MTH: Das Thema Raum und Nutzer bzw. Benutzer hat für uns immer einen starken Zusammenhang. Viele unserer Projekte und Installationen bergen mehrere Nutzungsmöglichkeiten in sich. Jedes Projekt muss perfekt funktionieren, aber wir wollen eben auch dem Bereich, der nicht planbar ist, Raum geben.

Wenn man so experimentell arbeitet und mit konkreten Bauaufgaben konfrontiert ist, inwieweit muss oder will man dann Kompromisse eingehen?
MTH: Das Seebad Kaltern war ein Wettbewerbsgewinn, Grafenegg, ein Wettbewerbsgewinn, Villach, ein Wettbewerbsgewinn. Wir haben gewonnen, weil die Auftraggeber unser Konzept umgesetzt sehen wollten. Trotzdem ist es ein Kraftakt, ein Bauvorhaben ohne Qualitätseinbußen durchzutragen.
EJF: Die Stärke des Konzepts ist sehr wichtig, das wollen wir vorantreiben und untermauern. Ein Projekt, das nur Konzept bleibt, bleibt auch abstrakt. Im Planungsprozess gewinnt ein Projekt an Facetten, es entwickelt sich weiter – nach unserer bisherigen Erfahrung ist das ein durchaus positiver Prozess. Das Basiskonzept von Villach beispielsweise hat sich vom Wettbewerb bis zur Einreichung nicht grundlegend verändert, es ist aber ­nuancierter und dadurch sogar besser geworden.

Eure jüngsten Gebäude sind sehr skulptural – ist der Architekt ein Künstler?
EJF: Der Architekt ist Architekt, auch wenn er künstlerisch arbeitet und denkt.
MTH: Ich denke, es ist wesentlich, dass jeder seine eigene Ausdrucksweise hat. Man wird gerne in Schubladen gesteckt und auf Schlagworte reduziert: Die einen gelten als pragmatisch und ergo günstig, von den anderen heißt es, sie seien expressiv, verwirklichen sich selbst oder produzieren gar teuren Firlefanz. Wichtig ist doch – jenseits dieser Schnellurteile –, dass es um eine ambitionierte Auseinandersetzung mit dem Raum, mit Lebensweisen und Strukturen geht.
EJF: Es ist schade, dass man eine Bauaufgabe oft nur auf eine simple Box reduziert. Die Raumvorstellung ist doch endlos, nur die Kapazität unseres Gehirns ist eingschränkt.

Material wird von euch meist völlig ausgereizt; Ist dieses Experiment Teil des Konzepts?
EJF: Ja, natürlich – das Seebad in Kaltern ist eine wissenschaftliche Abhandlung über Beton.
MTH: Es gibt unsererseits schon ein konstruktives Interesse an den Materialien. In Kaltern etwa war es bereits von Beginn an klar, dass es ein Gusskörper werden muss. Wir wollen Strukturen generieren, die die Tragwerksplaner auf neue Fährten führen. Die Schnittmenge aus Struktur und Statik kann etwas Neues hervorbringen. Die Konstruktion formt mit, das Material wird ausgereizt.
EJF: In dieser Wechselwirkung von Struktur und Raum entstehen natürlich auch Kollisionen, wir provozieren sie ja. Wir gehen davon aus, dass es kein ideales Universum gibt, kein ideales Gebäude, keine ideale Stadt. Dieser Ansatz wäre für uns einfach viel zu dogmatisch.

Wie wichtig ist für euch die Funktion eines Gebäudes?
EJF: Die Funktion ist ab dem Moment erfüllt, in dem jemand einzieht und sich in dem Gebauten wohl fühlt. Vorgaben hinterfragen wir sehr stark. Man kann die Dinge nicht so idealisiert betrachten, natürlich gibt es ein Funktionsprogramm – das soll es auch geben –, und dennoch gibt es das Phänomen, dass Funktion erst durch die Nutzung entsteht. Funktion ist oft nur eine Krücke, um einen Raum argumentieren zu können, ersetzt aber nicht das Konzept an sich. Eine Küche ist eine Küche, das kann sich jeder vorstellen: Es geht aber nicht um das mehr oder weniger bravouröse Absolvieren eines Programms, sondern eben um das Hinterfragen, Neukombinieren und Rekonfigurieren. Daher wird aus der Küche etwas anderes, plötzlich passt darauf ein anderer Begriff.
MTH: Die Begriffe in der Architektur sind stark vorbestimmt und verleiten dazu, in eingefrorene Denkschemen hineinzu­gleiten, denen man schwer entkommt. Architektur braucht alternative Begriffswelten, wenn sie sich von überkommenen Vorstellungen loslösen soll.
EJF: Das Beispiel Wettbewerb Neubau Therme Warmbad Villach zeigt unseren Umgang mit Funktion: Bei diesem Projekt sind etwa 10.000 Quadratmeter Nutzfläche zu organisieren – mit komplexer Erschließung, Haustechnik, Klima etc. Wir haben trotzdem ein Konzept vorgeschlagen, in dem wir von einem Waldboden sprechen, von einer Walpurgisnacht, einem Lavastrom, von Moos. So ein Projekt läuft fünf Jahre, und irgendwann spricht vielleicht auch dein Gegenüber diese Sprache. Ab diesem Moment öffnet sich der Diskurs. Manchmal gelingt es, auf diese Ebene zu kommen und zu verdeutlichen, dass es um Lebensräume und nicht nur um Funktionen geht. Es sind Denk- und Lebensweisen, denen man Raum gibt.

Wie ist es für den Auftraggeber, wenn er auf eine solche neue Sprache trifft?
MTH: Bei einem öffentlichen Auftrag gibt es ja nicht nur einen Auftraggeber, da sind es beispielsweise zehn Leute, und die Kommunikation ist vielfältig. Wir operieren mit Bildern und vor allem mit Modellen, um eine möglichst transparente, unmittelbare Kommunikation mit dem Bauherrn zu ermöglichen.

Ihr unterrichtet beide schon seit längerer Zeit an verschiedenen Universitäten. Was wollt ihr den Studenten unbedingt vermitteln?
EJF: Wichtig ist, politisches Bewusstsein zu lehren und die Auseinandersetzung damit. Über Funktionalismus zu sprechen, war im Grunde genommen ein politisches Statement zur Lebensweise. So etwas muss vermittelt werden, ebenso wie die Kritik gegenüber gesellschaftlichen Systemen. Das muss man natürlich entwickeln. Ich kann jedem Studenten nur raten, alles zu hinterfragen und nie vorauseilend ja zu sagen, sondern bereit zu sein, Grenzen auszuloten. Nach fünf Jahren an der Uni muss das Bewusstsein so weit sein, zu spüren, wo in der gesellschaftlichen Einbettung die Grenzen liegen. Ich möchte keinem Studenten die reine Dienstleistung nahe legen.
MTH: Ein wichtiger Punkt, den wir vermitteln wollen, ist diese Verknüpfung mit der eigenen Person. Das heißt, Architektur zu machen und zu denken, ist stark mit der eigenen Person verbunden, fließt direkt in die Entwürfe ein. Es geht nicht darum, ein Funktionsprogramm aufzuzeichnen, weil ich so nett zeichnen kann, und dem dann noch eine fesche Form zu geben. Diesen Bezug zum eigenen Interessensfeld, zur eigenen Person spürbar zu machen, ist die eigentliche Nahrungsquelle für einen eigenständigen Weg in der Architektur. Zwar gibt es unterschiedliche Ansätze, aber es ist auch wichtig, dass es nicht nur schick oder geschickt ist, sondern, dass ein Anliegen dahinter steht. Es muss einem in der Architekturausbildung auch bewusst sein, dass man nicht alle Leute dazu ausbildet, ihr eigenes Architekturbüro zu eröffnen, und nicht jeder, der ein eigenes Büro eröffnet, auch gleich ein toller Architekt ist. Man muss lernen, seine eigenen Stärken einzuschätzen. Wir haben ein Team von Leuten mit unterschiedlichen Schwerpunkten und könnten unsere Projekte sicher nicht umsetzen, wenn wir nicht gut zusammenarbeiten würden.

Ist der Architekt kein Generalist mehr, der alles können muss?
MTH: Je mehr man Generalist ist, umso besser ist man natürlich gewappnet. Alles alleine zu machen, ist aber unmöglich, jeder braucht seine Netzwerke.

 

the next ENTERprise

Marie-Therese Harnoncourt
Architektin Mag. arch.
1967 geboren in Graz
1993 Diplom an der Universität für angewandte Kunst Wien
1993–1994 Mitarbeit bei Steven Holl Architects, New York
1997–1998 Lehrauftrag an der TU Wien
1998–2002 Lehrauftrag an der Universität für angewandte Kunst Wien, Ordinariat Prof. Wolf D. Prix
2002–2003 Lehrauftrag an der Universität für Kunst und Design Linz

Ernst J. Fuchs
Architekt Mag. arch.
1963 geboren in Anras
1984 Meisterprüfung im Tischlerhandwerk
1985–1988 Studium an der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz
1988–1994 Studium an der Universität für Angewandte Kunst Wien
1991–1994 Konzept THE POOR BOYs ENTERPRISE – Wolfgang ­Grillitsch, Paul Zoller, Florian Haydn, Ernst J. Fuchs
1992–1995 Studien für Entwurfsprozesse: Datenfeld Zirl, Datenfeld Süßenbrunn
1994 Diplom an der Universität für Angewandte Kunst Wien
1998 Stipendium Österreichisches Bundesministerium für Unterricht und Kunst, New York, Valparaiso, Chile
2000–2001 Gastprofessur für experimentelle Architektur an der Universität Innsbruck, Fakultät für Architektur
2002 Lehrauftrag an der TU Wien
2002–2003 Lehrauftrag an der Universität für Kunst und Design Linz

1994–2000 THE POOR BOYs ENTERPRISE
(Marie-Therese Harnoncourt, Florian Haydn, Ernst J. Fuchs)

2000 Gründung von the next ENTERprise - architects
(e.j.fuchs | mth.harnoncourt)

Installationen und experimentelle Eingriffe im Stadtraum: Stadtwind, 2000; Audiolounge, 2002; Trinkbrunnen, St. Pölten 2003

Realisierte Bauaufgaben: Haus Zirl, Zirl, 1997; Blindgänger, Hof am Leithagebirge, 2000; Unterirdisches Hallenbad, Wien 2001; Seebad Kaltern, Italien 2006; Haus Fidesser, Retz, (in Planung); Wolkenturm Freiluftbühne Schlosspark Grafenegg, 2006; Erlebnistherme Warmbad Villach (1. Preis, Wettbewerb 2006, in Planung)

Städtebauliche Konzepte: How to Start a City, 2003

http://www.tne.space/

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