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Northoff

Restaurative und regenerative Nachhaltigkeit

28.05.2018

Im Rahmen der europäischen Forschungsinitiative COST (European Cooperation in Science and Technology) ist seit vergangenem Jahr ein Netzwerk von Forschenden und Experten aus Industrie und technologischer Entwicklung aktiv mit der Frage nach einem Paradigmenwechsel bei Nachhaltigkeitsstandards im Bausektor beschäftigt. Gefordert wird ein umfassenderer Nachhaltigkeitsansatz, der weniger den Energiefokus ins Zentrum setzt, sondern einen aktiven Beitrag zur Regenerierung und Verbesserung der Umwelt leistet.

von Edeltraud Haselsteiner, Martin Brown, Diana Apro, Diana Kopeva, Egla Luca, Katri-Liisa Pulkkinen, Blerta Vula Rizvanolli

Unter dem Titel „RESTORE: REthinking Sustainability TOwards a Regenerative Economy“ vereint die Initiative Fachpersonen aus dem akademischen, öffentlichen und privatwirtschaftlichen Bereich aus 36 Ländern. COST (Europäische Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technologie) ist neben Horizon 2020 eine der wichtigsten Säulen der Förderung von Forschungszusammenarbeit in Europa. Durch COST-Aktionen werden thematisch offene Forschungsnetzwerke gefördert und ein gemeinsamer Austausch sowie eine verbesserte Koordination von Forschungsaktivitäten inklusive der Verbreitung ihrer Ergebnisse ermöglicht. Besonders hervorzuheben ist der multi- und interdisziplinäre Ansatz. COST ermöglicht Forschern, Ingenieuren und Wissenschaftlern aus allen Bereichen der Wissenschaft und Technologie gemeinsam eigene Ideen zu entwickeln und neue Initiativen zu initiieren. In regelmäßigen Treffen werden aktuelle Themen und Zugänge diskutiert sowie Workshops, Trainingsschulungen und Konferenzen organisiert.

Aktiv zur Nachhaltigkeit beitragen
Das transdisziplinäre Netzwerk RESTORE wurde 2017 gestartet und widmet sich seither dem Dialog über einen restaurativen und regenerativen Nachhaltigkeitsansatz in den Bereichen Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung von Gebäuden. Ausgangspunkt dieser Diskussion sind die für unzureichend erkannten Maßnahmen bei Gebäuden und Städten, welche nur wenig zur Erreichung notwendiger Klimaziele beitragen. Trotz mehr als einem Jahrzehnt von Nachhaltigkeitsstrategien und -programmen für die gebaute Umwelt, die auf der Begrenzung der Erderwärmung auf 2 °C basieren, konnten Fortschritte in wichtigen Nachhaltigkeitsthemen nicht sinnvoll angegangen werden. 

Die Brundtland Kommission, auch Weltkommission für Umwelt und Entwicklung genannt, formulierte 1987 in ihrem Bericht jene bis heute breit anerkannte Definition der nachhaltigen Entwicklung: Nachhaltig ist eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ In Nachhaltigkeitsstandards für Gebäude und Städte wird nach der gegenwärtigen Praxis diese Forderung dahingehend interpretiert „nicht weiter zu gefährden“. Sie sind nur unzureichend an einer längerfristigen Wiederherstellung eines funktionierenden Ökosystems ausgerichtet.

Im Dezember 2015 haben sich 195 Länder auf der Pariser Klimaschutzkonferenz (COP21) erstmals auf ein allgemeines, rechtsverbindliches weltweites Klimaschutzübereinkommen geeinigt. Das Übereinkommen umfasst einen globalen Aktionsplan, der die Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C gegenüber vorindustriellen Werten begrenzen soll. Diese Zielvorgaben bedeuten nachdrücklich mehr Anstrengungen, dass nicht nur Verluste und Schäden minimiert, sondern auch positiv bilanzierende Klimaschutzmaßnahmen Platz greifen sollen. Hier setzt der „restaurative“ und „regenerative“ Nachhaltigkeitsansatz an und fordert konkret im Bausektor einen aktiven Beitrag zur Regenerierung und Verbesserung der Umwelt. Angesichts der Pariser Vereinbarung von 2015, die globale Erwärmung auf 1,5 °C auszurichten, sind in allen Bereichen die Nachhaltigkeitsziele nachzuschärfen und Strategien hin zu einer Verschiebung in Richtung eines rein positiven und restaurativen Nachhaltigkeitsdenkens erforderlich. Die gebaute Umwelt spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie trägt mit einem Anteil von 40 Prozent bei Energie, Wasser, Kohlenstoff und Abfall in hohem Maß zum Klimawandel bei. Umgekehrt liegt darin auch großes Potenzial für einen positiven Beitrag und ein Schlüssel zu erfolgreichen Lösungen durch potenzielle Verbesserungen im Gebäudesegment.

Das COST RESTORE-Netzwerk arbeitet daher an einem umfassenden Rahmenkonzept von „restaurativem und regenerativem Design“, bezogen auf die Entwicklung, Erprobung und Umsetzung nachhaltiger Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung. In der multidisziplinären Zusammenarbeit sind Praktizierende ermutigt, über die Grenzen ihrer fachlichen Spezialisierungen hinaus zu denken, gemeinsam mit Expertisen aus weiteren wissenschaftlichen Bereichen wie Ökologie, Geographie, Biologie, Physiologie und Psychologie Wissen zu teilen und für alle Phasen des Entwurfs, des Baus und des Betriebs von Gebäuden weiterzuentwickeln. 

Eine erste Arbeitsgruppe im Forschungsnetzwerk RESTORE hat im vergangenen ersten Jahr ihre Zusammenarbeit vor allem dazu genutzt, um über grundlegende Begriffe und Definitionen zu reflektieren beziehungsweise die ­Eckpunkte eines regenerativen Nachhaltigkeitsansatzes näher einzugrenzen. Dazu wurden strategische Ziele und Handlungsfelder einer regenerativen Nachhaltigkeitsagenda priorisiert. Das RESTORE-Team regt an, den sehr engen Fokus auf die „Energie-Performance“ eines ­Gebäudes zu erweitern und einen breiteren Rahmen zu betrachten, der Orte, Menschen, Ökologie und Kultur einbezieht. Im Mittelpunkt steht dabei die Idee durch Planungs- und Bauaufgaben einen positiven und regenerierenden Einfluss auf Ökosysteme zu erreichen, mit besonderer Priorisierung der menschlichen Gesundheit und des Wohlbefindens sowie Ansätzen, die Nutzer in Einklang mit dem natürlichen Ökosystem sehen (z. B. Biophilia). 

Vertiefende Diskussionen in vier Themengruppen – soziale Aspekte, Neubau, historische Gebäude, Ökonomie – brachten weitere Aussagen betreffend längerfristig angestrebte Visionen und notwendige Maßnahmen zu deren Zielerreichung. 

Von Pionieren zum Mainstream
Die Regeneration von Ökosystemen wird vorrangig in ökologischen Studien thematisiert. Dabei wird vielfach die soziale Rolle von Bürgern und Gemeinschaften in Regenerationsprozessen vernachlässigt. Die übermäßige Ausbeutung der Ressourcen der Erde durch menschliche Aktivität erzeugt auf dem Planeten Erde ernsthafte negative Auswirkungen, besonders auf lebende Systeme. Es ist unmöglich, in geschädigten Ökosystemen ein gesundes Leben zu führen. Nachhaltige Entwicklung statt Wachstum um jeden Preis muss die Entscheidungen und Maßnahmen von Bürgern, Gemeinden, Unternehmen, Wissenschaftlern und Regierungen steuern. Veränderung der Denkweisen und die Weiterentwicklung eines verantwortungsbewussten nachhaltigen Handelns in Gegenwart und Zukunft in der Bildung zu verankern, ist von zentraler Bedeutung. Die Zukunft benötigt eine zunehmende öffentliche Teilnahme und eine breitere Diskussion mit Einbeziehung relevanter Entscheidungsträger zur Problemerkennung und Erarbeitung von Lösungsvorschlägen. 

Die entwickelte Vision „Wohlbefinden und Liebe mit Bewusstsein zum Planeten“ leitet sich von der Erkenntnis ab, dass Gesundheit und Wohlbefinden langfristig und nachhaltig nur gesichert sind, wenn sie auf allen Ebenen des Systems existieren, vom einzelnen Menschen bis zum gesamtökologischen System Erde. Sie baut auf der gesunden und fruchtbaren Interaktion zwischen den (Öko-)Systemen auf, ohne die Dominanz einer der Arten (einschließlich Menschen). Ziel ist eine gesunde Umwelt durch das gesamtsystemische Zusammenwirken von Menschen, Ökosystemen und der gebauten Umwelt. Um diese Vision zu erreichen, ist es entscheidend, jene bereits vorhandenen „Agenten der Veränderung“ zu identifizieren und darauf aufbauend ein breites Netz aus „Agenten der Veränderung“ in Richtung einer regenerativen Zukunft aufzubauen. 

Restaurativer /Regenerativer Neubau
„Restaurative Nachhaltigkeit“ zielt ab auf die Wiederherstellung eines sozial und ökologisch ausgewogenen und gesunden Ökosystems. In Bezug auf den Neubau verfolgt dieser Ansatz die Umkehrung und Wiedergutmachung bereits erfolgter Schäden. Dies bedeutet in der Praxis die Fähigkeit der gebauten Umwelt, durch ihren Einfluss Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität positiv zu beeinflussen. Wesentlicher Eckpunkt ist dabei die Verbindung der Menschen mit der Natur zu stärken und biophile Designkonzepte anzuwenden.

„Regenerative Nachhaltigkeit“ erweitert diese Forderung noch dahingehend, dass durch den regenerativen Designprozess nicht nur ausgewogene Ökosysteme wiederhergestellt werden, sondern darüber hinaus eine Verbesserung der Lebensqualität für biotische (lebende) und abiotische (chemische) Komponenten der Umwelt erfolgt. Regenerative Gebäude folgen einem gesamtsystemischen Denkansatz zwischen physisch gebauter und natürlicher Umgebung, wie Ort, Wasser, Material, Energie, Pflanzen, Mikroben, Menschen und Kultur.

Re-integriertes Baukulturelles Erbe
Historische Gebäude tradieren Geschichte, Tradition sowie kulturelle und soziale Praktiken von einer Generation zur nächst folgenden. In ihnen materialisieren sich Erinnerungen der Vergangenheit und Lehren für die Zukunft. Die Bestimmung und Auswahl von historisch erhaltenswerten Gebäuden ist stets verbunden mit der Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion von Erinnerung und Identität. Konservierung, Restaurierung, Rekonstruktion, Wiederverwendung und Wiederbelebung sind wichtige Ansätze zur Erhaltung eines lebendigen kulturellen Erbes. Sie gewährleistet zugleich eine ökologisch und sozial gerechte Zukunft.

Nachhaltige Entwicklung bedeutet die weitgehende Wiederverwendung, Erhaltung und Integration des kulturellen Erbes in einen sozio-kulturellen oder stofflichen Kreislauf. Ein restaurativer Ansatz verfolgt überdies das Ziel, die Leistungsfähigkeit sozialer und ökologischer Systeme wiederherzustellen. Dies kann zum Beispiel durch eine bessere Zugänglichkeit hergestellt werden oder durch Flexibilisierung, Erweiterung und Hybridisierung ihrer Funktionen. Wenn keine anderen Wiederverwertungsmöglichkeiten verfügbar sind, sollte die adaptive Wiederverwendung als bevorzugte Strategie verfolgt werden, das bedeutet, einzelne eingesetzte Baumaterialien und -teile in anderen Anwendungen weiter zu verwerten. 

Die Vision „regenerativer historischer Gebäude“ bezieht darüber hinaus die Vorstellung einer „Katalysator-Funktion“ mit ein. Dabei werden bestehende Gebäude als Teil eines sozialen und ökologischen Systems betrachtet, das nicht nur sich selbst regenerieren, sondern auch zur Weiterentwicklung des Gesamtsystems beitragen kann. Allen vorangestellt ist die sozio-kulturelle Integration in den gemeinschaftlich kulturellen Kontext vor Ort und die Stärkung des Bewusstseins für das kulturelle Erbe. 

Ökonomie und Regeneration
Kreislaufwirtschaft basiert auf dem Konzept, dass Wachstum und Wohlstand vom Konsum natürlicher Ressourcen abgekoppelt sind und damit nicht zur Verschlechterung des Zustands der Ökosysteme beitragen. Indem gebrauchte Produkte nicht weggeworfen, sondern deren Komponenten und Materialien in die richtige Wertschöpfungskette umgeleitet werden, kann eine gesunde Ökonomie im Einklang mit der Natur generiert werden. Regenerative Ökonomie erweitert dieses Konzept der Kreislaufwirtschaft. Während Kreislaufwirtschaft darauf abzielt, Produkte durch einen positiven Entwicklungszyklus auf höchsten Stand zu halten, sieht sich das regenerative System in einem Zyklus laufender Wiedergeburt, Erneuerung und Weiterentwicklung. Dieser Übergang zu einer regenerativen Wirtschaft bedeutet eine Verschiebung hin zu einer ökologischen Weltanschauung, in der die Natur das Vorbild ist.

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