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Nicola di Battista: Das Gespür der Architektur für ihre Zeit

13.06.2013

Er ist italienischer Architekt. Kennengelernt haben wir ihn an der TU Wien anlässlich eines Symposiums, zu dem er als Vortragender geladen war. Wir haben seinen interessanten Beitrag verfolgt. Wenig später haben wir ihn in seinem Atelier in Rom besucht, in jener Stadt, in der er lebt, um mit ihm über seine Arbeit zu sprechen, über die Lage der italienischen Architektur, aber nicht nur. Wir wollten mit ihm einige seiner theoretisch-praktischen Positionen zum Konzept des Zeitgenössischen in der Architektur vertiefen. Ab September wird er die Führung der italienisch-englischen Ausgabe der prestigeträchtigen Zeitschrift „Domus“ übernehmen.

Franco Veremondi im Gespräch mit Nicola di Battista

Nicola di Battista: "Meine Antwort ist, dass die Nostalgie der Vergangenheit keine Lösung ist, sich die Architektur aber auch nicht in Sciencefiction-Formeln auflösen darf. Sie muss Ausdruck ihrer Zeit sein, verantwortungsvoll gegenüber der eigenen Epoche und deren Geist erfassen."

Gleich eine sich aufdrängende Frage: Welcherart ist Ihre Verbindung zu Österreich?
Es ist eine freundschaftliche und von Wertschätzung geprägte Verbindung mit einigen meiner Wiener Kollegen, Architekten und Lehrenden. Außerdem bin ich selbst nicht nur Architekt, sondern auch Lehrer, somit sind unsere Treffen immer eine Konfrontation über 360 Grad. In Österreich beeindruckt mich die Qualität der Lehre und die aktive konstruktive Diskussion über die zeitgenössische Architektur. Durch meine Tätigkeit als Gastprofessor an der TU Wien konnte ich dies auch direkt erfahren.

Ein ganz und gar akademisches Feeling also?
In Wahrheit gibt es auch einen zarten roten Faden zwischen meiner Arbeit als Architekt und der Stadt Wien. Vor einiger Zeit war ich dabei, die architektonische und topografische Gestalt einer römischen Parkanlage des 18. Jahrhunderts namens Villa Albani zu rekonstruieren, als ich das Glück hatte, in der Wiener Albertina eine Zeichnung des 19. Jahrhunderts eben jener Ansicht, über die ich recherchierte, zu entdecken.

Sie befassen sich also auch mit historischer Forschung im Bereich des Städtebaus?
Nun ja, also soweit sich diese auf ein Projekt bezieht. Die Arbeit eines Architekten kann nicht auf das Studium des Territoriums und auf dessen Geschichte verzichten, vor allem nicht in einer Stadt wie Rom. Die Villa Albani ist ein Ort mit sehr interessantem Bezug zu Architektur und Kunst. Denken Sie nur, hier gibt es sogar Beziehungen zu Johann Winckelmann, dem „Winckelmann“, der weltweit bekannt war für seine außergewöhnlichen Forschungen zur klassischen Antike und eben für Kardinal Albani tätig war, den Schöpfer und Eigentümer der Villa und des wunderschönen Parks. Dieser hohe kirchliche Würdenträger war zum größten Sammler antiker Kunst geworden. Damals, kurz nach der Mitte des 18. Jahrhunderts, lag die Villa Albani noch eingebettet in ländliches Grün, trotz ihrer Lage wenig außerhalb der Aurelianischen Stadtmauer, die das Zentrum Roms begrenzt.

Angesichts der großen städtebaulichen Veränderung ist die damalige Landschaft heute kaum vorstellbar.
Natürlich! Ausgehend vom Ende des 19. Jahrhundert hat sich der Bereich rund um die Villa zu einer städtischen Wohngegend besserer Qualität verdichtet. Wenn auch seit langer Zeit unbewohnt und vernachlässigt, hat sich die Villa erhalten. In nächster Nähe des Parks liegt etwa das Macro, ein wichtiges Museum für zeitgenössische Kunst.

Worauf haben sich Ihre Nachforschungen konzentriert?
Kardinal Albani plante seinerzeit ein sehr fortschrittliches Vorhaben. Vor allem wollte er, dass seine Sammlungen dem Publikum zugänglich seien. Somit ließ er inmitten der Parkanlage vier Pavillons errichten, die jeweils den wichtigsten künstlerischen Ausdrucksformen gewidmet waren: Malerei, Skulptur, Architektur, Musik. Ich arbeitete an einem Beitrag für einen geladenen Wettbewerb zur Erweiterung des Macros, eben genau jenes modernen Museums in unmittelbarer Nähe jenes Parks, den ich gerade erwähnt habe. Und es war vorgesehen, den neuen Eingang zum Museum an einem Punkt dieses Bereichs genau gegenüber eines der ungenutzten Hauptzugänge zur Villa Albani zu situieren. Dieser Ort hatte sich also in jeder Hinsicht die Bestimmung für die Künste in ihrer historischen Entwicklung verdient, von der Antike bis zur Gegenwart. Mein Projekt ging in diese Richtung, ich wollte einen effektiven Bezug herstellen, eine Verbindung zwischen diesen beiden Orten der Kunst. Ich gebe zu, das war eher anspruchsvoll, und in der Tat gewann ich nicht, wurde aber Zweiter; ich kann also annehmen, dass mein Beitrag dennoch Gefallen fand.

Das lässt mich fragen, ob eine Verkettung zwischen Orten und deren Geschichte als wesentliches Element der Planung für Sie immer von solcher Bedeutung ist.
Ich würde sagen, die ist grundlegend. Ich nenne das „den Orten gerecht werden“. Oder auch die kulturelle Kontinuität in einer konkreten räumlich-zeitlichen Dimension hervorzuheben. Was auch eine Möglichkeit darstellt, dem architektonischen Umfeld eine Identität zu verleihen oder zurückzugeben, aber ohne mimetische Anpassung an deren Ursprünge. Ich zitiere gern die Vision meines Freundes Enzo Cucchi, des international angesehenen Künstlers, zur idealen Architektur. Er sagt: „Die Architektur beruhigt uns, sie hilft uns zu orientieren, begrenzt unsere Ängste.“ Und für mich muss Architektur gewisse Verantwortungen übernehmen, ich messe ihr humanistische Bedeutung bei. Sie muss Vertrautheit vermitteln, den Menschen helfen, besser zu leben.

Aber es ist schon klar, dass die Definition Enzo Cucchis im klaren Gegensatz zu den Verwirrungen und Exzessen steht, zu denen die Projekte vieler bekannter Architekten heute tendieren. Was meinen Sie dazu?
Das ist wohl wahr, aber meine Logik entspricht sicher nicht jener, die eine Fernsehwerbung zeigt, in der ein Architekt hinter dem Steuer eines Autos eine Wolke am Himmel sieht und eine Eingebung hat. Er bleibt stehen, und beginnt diese ganz schnell auf dem Fenster abzuzeichnen, und, schwups, ist der Entwurf für irgendein Gebäude fertig.

Zum Thema Kreativität sollte man wirklich überlegen, ob ein Architekturentwurf überhaupt mit der Schnelligkeit einer fotografischen Aufnahme entstehen kann?
Nicht nur, ein Gebäude kann auch nicht vorrangig dazu da sein, die sogenannte Kreativität eines Architekten zu preisen. Mehr noch, auf solch abstrakte Weise verwendet, gefällt mir das Wort „Kreativität“ ganz und gar nicht. Ich ziehe es vor, von „Imagination“ zu sprechen, einem Begriff, der sich gut mit der Vielfalt determinierender Faktoren verbindet.

Welche Faktoren meinen Sie?
Ich würde es so zusammenfassen: reelle „Verantwortung“ dessen, was gebaut werden soll, also „Wissen“, verstanden als Erfahrung dessen, was man effektiv zu erreichen sucht; „Imagination“, jene Gabe, über die der Mensch verfügt, um das eigene Wissen mit der Sensibilität für die Dinge, die Umwelt und das menschliche Umfeld zu vereinen; also das Element „Profession“, das aus Regeln und Entscheidungen besteht, die das endgültige Werk auch im Detail bestimmen. Und schließlich würde ich die „Freiheit“ hinzufügen, also die Fähigkeit, sich von den eigenen Entscheidungen zu befreien, zu distanzieren, um die eige­ne Arbeit mit kritischem Bewusstsein zu betrachten.

Wie leicht ist es, diese Ihre Ethik umzusetzen?
In Italien arbeitend, ist es äußerst schwierig. Hier fehlt es an festen Regeln, um in unseren historischen Städten zu bauen, es läuft darauf hinaus, dass wenig oder nichts geschieht. Und in Bezug auf die öffentlichen Bauten gibt es eine Vermischung der Rollen, genau dort, wo hingegen jeder rigoros seinen Part spielen sollte. Ohne von der Politik des Sparens bei der Beauf­tragung zu reden. Nicht die Zuverlässigkeit einer Firma siegt und vernünftige Kosten, sondern einfach das sogenannte „maximal billigste“ Angebot. Was ein Werk geringer Qualität bedeutet, mit Folgekosten für die außerordentliche Instandhaltung. Somit entweder Verfall oder Zusatzkosten zulasten der Allgemeinheit.

Was meinen Sie mit der Vermischung der Rollen?
Bei öffentlichen Bauten geschieht Folgendes: Ich gebe einen Vorentwurf ab, anschließend den endgültigen Entwurf, der auch den ökonomischen Aspekt berücksichtigt. Hier endet aber dann auch schon meine Rolle als planender Architekt. Im Namen der Sparsamkeit wird das Projekt der bestbietenden Firma übertragen, die die Ausführungsplanung übernimmt. Auf deren Grundlage wird das Bauwerk errichtet und somit jedwede Kontrolle umgangen. Der Bauleiter erfüllt nur mehr eine untergeordnete technische Funktion. Es endet damit, dass die Baufirma, die kontrolliert werden sollte, zum eigenen Controller wird. Mir als Planer verbleibt eine marginale Rolle als künstlerischer Leiter, bei der ich maximal über Farbtönungen entscheiden kann.

An welchem interessanten Projekt arbeiten Sie zurzeit?
Eines, mit dem wir einen Wettbewerb gewonnen haben, liegt mir besonders am Herzen. Nun warten wir auf den Baustart. Es ist dies die Erweiterung des Archäologischen Museums von Reggio Calabria, wichtig wegen seiner bedeutenden Zeugnisse des antiken Griechenlands (Magna Graecia). Dort werden auch die Bronzestatuen von Riace aufbewahrt, die beiden wunderschönen und kostbaren griechischen Skulpturen des fünften Jahrhunderts vor Christi, die vor einigen Jahrzehnten unter spektakulären Umständen im Meer entdeckt worden waren. Der Bau stammt von Marcello Piacentini, einem sehr bekannten Architekten des Faschismus. Er war unter anderem der große Planer des EUR-Viertels in Rom. Einen Fußgängerbereich haben wir durch die siebzig Meter lange Eingangsfassade des Museums begrenzt. Im Untergeschoß schaffen wir einen großen Raum mit denselben Ausmaßen des darüberliegenden Platzes, der so mit den unterirdischen Bereichen verbunden ist.

Ich merke, Sie haben eine deutliche Sympathie für bauliche Eingriffe in Museen …
Das sind symbolischen Objekten gewidmete Orte, Quellen der Begeisterung und des Studiums. Wie die Architektur behüten jene Objekte die Formen ihrer Zeit. Sie können sich gut vorstellen, dass man sich als Architekt in einer Zeit, in der es keine Stile mehr gibt, oft fragt, wie die zeitgenössische Architektur aussehen soll. Meine Antwort ist, dass die Nostalgie der Vergangenheit keine Lösung ist, sich die Architektur aber auch nicht in Sciencefiction-Formeln auflösen darf. Sie muss Ausdruck ihrer Zeit sein, verantwortungsvoll gegenüber der eigenen Epoche und deren Geist erfassen. Ein Wesen, das in sich nicht nur ästhetische und technische Faktoren vereint, sondern zahlreiche kulturelle, soziologische, ökonomische und politische Vorgänge.

Um unser Gespräch abzuschließen: Nehmen wir an, ich sei Ihr Auftraggeber für die Errichtung eines Gebäudes. Welchen Mechanismus löst das in Ihnen aus?
Ich versuche stufenweise zu einer starken Idee zu gelangen, dem Ort und dem Zweck angemessen. Etwas, das ich nie tue, ist, die erste Idee zu Papier zu bringen, auch nicht die zweite oder dritte. Das wäre ein Problem. Ich möchte mich hingegen frei fühlen; ein Spiel schaffen, das unterschiedliche Ideen einander gegenüberstellt, aus denen wieder andere entstehen können, bis ich spüre, bei einer starken vorrangigen Idee angelangt zu sein. Das ist der Moment, an dem ich zu zeichnen beginne.

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