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„The Shed“: Gebäudehülle in Bewegung

15.11.2019

Im April diesen Jahres wurde ein etwas eigenwilliger Bau, „The Shed“, ein Kunst- und Kulturzentrum in Manhattan in New York City, feierlich eröffnet. Die ausfahrbare ausgeklügelte Hülle aus Stahl und ETFE-Membran ist das wahre Highlight dieses eindrucksvollen Projekts.

von Karin Bornett

Das insgesamt rund 500 Millionen US-Dollar-Projekt „The Shed“ wurde von Diller Scofidio + Renfro in Zusammenarbeit mit Rockwell Group geplant und im April 2019 feierlich eröffnet. Entstanden ist ein großteils durch Privatspenden finanziertes Kultur- und Kunstzen­trum in Manhattans neuem Geschäftsviertel Hudson Yards. Der Haupteingang an der Nordseite der West 30th Street zeigt sich mit einer 743 Quadratmeter großen Lobby, die sich unter der High Line befindet. „The Shed“ öffnet sich nach vier Jahren Bauzeit seinen Besuchern sowohl durch ein Kontingent an begünstigten Tickets für finanziell Schwächere als auch räumlich durch seine architektonische Erscheinung. Denn die Konstruktion kann flexibel geöffnet und zur Bildung einer neuen zusätzlichen Halle ausgefahren werden. So ist ein multifunktionales, transformierbares Gebäude mit – für New York City bescheidenen – acht Stockwerken entstanden. Zwar wirkt „The Shed“ (zu Deutsch „der Schuppen“) mit seiner Höhe von knapp 40 Metern äußerst klein im Kreise der umgebenden Wolkenkratzer, aber der wahre Star ist hier die Konstruktion.

Das Projekt umfasst im Hauptgebäude zwei stützenfreie Galerieebenen mit 2.300 Quadratmetern Fläche, ein in mehrere Bereiche unterteilbares Theater mit bis zu 500 Sitzplätzen sowie Proben- und Veranstaltungsräume im obersten Geschoß. Ins Auge sticht die silbern glänzende Folienkissenhaut. Diese ermöglicht es durch ihr geringes Eigengewicht und eine hohe Toleranz gegen Erschütterungen, dass das Gebäude überhaupt in dieser Form bewegt werden kann. Denn das Tragwerk der Hülle steht beidseitig auf je einer Doppel- und zwei Einzelachsen, deren acht mannshohe Doppelräder wiederum auf Schienen gelagert sind. Die Räder haben einen Durchmesser von rund 1,8 Metern und bestehen aus gehärtetem Schmiedestahl. Damit kann die Struktur so über den östlichen und rund 1.700 Quadratmeter großen Zentrumsvorplatz gefahren werden, sodass sie diesen überdacht. Der so entstehende Raum trägt den Namen „McCourt“ und bietet somit zusätzlichen Platz für bis zu 2.700 Personen. Über senkrecht und horizontal verschiebbare Tore lässt sich „McCourt“ zum Hauptbau und zum Außenraum öffnen. Die zwölf Motoren, die die Haut auf den Schienen antreiben, kommen laut Architekten jeweils mit 15 PS aus und brauchen nur rund fünf Minuten, um die komplette fast 4.000 Tonnen schwere Hülle über ein mechanisches Zahnradsystem auszufahren. Die Halle ist beheizbar und technisch voll ausgestattet.

Haut aus Folienkissen
Die Membranhaut auf Basis des Texlon-ETFE-­Systems kommt vom Unternehmen Vector Foiltec. 146 dreilagige und zwei vierlagige Folienkissen umhüllen eine Gesamtfläche von 4.110 Quadratmetern. Die ETFE-Paneele von „The Shed“ gehören mit einer Länge von fast 21 Metern zu den größten, die jemals hergestellt wurden. Dabei war besonders wichtig, dass die Kissen auch hohen Windstärken trotzen. Optisch legten die Architekten großen Wert auf Homogenität. Deshalb verlaufen die Nähte der Folienkissen in einer Linie. Auch Farbgebung und -intensität wurden eng mit den Architekten abgestimmt. Eine auf der Kissen-Oberfläche gedruckte Punktmatrix schirmt zu starke Sonnenstrahlung ab. Die ETFE-Hülle erreicht einen sehr geringen g-Wert von 0,40. Um Verschattungen zu vermeiden, sind die Mittelfolien transluzent mit einem Weißanteil von 29 Prozent konzipiert.

Zur Verdunkelung dienen bei Bedarf Textilmembranbahnen an der Innenseite der stählernen Tragkonstruktion. In der Dachebene ist nicht nur die Veranstaltungstechnik untergebracht, sondern auch vier Gebläsestationen für die Folienkissen, deren Zuluftleitungen durch Aufständerungen zwischen Texlon-System und Tragwerk nicht sichtbar verlegt wurden. Eine Folienlage ist 300 µm dick. Wie ein luftkissenumhüllter Zug mutet „The Shed“ an, auch als „Flugzeughangar unter einer Daunendecke“ wurde er schon bezeichnet. Und „The Shed“ ist nicht unumstritten. Kritiker zweifeln laut diversen Medienberichten am Sinn eines weiteren Kulturprojekts in der US-Metropole, die bereits mehr als 1.200 kulturelle Einrichtungen zählt. Dennoch ist das Gebäude ein gelungener architektonischer Kontrast zu den Wolkenkratzern seiner Umgebung und zumindest technisch durchaus herausragend, wenn von der Idee her auch nicht ganz neu.

An der Umgebung orientiert:
Als Vorbild diente nämlich der Fun Palace, den der britische Architekt Cedric Price Anfang der 1960er Jahre zusammen mit der Theatermacherin Joan Littlewood geplant hatte, der mit Modulen ausgestattet, flexibel gestaltbar sein sollte. Während der Fun Palace jedoch Utopie blieb, ist mit „The Shed“ ein etwas reduzierteres Konzept Realität geworden. Bei der Konstruktion von „The Shed“ haben sich die Architekten aber auch an der Umgebung orientiert: „The Shed’s kinetic system is inspired by the industrial past of the High Line and the West Side Railyard“, ist auf deren Website zu lesen. Denn „The Shed“ befindet sich direkt neben der High Line, einer stillgelegten Zugstrecke, die schon vor vielen Jahren von Diller Scofidio + ­Renfro zu einer begrünten Park-Trasse umgewandelt worden ist. Der West Side Railyard befindet sich in Richtung ­Hudson River in der Nachbarschaft von „The Shed“ und dient noch heute als Schienenparkplatz. Das Geschäftsviertel Hudson Yards, in dem sich das Kulturzentrum „The Shed“ befindet, ist übrigens das größte nicht-öffentliche Stadtentwicklungsprojekt New York Citys, das vor einigen Jahren startete und zahlreiche neue Wolkenkratzer für die sehr betuchte Bevölkerung der Stadt schuf; Aufgrund der eingeschränkten Zielgruppe wurde es oft kritisiert. „The Shed“ sei laut ­„Washington Post“ der einzige Grund, „das bei vielen New ­Yorkern verhasste neue Viertel ­Hudson Yards überhaupt zu besuchen.“ Für die Architekten steht jedenfalls fest: „Die offene Infrastruktur von ‚The Shed‘ kann für eine unvorhersehbare Zukunft dauerhaft flexibel sein und auf Schwankungen in Bezug auf Größe, Medien, Technologie und die sich wandelnden Bedürfnisse von Künstlern reagieren.“

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