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Reflexionen zum Phänomen Hotel als Ruhe- und Arbeitsort

06.11.2018

Das Kriterium der Atmosphäre wird bei Hotels zunehmend wichtiger. Das alte Grand Hotel gilt als Folie neuer Ent­würfe, weil in ihm bereits vieles kulturell aufgearbeitet wurde. 

von Susanne Karr

Eines vorausgeschickt – das vielseitige und gestaltenreiche Phänomen Hotel versteht sich immer noch, trotz aller Innovationen, als Ort der Zuflucht in fremder Umgebung. Ruhe und Rückzug mit einem Mindestmaß an Privatheit können als Grundforderungen an das Hotel im Allgemeinen gelten. Allerdings beginnen bereits an dieser Stelle unterschiedliche Konzepte zu wirken. Die Realisierung des optimalen Hotels kennt viele Spielarten. Gemäß einer aktuellen Tendenz in der Architektur gelten auch vielerorts die Bestrebungen, aus Vorhandenem Neues zu schaffen, Bestand zu erweitern, zu verbessern und neu zu interpretieren. Wichtig ist nach wie vor, dass die Reise schon bei der Buchung beginnt. Ansprechbarkeit und Betreuung sind gerade in der gehobenen Hotellerie unverzichtbare Qualitätsmerkmale. Hinzu kommt, dass die Auftritte im Netz der Realität standhalten müssen. Storytelling muss reale Entsprechungen haben.

Für die folgenden Überlegungen zum Hotel haben wir mit dem Wiener Architekten Christian Prasser gesprochen, einem  Spezialisten für zeitgenössische Hotelkonzepte. Erst vor Kurzem gestaltete er die Erweiterung des Hotels „Zur Traube“ von Toni Mörwald in Feuersbrunn, das zum Holzbaupreis 2018 nominiert wurde. Das Konferenzhotel Stollhof eröffnete 2013 und wurde mit dem Holzbaupreis NÖ 2014 sowie dem Iconic Award ausgezeichnet. Zudem gibt es in Lech mehrere Hotels, die von seinem Büro architektonisch betreut wurden.

Die richtige Geschichte ­erzählen
Immer wichtiger wird bei modernen Hotelkonzepten ganz allgemein eine vielseitige Nutzbarkeit. Eine Mischung aus Offenheit und Privatheit soll erzielt werden. Einerseits gab es lange eine Hinwendung zu fließenden Räumen, die zur Folge hatte, dass etwa der Badbereich ins Raumkonzept integriert und, etwa durch Verglasung, eine räumliche Abtrennung zwischen Schlafzimmer und Bad aufgehoben wurde. Inzwischen wird eine klarere Abtrennung wieder stärker fokussiert, vor allem bei Seminarhotels. Denn dort werden Räume auch häufig von Menschen genutzt, die kein Naheverhältnis zueinander haben. Distanzierungsmöglichkeiten sind dann konstruktiv einzuplanen.

Das Seminarhotel ist ohnehin ein besonderer Typus. Es stellt einen Ort für ein neues Verständnis von Entscheidungsprozessen zur Verfügung, die außerhalb der alltäglichen Arbeitsumgebung entwickelt werden sollen. Daher muss es vielen verschiedenen Ansprüchen genügen. Es soll gleichzeitig über alle Annehmlichkeiten optimal ausgestatteter Arbeitsräume verfügen und die Atmosphäre eines entspannenden Rückzugsortes verströmen. Das Auslagern von Arbeitsprozessen in eigene Räumlichkeiten bedeutet bereits ein Herausheben aus dem Alltag. Es scheint ein besonderes Qualitätsversprechen im Raum zu stehen, wenn man sich eigens zurückzieht, mit einer ausgewählten Menge an Mitarbeitern, um den Weg zu bestimmten Entscheidungen zu ebnen.

Aus dem Alltag ­herausheben
Als beispielhaft für eine solche, nicht alltägliche architektonische Aufgabenstellung ist das Seminarhotel in Stollhof zu nennen, das vom Architekturbüro Christian Prasser im Auftrag von Greenwell realisiert wurde. Stollhof wurde vom Bauherrn aufgrund mehrerer Kriterien als Standort für internationale Seminare ausgewählt: Zunächst war die internationale Erreichbarkeit wichtig. Nach Seminarende um 16.00 Uhr am Freitagnachmittag musste es möglich sein, Anschluss an einen Flughafen innerhalb 45 Minuten zu haben. Flüge in internationale Metropolen mussten noch an diesem Abend erreichbar sein. Zudem wichtig war eine natürliche Umgebung und die Positionierung außerhalb einer fußläufigen Ortsanbindung, um die Teilnehmenden nicht an abendliche Ausflüge in den Ort zu verlieren.

Die Gestaltung der einzelnen Zimmer in Pavillons verweist auf private Rückzugsorte, die inmitten des Ensembles eine persönliche Zone für die Teilnehmer sichert. Die Gebäude zeigen sich durch Material- und Farbgebung (Holz, Blech, weißer Anstrich) zueinander gehörig, die weiße Färbung nimmt Bezug auf den Schneeberg bzw. setzt einen starken Kontrast zur Schwärze der Hohen Wand. Die einzelnen Pavillons sind Module, in denen sich zwei oder vier Zimmer befinden. Wichtig ist, dass sich die Zimmer leicht zu Arbeitsräumen umfunktionieren lassen. Technisches Equipment auf höchstem Niveau machen jeden Raum zum möglichen Konferenzraum.

Bewusst entschleunigen
Zudem sind die Gebäude der Anlage durch einen überdachten Wandelgang miteinander verbunden, der nach den Arbeitsphasen einen Gang nach draußen erzwingt. Ein Bezug zur Außenwelt, zur Natur, ist Christian Prasser wichtig. Dem Verlust an Naturbezug soll entgegengewirkt werden. In einem Setting wie Stollhof kommt die Möglichkeit zu wandern hinzu, Wälder und Klettergarten schließen unmittelbar an. Die Landschaft strahlt eine melancholische Ruhe und Gleichmäßigkeit aus, ebenso fügen sich die einzelnen Gebäudeteile in die Hebungen und Senkungen des Grundes ein. Eine natürliche Umgebung kann Motor einer meditativen Auseinandersetzung sein, der Geschwindigkeit heutiger Arbeitsprozesse entgegensteuern und somit Qualität von Entscheidungen beeinflussen.

Es geht also um nichts weniger, als eine Atmosphäre zu kreieren, die den Arbeitsstress als Ganzen transformieren kann. Eine dazu passende Assoziation ist der Wandelgang, wie man ihn schon in der griechischen Philosophenschule der Peripatetiker kennt – im Spazieren wird diskutiert oder still nachgedacht. Ähnlich lässt sich der Wandelgang in Stollhof interpretieren, der nicht nur Verbindungen von Innenräumen und äußerer, natürlicher Umgebung, sondern auch innerhalb der Arbeitsabläufe darstellt. Prasser hat ihn als „dekonstruierten Kreuzgang“ bezeichnet. Davon schwebt etwas mit, wenn man an eine Seminarveranstaltung als Gesamtkonzept denkt. Lebendige Prozesse werden hier architektonisch gefördert und angeregt. So entsteht ein Hotel, das sich frei gestaltend und gleichzeitig ­leger zeigt.

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