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Offene Geheimnisse

27.09.2018

VERBORGENE SCHÄTZE: WIEN

Verborgene Schätze gleichen mitunter offenen Geheimnissen. Recht offen stehen sie da, aber unser Reden über sie und unser Umgang mit ihnen, verbirgt, wodurch wir jenen Wert einschätzen könnten, der ihnen bleibt, wenn wir Verwertungsinteressen abziehen. 

Zwei Beispiele von Andreas Vass

ORF Küniglberg
Der blinde Fleck des ORF ist sein Zentrum am Küniglberg. Unbestritten unter Roland Rainers Hauptwerken bleibt es dem Eigentümer ein offenes Geheimnis. Konzipiert 1968 im Geist einer Moderne, die das konstruktiv Zeitgemäße zur zeitlosen Wahrheit kristallisiert hatte, und in Phasen bis 1985 realisiert, geriet der vielgliedrige Bau bald in die pauschale Kritik einer Postmoderne, die hier nur endlose Gänge, Monotonie und Orientierungslosigkeit, ja die Gigantomanie eines „Betonmonsters“ sah. Die sich wandelnde Erwartung an das Medium Rundfunk schlug sich auch in diesem Gebäude nieder: Statt hüllenloser Transparenz, struktureller Klarheit und funktionaler Lesbarkeit wären wohl Glamour und eine präsentable Kulisse gefragt gewesen, statt nüchterner Sachlichkeit sensationelles Spektakel. 

Unter- und Zwischentöne, die diese Anlage zu bieten hat, wenige, einfache Gesten, die sie zu einem öffentlichen Ort machen, blieben ebenso unbemerkt wie die Tektonik konstruktiver Stringenz, die auf der Höhe der Zeit den Traum Gillys realisiert, die Elemente des Bauens, das Herstellen von Architektur selbst zu Vokabular und Syntax des Gebauten zu machen. Und pulsiert im alpinen Blockbau der Studios, im generischen Elementbau des Bürotrakts nicht sogar Ironie? Gutachterliche Kritik zu Erdbebensicherheit und Wärmedurchgang der teils vorgespannten Betonfertigteile konnte da nicht mit. Erste Proben einer Außendämmung zeigten schon 2005 klar die grotesken Resultate. Gegengutachten, die technische wie wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit einer Innendämmung bewiesen, wurden trotzdem nicht aufgegriffen: der logistische Aufwand sei zu hoch. Gegen den Denkmalschutz, der 2007 per Verordnung erklärt wurde, legte der ORF vergeblich Protest ein, ebenso scheiterte der von der Stadt Wien favorisierte Umzug nach St. Marx – ein „unverwertbares“ Denkmal schied auch als Finanzierungsmodell eines Neubaus aus. So blieb dem ORF 2012 nur das Bekenntnis zum Standort Küniglberg, was nur scheinbar die mitgeerbte Baukultur meinte.

Die Ausschreibung zur Generalsanierung 2013 unterschied folglich zwischen offenem Architektur-Wettbewerb für die Neubauteile und restriktiv ausgeschriebener, technischer Sanierung am Bestand. Die für den ersten Bauabschnitt verliehene Auszeichnung „klimaaktiv Gold“ machte im Vorjahr klar, dass das strukturelle Prinzip dieser Architektur unter den Augen des Denkmalamtes zur Verpackungskunst mutiert war. Trotz nunmehr weitgehender innerer Restrukturierung, trotz jahrelanger Diskussion und zahlreicher Expertisen schien die Außendämmung alternativlos. Das grundsätzliche Missverständnis, eine statisch geprägte Form in cnc-profiliertem, expandiertem Poly­styrol nachahmend zu überformen, ist den Beteiligten entgangen. Nicht entgehen lässt sich dagegen der Hersteller, damit auf seiner Website zu werben. Wenigstens er hat seinen Schatz gehoben.

Hochhausprojekte am Heumarkt
Am Heumarkt wird nicht nur, unbeeindruckt von internationalen Protesten, das umstrittenste Projekt der Stadt vorangetrieben; Hier hat, wie in einem Vortrag von Monika Platzer Ende Juni zu erfahren war, Roland Rainer noch in seiner Zeit als Stadtplaner Anfang der 1960er Jahre, bevor er den mit seiner öffentlichen Funktion unvereinbaren Auftrag an die Projektarchitekten der InterContinental Hotels Group, Holabird & Root, abgeben musste, erste städtebauliche Festlegungen getroffen. Ein geheimer Schatz? Umstritten war auch das erste Hochhausprojekt am Heumarkt von Anfang an. Ein offenes Geheimnis, dass es ums Geld ging, das die Stadt zum Vorwand nahm. Aber Rainers Baumassenmodell, eine schlanke Scheibe ohne „Rucksack“ und Aufbauten, ließ eine Eleganz erahnen, von der die Ausführung 1964 unter Leitung von Carl Appel weit entfernt war. Das moderne Versprechen der frei im Raum stehenden Scheibe duldet keine Rückseiten. Einer Pionierleistung wie dem Seagram Building mag man den Fehler verzeihen. Epigonale Masse kippt da in Banalität.

Und der freie Raum? Der wird hier durchkreuzt und determiniert von historischen Achsen und topografischen Leitlinien, die stärker sind und wichtiger, als der von privatwirtschaftlichem Interesse getriebene Befreiungsschlag. Rainers Planungskonzept reagiert mit einer Beethoven- und Eislaufplatz quer über die Wienflussachse verbindenden Raumfigur – hoffnungsloser, aber bis heute nicht aufgegebener Kompromiss zwischen Sitte und Le ­Corbusier – zum Stadtpark durch ein Volumen mit Geschäftsnutzung geschlossen, dessen gegensätzliche Seiten schon die weitere Entwicklung vorzeichnen. Der Blick über den Belvedere-Garten gab dann den Ausschlag, die Höhe der Scheibe zu kappen; doch der nicht hinterfragte Automatismus der Kompensation – „Rucksack“ und improvisiert wirkende Aufbauten, die über der zugestandenen Höhe das Klimageschoß ersetzen – erinnert an heute.

Trotz dieser für den Bauwirtschaftsfunktionalismus typischen Manöver und Kompromisse hat das Gebäude seine Fans. Manche verfolgen mit ihrer Begeisterung freilich eigene Interessen: Der Investor, dessen Luxuswohnturm das Hotel weit in den Schatten stellen würde, spendiert einen Jubiläumsband mit prominenten Autoren. Gerne drückt er G’schichterl vom InterCont aus seiner Jugend und beteuert seine Sorge um den Bestand – während sein Projekt, das ohnehin nie mehr als die Tragstruktur – und die nur zum Teil – erhielt, letztlich den Totalabbruch bringen wird, ein „Opfer“, das nach Kompensation schreit. „In der Sprache der 60er Jahre“, so wurde bei dieser letzten Überarbeitung des Projekts versprochen, droht hier ein aufgequollenes Volumen, das die Nachkriegsmoderne in einen neuen Verwertungszyklus zwingt. Es ist nicht alles Gold was glänzt – außer vielleicht für manche ... 

Man sieht: Offene Geheimnisse basteln aus echten Verwertungsinteressen falsche und entwerten aus falschem Verständnis echte verborgene Schätze.

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