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SeArch: Fantastischer Pragmatismus

27.06.2011

SeArch ist Teil einer sehr erfolgreichen, jungen Generation niederländischer Architekturbüros. Mit der eingegrabenen Villa Vals in der Schweiz, einen Steinwurf von der Therme Vals von Peter Zumthor entfernt, hat sich der Gründer Bjarne Mastenbroek in den vergangenen Monaten wieder in die Erinnerung der Architekturwelt gerufen. Im Gespräch entpuppt er sich als eine sehr pragmatische Persönlichkeit mit klaren Ideen über die Funktion der Architektur und des Architekten.

Michael Koller im Gespräch mit Bjarne Mastenbroek

Bjarne Mastenbroek: "Der Architekt ist jene Person, die die integ­rale Geschichte eines Gebäudes kennt und versteht, wie alle Einzelteile gemacht gehören und zusammenpassen müssen."

Ich habe den Eindruck, dass jedes neue Projekt, das SeArch fertigstellt, unmittelbar ein Highlight ist. Wie kommt das?
Das hängt vielleicht damit zusammen, dass wir viele öffentliche Programme wie ein Museum, ein Café, einen Aussichtsturm oder ein Konferenzzentrum gebaut haben. Die Erwartungshaltung gegenüber derartigen Gebäuden ist sehr speziell, und sie ziehen aufgrund ihres Charakters automatisch das Interesse der Öffentlichkeit an. Außerdem sieht man bei uns viele experimentelle Bautypen wie unterirdische Häuser oder Aussichtstürme nicht als Konzeptskizze, sondern als realisiertes Projekt. Es geht uns aber nicht darum, Highlights zu produzieren. Wir wollen einfach sehr gute Gebäude entwerfen und realisieren, die die Menschen wirklich genießen können. Das ist unsere Leidenschaft.

Eure Architektursprache kann auch als sehr provokativ interpretiert werden.
Ich denke schon, dass ein Gebäude auch Widerstand und Kritik hervorrufen darf, und nicht nur dienbar, komfortabel, effizient und wirtschaftlich sein muss. Diese Typen von generischen Gebäuden haben wir in den letzten Jahrzehnten oft genug gesehen. Und selbst wenn sie einfach zu realisieren erscheinen, werden sie durch ihre Benützer vielfach als charakterlose Hüllen angesehen. Ich denke, dass die emotionelle Seite von Gebäuden viel wichtiger ist als ihr wirtschaftlicher Wert.

Aber gerade die Niederländer besitzen das Image, sehr pragmatisch, rationell und wirtschaftlich zu denken und zu arbeiten.
Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und Effizienz sind aber nicht alles. Ich bin auch davon überzeugt, dass da momentan in den Niederlanden vieles falsch läuft.

Wenn man auf eure Webseite geht, gewinnt man den Eindruck, dass ihr seit der Krise noch mehr zu tun habt als davor.
Architektur ist eine langsame Disziplin. Die Projekte, an denen wir momentan arbeiten, sind Projekte, mit denen wir schon vor der Krise begonnen haben. Aber auch wir sind durch die Krise schwer getroffen, weil nun schon seit geraumer Zeit keine neuen Aufträge mehr hereinkommen.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach der Architekt im Bauprozess?
Der Architekt ist die Person, die die integrale Geschichte eines Gebäudes kennt und die versteht, wie alle Einzelteile gemacht gehören und zusammenpassen müssen. Darum finde ich es auch so wichtig, bis zur Schlüsselübergabe dabei zu sein. Ich habe oft miterlebt, dass in der Ausführung Fehler gemacht werden, vor allem in den letzten drei Monaten vor der Fertigstellung. Oft werden bei den Abschlussarbeiten die Anstrengungen mehrerer Jahre der intensiven Planung und Detaillierung kaputtgemacht. Für mich ist das wie beim Essen in einem Restaurant: Nur wenn alles vom Einkauf der Produkte bis zur sorgfältigen Präsentation der Speisen funktioniert, wird es dem Gast schmecken. In der Architektur ist es dasselbe, und der Architekt ist der Einzige, der das garantieren kann und muss.

Hat Ihrer Meinung nach der Architekt genug Macht, um in die Beschlussprozesse einzugreifen.
Nein, nicht immer. Aber ich muss als Architekt auch dazu bereit sein, Nein zu sagen, wenn ich sehe, dass das Projekt nicht gut wird. Genauso finde ich, dass ein guter Entwurf und gut gemachte Arbeit ihren Preis haben, den auch der Projektentwickler bereit sein muss zu zahlen. Als Architekt muss man deutlich machen, was man will und wesentlich findet, und auch daran festhalten. Das verstehe ich unter gutem Bauen. Das ständige Verhandeln der Dinge führt meiner Erfahrung nach zu nichts, dann wird vom Architekten meist Kreativität in der Anpassung an die unterschiedlichsten Wünsche gefordert. Kreativität hat damit überhaupt nichts zu tun, das Wort bedeutet nichts für mich. Es geht um das Fällen von Entscheidungen und das Wissen, was man als Architekt will.

Sollte der Architekt also auch Aufträge ablehnen? Das verlangt eine sehr mutige Haltung.
Das Risiko ist natürlich, einen Auftrag zu verlieren, auf der anderen Seite glaube ich, dass der Architekt diese Pflicht gegenüber der Gesellschaft, für die er letztlich baut, hat. Es ist auch wichtig zu wissen, wo die Grenze des Akzeptablen liegt. Von einem Bäcker oder einem Chirurgen erwarten wir auch, dass er eine perfekte und vollständige Arbeit macht. Warum verlangt man dann von Architekten, halbfertige Dinge zu akzeptieren?

Eure Projekte unterscheiden sich in deren Erscheinung sehr stark voneinander, und dennoch scheint mir die patchwork-artige Architektur, die Verwendung vieler verschiedener Materialien und Elemente sowie das gekonnte Spiel mit verschiedenen Ebenen ein roter Faden eurer Architektursprache zu sein.
Man darf sich nicht zu stark von der visuellen Form der Architektur beeinflussen lassen. Architektur ist etwas für alle Sinne. Es ist ganz entscheidend, Projekte auf allen Niveaus zu entwickeln, auf städtebaulichem Niveau, ihre Einbindung in die Natur, die Beziehung von innen nach außen, ihre Funktionalitäten etc. Nur so wird jede neue Planungsaufgabe zu neuen Lösung führen. Wir wollen den Entwurf so lange wie möglich offen und breit halten und uns nicht sofort in unseren Entscheidungen festlegen. Wir wollen uns nicht von vornherein auf eine bestimmte Formensprache oder Materialwahl festlegen, das finden wir nicht interessant.

In der Tat scheinen euren Projekten sehr viele verschiedene Ideen zugrunde zu liegen.
Ganz im Gegenteil: Bei der Villa Vals oder beim Kongresszentrum Favrholm in Hillerød in Dänemark reagieren wir in erster Linie auf die Topografie der Landschaft und die Bedingungen, die sie uns aufzwingt. Danach versuchen wir optimale und praktische Lösungen für die Randbedingungen zu finden. Daraus ergeben sich Höhenversprünge, die Materialwahl für die Fassade, die unterschiedlichen Fenstergrößen etc. Das hat nichts mit Kreativität zu tun, sondern einfach mit der intensiven Auseinandersetzung mit dem Projekt, dem langen Arbeiten und Suchen nach Lösungen, bis die Dinge zusammenpassen und ineinandergreifen. So entsteht ein Zuckerl wie die Villa Vals.

Das klingt sehr einfach.
Ja und nein. Diese sehr praktischen und funktionellen Überlegungen sprechen uns natürlich nicht von der Verpflichtung frei, dem Bauwerk eine gute und schöne Form zu geben. Wir versuchen durch unsere Architektur immer sowohl dem Gebäude als auch seiner unmittelbaren Umgebung einen Mehrwert hinzuzufügen.

Gibt es da noch so etwas wie ideologische Meister?
Das ist von den Projekten abhängig, für die wir gerade arbeiten. Außerdem muss man die Architekten immer klar in ihrem zeitlichen und örtlichen Kontext betrachten. Baragan finde ich sehr interessant, weil er es geschafft hat, mit geringen Mitteln maximale Effekte zu erzielen und diese immer sehr gut zu plazieren. Ich finde, dass er einen sehr demokratischen Ansatz in der Architektur hatte, der nicht erkennen lässt, ob ein Gebäude teuer oder billig ist. Ein Kloster hat denselben Stellenwert wie ein Rathaus oder eine Villa. Das finde ich interessant, weil das auch Lösungen aufzeigt. Ich finde es wichtig, dass man den Anspruch an qualitätsvolle Architektur an alle Gebäude, die die Gesellschaft benötigt, stellt und nicht allein an öffentliche und repräsentative Bauten.

Sie haben für viele Projekte im In- und Ausland mit anderen Architekturbüros wie OMA, JDS, oder Christian Müller zusammengearbeitet. Steckt da eine Philosophie dahinter? Machen Sie das aus einem bestimmten Grund?
Auch das tun wir aus sehr praktischen Gründen, um die Expertise von mehreren Büros zusammenzubringen. Die europäischen Ausschreibungen sind meist so komplex, dass man als einzelnes Architekturbüro allein kaum antreten kann. Aber wenn es möglich ist, machen wir Projekte auch selbst wie zum Beispiel das Konferenzzentum in Dänemark. Da hatten wir auch keinen lokalen Partner. Wir haben das gesamte Projekt von Amsterdam aus geleitet. Ich bin der Meinung, dass man das Team so kompakt wie möglich halten muss und allein die Personen involvieren soll, die das Projekt wirklich voranbringen.

Ist es auch eine ganz bewusste Wahl von Ihnen, in anderen Ländern und anderen Kulturen zu arbeiten?
Das hängt von den Projekten und der Auftragslage ab. Es geht uns primär darum, interessante Programme zu entwerfen. Wenn ich sehe, dass der niederländische Markt zu klein ist, dann versuche ich in anderen Ländern zu arbeiten, wobei es mir lieber ist, ein schönes Projekt in Amsterdam zu bauen als ein schlechtes in New York. Im Sinne des nachhaltigen, ökologischen Bauens ist es natürlich besser, im Umkreis von Amsterdam zu arbeiten, im Ausland versuchen wir dann mehrere Projekte zu kombinieren, um die Reisen noch effizienter zu machen.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie, woher kommt Ihr persönliches Engagement dafür?
Nachhaltigkeit hat in erster Linie mit dem Treffen von intelligenten Entscheidungen zu tun. Wenn man versucht, Geld zu sparen, dann muss man automatisch nachhaltig denken, das heißt, Produkte kaufen oder Dinge bauen, die lange Lebensdauer und hohe Qualität haben, die wenig Wartung benötigen, die wenig Energie verbrauchen oder die man auch selbst reparieren kann. Es hat sehr stark mit bewusstem Leben zu tun.

Das versuchen Sie auch in Ihrer Architektur umzusetzen?
Wir haben schon vor zwanzig Jahren damit begonnen, Projekte in einer integralen und nachhaltigen Weise im Sinne der sozialen Kohäsion zu entwerfen. Die Durchmischung von Miet- und Eigentumswohnungen, Wohnensembles, die dazu animieren, das Auto nicht zu gebrauchen, Innenhöfe, Verbindungen zu Parkanlagen sind Elemente, die diese Diversität fördern. SeArch ist auch ein Büro für Landschafts- und Stadtplanung. Ich komme selbst aus einer Gegend in den Niederlanden, in der es viele Wälder gibt. Für mich war die Beziehung des Gebäudes zu seiner unmittelbaren Umgebung, zur Landschaft, in der es steht, immer essenziell. Wir versuchen, so weit es geht, die Landschaft ins Gebäude hineinzuholen.

Viele eurer Gebäude wie der Posbank-Teepavillon, der Aussichtsturm in Putten oder das Kongresszentrum in Dänemark stehen ja auch in einer fantastischen Umgebung.
Ja, hier versuchen wir, die Gebäude dazu zu nutzen, die Besucher auf die Natur aufmerksam zu machen, von der sie umgeben sind, auch was die verwendeten Materialien anbelangt. Ich bin sehr für nachhaltige Landschaften. Ich denke, dass man die noch bestehende Landschaft so wenig wie möglich verbauen darf. Und wenn man das tut, muss sie um vieles besser werden als zuvor. Für die Zukunft müssen wir echt etwas liefern, dass besser ist als das, was nun existiert.

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