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Purpur.Architektur: Das Know-How teilen

03.09.2007

Purpur.Architektur: Vier kontroversielle Charaktere, die gemeinsam die stete und „lustvolle“ Expansion ihrer Büros vorantreiben. und obwohl noch als „emerging“, sprich Jung-Architekten, gehandelt, entsprechen Auftragslage, Arbeitsweise sowie auch die eigene Einschätzung vielmehr einem etablierten Architektenalltag.

Gudrun Hausegger im Gespräch mit Christian Toedtling und Alexander Loebell

Purpur.Architektur: „Jeder von uns hat andere Einflüsse aufgenommen und mitgebracht. Sobald man in einer anderen Stadt arbeitet und lebt, ist man einfach offener für alle Dinge, die rundherum passieren, denn es geht ja nie nur um Architektur alleine, sondern auch um die Kultur, die sie hervorbringt.“

Ihr seid ein Team mit vier Köpfen, das auf zwei Standorte verteilt arbeitet. Wie handhabt ihr einerseits die organisatorischen Abläufe, wie werden andererseits die inhaltlichen Kompetenzen aufgeteilt?
Toedtling:
Zunächst, rein bürokratisch betrachtet, führen wir zwei Büros, eines in Graz, das andere in Wien. Dies aber mit inhaltlichen Verknüpfungen zu drei, vier weiteren Plätzen in Europa wie Berlin und Plovdiv in Bulgarien. In Rumänien planen wir zurzeit eine weitere Verlinkung. Organisationstechnisch und gesetzlich arbeiten wir als vier gleichberechtigte Partner, die sich den gesamten Aufwand, den eine Büroführung mit sich bringt, teilen. Dann gibt es die Aufteilung in Projekte.

Nach welchen Gesichtspunkten teilt ihr die Projekte auf, gibt es dabei inhaltliche Kompetenzen unter den vier Partnern?
Loebell:
Die Unterschiedlichkeit unserer vier Charaktere – eigentlich kann man bei Purpur von zwei „Standorten“ und vier „Standpunkten“ sprechen – lässt sich auch an der Akquirierung der Projekte ablesen.

Mit einem zugewiesenen Team, nehme ich an.
Loebell:
Ja, wobei die Entwürfe auf alle Fälle gemeinsam besprochen, getragen und abgesegnet werden. Danach erst bilden wir das geeignete Team. Und je nach Standort wird das Projekt dann vom Wiener oder vom Grazer Büro ausgeführt.

Das heißt, vom Entwurf bis zur Bauausführung gibt es keine vorgegebene Spezialisierung unter den vier Partnern?
Loebell:
Nein, die Spezialisierung liegt eher in der inhaltlichen Ausrichtung des Büros selbst. Das bedeutet, wir machen nicht länger bei allen Wettbewerben mit und nehmen auch nicht mehr alle Jobs an. Wir spezialisieren uns eher auf den Part des Entwurfs und des Kreativen. Wir haben mittlerweile auch genügend Partner, mit denen wir ein Projekt gemeinsam zu Ende bringen.
Toedtling: Wobei das Wort „Entwurf“ immer sehr architektonisch behaftet ist. Im Grunde bedeutet es für uns „nachdenken“ mit jungen, frischen Köpfen. Unsere Produkte entstehen immer aus einer engen Zusammenarbeit mit unseren Mitarbeitern, die aus den unterschiedlichsten Ländern Europas kommen und so auch die unterschiedlichsten Gesinnungen mitbringen. Das bringt frischen Wind.

Welchen Standpunkt bezieht ihr zum gegenwärtig so stark strapazierten Begriff der „Vernetzung“? Loebell: Man muss zwischen zweierlei Netzwerken unterscheiden. Da ist zunächst unser bürointernes Netzwerk, das wir mittlerweile so aufgebaut haben, dass das tagtägliche Abwickeln aller Notwendigkeiten sehr gut funktioniert. Das andere sind Netzwerke, die wir als Akquirierungsplattformen verwenden, die wir aber nicht absichtlich pushen. Unsere Idee dabei ist, dass wir kleinere „Zellen“ in Europa schaffen. Wenn man sich da zusammenschließt und das Know-how teilt, hat man einen viel größeren Bereich, in dem man agieren kann.
Toedtling: Ein Beispiel: Zurzeit ist gerade eine junge rumänische Mitarbeiterin in ihrem Heimatland, um Kontakte mit Büros zu knüpfen, die noch unbekannt sind, die vielleicht aber die Bereitschaft zeigen, mitzudiskutieren. Wir suchen bei solchen Vernetzungen keine Schlachtschiffe, sondern junge, begeisterte Köpfe. Es werden sicherlich durch die Kontakte, die wir derzeit im Osten aufbauen, mehrere neue Anknüpfungspunkte entstehen – wobei uns bei all den Aufgaben der Wohnbau am wenigsten interessiert.
Loebell: Das stimmt, so pauschaliert gesprochen, aber eher nur für den sozialen Wohnbau, denn es finden sich schon auch Beispiele qualitativ hochwertigen Wohnbaus.
Toedtling: Da gebe ich dir Recht. Aber trotzdem interessiert uns eher die Fragestellung nach den Möglichkeiten, wo wir uns innerhalb der Architektur platzieren können, welche unsere nächsten Schritte sind und nicht so sehr die Frage, ob wir nun drei oder vier Wohnbauten oder fünf Hotels in den nächsten Jahren bauen können.

Ist das nicht ein sehr privilegierter Standpunkt?
Toedtling:
Mag sein. Trotzdem versuchen wir, mit unserer sehr offenen Plattform zu schauen, wo unsere Gesinnung Platz findet. Das Schöne daran ist auch, dass wir so mit Leuten aus den unterschiedlichsten Disziplinen zusammenarbeiten können, wie zum Beispiel beim AVL-Projekt in Graz, wo das Kunstwerk das tragende Objekt für die Architektur wurde.

Ihr arbeitet verstärkt im Shopdesign, ein Bereich, der mittlerweile nicht nur internationale Ikonen hervorgebracht hat, sondern auch in Österreich seit einigen Jahren mit gelungenen Beispielen aufwarten kann. Gibt es bei dieser Bauaufgabe für euch Vorbilder? Verfolgt ihr einen bestimmten Strategie-Mix? Wieweit werden Trends bedient, bzw. wieweit grenzt ihr euch von solchen ab? Toedteling: Wir haben keine wirklichen Vorbilder. Wir beschäftigen uns nicht damit. Das ist manchmal auch gar nicht möglich. Beim Projekt Albrecht 7 zum Beispiel, einem kleinen Laden inmitten der Grazer Altstadt, waren anfänglich so viele Parameter zu beachten, dass die Freude am Projekt erst viel später so richtig aufkommen konnte. Da mussten wir uns zunächst mit dem Faktum auseinandersetzen, dass das Geschäft in der ASVK-Zone liegt [Anm.: Grazer-Altstadtsachverständigenkommission] – ein Begriff, der in Wien ein Fremdwort ist, in Graz aber ein Damoklesschwert darstellt. Neben viel bürokratischer Organisation, waren wir auch mit der unglaublich geringen Fläche von nur 38 Quadratmetern konfrontiert.
Loebell: Und dazu kam ein neues Konzept: Normalerweise sieht man zu viele Schuhe auf einmal, wenn man in einem Schuhgeschäft steht, so dass man vollkommen den Überblick verliert. Um das zu vermeiden, verfolgten wir die Idee, die Schuhe wie exquisite Juwelierteile in kleinen Schaukästen zu präsentieren, um die Passanten gewissermaßen in das Geschäft zu locken. Diese Schaukästen, der Fassade vorgelagert, dienen nicht nur als EyeCatcher, sondern ermöglichen auch gleichzeitig, dass sich die Kunden dahinter „verstecken“ können. Im Zusammenspiel mit einer speziellen Lichtführung konnten wir auch die optische Größe des Geschäfts beeinflussen.
Toedtling: Da die Frage nach Anlehnungen bzw. nach Vorbildern gestellt wurde: Dieser vorher angesprochene Effekt der Vergrößerung ist schon vergleichbar mit einem möglichen Vorbild, nämlich mit Vito Acconcis und Steven Holls Storefront Gallery in New York. Hier wurde eine ähnliche Idee entwickelt – mit kleiner Fläche groß zu wirken –, die wir auch beim Albrecht 7 verfolgten. Zusätzlich wollten wir auch, dass die Personen, die sich im Geschäft einfinden, sich wohlfühlen, sowohl beim Schauen als auch Anprobieren sitzen können und relativ unbeobachtet, quasi „beschützt“, konsumieren können.

Vis-a-vis vom Albrecht 7 habt ihr – auch im Jahr 2005 – das Herrenmodengeschäft Momentum gestaltet, das sich wie von „Purpur-fremder“ Hand konzipiert ausnimmt.
Loebell:
Das ist so nicht richtig, denn obwohl wir für denselben Bauherrn gearbeitet haben, war das inhaltliche Konzept ein ganz anderes. Das ist eben genau das Purpur-Konzept: Jede neue Aufgabe verlangt eine neue Herangehensweise – und ist daher hoffentlich nicht sofort „katalogisierbar“!

Arbeitet ihr in dem Bewusstsein, dass Graz eine Stadt mit einer langen architekturspezifischen Tradition ist? Ich würde auch meinen, dass das punktuell noch spürbar ist. Spielt das für euch eine Rolle?
Loebell:
Prinzipiell glaube ich, dass das für Purpur.Architektur keine Rolle spielt, da alle vier Köpfe nicht nur in Graz allein studiert haben. Somit hat jeder von uns andere Einflüsse aufgenommen und mitgebracht. Sobald man in einer anderen Stadt arbeitet und lebt, ist man einfach offener für alle Dinge, die rundherum passieren, denn es geht ja nie nur um Architektur alleine, sondern immer auch um die Kultur, die sie hervorbringt.
Toedtling: Ich glaube, dass diese „Grazer Schule“ speziell im Ausland stark kolportiert und vertreten wird.
Loebell: Ja genau, vielleicht gilt dies noch für die Rezeption der Grazer Architektur im Ausland. Aber das, was die Technische Universität Graz hervorbringt, sowie auch die Lehrenden, haben nicht mehr die Sprengkraft, die einst in den Siebziger- und Achtzigerjahren vorhanden war.
Toedtling: Ich glaube, trotz allem und obwohl es so aussieht, als ob die Grazer Architekturszene stillgelegt wäre, dass es sehr feine Bürokonstellationen gibt, die hervorragende Arbeit leisten. Es gibt ein dichtes Feld an jungen, frechen Leuten, die auch die Komplexität einer Büroführung begriffen haben. Das heißt, die wissen, dass nicht nur Inhalte allein das Berufsbild bestimmen, sondern dass auch Organisation, Budgetierung und Management dazugehören. Zusätzlich ist durch das Lehrangebot an der Fachhochschule Joanneum das Produktdesign stark im Kommen bzw. schon merklich vertreten. Allein aus dem ersten Ausbildungsjahrgang sind viele qualifizierte Leute hervorgegangen. Da ist viel Potenzial, das sich noch bemerkbar machen wird. Für unser Büro aber ist die Mischung von Graz und Wien wichtig, allein um nicht betriebsblind zu werden. ­

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