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PPAG architects: Permanent erfinden und erforschen

27.10.2008

Neue Lösungsansätze zu finden und das ständige Experiment sind die Herausforderung, die Architektur als Arbeitsfeld spannend machen. Mehr noch, wenn Anna Popelka über die Arbeit von ppag architects spricht, wird klar, dass die Möglichkeit der tagtäglichen Auseinandersetzung mit neuen Aufgaben unterschiedlichster Art zum Lebenskomfort selbst wird.

Gudrun Hausegger im Gespräch mit Anna Popelka 

ppag architects: "Für uns ist die Realität nicht der Feind der genialen Gedanken, sondern eine Tatsache, mit der wir arbeiten, und die wiederum auf die Idee zurückwirkt. [...] uns bedeutet das schönste Projekt nichts, wenn wir es nicht bauen dürfen, die Bewährungsprobe also ausbleibt."

ppag architects verfolgen kontinuierlich einen innovativen sowie auch künstlerischen Ansatz in ihren Projekten. Worauf begründet sich diese Ausrichtung?
Teilweise ist ein innovativer Zugang sicherlich inhaltlich bedingt, wie etwa bei der Bauaufgabe der Gestaltung eines Klimawindkanals. Im Wohnbau hingegen sind Neuerungen ja oftmals unerwünscht.
Wir sind beinahe fanatische Erfinder und Erforscher. Jede Aufgabe wird im Grunde prototypisch behandelt. Dementsprechend hoch ist unser Planungsaufwand. Wobei das nicht Selbstzweck sein soll, sondern unsere Auffassung widerspiegelt, dass man alles jederzeit noch besser machen kann. Natürlich bedeutet das im Büro ein Zusammenspiel mit dem über die Zeit gewonnenen Know-how, der Erfahrung mit bestimmten Materialien beispielsweise. So sind wir mit Polyurethan (PU) erstmals beim Klimawindkanal in Berührung gekommen, die Materialkenntnis ist danach in die Produktion der Möbel, der Enzis, für das Museumsquartier eingeflossen, bevor wir es beim Haus PA1 in Zurndorf nochmals in fortgeschrittener Art und Weise und mit einer gewissen Sicherheit eingesetzt haben. Das permanente Ausprobieren, das mit diesem Zugang verbunden ist, zieht sich bei uns durch bis in unsere Wohnung, die ständig umgebaut wird, in der wir vieles an uns selbst überprüfen. Dass Auftraggeber im Allgemeinen eher innovationsresistent sind, ist eine Tatsache, mit der wir umzugehen versuchen.

Der Anspruch der Innovation macht in Ihrem Büro auch nicht im großen Maßstab halt. Generell hat man das Gefühl, dass Sie sich in den unterschiedlichsten Maßstäben wohlfühlen.
Absolut, denn wir wollen uns weder auf bestimmte Bauaufgaben spezialisieren noch auf spezielle Größenordnungen. Unterschiedliche Größenordnungen bieten auch unterschiedliche Möglichkeiten. Die Fassade des Einfamilienhauses in Zurndorf wäre in großem Maßstab im sozialen Wohnbau undenkbar, weil zu experimentell. Bei einem unserer aktuellen Wohnbauvorhaben, dem Europan6-Projekt in Simmering, hatten wir die einmalige Chance, in einem sehr frühen Stadium, nämlich dem der Widmung, qualitativ und städtebaulich relevant Einfluss zu nehmen. Das Projekt Wohnen am Park am ehemaligen Nordbahnhofgelände wiederum gab uns den Anlass, dass wir uns mit der potenziellen Unheimlichkeit des "großen Hauses" auseinandersetzten, mit der Problematik von Anonymität und Monotonie. Wir wollten Methoden finden, die Größe innerhalb der ökonomischen Rahmenbedingungen in den Griff zu bekommen. Monotonie kommt ja aus Wiederholung, diese wiederum aus Standards. Im Wohnbau sind Architekten zweifelsohne mit einer starken Standardisierung konfrontiert, die aus dem Bauen selbst, den gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie der Konservativität der Auftraggeber kommt. So haben wir das Faktum der standardisierten Wohnungen zunächst angenommen, aber aus der unorthodoxen, jedoch einer exakten Grammatik folgenden Anordnung der Standards Unverwechselbarkeit erzeugt. Keine Stelle des Hauses gleicht nun der anderen.

Entspricht das dem Gestaltungsprinzip, das Sie beim Wohnbau in der Traisengasse im 20. Bezirk angewendet haben?
Nur bedingt, denn da mussten wir uns ausschließlich auf Regelgeschoße beschränken. Um die Wohnungen von außen unterscheidbar zu machen, änderten wir die Lage der Fenster je Wohnung mit der Absicht, im Idealfall zu bewirken, dass die Bewohner sich in einer neuen Art und Weise mit ihrer Einrichtung auseinandersetzen.
Im Grunde muss die Struktur, die Grammatik jedes Projekts neu entwickelt werden. Beim Wohnen am Park hatte die Grammatik den Auftrag, aus einfachen Grundzutaten möglichst unterschiedliche Situationen zu schaffen. Unser Ziel war, das Haus für die Bewohner innen wie außen überschaubar zu machen. Ein Haus, an dessen Fassade man das eigene Küchenfenster aus der Ferne erkennen kann oder sich das eigene Stockwerk von all den anderen unterscheidet, gibt Orientierung, wird für den Benutzer überschaubar. Wir haben hier die Erschließung in Subgemeinschaften, in "Dörfer" unterteilt, sodass die Bewohner auf dem Weg zur Wohnung nur noch 70 statt 1.000 Leuten begegnen. Generell ist das eine der großen Herausforderungen im Wohnbau, für viele Menschen, die man zudem nicht kennt, etwas möglichst Punktgenaues zu entwickeln. Neutralität wäre in diesem Zusammenhang eine nicht ambitionierte Antwort. Beim Wohnbau in Wien Simmering, der aus dem gewonnen Europan6 Wettbewerb 2001 hervorging, war unser planerischer Ausgangspunkt, die gängige Blockrandbebauung zu überdenken, um eine andersgeartete optimale Baumassenverteilung am Grundstück zu erzielen. Dazu entwickelten wir bereits im Wettbewerb eine spezifische Methode, die wichtige Parameter in 3-D erfassen kann.

Sie sprechen jetzt von der "Visualisierungsmethode", wie Sie diesen spezifischen Prozess einmal genannt haben? Können Sie diese Methode näher erläutern.
An und für sich ist es eine einfache, aber effiziente Methode, in der Qualitäten wie Licht- und Sonneneinfälle oder Freiraumbeschaffenheiten eines Grundstücks grafisch festgehalten und miteinander "verschnitten" werden. So ergibt sich aus den allgemeinen Grundgegebenheiten ein exaktes Möglichkeitsfeld für die Planung. All diese Schritte passieren lange vor der Architektur, dadurch bleibt die Methode planungs- und typologieneutral. In Verbindung mit Angaben zu Nutzflächen und Kubaturen in der Widmung kann man sich in diesem Spielraum in weiterer Folge programmatisch bewegen. Entwickelt haben wir diese Methode für einen Bebauungsplan im Grazer Augarten, bei dem noch nicht klar war, ob hier ein Büro, eine Wohnung oder ein Kino entstehen soll. Im Fall des Simmeringer Wohnbaus ergab sich durch die Anwendung dieser Methode eine terrassenartige Typologie.

Was ist der Motor Ihrer Arbeit?
Was uns immer wieder von Neuem fasziniert, ist, dass beim Planen am Anfang nichts außer einem Gedanken, am Ende jedoch ein bestimmtes Resultat, sagen wir ein Haus, vorhanden ist. Dazwischen liegt ein Prozess mit unzähligen Einflüssen und Beteiligten, die gesamte bekannte Dynamik, in der Architektur entsteht. Das, was Architektur ausmacht, ist sehr abstrakt, sehr abgehoben, hat mit dem Gebrauch noch nichts oder kaum etwas zu tun. Die Architektur fällt sozusagen "von oben herunter" und muss sich in den Niederungen der Realität bewähren. Für uns ist die Realität nicht der Feind der genialen Gedanken, sondern eine Tatsache, mit der wir arbeiten, und die wiederum auf die Idee zurückwirkt. Hoffentlich ohne zu nivellieren oder zu banalisieren. Uns bedeutet das schönste Projekt nichts, wenn wir es nicht bauen dürfen, die Bewährungsprobe also ausbleibt. Normalität und Radikalität sehen wir in unseren Projekten nicht als Widerspruch. In diesem Rahmen wollen wir Aufgabenfelder immer wieder neu andenken, gleichzeitig aber soll beispielsweise ein Wohnhaus eine Alltäglichkeit vermitteln. Ein Wohnhaus darf in seiner Innovationskraft nicht anstrengend sein. Architektur hat auch diese unglaublich faszinierende Fähigkeit, katalysatorisch zu wirken. Bei unserem Projekt, dem Museum der Wahrnehmung in Graz, konnte ich das zum ersten Mal bewusst erleben. Das Museum war nichts anderes als ein öffentliches Solebad, in dem man unter völliger Ausblendung der Außenreize in einer blauen Kapsel in körperwarmer Sole lag (das Bad existiert nicht mehr). Die Besucher verloren darin jeden Bezug zum Raum. Im Grunde produzierten wir eine Architektur, die den Raum auslöscht. Das waren Grenzerfahrungen für uns im Umgang mit Raum an sich. Wir bekamen ungefragt sehr viel positive Resonanz von der Öffentlichkeit, es gab wider Erwarten keine Vorbehalte gegen unsere "moderne" Architektur. Die Kapsel war gebaute Medizin, deren Intensität wir dosieren konnten.

Wie ist Ihr Büro organisiert, um die Grundauffassung einer laufenden Projektoptimierung auch dementsprechend umsetzen zu können?
Wir verfolgen die Vision, dass alle unsere Mitarbeiter in allen Fachbereichen und Planungsabschnitten arbeiten können und auch bereit sind, das zu tun. Um ein kompletter Architekt zu sein, braucht es die Erfahrung, wie man einen Entwurf überhaupt anfängt, genauso wie es die Erfahrung braucht, den Dreck unter den Stiefeln auf der Baustelle zu spüren. Alle diese Erfahrungen prägen die Antworten auf die Fragen der Architektur mit. Meist sind die Mitarbeiter hier im Büro auch Teil mehrerer Teams. Jüngere lernen dadurch auch die Gesamtheit der Prozesse kennen oder legen abstrakte Vorstellungen ab, die sie oft vom Studium mit sich bringen. Wir verändern auch immer wieder unsere Bürostruktur und unsere Entwurfsmethode. Es ist ein fließender Prozess mit viel "trial and error". Gerade eben sind wir im Begriff, die Bürostrukturen in einer für uns neuen Art und Weise zu optimieren, um uns beiden wieder mehr Arbeitsfreiräume zu schaffen.

Gibt es eine interne Aufgabenteilung zwischen Ihnen und Georg Poduschka?
Nein, wir sind ein langjährig eingespieltes Team ohne Konkurrenzen. Das beginnt beim Entwurfsprozess, der in unseren Händen liegt, und den ich als "lustvoll iterativ" bezeichnen würde. Bis wir die Sprache eines einzelnen Projektes gefestigt haben, legen wir gemeinsam einen langen Weg zurück. Wir sind nicht das sprichwörtliche komplementäre Arbeitspaar, sondern eher unterschiedlich und ähnlich genug, um uns den Ball stets zuzuwerfen. Die Architektur, unsere Projekte und aktuelle Themen sind für uns omnipräsent und werden, wo auch immer wir sind, besprochen. Wir leisten uns auch den Luxus, gemeinsam zu arbeiten. Es wäre für uns unkomfortabler, würden wir die Projekte zwischen uns aufteilen. Die laufenden gemeinsamen Auseinandersetzungen sind für uns Lebenskomfort und der Schlüssel zu unserer Qualität.

 

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