Direkt zum Inhalt

PLOV: Jedes Mal anders, aber immer köstlich

30.03.2016

Marion Gruber und Christoph Leitner kennen einander seit dem Studium. Seit 2008 sind sie nicht mehr nur in ­privater Hinsicht ein Paar, sondern bilden zusammen das ziemlich erfolgreiche Architekturbüro PLOV, benannt nach einem usbekischen Gericht, das ebenso wie ihre Arbeit jedes Mal anders, aber dennoch immer köstlich ist. Als beruflich wie privat erfolgreiches Paar beweisen die beiden seit einiger Zeit, dass es auch in einem so vereinnahmenden Berufsfeld wie der Architektur möglich ist, eine vernünftige Work-Life-Balance zu halten. Ihr Geheimnis: eine verdammt gute Organisation und Struktur.

Gertrud Purdeller im Gespräch mit Marion Gruber und Christoph Leitner

PLOV: „Wir sind als Architekten auch dazu da, zwischen verschiedenen Interessen zu vermitteln und ein Projekt dabei Gesamtheitlich betrachtet zu einem guten Ergebnis zu führen.“

 

Was hat euch jeweils zur Architektur gebracht?
MG: Bei mir war es eher der Zufall. Eigentlich hatte ich ursprünglich damit begonnen, Medizin zu studieren, und kam erst über eine Schulkollegin irgendwie zur Architektur, wobei das nicht so abwegig war, zumal ich schon einen bildnerischen Zweig im Gymnasium besucht hatte und mich schon damals zur Grafik hingezogen fühlte. Die Leidenschaft für Architektur hat sich dann während des Studiums immer mehr gesteigert. 
CL: Mich hat darstellende Geometrie und geometrisch Zeichnen schon während meiner Schulzeit stark interessiert. Das ging so weit, dass ich gegen Entgelt das Semesterprogramm für die Hälfte meiner Klassenkameraden gleich mitgezeichnet habe. Damals dachte ich, Architektur wäre fast dasselbe. Heute bin ich sehr froh, dass ich damit ziemlich falsch lag.

Inwiefern hat euch euer Studium an der TU Wien geprägt? Gab es zwischendurch auch Momente, wo einer von euch auch mit einer der Kunstuniversitäten geliebäugelt hat?
CL: Anfangs habe ich das, aber ich glaube inzwischen, dass die TU mich beziehungsweise uns, gerade wegen des sehr offenen und vielseitigen Zugangs, der quasi die genaue Antithese zum Meisterklassenprinzip der Angewandten darstellt, sehr positiv beeinflusst hat.
MG: Wir mussten uns damals sehr viel hart erarbeiten und vor allem Durchhaltevermögen unter Beweis stellen, was eine gute Übung für die Berufspraxis war. Inzwischen scheint das etwas abgenommen zu haben, da die Uni viel schulischer geworden ist. Wichtig war aber auch die Praxiserfahrung, die wir teilweise schon während des Studiums gesammelt haben.
CL: Ich bin ebenso überzeugt davon, dass es sinnvoll war, vor unserer Selbstständigkeit ein paar Lehrjahre einzulegen, weil der Energieverbrauch sehr hoch ist, wenn man alles selbst neu erfinden muss und auf keine Erfahrungen zurückgreifen kann. 

Das heißt, das in Österreich praktizierte Prinzip, dass bevor man den Ziviltechniker erlangen kann, zunächst drei Jahre Berufserfahrung gesammelt werden müssen, ist eurer Meinung nach gut?

MG: Na ja, es ist im Vergleich zu anderen Ländern schon ein recht beschwerlicher Weg zur Berufsgruppenzugehörigkeit. Problematisch ist vor allem, dass die Berufspraxis, die man sich anrechnen lassen darf, erst nach Abschluss des Studiums absolviert worden sein muss. Meiner Meinung nach sollte die während des Studiums gesammelte Arbeitserfahrung genauso berücksichtigt werden.
CL: Ich denke wie gesagt schon, dass es wichtig ist, gewisse Erfahrungen nicht zum ersten Mal bei seinen eigenen Schritten zu machen. Hinsichtlich der Berufsgruppenzugehörigkeit gibt es jedoch noch eine andere, eher politische Seite. Ich habe die Kammer immer sehr kritisch betrachtet, zumal diese bisher einen eher restriktiven Eindruck vermittelt hat, obwohl es ja eigentlich ihre Aufgabe wäre, uns als Schaffende zu unterstützen. Laut meiner Beobachtung ist die Kammer im Moment allerdings dabei, sich verstärkt nach außen zu öffnen. Sie versucht junge Absolventen bewusst hereinzuholen und sie zu unterstützen.

Ihr nehmt an vielen Wettbewerben teil und seid dabei ziemlich erfolgreich. Mit Kollegen trefft ihr euch einmal monatlich zum Fightclub, dessen einzige Regel lautet, dass man ehrlich sein muss, und gebt euch gegenseitig unverblümtes und schonungsloses Feedback zu in Bearbeitung stehenden Projekten. Wie wichtig sind eurer Meinung nach generell Rivalität und Solidarität unter Kollegen?
MG:
Rivalität klingt sehr hart. Für mich persönlich war das bisher noch nie ein Thema. Natürlich wird bei Wettbewerben auch ein gewisser Konkurrenzkampf ausgetragen. Dabei geht es aber meiner Meinung nach immer um das beste Projekt und nicht um die Personen dahinter. Sicher ist man im ersten Moment nicht gerade darüber erfreut, wenn man wochenlang an einem Projekt gearbeitet hat und versucht hat, das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, am Ende dann aber doch jemand anderes gewinnt. Wenn man sich das Siegerprojekt dann aber genauer ansieht, kommt man sehr oft drauf, dass es tatsächlich die bessere Lösung war.
CL: Ich glaube, dass sich miteinander zu vernetzen viel wichtiger ist als Konkurrenzdenken, auch wenn man bei einem Wettbewerb um denselben Auftrag „rittert“. Beim Fightclub freuen wir uns auch ehrlich füreinander und feiern gemeinsam, wenn eines der anderen Büros einen Wettbewerb gewonnen hat. 
MG: Solidarität ist aber auch unter einem anderen Aspekt wichtig, nämlich wenn es darum geht, die eigene Leistung nicht zu billig anzubieten. Um jungen Architekten genau das zu vermitteln, haben wir bereits damals bei der IG Architektur ein Mentoringprogramm ins Leben gerufen. Wenn man jung und frisch den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat, denkt man sich natürlich ab und zu: „Ich brauch jetzt einfach dringend Projekte“, aber es gibt definitiv bessere Wege, an diese zu kommen, als sich unter seinem Wert zu verkaufen. 

Was ist eurer Meinung nach das Beste und andererseits das Schlimmste am Architektsein in Wien beziehungsweise in Österreich?
CL:
Ich mag es sehr, in einem so bunten durchmischten Milieu zu arbeiten, das sehr vielfältig und dynamisch ist und in dem man sich stark miteinander austauscht. Es gibt relativ viele Institutionen wie etwa die IG Architektur, die ÖGFA, architecture in progress, die Plattform für Baukultur und viele mehr. Die Szene in Wien ist eine sehr lebendige, und ich denke auch, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die wir in Österreich vorfinden, im Vergleich zu anderen Ländern noch ganz gut sind.
MG: Die Vernetzung untereinander funktioniert in Wien tatsächlich sehr gut. Man hat einen großen Kreis an Ansprechpersonen, und wenn einem etwas unter den Nägeln brennt, weiß man, wohin. Das Schlimmste am Architektsein in Österreich hingegen ist vielleicht das Regelwerk. Wir machen ja sehr viele Wettbewerbe, und es ist einfach unglaublich, dass man es in Österreich nicht endlich schafft, das Baurecht zu harmonisieren. Das war schon Thema, als ich noch zur Uni gegangen bin. Es ist aber nach wie vor so, dass Abstandsflächen, Raumhöhen, Steigungsverhältnisse und so weiter in jedem Bundesland anders sind. Das macht unsere Arbeit wirklich kompliziert und anstrengend.
CL: Es gibt tatsächlich keinen vernünftig nachvollziehbaren Grund dafür, warum eine Durchgangslichte in Oberösterreich, Salzburg und Wien überall unterschiedlich sein soll. Man möchte doch meinen, die Menschen sind überall ungefähr gleich groß.Verbesserungswürdig ist in Österreich aber auch die Raumplanung. Speziell auf dem Land wird derzeit häufig ohne irgendeinen übergeordneten Plan verdichtet. Dabei wird die Landschaft zersiedelt und sehr viel zerstört. 

Wie sieht es mit dem vieldiskutierten Thema Wettbewerbe aus? Wie ist eure Haltung dazu?
MG:
Wir machen Wettbewerbe wirklich gern, auch weil es für uns eine gewisse Fortbildung ist. Man kommt mit unterschiedlichen Themenbereichen in Berührung und lernt viel dabei. Es ist interessant, sich damit zu beschäftigen, wie etwa eine Schule oder ein Krankenhaus funktionieren kann, und auf der Ausstellung der Wettbewerbsergebnisse dann zu sehen, wie andere mit der Bauaufgabe umgegangen sind. Unsere positive Haltung zu Wettbewerben ist sicher davon beeinflusst, dass wir darin jetzt schon öfter erfolgreich waren. Negativ aufgefallen ist uns allerdings, dass es im Vergleich zum Zeitpunkt, wo wir begonnen haben, inzwischen sehr viel weniger offene Wettbewerbe gibt.
CL: Viele werden zwar als solche bezeichnet, in Wirklichkeit wird aber ein Riesenpaket an Referenzen, wirtschaftlichen Nachweisen, technischer Leistungsfähigkeit und so weiter eingefordert, die man als kleineres Büro niemals erbringen kann.
MG: Das war damals anders und ist eigentlich gar nicht so lange her. 
CL: Oft kommt die Kritik an Wettbewerben ja auch von Außenstehenden, die sagen, das kann man den Architekten doch nicht antun, aber es wird schließlich niemand zur Teilnahme an einem offenen Wettbewerb gezwungen. Man kann darüber diskutieren, ob eine Teilnahme am Wettbewerb zum Wien Museum nun Sinn macht oder nicht. Wir haben uns dagegen entschieden, weil uns klar war, welche Menge an Teilnehmern wahrscheinlich ihren Beitrag dazu abgeben wird, was die Erfolgschancen natürlich verringert. Andere wiederum sahen es als kulturelle Verpflichtung.
MG: Wir versuchen bei Wettbewerben auch wirklich ökonomisch mit unserer Zeit umzugehen und einmal getroffene Entscheidungen nicht zu oft zu hinterfragen. Natürlich lässt sich eine Wettbewerbsteilnahme nicht immer wirtschaftlich über die Bühne bringen, aber manche Bauaufgaben lassen sich eben nur auf diesem Wege lukrieren, nämlich genau jene wie Bildungs- und Pflegebauten, die uns interessieren.
CL: Der Vorteil von offenen Wettbewerben liegt für uns darin, dass wir nicht darauf warten müssen, von irgendeiner Jury für die Teilnahme ausgewählt zu werden, sondern selbst entscheiden können, mit welchem Projekt wir uns beschäftigen wollen. Warum soll man sich mit Projekten für die Teilnahme an einem Wettbewerb bewerben und nicht mit einem eingereichten Entwurf für das Projekt selbst. Gäbe es mehr offene Wettbewerbe, würde sich die Menge an Teilnehmern besser verteilen und die Erfolgschancen würden damit erheblich steigen.

Ganz klar habt ihr euch wiederum gegen eine Teilnahme am offenen Wettbewerb zum PPP-Projekt Bildungscampus Nordbahnhof ausgesprochen. Welche Möglichkeiten seht ihr, als Architekten einen Einfluss darauf auszuüben, wie Projekte dieser Art künftig besser abgewickelt werden könnten?
CL:
Als Architekten können wir hier wenig beitragen, zumal es sich um eine Diskussion handelt, die sich primär auf einer politischen Ebene abspielt. In Wirklichkeit haben wir auch keinen besseren Vorschlag, aber ich bin der Meinung, dass ein Nationalstaat gewisse Aufgaben wie etwa die Bildung hoheitlich und souverän abwickeln sollte und dass es sich dabei um kein Thema handelt, das gewinnbringend abgewickelt werden kann. 
MG: Das ist der Hauptgrund, weshalb wir uns dagegen ausgesprochen haben. Aus Architektensicht ist aber zusätzlich kritisch zu betrachten, dass PPP-Projekte nur bis zur Einreichung beauftragt werden. Denn der darin mitschwingende Vorwurf, Architekten würden Projekte unwirtschaftlich machen, stimmt einfach nicht. Wir sind als Architekten auch dazu da, zwischen verschiedenen Interessen zu vermitteln und ein Projekt dabei gesamtheitlich betrachtet zu einem guten Ergebnis zu führen. Das Interesse eines privaten Investors beschränkt sich hingegen naturgemäß rein darauf, seinen Gewinn zu maximieren, indem möglichst billig gebaut wird. Für diese Problematik gilt es, ein Bewusstsein zu schaffen. Es wäre wichtig, dass Auftraggeber, gerade die öffentliche Hand, hier wieder mehr Verantwortung übernehmen. Als Architekten sehen wir derzeit als einziges Mittel, uns möglichst geschlossen solchen Wettbewerben zu verweigern.
CL: Natürlich werden sich leider immer solche finden, die trotzdem teilnehmen, aber wenn wie beim letzten PPP-Verfahren schon fast doppelt so viele Protestprojekte abgegeben werden als echte, dann ist das schon ein Signal, das ernst genommen werden sollte.

Werbung

Weiterführende Themen

Bauzustand
27.03.2019

Das Mooonshotel am Wiedner Gürtel in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wiener Hauptbahnhof macht mit seiner markanten Fassade auf sich aufmerksam. Es soll das erste einer neuen Kette sein, die mit ...

Wolfgang List, Maik Perfahl und Mark Neuner
Gespräche
27.02.2019

Mostlikely – wieder ein Büroname mit Erklärungsbedarf? FORUM wollte es von Mark Neuner, Wolfgang List und Maik Perfahl genauer wissen und traf die drei in ihrem Wiener Büro. Dabei erzählten sie ...

Gespräche
17.12.2018

Architektur, Lehre und die Aufgeschlossenheit zu Innovationen sind in der dritten Generation eng mit dem Namen Hoppe ­verbunden. Diether Hoppes Söhne, Thomas und Christian, haben Baukultur mit der ...

Bauzustand
06.11.2018

Mit seinen ausladenden Terrassen stellt der Wohnbau von Gerner Gerner Plus auf dem Baufeld J3D der Seestadt Aspern dem zentralen See der modernen Planstadt ein gebührendes Äquivalent gegenüber. ...

Individuell angefertigte Waschtische von Laufen finden sich in Ian Schragers ­Public Hotel.
Hotelprojekte
06.11.2018

In der Laufen-Manufaktur in Gmunden wurde etwa das revolutionäre Material „Saphir Keramik“ entwickelt, das besonders dünnwandige Keramikprodukte mit engen Radien ermöglicht. Das Laufen Innovations ...

Werbung