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Oscar-Niemeyer-Sphere

24.06.2020

Ein echtes Spätwerk des brasilianischen Stararchitekten wurde nun posthum am denkmalgeschütztem Industriegebäude im Kirow-Werk in Leipzig realisiert.

Wenn man einen der ganz großen Architekten mit der Bitte um Erweiterung seiner Betriebskantine aufsucht, um seinen ambitionierten Koch zu halten, muss man etwas Außergewöhnliches erwarten, dachte sich Ludwig Koehne, Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens Kirow Arelt, und verfasste einen Brief an Oscar Niemeyer, in welchem er den brasilianischen Architekten um einen Entwurf einer Kantinenerweiterung für den Standort bat – den der damals 104-jährige Niemeyer noch vor seinem Tod lieferte. Des Meisters letztes Werk soll nun kommendes Frühjahr 2020 eröffnet werden.

Hommage an Buckminster Fuller
Überirdisch, wie ein Fremdkörper aus einem anderen Kosmos, wirkt die weiß-schwarze Kugel mit der Perfektion ihrer Form und Oberflächen, mit ihrer unwahrscheinlichen Statik und der stolzen Kompromisslosigkeit, die sich nicht erklären muss – und so erscheint die nach dem Verfasser benannte Oscar-Niemeyer-Sphere wie vom Himmel gefallen und zufällig auf der Ecke des Alten Kesselhauses der Kirow-Werke in der Leipziger Spinnereistraße gelandet zu sein. Das kugelförmige Kuppelbauwerk wirkt wie ein letzter Trumpf des großen Niemeyers, wie das letzte Werk, die Manifestation all dessen, was zuvor von ihm realisiert wurde und ist dennoch die Idee eines anderen. Ursprünglich wurde die Form der geodätischen Kuppel Mitte des 20. Jahrhunderts durch den amerikanischen Architekten und Philosophen Richard Buckminster Fuller entwickelt, erforscht und erprobt.

Der platonische Baukörper
Dank der geodätischen Bauweise des extravaganten Kuppelbaus, bei welcher sich die tragenden Verbindungspunkte der Kugeloberfläche in flache Dreiecke gliedern, werden Belastungen jeglicher Art optimal über die gesamte Struktur verteilt. Die Kunst dieser Kugel besteht dabei jedoch nicht nur in der Realisierung ihrer sinnlichen Kurven, sondern in ihrer Verschwiegenheit. Denn obwohl sie vorgibt in acht Metern Höhe nur zufällig auf der Ecke der fast 100 Jahre alten Backsteinhalle zu sitzen, ruht sie auf einem ziegelfarbenen Betonschaft, der bündig an den Gebäudekopf gesetzt wurde. Zwei organisch geformte Ausschnitte öffnen die perfekte Betonhülle, geschlossen werden sie mit einem Stahlmaßwerk, dessen 147 dreieckige Scheiben aus Liquid Crystal Glas sich der Sonneneinstrahlung entsprechend zur Verschattung schwarz färben lassen. Die Illusion eines Architektur-Follys bleibt perfekt, da keine Treppe, keine Tür die Hülle an sichtbarer Stelle perforiert, erschlossen wird sie über einen Aufzug in ihrer Mittelachse. Denn die Skulptur hat ein hochfunktionales Innenleben, wobei auch das Niemeyers Handschrift trägt: Im Boden der Kugel verbirgt sich die Haustechnik, darüber die Bar mit roter Rückwand und auf Äquatorebene schließlich die Lounge und Restaurant, in der der Architekt mit einer wandfüllenden, auf Azulejos gebrannten Strandskizze präsent ist.

Die Szenerie des Lichts
Verehrer Niemeyers wissen: Erst mit dem Licht wird ein Niemeyer wirklich zum Niemeyer. Hierfür zeichnete das Lichtplanungsbüro Licht Kunst Licht AG mit Sitz in Bonn, Berlin und Barcelona die außergewöhnlichen Volumina im Inneren der Kugel nach, setzte die Rundungen in Szene und verlieh dem Beton die für den Architekten typische Leichtigkeit. Entstanden ist ein außergewöhnlicher Raum mit Atmosphäre zum Genießen und Erleben eines herausragenden Ambientes. Insbesondere nachts, wenn auf den Dächern montierte Spezialleuchten die Umgebung ausblenden und die Kugel im dunklen Nichts schweben lassen, ist die Illusion perfekt. So trifft in Leipzig-Plagwitz Industrie auf Kultur, außergewöhnliche Baukunst, perfekte Inszenierung und feinste Küche, eine bessere Mischung kann man sich heute kaum wünschen.

Mehr Informationen: www.technesphere.de

Autor/in:
Yoko Rödel
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