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Paradise lost, Paradise regained

28.06.2018

VERBORGENE SCHÄTZE: BURGENLAND

Der englische Dichter John Milton schrieb im Jahr 1667 sein Weltepos „Paradise Lost“. Dieses bedeutende Werk religiöser Dichtung zeigt das Ringen zwischen Gott und Teufel und übt bis heute erheblichen Einfluss auf die Literatur aus. Milton gelang darin die Darstellung des Satans im Vergleich zur relativ blassen, nüchternen Figur Gottes so gut, dass auf der Grundlage dieses eigentlich frommen Werkes die Bewegung des Satanismus entstand. William Blake bezeichnete Milton als „Parteigänger Satans, unwissenderweise“. Später schrieb Milton daher noch ein weiteres Stück mit dem Namen „Paradise Regained“, das wiedergewonnene Paradies. „Paradise Lost“ und „Paradise Regained“: Diese Überschriften stehen auch über der wilden Geschichte des Dellacherhauses von Raimund Abraham in Oberwart. Es ist ein überaus wichtiges, bedeutungsvolles Haus, ein internationales Trademark für moderne Architektur auf höchstem Niveau: das Haus als Ikone. 

von Klaus-Jürgen Bauer

Das Haus hatte bereits eine ungewöhnliche Geburt: Es wurde nämlich per Fax entworfen. Die Entwurfsfaxe gingen in den Sechziger Jahren zwischen dem damals bereits nach New York emigrierten Raimund Abraham und seinem Osttiroler Jugendfreund Max Dellacher, einem renommierten und polyglotten Fotografen, hin und her. Dellacher, der damals bei einem Oberwarter Fotografen arbeitete und sich dort in dessen Tochter verliebte, hatte kurz zuvor den erfolgreichen Bildband „Le Fontane di Roma“ herausgebracht. Sicherlich animiert durch den internationalen Erfolg seines Buches beschloss er, in Oberwart ein Haus zu bauen. Er wandte sich mit diesem Wunsch an seinen Jugendfreund Raimund ­Abraham. Dieser war im Jahr 1964, nach dem Erfolg seines Buches „Elementare Architektur“, einer wichtigen Untersuchung von Architektur als Surrogat aus den Tiefenschichten des gewöhnlichen Bauens, nach Amerika emigriert, weil er eben nicht bauen, sondern lehren und forschen wollte. Trotzdem entwarf Abraham in Amerika ein Haus für Max Dellacher; die Skizzen faxte er. Diese Faxe von Abraham wurden später in Oberwart vom Architekten Rudolf Schober zu Bauplänen umgearbeitet. Der Bauplatz war einfach nur herrlich: Eine riesige, abgeschiedene Wiese am Waldesrand, das Dorfstädtchen Oberwart war weit, weit entfernt, Rehe kamen jeden Morgen zu Besuch. Die Familie Dellacher zog ein und genoss ihr privates Paradies. 

Die Jahre gingen ins Land. Oberwart wuchs und wuchs, überformte sich. Autos wurden gekauft und wollten gefahren werden. Plötzlich führte eine autobahnähnliche Schnellstraße am so idyllisch gelegenen Dellacherhaus vorbei. Rehe und Menschen zogen sich zurück, der Lärm wurde einfach zu stark. Im Jahr 1984 verstarb Max ­Dellacher. Das Haus stand leer. Es war zu verkaufen. „Paradise lost“. Weitere Jahre kamen und gingen. Das Paradies stand leer. Die Idylle war bedroht. Das Gebäude verfiel. Abriss drohte. „Der Himmel ist öde, ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm“, wie Heinrich Heine es beschrieb. Wie viele gute Dinge war das Dellacherhaus gefährdet. Wenn nichts geschah, würde dieses Juwel wohl vollständig verschwinden. Erste Artikel wurden geschrieben. Nichts geschah. Im Jahr 2010 starb Raimund Abraham bei einem Autounfall in Los Angeles. Das Architekturzentrum Wien übernahm seinen Nachlass. Nach dem Tod von Abraham wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt: Zeichen einer ambivalenten Wertschätzung. Trotzdem geschah nichts. Zwischen Dezember 2013 und März 2014 zeigte der „Architektur Raumburgenland“ in seiner Architekturgalerie contemporary in Eisenstadt eine Ausstellung mit dem Titel „Bedrohte Moderne. Am Beispiel Haus Dellacher von Raimund Abraham in Oberwart: Baugeschichte, Bedeutung, aktuelle Gefährdung und Denkmalschutzaspekt“. Die Ausstellung zeigte in eindrücklichen Schwarz-Weiß-Fotos von Rainer ­Schoditsch den deprimierenden und beschämenden Zustand des bedrohten Abraham-­Hauses. Der ARB schlug damals vor, das Haus ­Abraham mit anderen wichtigen, ebenfalls gefährdeten Objekten der Moderne im Burgenland zu einer Art national trust der Moderne zusammenzufassen und so für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wie dies in England seit Jahren mit großem Erfolg geschieht. Wenn schon die burgenländischen Strukturen des 19. Jahrhunderts leichtfertig zerstört wurden, warum können dann nicht wenigstens die Highlights des 20. Jahrhunderts erhalten werden? Nichts geschah. Das Einzige, was man weiterhin immer wieder hörte, waren kritische Journalisten. Langsam wurde klar, dass hier ein fahrlässiger Umgang mit diesem unwiederbringlichen Wert vorlag. Im Jahr 2015 erschien das vom ARB herausgegebene Buch „Archaische Moderne“. Darin wurde selbstverständlich auch das Abraham-Haus umfassend gewürdigt. Die Eigentümerin des Hauses – eine Bank – beauftragte, nachdem das Haus viele Jahren leer gestanden und nicht zugänglich war, einen Konsulenten, um die mittlerweile stark sichtbaren Schäden zu sanieren und das Haus so für einen potenziellen Käufer aufzubereiten, so sich einer finden würde. 

Das Wunder geschah. Der Käufer fand sich in Person des Architekten und Künstlers Johannes Handler. Im Jahre 2015 kaufte Handler das Haus von der Bank. Danach ging es schnell, denn Handler hatte einen Plan. Bereits im Frühjahr 2016 wurde mit der subtilen und genauen Generalsanierung begonnen, die mittlerweile abgeschlossen ist. Johannes Handler gründete den Verein „Das Dellacher“, welcher die Instandhaltung und Erhaltung des Denkmales zum Inhalt hat. Das Haus bietet heute die Möglichkeit, darinnen verschiedene kulturelle und gesellschaftliche Programme wie Gruppenführungen zu veranstalten. Das ­Dellacherhaus ist dank der Tatkraft und Vision von Johannes Handler wieder in seinen ursprünglichen, das heißt seinen paradiesischen Zustand zurückgekehrt. Ein Privater brachte schließlich zusammen, was die öffentliche Hand in all diesen Jahren nicht geschafft hatte. Nach „Paradise Lost“ gilt nun wieder „Paradise Regained“. Nicht nur die himmlische Welt des englischen Barockkünstlers ist vom beständigen Ringen zwischen Gott und Teufel gekennzeichnet, sondern auch die Geschichte von Inkunabeln der modernen Architektur. Das Haus Dellacher von Raimund ­Abraham ist zweifelsohne eine solche. Dieses Haus ist unverzichtbar. Es ist ein Beleg für den kulturellen Reichtum des Burgenlandes. Aktueller Status dieses wichtigen Hauses: „Paradise Regained“. 

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