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Simon EdlerSimon EdlerSimon EdlerArchitekt Viktor HufnagelArchitekt Viktor Hufnagel

Sanieren oder kaputt renovieren?

02.05.2018

VERBORGENE SCHÄTZE: STEIERMARK

Die grundlegende Frage dieses Artikels wird erst in Zukunft beantwortet werden können: Im Moment verhält es sich ein wenig wie bei Schrödingers berühmtem Gedankenexperiment (jüngeren Lesern weniger aus der Schulphysik denn aus The Big Bang Theory bekannt): Derzeit wäre alles möglich, aber wenn man die Schachtel öffnet – lebt die Katze oder ist sie tot?

von Sigrid Verhovsek

Bei diesem offensichtlich leider gut „verborgenen“ Schatz, einem Bauwerk in Weiz, das die NMS I (Sportmittelschule) bzw. NMS III beherbergt, steht aufgrund bauphysikalischer Probleme, vor allem im Bereich der Fenster und des Daches, und für Verbesserungen im brandschutztechnischen Sinn (Fluchttreppe) eine Sanierung an. Wird die Schule im Zuge dieser zu einem Paradebeispiel für eine Neuinterpretation der ursprünglich intendierten Leitidee des Architekten oder mittels neuen Fenstern und einem „Anstrich“ der bestehenden Sichtoberflächen oder gar hochdämmenden Fassadenpaneelen ökonomisch sparsam, wenn auch ökologisch effizient „kaputt renoviert“?

Diese Frage ist deshalb so wesentlich, weil sie unter Umständen nicht nur richtungsweisend für den Umgang mit dem noch viel zu wenig geschätzten architektonischen Erbe aus der Nachkriegszeit ist oder weil innovative Bauweise und Ästhetik des unter Denkmalschutz stehenden Bauwerks auf dem Spiel stehen, aber vor allem auch, weil hier die erste „richtige“ Hallenschule in Österreich realisiert wurde.

Reformer der Pädagogik hatten, basierend auf der Ablehnung des bis dato üblichen Frontalunterrichts, schon lange eine innovativere Bauweise als den „preußischen“ monofunktionalen Gangtypus eingefordert. Zunächst in der Zwischenkriegszeit, aber vermehrt erst in den 1950er und 1960er Jahren wurde eine neue, „demokratischere“ Bauform, nämlich die Hallenschule entwickelt. In England konnten Alison und Peter Smithson 1949–1954 das Konzept in der Hunstanton Secondary School verwirklichen, wobei sie die innovative Typologie gleichzeitig in die Form des Brutalismus gossen und so beides gleichsam verschmolzen haben. 

Die Bezeichnung Hallenschule leitet sich wenig überraschend von der großen, zentralen Halle ab, die von offenen Treppen und umlaufenden Gangflächen flankiert wird, von denen man in die mehr oder weniger flexiblen Gruppenräume/Klassenzimmer gelangt. Beleuchtet wird diese vollständig umbaute „Aula“ üblicherweise durch ein gekuppeltes oder flaches Glasdach, das die Atriumatmosphäre verstärkt. In Österreich experimentierte vor allem der 1922 geborene Architekt ­Viktor Hufnagl intensiv mit diesem Konzept. Hufnagl, der an der Münchener Staatsbauschule, an der höheren Staatsgewerbeschule in Salzburg und schließlich bei Clemens Holzmeister an der Wiener Akademie der bildenden Künste studiert hatte, zählte bereits in den 1960er Jahren zu den herausragenden Architekten in Österreich. Seine „Vorgängerprojekte“ wie die Hauptschule Strobl am Wolfgangsee (1955–1967), die Volksschule Bad Ischl oder die Hauptschule Altmünster zeigen die Richtung vor, am konsequentesten wurde das Prinzip jedoch erstmals in Weiz umgesetzt.

Nachdem das alte, zentral liegende Hauptschulgebäude zu klein geworden war, wurde Architekt Hufnagl 1964 von der Stadtgemeinde Weiz mit der Projektierung und Ausführung eines Schulbaus, bestehend aus einer Hauptschule samt Polytechnikum für Knaben, einer für Mädchen (die Ko-Edukation wurde in Österreich erst 1975 eingeführt), sowie einer Sporthalle samt Turn- und Spielplatz, beauftragt. Städtebaulich gliedert sich das Ensemble so in drei Baukörper, wobei der zuerst ausgeführte Kubus der Knabenschule (der heutigen NMS) und das ursprünglich noch als Mädchenschule vorgesehene, 1976–1978 errichtete Gymnasium beinahe spiegelgleich geplant waren. Dazwischen schiebt sich, von der Straße zurückgesetzt, der Turnsaaltrakt. Die daraus resultierende Hofbildung mildert die oftmals angesprochene Isolation der Hallenschulen, die sich von der Umgebung, vom städtischen Umfeld oder dem Grünraum nicht zuletzt durch ihre oftmals strenge kubische Form eher nach innen wenden und sich auf die Halle konzentrieren. Diese Wirkung wurde durch die häufig dezentrale Lage verstärkt, weil für die gewünschten Schulneubauten oftmals große Grundstücke nötig waren, die sich innerhalb der Kernzone einer Stadt selten finden ließen. Die modulare Tragstruktur der NMS aus schalreinem Stahlbeton mit wenigen Stützen und Kassettendecken erlaubt es, den gesamten Schulraum wie einen offenen Behälter zu denken, wo flexible Raumteiler für disponible Einteilungen sorgen. Die von den zwölf Stahlbetonstützen gerahmte, 40 x 40 Meter umfassende Aula sollte nicht nur als Erschließung, Pausenraum, Kommunikationszone und für schulinterne Veranstaltungen zur Verfügung stehen, sondern, im damals propagierten Geist der „offenen Schule“, der ganzen Stadt als kulturelles Zentrum dienen.

Plexiglaskuppeln und umlaufende Oberlichten sorgen für unaufdringliche, diffuse Helligkeit.Im Gegensatz zu den starken plastischen Akzenten des Betons wirken die (zumindest ehemals) flexi­blen Wandteilungen, die die Gangflächen von den Klassenzimmern trennen, unglaublich zart, beinahe fragil. Dieser Eindruck wiederholt sich auch außen, wo die Tragstruktur und auch die umlaufenden Balkone, die leider nur mehr als Fluchtwege dienen, in beeindruckendem Kontrast zu den leichten Fensterteilungen aus schwarz gebeiztem Holz stehen. Das wird umso bewusster, da das ehemalige Spiegelbild, das heutige Gymnasium, nach der Übernahme durch die BIG im Jahr 2000 ­quasi aus den Denkmalschutzbestimmungen „fiel“ und schnellstmöglich saniert wurde, wobei der Beton in einer „freundlichen Farbe“ (energieeffizient!) überstrichen und die Fenster ersetzt wurden, ohne deren Feinheit oder die ursprüngliche Ästhetik der Fensterteilungen zu beachten. Für die nach wie vor unter Denkmalschutz stehende NMS ist zu hoffen, dass die Stadt Weiz nun als Bauherr zusammen mit dem Denkmalamt eine Lösung findet, die dieses Gebäude mit jener Wertschätzung im Sinne einer hohen gestalterischen Qualität behandelt, die es verdient. Ein wenig des Mutes und der (durchaus auch finanziellen) Anstrengung, den die Stadtväter der 1970er Jahre bewiesen haben, wird Not tun. Anforderungen an Energieeffizienz, Sicherheit, Brandschutz oder Barrierefreiheit auf hohem technischen Niveau sind in einer modernen Schule nicht notwendig, sondern selbstverständlich. Aber Raum-, Material- und ästhetische Qualitäten, die einen Teil unseres baulichen und kulturgeschichtlichen Erbes bilden, müssen ebenso bewahrt werden. Lassen wir diese spezielle Katze doch bitte leben!

 

Adresse: Offenburger Gasse 17, 8160 Weiz
Architekt: Viktor Hufnagl 
1. Bauetappe: 1965–1968 (Gesamtbauzeit inkl. Turnsaal/Sporthalle bis 1970)
2. Bauetappe (geplant als HS für Mädchen, heute BRG, 1976–1978)

Literatur
Stadtgemeinde Weiz (Hg.): Hauptschulanlage Stadt­gemeinde Weiz. Zur Eröffnung am 30. Oktober 1970. 

Kühn, Christian: „Rationalisierung und Flexibilität: Schulbaudiskurse der 1960er und 1970er Jahre“ in: Böhme, Jeanette (Hg.): Schularchitektur im interdisziplinären Diskurs. Territorialisierungskrise und Gestaltungsperspektiven des schulischen Bildungsraums. Wiesbaden 2009, 283–298.

Achleitner, Friedrich: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Band II Kärnten, Steiermark, Burgenland. Salzburg/Wien 1983, 325–327.

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