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Raimund Rainer: Überzeugungsarbeit durch handfeste Praxis

31.05.2019

Seit 35 Jahren gewinnt Raimund Rainer Wettbewerbe und Preise. Er hat als ­einer der ersten Tiroler Architekten Energieeffizienz zum Thema gemacht und baut unaufgeregt und beharrlich gute Architektur. 

Gretl Köfler im Gespräch mit Raimund Rainer

"Technisch ist heute alles machbar, ob es gescheit ist, ist eine andere Frage."

-  Raimund Rainer

Sie sind Miterbauer des Treibhauses, des wichtigsten alternativen Kulturzentrums in Tirol und einer ebenso wichtigen Arbeit für die Architektur in Innsbruck. Wie kam es dazu?
Raimund Rainer: Es gab damals Anfang der 1980er Jahre in Innsbruck eine alternative Szene und wir – ­Rainer Köberl und Gerhard Manzl und ich – haben seinerzeit eine Alternative zur Bebauung der Peerhofsiedlung entwickelt und diese im Treibhaus, damals noch in Pradl, vorgestellt. Dadurch sind wir mit dessen Betreiber, Norbert Pleifer, in Kontakt gekommen. Für ihn haben wir zuerst zwei andere Erweiterungen geplant, aus denen nichts geworden ist. Danach hat ihm der Innsbrucker Geschäftsmann Karl Gostner ein Grundstück in einem Hinterhof in der Museumstraße am Rande der Altstadt zur Verfügung gestellt. Ein Stöcklgebäude, das ursprünglich als Lager genutzt worden war, vier Meter hoch und 20 Meter lang. Dorthin haben wir dann 1986 den achteckigen Theaterturm aus grauen Lecca-Gisoton-Steinen aufgestellt, die Wärmedämmung war dabei schon integriert. Der Bau war irrsinnig billig, das teuerste daran waren die Leuchten von Christian Bartenbach.

War das der Beginn der eigenen Architektenkarriere?
Das könnte man so sagen. Als Gruppe haben wir zwar noch ein paar Wettbewerbe gemeinsam gemacht und eine Zeit lang ein Büro miteinander geteilt, aber keine Projekte mehr umgesetzt. Da ist bereits jeder seine eigenen Wege gegangen. Ich habe von Fall zu Fall für Hans Loch als freier Mitarbeiter gearbeitet, aber angestellt war ich nie. Das hat man vorher gebraucht und später auch wieder. Es gab nur eine kurze Zeitspanne, in der man diese Praxis nicht nachweisen musste.

Sie gelten als Vorreiter für energieeffizientes Bauen in Tirol, wie hat sich das entwickelt?
Begonnen hat es 1990 mit meinem eigenen Haus. Ich wollte, dass es ganz einfach, ja geradezu autark funktioniert und habe mich deshalb näher mit Energieeffizienz befasst. Ich bin davon überzeugt, dass dies notwendig ist, nicht nur wegen des oft zitierten Ressourcenverbrauchs, sondern auch wegen der Aufenthaltsqualität in den Räumen. Und ich behaupte, dass moderne Architektur diese Aufenthaltsqualität oft nicht leistet, zum Beispiel von der Materialität her, und man in der Folge dem Klima nicht Herr wird: rundherum verglast, zu heiß im Sommer, zu kalt im Winter. Energieeffizienz ist einfach notwendig, um adäquatere Lebensbedingungen zu schaffen – zu Hause ebenso wie am Arbeitsplatz.

Und wie verhält es sich dabei mit der Altbau­sanierung?
Aus energetischer Sicht ist die Sanierung von Altbauten viel wichtiger. Den Neubau hat man im Griff mit Baugesetzen und Bauordnungen, die ganz schlechte Gebäude gar nicht mehr ermöglichen. Grundsätzlich ist eine Wärmedämmung an der Außenfassade ja besser, aber abgesehen davon, dass es nicht jeder mag, wenn man da Styropor hinauf pickt, darf man es aus verschiedenen Gründen, wie etwa aus Gründen des Denkmalschutzes, gar nicht – aber glücklicherweise gibt es inzwischen gute Innendämmungen. Da hat man einiges entwickelt. Wir haben etwa ein historistisches Gebäude im Innsbrucker Stadtteil Wilten saniert. Der gesamte Putz wurde he­runtergeschlagen, ein Kalkputz aufgetragen und die Wärmedämmung innen angebracht. Der Bauherr war uns dankbar, weil er endlich in dem alten Haus gut wohnen konnte, denn zuvor hatten die dicken Wände die Kälte abgestrahlt. Es muss also nicht immer nur Vollwärmeschutz sein, es gibt auch andere Möglichkeiten, eine Dämmung aufzubringen – aber Dämmen macht grundsätzlich einfach Sinn.

Im öffentlichen Bereich ist die Sanierung von Schulen und Altersheimen derzeit ein wichtiges Thema.
Schulbauten sind seit der großen Schulbauoffensive in den 1960er Jahren alle in die Jahre gekommen und müssen saniert werden, nicht nur energieeffizient, sondern auch technisch, dort gibt es noch elektrische Leitungen, die heute längst verboten sind. Wir haben zum Beispiel die Volksschule in Stams abgebrochen und neu gebaut, den Turnsaal und die Hauptschule energieeffizient und technisch saniert. Schulen gehen auch immer mehr in Richtung Ganztagsschulen mit offenen Lernzonen und großen Räumen, da­rauf müssen wir als Architekten bei der Sanierung reagieren. Die Nachfrage nach Kinderkrippen steigt ebenfalls. In den Gemeinden Mutters und Sistrans etwa hat man sich anfangs gefragt, ob dafür überhaupt Bedarf besteht, nach zwei, drei Jahren waren die Kinderkrippen übervoll. Es gibt eine gewaltige Nachfrage auch am Land, verbunden mit einer gesellschaftlichen Diskussion über gute Betreuung.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Energiesparen im Wohnbau?
Gemeinsam mit Andreas Oberwalder haben wir Mitte der 1990er Jahre die Wohnanlage Mooser­kreuz in St. Anton entwickelt. Das war eine der ersten Tiroler Niedrigenergie-Siedlungen. Und ein Glücksfall, weil der Obmann des Siedlungsausschusses Reinhard Falch zugleich Raumplaner war. Er hat dafür gesorgt, dass es einen Wettbewerb gab und das Wettbewerbssiegerprojekt letztlich auch umgesetzt wurde. Geplant waren 40 Doppelhaushälften, auch weil es in St. Anton keinen leistbaren Baugrund gibt. Jede Hälfte hat auf 200 Quadratmeter Grundfläche ebensoviel Wohnnutzfläche, darunter eine Einliegerwohnung. Das war den an Eigenheime gewöhnten Einheimischen schwer zu vermitteln; erst jetzt, 20 Jahre später, ist die letzte Baustufe abgeschlossen. Inzwischen ist jeder zufrieden. Ein ortsansässiger Schilehrer sagte mir kürzlich: „Gefallen tut’s mir immer noch nicht, aber bauen täte ich nie mehr anders.“ Wir haben einige Preise dafür erhalten, aber es gab dennoch kein Nachfolgeprojekt. Das auch im Konzept enthaltene Mietswohnhaus wurde schon längst von der Alpenländischen Heimstätte als Passivhaus umgesetzt, inzwischen gibt es mehrere davon. Im sozialen Wohnbau ist Energieeffizienz heute Standard. Die Wohnbauförderung zwingt einen beinahe dazu. Kritischer Punkt bleibt die Lüftung. An lärmbelasteten Straßen macht das Sinn, ebenso für Pollenallergiker. Für den Wohnbau mit einem privaten Investor an der extrem verkehrsbelasteten Grassmayrkreuzung am Innsbrucker Südring war das ein Hauptthema; darauf muss man mit einer klugen Erschließung reagieren. Lüftung ist auch im Schulbau Thema. Das haben wir bei der Hauptschule in Brixlegg erlebt, weil es zuvor in Tirol noch keine Schulen mit Lüftung gab. Dort war eine wahre Überzeugungsarbeit mit Bürgermeister und Gemeinderäten gefragt, es gab dazu Exkursionen zu bereits funktionierenden Vorbilderbauten. Das war dann keine Theorie mehr, sondern handfeste Praxis, und man konnte einen Tag lang mit allen sprechen. Die Gemeindepolitiker glauben ja meist einem Hausmeister mehr als dem Architekten. Ein gutes Verhältnis mit den entscheidungsbefugten Ansprechpartnern ist besonders wichtig und die sind am Land vor Ort, während es mit den Bundesschulen und der BIG anonymer abläuft.

Wie steht es mit der Bürgerbeteiligung?
Es ist total wichtig, dass die Benutzer einbezogen werden, das haben wir auch bei den Schulbauten gemacht. Es ist zeitaufwendig, und man muss es strukturieren, denn das Raumprogramm ist nicht veränderbar. Anfangs gibt es sehr viele Interessierte, aber nach und nach bröckeln diese ab. Da waren anfangs 40 Lehrer und später dann noch der Direktor, fünf engagierte Lehrer und der Hausmeister. Wir geben ein Projekt niemals aus der Hand, sondern betreuen es bis zum Ende, denn es braucht eine vertrauensvolle Atmosphäre mit allen handelnden Personen.

In vielen Landgemeinden herrscht noch das Satteldach. Wie stehen sie dazu?
Im Prinzip ist das Satteldach nichts Schlechtes, das sieht man ja bei Bernardo Bader. Es kommt immer darauf an, ob es stimmig im Gefüge steht, sei es ein Landschafts- oder ein Naturraum. Die Dachform ist dann sekundär, doch das Satteldach tut sich leichter. Das größte Problem bei den Einfamilienhaussiedlungen ist, dass die Häuser nebeneinander stehen. Das sind lauter kleine, in sich vielleicht gar nicht schlechte Lösungen, bei denen jeder meint, er müsse jetzt weiß Gott was Neues und Spektakuläres machen. Das ist ja aber eigentlich der Tod jeder Siedlungsstruktur. Technisch ist heute alles machbar, ob es gescheit ist, ist eine andere Frage. Jemand wie Josef Lackner, der ja ein genialer Architekt war, konnte das, bei seinen Schülern, die meinen, das auch zu können, geht es jedoch meist schief. Jeder Häuselbauer will sich seinen Traum erfüllen und sich von niemandem etwas dreinreden lassen. In Wahrheit aber hat er dann genau das gleiche Haus wie der Nachbar, mittlerweile alle mit anthrazitfarbenen Fenstern und Flachdächern mit großem Vordach; die stolpern genauso in die Klischeefalle wie ihre Vorfahren. Und sie bauen alle viel zu groß, das ist in mehrfacher Hinsicht schlecht. Erstens stehen dann diese Klötze herum und zweitens müssen diese auch bezahlt werden, das geht auf Kosten der Lebensqualität. Es setzt sich auch auf dem Land die Einsicht durch, dass das Einfamilienhaus eigentlich zu teuer ist. Das ist ein Ansatz für den sozialen Wohnbau. Wir haben in Sölden, wo wir einiges gebaut haben, einen Siedlungswettbewerb mit Doppelhäusern gewonnen. Das Hauptthema war die Erschließung und zwar nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Autos. Und genau deshalb haben wir die Autos unter die Erde verbannt. Jetzt wollten wir das Projekt umsetzen, aber es waren nur mehr vier Inte­ressenten übrig geblieben. Daneben haben wir ein Mietswohnhaus mit der Alpenländischen Heimstätte gebaut, das sofort bummvoll war. Auf meine Frage an den Bürgermeister, wie es das gibt im reichen Sölden, hat dieser geantwortet: „Das ist ganz einfach: Der junge Mann ist 28 Jahr alt, hat den zweiten oder den dritten BMW, für den er Leasingraten zahlen muss, weil er die anderen Wagen zuvor an den Baum gefahren hat. Für ein Haus gibt es deshalb kein Geld.“

Sie führen jetzt seit 35 Jahren ihr Büro. Was hat sich in dieser Zeit verändert im gesellschaftlichen Zugang zur Architektur.
Es ist komplizierter geworden, weil sich die Randbedingungen verändert haben. Wenn wir heute das Treibhaus planen würden, hätte das eine Bürgerinitiative dagegen ausgelöst. Bei jeder Bauaufgabe gibt es Proteste, nicht nur in der Stadt, sondern auch teilweise auf dem Land. Als Bausachverständiger in mehreren Gemeinden bin ich immer wieder damit konfrontiert. Es kommt vor, dass Nachbarschaftskonflikte über die Bauordnung ausgetragen werden. Das gab es früher auch, aber nicht in dieser Schärfe und auch nicht mit diesem Aufwand. Da liegt sofort ein fünfseitiger Einspruch vom Anwalt auf dem Tisch. Alles, was nur dazu dient ein Bauvorhaben zu verzögern, ist verrechtlicht. Auf der anderen Seite hat die Qualität zugenommen, zum Teil dank der Wettbewerbe, der Dorferneuerung und zum Teil dank der Lebensmittelkette MPreis. Alle haben sich gefreut, dass ein Nahversorger kommt und MPreis hat zugleich Architekturweiterbildung betrieben.

 


RAIMUND RAINER
1956 geb.
1971–1976 HTL für Hochbau Innsbruck
1976–1984 TU Innsbruck bei Othmar Barth
1980–1981 Auslandssemester an der Technischen Hochschule in Delft und Technion Haifa
Seit 1984 eigenes Büro, seit 1990 Befugnis als Architekt

Bauten (Auswahl) 
2004 Friedhofserweiterung Sölden
2004 Neue Mittelschule Brixlegg
2005 Kindergarten Sölden
2005 Gemeindehaus Karrösten
2009 Volks- und Neue Mittelschule Stams
2009 Agrarzentrum West
2012 Schulzentrum Imst Unterstadt
2013 Neue Mittelschule Inzing
2014 Kindergartenerweiterung Sistrans
2014 Volksschule Mutters Erweiterung Kinderbetreuung
2015 Volksschule Mieders
2018 Wohn- und Pflegeheim Natters/Mutters

Auszeichnungen und Preise (Auswahl)
Auszeichnung für Neues Bauen in Tirol (Wohnanlage Mooserkreuz und Friedhofserweiterung Sölden), BTV Bauherrenpreis (Neue Mittelschule Brixlegg), Tiroler ­Sanierungspreis (Volks- und Hauptschule Stams)

www.architekt-rainer.at

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