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Schierker Feuerstein Arena: Hightech am Blocksberg | GRAFT Architekten

18.04.2018

Die Schierker Feuerstein Arena realisiert ein überraschendes Architekturprojekt mitten in der deutschen Mittelgebirgsregion Harz: Ein historisches Eislaufstadion wird zur visionären Freiluftarena. Das ungewöhnliche Design des Dachs ist der zentrale optische Aufmacher des Projekts.

Mitten im Harz setzen GRAFT Architekten aus Berlin ein aufsehenerregendes Statement: Mit der Neuinszenierung eines denkmalgeschützten Natureislaufplatzes im Wald werten die Architekten und die Stadt Wernigerode das Potenzial des ehemaligen Wintersportorts radikal auf. Die europaweite Ausschreibung des Projekts, das eine Reaktivierung der Natureisbahn und eine ganzjährige Erweiterung der Nutzungsmöglichkeiten vorsah, konnten GRAFT für sich entscheiden. Ihre Pläne zur sportlichen und kulturellen Nutzung mit gleichzeitiger Bewahrung der denkmalgeschützten Gesamtanlage überzeugte die Jury, nicht zuletzt durch die außerordentliche Umsetzung eines Witterungsschutzes. Die ­spezielle Form und das besondere Material zur Überdachung erreichen ein Wechselspiel von altem und neuem Bestand.
Das Projekt zeigt, wie man mit Architektur nachhelfen kann, den Ort wieder lebendiger darzustellen und aktiver ins Gespräch zu bringen. Denn die Gegend verdient zweifellos Aufmerksamkeit: Von der Stadt Wernigerode aus führt die Straße, nach dem Passieren märchenhaft anmutender Fachwerkhäuser und eines am Hang gelegenen Schlöss­chens, weiter in beinah alpin anmutendes Gelände. Dieses mitten in die ebene Landschaft südwestlich von Berlin und Braunschweig gesetzte Mittelgebirge ist eine eigene Welt. Bekannt vor allem ist der ­„Brocken“, der höchste Berg in dieser Gegend (1.141,2 Meter). Hier fanden einige Schriftsteller Inspiration und Auszeit. Der Brocken ist quasi „Originalschauplatz“ der Walpurgisnacht in Goethes Faust und wird auch seit 1991 wieder von der revitalisierten Schmalspurbahn angefahren – die erste Fahrt fand im Jahr 1898 statt.
Kurvenreich verläuft auch die Straße zum neuen Stadion. Unvermutet trifft man nach Ortsende und Waldgebiet auf ein durch und durch gestyltes Eislaufstadion.

Spektakuläre Textile ­Architektur

Eine extravagante, geschwungene Dachformation scheint über der Arena zu schweben.
Die filigrane Konstruktion der seilnetzgestützten Membran erzielt durch ihre variablen Höhen – maximal 15 Meter – eine besonders luftige Anmutung. Öffnungen durch Hochpunkte des Dachs auf 11,5 Meter richten sich zu den Tribünen und zum Fluss hin aus. Das transluzente Material hält starke Sonneneinstrahlung ab, so dass die Arena auch im Sommer sportlich oder kulturell nutzbar ist. Zudem bietet die Abdeckung Schutz vor Regen und Schneefall. Durch die Anbringung als quasi schwebendes überdimensionales Deckensegel lässt sie den Ausblick auf die umliegende Landschaft zu.
Hinter der beeindruckenden Optik steckt ein ausgefeiltes Gesamtkonzept, das einerseits den Erhalt der ursprünglichen Anlage und andererseits einen Relaunch für heutige Anforderungen mit einbezieht. Im Gegensatz zu einer visuellen Schließung der Anlage, etwa durch eine Einhausung, entschieden sich GRAFT für größtmögliches Offenhalten des Ortes, auch und gerade im Hinblick auf sportliche Aktivitäten, die im Freien völlig anders erlebt werden als in einer Halle. Die Dachkonstruktion, eine 2.400 Quadratmeter Glasfasermembran, wird durch drei Tonnen Seilnetz inklusive 540 Knoten und Beschlägen gehalten, Seilnetz und Membran sind an Knotenpunkten gekoppelt, nachdem sie separat vorgespannt werden. Der Randträger besteht aus doppelt gekrümmten Blechen, die an den beiden tiefsten Punkten der Achse lagern. Die Konstruktion liegt an zwei Gebäudepunkten auf. Ein unterirdisch gespanntes Betonband reguliert horizontale Lagerreaktionen. Im Boden unter der Eisfläche sind 195 Tonnen Stahl eingearbeitet.

Denkmalschutz als technische Herausforderung

Bei unserem Baustellenbesuch im Dezember herrscht tiefster Winter, Schnee türmt sich auf der Dachmembran und auf dem alten Wettkampfturm, der inmitten der historischen Sitztribünen herausragt. Diese steinerne Tribüne gehört zum Renovierungsprojekt, die Anforderungen des Denkmalschutzes sind streng, „wie bei der Via Appia“ – kommentiert Andreas Meling, Projektleiter in Schierke, der täglich die Baustelle betreut. Jeder einzelne Stein musste getreulich wieder dort eingesetzt werden, wo er ursprünglich war. Die Verbindung der traditionellen Sportanlage mit dem schwebenden Dach brachte generell technische Herausforderungen mit sich. Beispielsweise auch durch die Lage im Harz, wo massive Granitblöcke, ähnlich wie im Waldviertel, auf und in der Erde liegen. So etwa fand sich auch auf dem zu bearbeitenden Gelände ein riesiger schwerer Gesteinsbrocken, der vor Ort zersägt werden musste, um ihn überhaupt bewegen zu können – Überraschungen, auf die man sich vorher nicht einstellen kann.
Eine weitere Herausforderung ist das Abwägen von Interessen von Naturschutz und Tourismus, hier versucht man, Wege miteinander zu finden. Es gibt Pläne, ein neues Skigebiet zu eröffnen, und man plädiert mit der Schneesicherheit des Gebiets. Die waldreiche Gegend war früher bereits beliebtes Reiseziel, Schierke ein nobles Wintersport­refugium: Einige alte, repräsentative Hotelbauten künden von vergangenem Glamour. Tatsächlich hatte der Ort den Beinamen Sankt Moritz des Nordens, in den 1930er Jahren wurden hier Winterkampfspiele ausgetragen, 1950 die 1. DDR-Wintersportmeisterschaften. Die Wiedereröffnung der früheren Natureisbahn in Schierke setzt ein deutliches Bekenntnis zum Ort und seinen Qualitäten. Das 1911 eingeweihte Natureisstadion an der Kalten Bode befindet sich auf zirka 600 Metern Höhe. Die Lage ist überzeugend, vom Stadion aus sieht man auf allen Seiten nichts als unberührte Natur, die Anlage selbst hingegen ist hightech. Die frühere Natureisbahn ist aufgerüstet und mit dem fachmännischen Wissen der Firma AST aus Reutte eistechnisch betreut.
Das Projekt knüpft an die Tradition Schierkes als besonderer Wintersport­ort an, speziell den Bereich Eiskunstlauf. Außerordentliche Architektur kann identitätsstiftenden Mehrwert bedeuten. Die Anlage besticht von außen betrachtet, lässt sich aber auch von innen genießen In der neuen Anlage findet sich außer Schlittschuhverleih und Garderobe im oberen Stock auch eine Bar – passenderweise „Mephisto Bar“ genannt, die zum abendlichen Cocktail einlädt, egal zu welcher Jahreszeit.

 
Schierke Feuerstein Arena
Neubau Eislaufstadion Schierker Feuerstein ­Arena, Schierke (D)
 
Bauherr: Stadt Wernigerode
Architekt: GRAFT, Berlin
Ingenieur: schlaich bergermann ­partner: Tragwerksplanung (Vorentwurf bis Ausführungsplanung), Teile der Objektplanung Landschaftsarchitekt WES LandschaftsArchitektur
Fertigstellung: 12/2017
Dachfläche: ca. 2.700 m2
Überdachter ovaler Grundriss: ca. 73 m x 43 m, ca. 2.300 m2
Höhe über Boden: max. 15 m
Membran Seilnetz Randträger:  PTFE-beschichtete Glasfaser-­Membran Spiralseile GALFAN-verzinkt geschweißter Stahlhohl­kasten
Gesamtlänge: ca. 190 m
Gründung: Flachgründung

 

Autor/in:
Susanne Karr
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