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Foto: Steven Holl ArchitectsVerlag LetteraVentidue, Editrice Srl, ­Sirakus, Italien

Rezension: Onkel Stevens Hütte

20.11.2018

New York, genauer Manhattan, 450 West 31st Street: im 11. Stock liegt das Studio Steven Holl Architects, und dort fand auch das lange Gespräch zwischen dem Büroeigentümer und Diana Carta, einer jungen europäischen Architektin, statt. Die Kreativität ist der Kern der Begegnung, aus der in der Folge ein illustriertes Büchlein entstand mit dem Titel „Lake of the Mind. A Conversation with Steven Holl“, begleitet von einem Vorwort von Jehuda E. Safran.

 

von Franco Veremondi 
 
Wenn man die Möglichkeit hat, große Persönlichkeiten aus dem Bereich der Kunst und Architektur zu treffen“, merkt die Autorin Diana Carta instinktiv an, „versucht man über ihr Werk mehr zu erfahren und zu lernen, aber mehr noch zu verstehen, wie der kreative Prozess Gestalt annimmt und sich definiert“. Die technisch-künstlerische Sicht der Autorin scheint sich im Rahmen ihrer Recherche über das „Können“ des Meisters zwischen die Polaritäten Stil und ­Genius Loci zu stellen. Un da die lange Laufbahn von ­Steven Holl eine dezidierte Aversion gegen formale vorgefasste Paradigmen (Stil) widerspiegelt, könnte man annehmen, dass er für die zweite Möglichkeit optiert (Genius Loci), die sich, eine Art Druck auf die Intuition ausübend, in Wahrheit eindeutigen Definitionen entzieht. Holl hingegen scheint die Frage auszuklammern, indem er erklärt, eine ganz persönliche Praktik anzuwenden, um seine Kreativität als Annäherung an die eigene Arbeit zu stimulieren. Seit dreißig Jahren erprobt er Geist und Hand, indem er auf Papier in den Maßen 12,5 x 18 Zentimeter Aquarelle malt. Jeden Morgen nach dem Aufwachen gönnt er sich diesen „poetischen Moment“ für ein oder zwei Stunden, ohne dabei immer an bestimmte architektonische Projekte zu denken. Er tut dies überall, in seinem Apartment im Village oder auf dem Tischchen im Flugzeug. In seinem Archiv bewahrt er davon 20.000 Stück auf, chronologisch geordnet, bereit wieder hervorgeholt und betrachtet zu werden, um Ideen zu bearbeiten oder zu perfektionieren. „Ich denke“, sagt Holl, „dass die Intuition und das pragmatische Denken vereint werden müssen, um zum kreativen Denken zu gelangen: (...)  die Zeichnung ist eine Art des Denkens."

Der poetische Gestus
Nun, dieser einflussreiche Meister scheint nicht gewillt, seine Gewohnheiten und Methoden zu ändern, heute, am Beginn seines einundsiebzigsten Lebensjahrs, bestätgt er, was er vor längerer Zeit im Jahr 2005 in einem Interview für unsere Zeitung erzählt hatte. Das Gespräch ­„Steven Holl: Zum Frühstück ein kleines Aquarell“, das ­Wojciech Czaja damals mit ihm geführt hat, findet sich zum Nachlesen in unserem Onlinearchiv (www.architektur-bauforum.at).
Es gibt aber einen Lieblingsort, an dem Steven Holl Stille und Einsamkeit findet, um sich seinem morgendlichen poetischen Gestus hinzugeben. Er erzählt seiner Gesprächspartnerin, dass er vor etwa zwanzig Jahren ein Grundstück und ein kleines Steinhaus in Rhinebeck erworben hat; Alles in allem 1,6 Hektar Grund am Ufer des Round Pond Sees in Doutchess Country. Er baute dort sechs Jahre später eine Holzhütte, die er ob einer Fläche von nur 7,4 Qua­dratmetern, zu klein, um als Haus bezeichntet werden zu müssen, ganz nah am Ufer des kristallklaren Sees errichten konnte.
Dieser Prolog, der den Übergang von der metropolitanen Dimension in die Stille der absoluten Naturlandschaft markiert, steht am Beginn des folgenden Dialogs, der zu einem interessanten Bericht wird, über die Stille, die Atmosphären, die Zyklen der Natur, die Wandelbarkeit des Lichts, über runde Geometrien, die sich überschneiden. Und über Anderes mehr wie multifunktionale Habitats oder die Prinzipien des Projekts Exploration of „IN".

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