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Mit ihrem Projekt „Connected Transitions“ konnten die Studierenden Michael Amann, Robert Zanona die Jury des von den Wiener Linien ausgeschriebenen Realisierungswettbewerbs für sich entscheiden.

Platz machen!

02.05.2017

Wie spannend der Karlsplatz als einer der größten Knotenpunkte Wiens ist, zeigt die enorm hohe Beteiligung nationaler und internationaler Architekten am Wettbewerb „Wien Museum neu“. Ein von den Wiener Linien ausgeschriebener Studentenwettbewerb und die Ausstellung „... am Karlsplatz“ bildeten nun auch den Abschluss einer intensiven Aus­einandersetzung von Architekturstudierenden der TU Wien mit dem „Nichtplatz“.

Durch ökonomische und weltpolitische Veränderungen kommt es zu großen Migrationsbewegungen, von denen besonders die Ballungszentren betroffen sind. Wien wird voraussichtlich in fünf Jahren mit über zwei Millionen Personen wieder den Einwohnerstand der vorletzten Jahrhundertwende erreichen. Eine Herausforderung, bei deren Bewältigung es in der lebenswertesten Stadt der Welt, zu der Wien nun schon zum achten Mal gekürt wurde, wohl kaum nur um die Erfüllung von Grundbedürfnissen gehen kann. Neben Wohnraum und dem öffentlichen Verkehrsnetz müssen ebenso Arbeitsplätze, Bildungseinrichtungen, Naherholungsgebiete sowie ein lebendiges urbanes Lebensumfeld geschaffen werden. Das Zusammentreffen verschiedener und vielfältig gelebter Kulturen, das eine Stadt auszeichnet, benötigt Räume abseits der eigenen vier Wände, des Arbeitsplatzes oder von Erziehungsanstalten. Die Diskussionen über „Smart Living“, neue Verkehrsinfrastruktur, Kindergärten und Schulen gehören also schnell um ein Nachdenken über die Gemeingüter einer Stadt, temporäre Nutzungen von Leerständen und angemessene urbane Stadträume erweitert. „Baut Plätze!“ lautete auch der Aufruf von Jost Meuwissen in seinem Impulsvortrag zum Auftakt des nicht unumstrittenen Wettbewerbs Superscape, der seit 2014 biennal von JP-Immobilien ausgelobt wird. 

Keine Formel für urbane Qualität

Wie Jan Gehl in seinem erst vor Kurzem auf Deutsch erschienenen Buch (siehe Rezension Seite 10) schreibt, ist es unmöglich, die Wechselwirkung von urbanem Leben und öffentlichem Raum zu programmieren. Es ist vielmehr ein Ausprobieren und Experimentieren in einem städtischen Versuchsraum, welches das komplexe Verhältnis zwischen Mensch und Raum am besten sichtbar werden lässt. Kleine temporäre Laboratorien in der Stadt, sei es ein Minigolfplatz oder eine neu geschaffene Ruhezone, also einfache Feldversuche an Orten, die dafür im ersten Moment noch nicht einmal optimal erscheinen, sind hier den wissenschaftlichen Studien vorzuziehen. Es geht dabei weniger um Erreichen eines klar deklarierten Zieles, sondern vielmehr um das Schaffen von Möglichkeitsräumen. Urbanität findet nicht nur dort statt, wo sie geplant ist, sondern häufig umso intensiver da, wo sie beiläufig und unbeabsichtigt passiert. Vielfach sind es nicht die extra dafür angelegten Garten- und Parklandschaften oder Stadtplätze, die alltäglichen und vermeintlich beiläufigen Momenten einen unerwarteten Mehrwert verleihen, sondern die spannungsvollen „Zwischenräume“, in denen sich die verschiedenen Ebenen der Stadt auf scheinbar ungeklärte Weise ineinander verschränken. 

Möglichkeitsraum in der Stadt

Von der Architektenschaft in Wettbewerben derzeit in Wien stark umkämpfte Gebiete wie Karls­platz und Schwedenplatz haben durch ihren transitorischen Charakter ein ganz besonderes Potenzial, Urbanität zu erzeugen. In seinem Vorwort des Ausstellungskatalogs zur gleichnamigen Ausstellung „Am Puls der Stadt – 2.000 Jahre Karls­platz“ schrieb Wolfgang Kos bereits 2008, dass sich am Karlsplatz, der stets ein „Experimentierfeld“ gewesen sei, im heutigen Zustand die gründerzeitlichen Leitbilder ebenso widerspiegelten wie die nach wie vor ungelösten Pro­bleme des Individualverkehrs und die Nutzung der nicht geklärten Grünzonen, die hier oft wie zufällig daherkämen. Vieles ist unfertig, wirkt provisorisch, eine ideale Restfläche für Utopien! Roland ­Winkler vom Architekturbüro winkler + ruck, Gewinner des Wettbewerbs Wien Museum Neu, formulierte es in einem Vortrag an der TU Wien so: „Ist man am Karlsplatz, dem ehemaligen Glacis angelangt, beginnt eine lange Raumpause mitten in der Stadt. Diese sollten wir nutzen!“

... am Karlsplatz

Eine Beschäftigung mit dem Karlsplatz bedeutet immer auch, sich mit der Geschichte Wiens auseinanderzusetzen. Viele Entwicklungen der Stadt, wie das historische monarchische Wien, das sich in der Karlskirche widerspiegelt, oder die Phase des aufstrebenden Bürgertums, das sich im Bau der Ringstraße manifestiert, die Überbauung des Wienflusses und später die Errichtung der U-Bahn zeigen dort deutliche Spuren. Heute verbinden zahlreiche Auf- und Abgänge entlang dreier Passagen die unterschiedlichen Standpunkte „am Karlsplatz“, wobei gleichzeitig noch zahlreiche Relikte an die Stationsbauten der Stadtbahn von Otto Wagner erinnern. Als ein Zentrum der Stadt tritt der „Karls­platz“ bisher jedoch kaum in Erscheinung, vielmehr duckt er sich weg und wird nur im Vorübergehen wahrgenommen. 

Atmosphären in der Stadt

Obwohl mit Plattformen wie karlsplatz.org seit Jahren versucht wird, eine verstärkte gemeinsame Karlsplatz-Offensive zu forcieren, wird das Potenzial des Areals mit seinen angrenzenden Institutionen TU Wien, Wien Museum, Künstlerhaus, Musikverein, Vienna International School, Secession und Kunsthalle bisher nur sehr wenig genützt. Atmosphären in einem Stadtviertel werden in erster Linie geprägt durch das städtische Erscheinungsbild, nicht zuletzt aber auch durch spezifische Formen des Umgangs verschiedener Akteure mit gemeinschaftlich genutzten Ressourcen wie Parklandschaften, Sitz-und Ruhezonen sowie freien Plätzen. Urbane Freiräume werden also maßgeblich durch ihre Nutzer mitgestaltet. 

Studentische Zukunftsszenarien

Ein in enger Kooperation mit dem Institut für Architektur und Entwerfen, Abteilung Raumgestaltung und nachhaltiges Entwerfen der TU Wien, ausgelobter Realisierungswettbewerb der Wiener Linien war Anlass für eine nunmehr zweijährige intensive Auseinandersetzung Architekturstudierender mit dem Karlsplatz. Im Fokus stand dabei besonders die Ostpassage, auch Künstlerhaus­passage genannt. Nach der Neugestaltung der Haupt- und Westpassage soll diese jetzt ebenso einem architektonischen Relaunch unterzogen werden. In Hinblick auf die unter- und oberirdischen Innen- und Außenräume der Passage, die den vierten Bezirk mit der inneren Stadt verbindet und gleichzeitig den Abgang zum Bahnsteig der Linie U4 bildet, wurde besonderes Augenmerk auf das Thema Kunst- und Tageslicht sowie auf die Verwendung geeigneter Materialien gelegt. Gesucht wurde nach einfachen, pragmatischen und umsetzbaren Lösungen, die durch den wirtschaftlichen Einsatz von Ressourcen auch hohen Ansprüchen an die Nachhaltigkeit gerecht werden. Über vier Semester hinweg entstanden im Rahmen mehrerer Lehrveranstaltungen des Bachelor- und Masterstudienganges Architektur rund 120 Projekte. Immer im Kontext mit der speziellen urbanen Situation des in ein Passagensystem übergehenden Platzes wurden von den Studierenden Interventionen konzipiert, die vom neuen U-Bahneingang, über kleine Galerien und Cafés, bis hin zur Reorganisation von Verkehrswegen reichen. In den Entwürfen zeigen sich viele ­Ideen, Facetten und Möglichkeiten für ein neues Zen­trum einer immer schneller wachsenden und pulsierenden Stadt. Die im Rahmen des Wettbewerbs von den Juroren Gerhard Schöft, Harald Bertha, Christian Kühn und Gernot Hertl als Sieger auserkorenen Projekte wurden den Wiener ­Linien nun zur Umsetzung vorgeschlagen.

Autor/in:
Thomas Gamsjäger
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