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©Werner Kaligofsky©Werner Kaligofsky©Werner KaligofskyArchiv Felsentherme Bad GasteinArchiv Felsentherme Bad Gastein

Salzburgs Verhältnis zur Moderne

05.11.2018

VERBORGENE SCHÄTZE: SALZBURG

Die Serie „Verborgene Schätze“ lässt sich vielfältig lesen und interpretieren. Beginnen wir beim Lesen, genauer beim Wiederlesen einer Ausgabe dieser Zeitschrift aus dem Jahr 1974 [1]. Friedrich Achleitner und Sokratis Dimitriou nehmen darin eine Bestandsaufnahme der Salzburger Architektur des 20. Jahrhunderts vor und widmen sich den (städte-)baulichen Folgen durch die „explosive Vermehrung von Bevölkerung und Wirtschaftskraft im Salzburg der Nachkriegszeit“.

von Roman Höllbacher

Im Anfang seines Textes postuliert Achleitner „Salzburg, die Stadt hat ein eigenes Verhältnis zur modernen Architektur. Dieses ist zuerst von der Entwicklung zur Mozartstadt beeinflußt“. Die damit verbundene Weltoffenheit brachte Architekten wie Max Fabiani, den „genialischen Wunibald Deininger (…), „einer der profiliertesten Otto-Wagner-Schüler“, die Münchner Richard Berndl, Franz Zell, den Berliner Hans Poelzig, den Hamburger Peter Behrens sowie die Tiroler Paul Geppert und Clemens Holzmeister nach Salzburg. Nach 1945 konnte man an diese geistige Offenheit nicht mehr anknüpfen. Die Stadt wird nun von zwei Seiten – durch Taktlosigkeit und Ignoranz einerseits und  durch „eine bedenkenlose oder überängstliche Anpassung, die vor Täuschung, Lüge und visuellem Betrug nicht zurückscheute“ andererseits – beschädigt und so ist „… die moderne Architektur aus der Stadt ausgezogen, an den Stadtrand oder aufs Land“. 

Bewusstseinswandel
Blättert man die Bildstrecke der Ausgabe durch, wird die hohe Wertschätzung der Arbeiten ­Gerhard Garstenauers spürbar, wenngleich seine Bauten „eine Tendenz zum Exemplarischen, Methodischen und Konstruktiven“ hätten. Vorbehaltloses Lob klingt etwas anders. Dass nun gerade das Denkmalamt zu einem neuen Verständnis von Garstenauers Arbeit beiträgt, ist, nachdem es sich jahrelang der Verantwortung für die Leistungen der Moderne in Salzburg entzog, bemerkenswert. Unter der Leitung von Eva Hody wird die Unterschutzstellung von Bauten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts systematisch vorangetrieben. Dabei wird für das Werk von ­Garstenauer offenkundig, dass – trotz des Vorliegens einiger Publikationen – eine wissenschaftliche Dokumentation und Aufarbeitung seiner Arbeiten und deren Einordnung in den nationalen und internationalen Kontext fehlen. Selbst in seiner Monografie „Interventionen“[2] kommen wichtige Arbeiten nur am Rande vor. Seine Bezüge zu Konrad Wachsmann, vermittelt über Garstenauers Teilnahme an der Salzburger Sommerakademie oder die Kenntnisse der Arbeit von Buckminster ­Fuller, sind zwar bekannt bzw. offensichtlich, wurden aus einem missverstandenen Originalitätsdenken bisher aber eher verdeckt als herausgearbeitet. Dabei wäre die präzise Darstellung des internationalen Kontextes gerade im Denkmalschutzverfahren von größter Bedeutung. Aufgrund der bisherigen Praxis konnte das Felsenbad (1968) in den letzten Jahren, um es zurückhaltend zu formulieren, stark verändert werden. ­Garstenauer selbst hat diese Eingriffe stets abgelehnt. Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Bads wirbt nun aber selbst die Thermengesellschaft auf ihrer Hompage und in ganzseitigen Zeitungsinseraten mit ­Garstenauers genialer Idee. Ob es sich bei dieser neuen Wertschätzung um eine Marketing-Schwalbe oder tatsächlich um den Vorboten für den Wandel im Verhältnis von Gastein und Garstenauer handelt, bleibt dennoch ungewiss. Das nur einen Steinwurf von der Felsentherme entfernte Kongresszentrum (1974) befindet sich in einem prekären Zustand und ist den meisten ­Gasteinern nach wie vor ein Dorn im Auge. Seit Jahren geschlossen steht vollkommen in den Sternen, was mit dem Objekt geschehen soll. Aus dem Besitz eines Wiener Immobilien-Tycoons hat das Land Salzburg 2017 überraschend drei historische Hotels erworben, das Kongresszentrum, das nach wie vor demselben Eigentümer gehört, aber bislang nicht. Unabhängig von seiner architektonischen Bedeutung ist das Kongresshaus durch seine Lage im Ortszentrum von strategisch größter Bedeutung für Gastein. Das Denkmalamt wird sich im Rahmen seiner derzeit laufenden wissenschaftlichen Aufarbeitung von Garstenauers Werk auch ausführlich mit dem Kongresshaus beschäftigen, so wie es das bereits mit den noch vorhandenen Stationen der Schideck-Bahn getan hat. Das Verfahren dazu ist seitens des BDA positiv erledigt.[3] Im Zuge der weiteren Bearbeitung wird sich herauskristallisieren, inwieweit weitere Arbeiten Garstenauers, wie die Villa des ÖFAG-Gründers Hubert Pölz, das ÖFAG-Gebäude selbst oder das Ford-Schmidt-Gebäude, einer seiner konsequentesten Bauten überhaupt, Denkmalwertigkeit aufweisen. Das Denkmalamt steht dabei vor der heiklen Aufgabe, nicht das Gesamtwerk eines Architekten, sondern jene Objekte unter Schutz zu stellen, die einen besonderen künstlerischen, kunsthistorischen oder sonstigen Denkmalswert besitzen. In der Diskussion, wie man mit Bauten der Moderne umgehen kann, wäre an Ernst Bacher, den früherer Generalkonservator des BDA zu erinnern, der einmal das Denkmal als „Kunstwerk plus Zeit“ definierte und damit eine wesentliche Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen traf. Der Kunsthistoriker muss das Werk in seinem Ursprungskontext sehen und deuten, der Denkmalpfleger aber kann das Denkmal nicht aus der Zeit herauslösen, ohne es dabei zu (zer)stören. 

Qualitätvoll Weiterbauen
Die von Achleitner konstatierte Ambivalenz Salzburgs im Hinblick auf die Moderne hat bis heute weitreichende Folgen. Das Hotel Europa, das in Achleitners Essay nicht einmal vorkommt, war für viele Salzburger lange nur eine Bausünde. Es konnte bedenkenlos verändert werden, und viele bauliche Zeugen des Wiederaufbaus wie das Parkhotel Mirabell, das Kongresshaus oder jüngst noch das Paracelsusbad, an dessen Stelle Berger Parkkinnen gerade einen Neubau errichten, wurden Beute der Abrissbirne.In der Geringschätzung dieser Bauten spielt das von Achleitner konstatierte zwiespältige Verhältnis Salzburgs zur Moderne eine konstitutive Rolle, und nur wenn man bereit ist, diese Bauten der Nachkriegszeit als selbstverständlichen Teil seiner Geschichte zu begreifen, lässt sich der Prozess stoppen. Noch ist es nicht ganz zu spät. So hat das BDA kürzlich die USFA-Wohnsiedlung in der General-Keyes-Straße unter Schutz gestellt und damit die Bedeutung der Wohnanlage als historisches Beispiel für die Aufbautätigkeit der amerikanischen Besatzungsmacht gewürdigt, die ganz bewusst, im Unterschied zu den anderen Besatzern, auf Siegesdenkmäler verzichtete.[4] Die Teilunterschutzstellung hat auch die Möglichkeit eröffnet, dass die weitläufige Anlage durch das Grazer Büro Hohensinn Architektur nachverdichtet werden konnte. Dieses Beispiel zeigt, dass die Diskussion über „Verborgene Schätze“ neben architekturimmanenten auch allgemein historische Kriterien berücksichtigen sollte. Die Einschätzung, aber auch die Praxis des BDA sind umso bedeutsamer, weil dieses den architektonischen und den historischen Denkmalswert betont, wodurch es die städtebauliche Entwicklung im Sinne eines qualitätvollen Weiterbauens der Anlage ermöglichte. 

Für die Zukunft erhalten
Salzburg besitzt aufgrund der skizzierten politischen und wirtschaftlichen Sonderstellung prägende Bauten der österreichischen Architekturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auf Garstenauers Rolle wurde in diesem Text ausführlicher eingegangen, aber hier schuf auch ­Clemens Holzmeister mit dem Großen Festspielhaus eines der letzten großen profanen Gesamtkunstwerke. Seinen Schülern von der arbeitsgruppe 4 gelingt mit dem Umbau eines alten Bauernhauses zur Parscher Pfarrkirche nicht nur die Vorwegnahme der Konzilsbeschlüsse, sondern auch die der Kultur des Re-Usings. Die Kraftwerksgruppe Kaprun wiederum ist ein Hauptmotiv des nationalen Mythos „Wiederaufbau“. Mit der politischen Entwicklung in den 1980er Jahren, Stichwort Gestaltungsbeirat, wird Salzburg zur Auslage der Postmoderne, auf die ganz Europa blickt, repräsentiert etwa im Wohnbau Forellenweg nach dem Masterplan von O. M. Ungers oder der Naturwissenschaftlichen Fakultät von Holzbauer, Hübner, Ekhart, Marschalek und Ladstätter.

Alois Riegl hat Salzburgs Rolle in der Kunstgeschichte im Dialog zwischen Nord und Süd, dem deutschen und dem italienischen Kulturkreis gesehen. Im 20. Jahrhundert scheint dieser Topos weniger in den Hintergrund getreten zu sein, als dass er sich in anderen Begriffen neu manifestiert. Die Kräfte der Tradition und die der Moderne haben sich hier duelliert und zu besonderen Leistungen getrieben. Diese für die Zukunft zu erhalten, bei den Verlusten, die es schon zu beklagen gibt, ist eine staatliche Aufgabe. Identitätsstiftende Bauten, die für die Erneuerung der katholischen Kirche, die Festspiele, als dem weltweit wichtigsten Kulturfestival, oder für den Wiederaufbau Österreichs stehen, sind Denkmäler der Geschichte der Zweiten Republik.

 

[1] Vgl.: Bauforum 46, Fachzeitschrift für Architektur, Bautechnik, Bauwirtschaft, Industrial Design, 7. Jg., 1974, „salzburg“.
[2] Architekturzentrum Wien (Hg.): Gerhard Garstenauer. Interventionen. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2002.
Im Nachwort schreibt Garstenauer: Die Dokumentation umfasst zwar einen Zeitraum von fünfzig Jahren (1952–2002), ­enthält aber nur eine Auswahl meiner Arbeiten, ist also keine Totaldoku­mentation (…). Analoges gilt für die überdies verdienstvolle ­Publikation „konstantmodern“, welche die Arbeit Garstenauers in den Kontext anderer international wichtiger Architekten dieser Generation stellt. Vgl.: aut (Hg.): konstantmodern. Fünf ­Positionen zur Architektur. Atelier 5, Gerhard ­Garstenauer, ­Johann Georg Gsteu, Rudolf Wäger, Werner Wirsing. Springer Verlag, Wien 2009.
[3] Drei der vier Stationsbauten der Schideck-Bahn sind noch vor Ort erhalten, die vierte wurde demontiert und befindet sich bei einem Betonwerk in Adnet.
[4] Vgl.: https://bda.gv.at/de/denkmal-aktuell/artikel/2017/07/klein-amerika-die-u...­strasse-in-salzburg/ 15.10.2018

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