Direkt zum Inhalt

SOMA: Planung mit Unschärfe

21.03.2011

Modelle, Landkarten, Projektpläne und anmutig futuristische Renderings umgeben die großen Arbeitstische im ebenerdigen Wiener Atelier des Architekturteams soma. Zwei der vier Teammitglieder sind gerade in Wien anwesend, die anderen, Martin Oberascher und Günther Weber, im Salzburger Büro.

Susanne Karr im Gespräch mit Stefan Rutzinger und Kristina Schinegger

SOMA: "Es gibt Regeln, wie sich die Stäbe anordnen. Daraus ergibt sich das unregelmäßige Muster, die Variation."
 

Beginnen wir mit eurer beeindruckenden Namensgebung. „soma“ ist ja etwas Lebendiges, Veränderliches. Also überrascht dieser Name für ein Architekturteam. Im allgemeinen Verständnis ist die Architektur doch eher etwas Fixes. Aber ihr versteht das nicht so.
Rutzinger:
Genau so ist es: mehrdeutig. Zum einen bezieht sich die Architektur immer auf den menschlichen Körper, zum anderen haben wir eine Tendenz zu körperlichen, lebendigen Anleihen.
Schinegger: Die Untersuchung von räumlichen und sinnlichen Qualitäten in der Architektur ist uns besonders wichtig, und diese erlebt man mit dem Körper. So gesehen ist die Namensgebung eine Ansage gegen die Vorstellung, dass Architektur statisch sei. Wir nehmen eine spekulative Haltung damit ein, an die man sich nur annähern kann, die sich nie ganz erreichen lässt.

Euer bisher erfolgreichstes Projekt ist der Wettbewerbsgewinn und Auftrag für den permanenten Themenpavillon der Expo in Yeosu 2012. Bei der Auswahl war sicher auch euer Einbeziehen von Kinetik und Bionik ausschlaggebend.
Schinegger:
Nicht nur. Aus dem Juryprotokoll geht hervor, dass unser Gebäude eine innovative und eigenständige Antwort auf das Briefing der Expo war. Die Ausschreibung war sehr vage, es gab kein Raumprogramm, nur eine ungefähre Quadratmeteranzahl. Unser Vorschlag war räumlich sehr kompakt. Wir hatten ein Klima- und Statikkonzept mit abgegeben, da wir bei Wettbewerben oft Konsulenten in die Planung einbeziehen.
Rutzinger: Der Durcharbeitungsgrad unseres Beitrags war weiter als bei den meisten anderen, wie wir bei der Pressekonferenz in Seoul feststellen konnten. Die anderen Preisträgerprojekte waren zum Teil sehr skizzenhaft ausgeführt. Es war durchaus ein Vorteil, dass wir den Wettbewerb als Realisierungsaufgabe verstanden haben, ohne uns die Sicht auf das Visionäre und die Freiheit, die man ja im Entwurf braucht, zu verstellen. Wir haben die Durcharbeitung sehr ernst genommen.
Schinegger: Wir haben dadurch die Realität in den Entwurf mit hereingeholt. Wichtig war die Zusammenarbeit mit dem Statiker, Christoph Brandstätter, der uns auch durch die ersten Planungsphasen in Korea begleitet hat. Mit der Idee der beweglichen Fassade sind wir zu Knippers Helbig nach Stuttgart gefahren, die Erfahrungen mit Bewegung in der Architektur haben.

Ward ihr schon vorher in Korea? Seid ihr dort zu den Formen gekommen, oder habt ihr sie hier entwickelt?
Rutzinger:
Wir waren für die Pressekonferenz zum ersten Mal in Korea. Wir wussten aber, dass die Expo-Site ein alter Industriehafen ist. Es besteht dort also bereits eine künstliche Küstenlinie. Korea lebt vom Meer und der Seefahrt. Es ist ein Land, das sich mit seinen Küstenregionen stark identifiziert. Da gibt es eine große Tradition des Schiffbaus, eine rege Geschichte, auch was kriegerische Auseinandersetzungen auf See betrifft. Wir haben das Thema der künstlichen Küstenlinie aufgenommen und beschlossen: Wir überformen sie, geben ihr einen neuen Charakter und setzen dort unser Gebäude ein. Die Nahtstelle zwischen Wasser und Land wird so neu definiert.
Schinegger: Wir wollten das Thema der Expo nicht repräsentieren, sondern die Agenden architektonisch und räumlich umsetzen. Die erfolgreichsten Landmarks sind die, welche den Betrachtern die Interpretation und Bedeutungsfindung überlassen. Assoziationen sind nicht so steuer- und planbar. So etwas zu planen wäre banal.
Rutzinger: Unser Ausgangspunkt war die Küstenlinie. Dann gab es auch vom Programm her Annäherungen wie etwa die dicht gedrängten Ausstellungskörper, die vor dem Wasser auf der Meerseite schützen. Es sind auch ganz pragmatische Überlegungen, die zum Tragen kommen.

Das war auch mein Eindruck – einerseits, wie sehr alles durchdacht ist, andererseits, wie ästhetisch, mit welcher Liebe zum Projekt alles gestaltet ist.
Rutzinger:
Die Kunst ist, dass man das nicht verliert. Wenn man viele Zwänge hat, sieht man das den Sachen an. In dem Fall ist es wirklich aufgegangen, die Ideen sehr geschmeidig ineinanderzuarbeiten.

Wie findet ihr im Team Prioritäten? Wie funktioniert die Entscheidungsfindung?
Schinegger:
Die Basis für unsere Zusammenarbeit mit Martin Oberascher und Günther Weber ist wahrscheinlich, dass wir uns schon ziemlich lange kennen, Martin schon seit dem Studium an der Angewandten. Jeder im Team hat seine speziellen Fähigkeiten und Interessen. Wir versuchen, am Beginn eines Projekts die architektonischen Möglichkeiten einerseits offenzulassen, andererseits Ideen so klar wie möglich zu artikulieren. Man muss sich die Unschärfe in einem Projekt behalten, sonst kann es sich nicht entwickeln. Es ist ein Balancieren zwischen dem, was man fixiert, und dem, was man offenlässt.

Ein fixer Bestandteil ist bei euch ja, dass ihr Forschungen miteinbezieht.
Rutzinger:
Das ist uns das Allerliebste und Wichtigste: immer etwas Neues zu versuchen. Beim Themengebäude war das mit der biomimetischen und kinematischen Bewegung der Lamellen der Fall.

Gleichzeitig habt ihr in Salzburg ein Projekt, das demnächst fertiggestellt sein wird.
Schinegger: Ja
, der Pavillon für die Salzburg Biennale – ein Festival für Neue Musik, das dieses Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Der Pavillon ist aus einer Reihe von Untersuchungen zu aggregierten Strukturen entstanden. Gewöhnlich unterteilt man Formen in immer kleinere Teile, um sie zu bauen. Die Idee ist hier, dass man diesen Prozess umkehrt. Man entwirft ein Basiselement und die Regeln, wie sich diese zu Strukturen aggregieren können.
Rutzinger: Es ist ein Bottom-up-System. In diesem Fall ist das Basiselement ein einfacher Stab von zwei Metern Länge. Wir haben ein Skript geschrieben, das die Struktur nach bestimmten Kriterien generiert. Bollinger-Grohmann-Schneider Ingenieure haben auf dieses Skript aufgesetzt, um die Struktur zu evaluieren und zu optimieren.
Schinegger: Das Prinzip ist simpel erklärt: Es gibt immer überkreuzende Stäbe. Das Skript errechnet dann Varianten. Jeder Stab kann beliebige Winkel haben, es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten. Das Programm errechnet die statisch beste Variante, die auch die architektonischen und gestalterischen Kriterien erfüllt.
Rutzinger: Die Werkplanung besteht mit diesem Tool nur noch aus Listen. Wir haben für dieses Projekt außer für die Einreichung keine Pläne gezeichnet. Es ist ein digitales Projekt geblieben, die Datensätze werden aus dem 3-D-Modell direkt in die Bearbeitungsroboter eingelesen.

Habt ihr dafür Anlehnung an die Kompositionsweise moderner Komponisten genommen?
Schinegger:
Indirekt haben uns Komponisten wie Carsten Nikolai mit seiner Arbeitsweise inspiriert. Für ein früheres Projekt, auch ein Musikpavillon, haben wir uns mit der Komponistin Katharina Klement getroffen. Es gab damals die Idee, bewegliche Klappen einzubauen, für die Partituren komponiert werden können.

Das funktioniert also wie ein großes Instrument?
Rutzinger:
Man hätte dadurch auch die Akustik verändern können: wenn alle Stäbe flach angelegt sind, wird der Klang reflektiert, und wenn sie aufgestellt sind, geht der Klang durch. Der Raum wird also gleichzeitig visuell und akustisch transparent. Daher der Projekttitel „synaesthetic filter“. Der aktuelle Pavillon für die Salzburg-Biennale ist nicht beweglich – das war letztlich auch eine Budgetfrage.
Schinegger: Der Pavillon wird mitten in der Altstadt, auf dem Mozartplatz, aufgestellt. Wir wollten eine Struktur entwerfen, die eine starke eigenständige Präsenz für Neue Musik erzeugt und neugierig macht. Vielleicht hat der Pavillon eine ähnliche Wirkung wie zeitgenössische Musik, die am Anfang oft ein unverständliches Gewirr zu sein scheint. Mit der Zeit erkennt man aber Strukturen und Regeln.
Rutzinger: Das ist ein Link von unserem Entwurf zur Musik: Arbeit mit Regeln und Variation. Es gibt Regeln, wie sich die Stäbe anordnen. Daraus ergibt sich das unregelmäßige Muster, die Variation. Geplant ist, dass der Pavillon in den nächsten zehn Jahren an verschiedenen Orten zur Aufstellung kommt. Man kann Segmente in verschiedenen Formationen aufstellen kann und so unterschiedliche Szenarien schaffen. Wir haben uns eine komplexe Struktur ausgedacht, aber das Handling musste einfach sein.

Habt ihr zusätzlich noch Projekte?
Rutzinger:
Im April beginnt die Realisierung des Zu- und Umbaus der BauAkademie in Salzburg, auch ein Forschungsprojekt. Die fluide Sichtbetonstruktur ist nicht nur Tragwerk, sondern sorgt gleichzeitig für natürliche Belichtung und agiert als räumliches Leitsystem. Die Struktur wurde in aufwändigen 1:1-Prototypen auf Tragfähigkeit und Oberflächenqualität gestestet. Damit bekommt nicht nur die BauAkademie ein neues Foyer, sondern auch die Salzburger Festspiele eine neugestaltete Werkbühne.

Habt ihr ein Lieblingsprojekt?
Rutzinger:
Bestimmte Features, die mir besonders wichtig sind, sind in jedem Projekt die Untersuchungs- und Forschungsarbeiten, die zu Neuem führen.
Schinegger: Ich habe eine Affinität zur Neuen Musik und sehe die Pavillons als fortlaufende Untersuchung. Es ist interessant, mit Komponisten und Musikern zusammenzuarbeiten, weil sie andere Sichtweisen auf Raum haben. Generell sind mir die Projekte am liebsten, die Spielraum lassen, um mit anderen Disziplinen und Experten zusammenzuarbeiten. So erweitert man den Horizont der eigenen Arbeit.

 

Werbung

Weiterführende Themen

Gespräche
20.05.2019

Xu Tiantian hat gerade den Moira Gemmill Prize für Emerging Architecture bei den Women in Architecture Awards 2019 gewonnen. Ihre heraus­ragende Arbeit verbindet architektonische Visionen mit ...

Gespräche
27.03.2019

Claudia Staubmann und Cédric Ramière, die Gründer des französischen Büros CoCo ­Architecture, waren Ende Februar Invited Speakers des Departure-Talk one und Gast von architektur in porgress im ...

Denise Scott Brown
Aktuelles
13.03.2019

Denise Scott Brown hat ihre Arbeit immer inmitten des Geschehens begonnen. Ihr scharfer Intellekt, ihr genauer Blick und ihre Weltgewandtheit prägen ihre Haltung in Stadtplanung und Architektur. ...

Wolfgang List, Maik Perfahl und Mark Neuner
Gespräche
27.02.2019

Mostlikely – wieder ein Büroname mit Erklärungsbedarf? FORUM wollte es von Mark Neuner, Wolfgang List und Maik Perfahl genauer wissen und traf die drei in ihrem Wiener Büro. Dabei erzählten sie ...

Gespräche
17.12.2018

Architektur, Lehre und die Aufgeschlossenheit zu Innovationen sind in der dritten Generation eng mit dem Namen Hoppe ­verbunden. Diether Hoppes Söhne, Thomas und Christian, haben Baukultur mit der ...

Werbung