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Stadt:Labor: Teamplayer auf Lösungssuche

27.03.2020

Stadt:Labor-Architekten Barbara Lanz und Martin Mutschlechner sind Südtiroler, die schon seit Jahren in Innsbruck leben und zu beiden Seiten des Brenners arbeiten. Sie haben unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte, einerseits die Restaurierung historischer Bausubstanz, anderseits Stadt- und Ortsentwicklungen. ­FORUM hat das Duo in seinem Innsbrucker Atelier besucht.

Gretl Köfler im Gespräch mit Barbara Lanz und Martin Mutschlechner

Stadt:Labor: Martin Mutschlechner und Barbara Lanz

Mag.Arch. DI Barbara Lanz
wurde 1972 in Bruneck/Südtirol geboren. 1999 Staatsprüfung Architekturfakultät Universität Venedig, 1999 Abschluss Diplomstudium Architektur Universität Innsbruck. Seit 1999 freischaffend als Bauhistorikern tätig mit Schwerpunkten in der Forschung, in Beratungs- und Gutachtertätigkeiten in der Denkmalpflege und in Stadt- und Ortsbildschutz sowie im Planen und Bauen im Bestand. 2006 Abschluss Diplomstudium Kunstgeschichte Universität Innsbruck, seit 2012 externe Lehrbeauftragte Universität Innsbruck, Arbeitsbereich Baugeschichte und Denkmalpflege.         
Aktuelle Arbeiten (Auswahl)
Erstellung einer Kartierung der Bauernhöfe und historischen Hofstellen für das Höfebuch Toblach, Bauuntersuchung im Laubenhaus Kreuzer-Eccel in Bozen, Gutachten für Schutzzonen nach dem Tiroler Stadt- und Ortsbildschutzgesetz in Schwaz und Innsbruck.

 

M.Sci Dott.Arch.DI ZT Martin Mutschlechner
arbeitet als Architekt und Stadtplaner schwerpunktmäßig im Bereich Stadt- und Ortsentwicklung sowie öffentliche Bauten. Neben seiner Tätigkeit als Gastdozent an mehreren Universitäten im In- und Ausland, wie an der Universität Venedig oder am Berlage Institut in Rotterdam, pu­bliziert er in verschiedenen nationalen und internationalen Medien und moderiert Symposien sowie Workshops. Seine Arbeiten wurden unter anderem auf der Biennale in Venedig und Rotterdam sowie bei der Archilab-Ausstellung in Orleans gezeigt.
Aktuelle Arbeiten (Auswahl)
Musikpavillon und Pflegplatz, Innichen; Generalsanierung Grundschule, Toblach; Rainerhof Renovierung, Kals; Neubau Donaumarina Tower, Wien.

http://www.stadtlabor-architekten.com

Eines der Betätigungsfelder Ihres Büros ist die Wiederherstellung historischer Bausubstanz. Worauf kommt es bei deren Restaurierung an. 
Barbara Lanz (B.L.) : Eine wichtige Voraussetzung dafür liegt darin begründet, wo der Bauherr mit den Ideen zu seinem historischen Objekt überhaupt hinwill. Wenn er sich also etwas in den Kopf setzt, das damit nicht kompatibel ist, wird es aufwendig und auch entsprechend teuer. Wir arbeiten mit dem weiter, was vorhanden ist. Und das Geld spielt dabei natürlich auch eine gewisse Rolle, weil es Entscheidungen beeinflusst, die vorgeben, wie weit man eingreift. Aber auch mit wenigen Eingriffen lässt sich durchaus etwas Besonderes realisieren.
Martin Mutschlechner (M.M.): Man muss das Gebäude, wie es dasteht, „lieb haben“, das ist vielleicht ein kindlicher Begriff, aber er trifft den Punkt. Wenn man bei all seinen Entscheidungen immer gegen das Haus arbeitet – Decken gerade, Decken höher, Fenster größer machen will – dann wird es ein Fass ohne Boden. Aber sonst ist es meist günstiger, ein Objekt zu sanieren, als es neu zu bauen. Häufig hören wir von unseren Bauherren, dass ihnen vom Umbau abgeraten und empfohlen wird, am besten gleich neu zu bauen; Wenn Firmen ihr Geld mit dem Handel von Material und nicht mit den Leistungen von Arbeitskräften verdienen, ist ein Umbau für diese möglicherweise weniger lukrativ. Dann kommt daher oft: „Reiß es ab, wir bauen dir etwas Neues“. Man muss auch sagen, dass das Verhältnis zur historischen Bausubstanz nicht in allen Landesteilen gleich entwickelt ist. Mitunter erleben wir manchmal mehr Liebe zum Alten in der Stadt als am Land, wobei sich dieser Trend derzeit möglicherweise umdreht. Der Umbau erfolgt meist, weil der Besitzer eines Gebäudes in der Stadt sein neues Haus selten auf gleiche Weise nutzen will wie der einstige Eigentümer.
B.L.: Die Altsubstanz wird zum Lifestyle. Menschen, die auf alten Höfen aufgewachsen sind, wollen aus nachvollziehbaren Gründen wegziehen, nicht zuletzt auch wegen der oft ungemütlichen Lebensverhältnisse in alten Mauern – kalt, feucht, dunkel. Der neue Besitzer erwartet sich dort zeitgenössischen Lifestyle, Historisches wird häufig zum Urlaubsdomizil. Und es wird auch Komfort eingebaut, der nach außen nicht auffällt.

In Gsies haben Sie einen Hof abgetragen und an anderer Stelle neu aufgebaut. Das ist ungewöhnlich, was waren die Gründe dafür?
B.L.: Das war ein urbanistisches Projekt. Lange Zeit galt in den Dörfern Südtirols: Wenn man einen Neubau errichtet, muss das Alte weichen. Jetzt hat sich das Gesetz geändert – was in Nordtirol bereits vor Jahrzehnten geschehen ist. Dabei gab es einzelne Fälle, bei denen der Altbau – aus welchen Gründen auch immer – nicht abgetragen wurde. Der Veidlerhof etwa ist so lange gestanden, bis sich der Zeitgeist gewandelt hatte und die Besitzer den Altbau schließlich gar nicht mehr abtragen wollten. In Südtirol gibt es die sogenannte Möglichkeit der Vertragsurbanistik, bei der mit der Gemeinde ein Vertrag abgeschlossen wird, um ohne Genehmigung realisierte Projekte nachträglich zu genehmigen oder um Bauvorhaben umzusetzen, die sonst nicht realisierbar wären. Das mündete auch in unserem Fall für die Hausbesitzer in einen Vertrag, in dem vereinbart wurde, das Haus zu erhalten. Zudem wurden Forschungsarbeiten über den historischen Hof in ein Interreg-Projekt aufgenommen und auf diese Weise mitfinanziert. Allerdings war an derselben Stelle der neue Stall geplant, den die bäuerliche Familie zum Wirtschaften brauchte, sodass man den Hof abgetragen und mit den alten Teilen an anderer Stelle wiederaufgebaut hat. Diese Vorgangsweise, ein Bauwerk abzutragen und anderorts wieder aufzubauen, mag aus denkmalpflegerischer und restauratorischer Sicht auch durchaus als strittig anzusehen sein.
M.M.: Hierbei handelte es sich um einen Blockbau, der von der Struktur her die Möglichkeit bot, alle Einzelteile wie in einem Baukastensystem einfach auszuwechseln. Solche Eingriffe sind an historischen Blockbauten bereits bekannt. Der Veidlerhof ist zwar ein Neubau und steht auf einem neuen Sockel, aber innenräumlich blieb die alte Struktur erhalten. Auf ähnliche Weise haben wir auch einen Hof in Kals an einen anderen Ort transferiert.

Sie arbeiten viel mit den Denkmalpflegern, gibt es da Unterschiede in Nord- und Südtirol?
B.L.: Jeder Denkmalpfleger, jeder Landeskonservator spiegelt sich auch in seiner Aufgabe und Vorgangsweise stets unterschiedlich wider und wird daher unterschiedlich wahrgenommen. Das lässt sich auch an den einzelnen Restaurierungen deutlich ablesen: die Ära Helmut ­Stampfer in Südtirol, die Ära Walter Hauser in Nordtirol. Denkmalpflege ist stark vom Zeitgeist geprägt. Der Einzelne spielt insofern dabei eine Rolle, als jeder seinen festen Standpunkt hat, da spielt sogar mit hinein, wo dieser aufgewachsen ist, worin sein Lieblingsfachbereich liegt. Der eine ist von der Ausbildung her Kunsthistoriker, der andere Architekt und kommuniziert schon allein daher mit den Handwerkern von einem anderen Standpunkt aus. Außerdem sind die italienischen Universitäten extrem theorielastig ausgerichtet, und auch bei den Architekten liegt der Schwerpunkt oft mehr auf der Vermittlung baukultureller Hintergründe und weniger auf der technischen Praxis.
M.M.: Und die staatlichen Institutionen in Italien sind unterschiedlich, im autonomen Südtirol gibt es etwa nur Bozen als letzte Instanz, für Innsbruck ist das immer noch auch Wien.

Ist das jetzt für den in diesem Bereich tätigen Architekten als Vor- oder Nachteil zu sehen?
B.L.: Das ist in Nordtirol ein Glück und ein Dilemma zugleich. Das Dilemma besteht in den Vorschriften aus Wien, das Glück liegt darin, sich immer auf die Position zurückziehen zu können: „Da muss ich erst Wien fragen“. Aber grundsätzlich ist die Haltung nicht so unterschiedlich, und es gibt seit Jahren einen Austausch der Ämter untereinander.

Wie geht man in Südtirol mit dem Altbestand um?
M.M.: Die Umnutzung im Altbestand ist in Südtirol geradezu explodiert; die Gesellschaft nimmt das als etwas Wichtiges wahr. In Nordtirol sehe ich das noch nicht so stark, wobei wir in den letzten Jahren auch hier einen Anstieg an Anfragen für die Sanierung von Altbauten erleben.
B.L.: Es ist in Südtirol auch der Bestand größer ebenso wie die Dichte und Hochwertigkeit der Kulturlandschaft, dafür hat die restriktive Raum­ordnung lange gesorgt. Wenn du in Nordtirol durch die Landschaft fährst, weißt du nicht, wo das eine Dorf aufhört und das andere anfängt. In Südtirol hat es lange klare Bebauungsgrenzen gegeben, die unter anderem mit der Aussiedlung von Höfen durchbrochen worden sind. Man versucht, jetzt wieder restriktiver mit der Landschaft umzugehen und die Gesetzgebung anzupassen. Das sagt schon viel.

Wie könnte man den historischen Bestand definieren?
M.M.: Ich sehe hier nicht nur das Objekt. Die historischen Bauten sind immer Teil eines Kontextes. Ich habe den Eindruck, in Nordtirol gibt es viele, durch die ungeordnete Verbauung beeinträchtigte Landstriche, besonders in den Bezirksstädten. Es wird einfach zu viel gebaut und dabei oft wenig auf die Qualität geschaut. So etwas findet man in Südtirol noch nicht in diesem Ausmaß. Der Lebensstil hat dort doch eine gewisse Qualität, das färbt auf alles ab.

Ist auch die Qualität der Handwerker in Nord- und Südtirol unterschiedlich?
M.M.: In Ost- und Südtirol gibt es viele kleinere, meist auch kostengünstige Unternehmen, sodass eine Renovierung unserer Erfahrung nach in Süd- oder Osttirol oft billiger ist als in Nordtirol. Man muss hier aber von Gewerk zu Gewerk vergleichen. In Nordtirol gibt es etwa exzellente Zimmerer ebenso wie in Südtirol, Baumeister sind in beiden Teilen gleich gut. Stahlbau ist in Italien häufig günstiger, der Fensterbau dafür eher in Osttirol. Aber mittlerweile hat sich hier ein reger Handwerker-Austausch zwischen allen drei Regionen etabliert.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Planungsaufgaben u. a. Dorfentwicklungskonzepte, die derzeit oft mit partizipativen Verfahren einhergehen. Wenn man als Planer an einen Ort gerufen wird, was möchte man dort vorfinden?
M.M.: Den Wunsch nach Veränderung. Solche Verfahren sind zumindest für mich Bestandteil einer Ortsplanung. Es geht um die Software eines Ortes. Die Hardware sind die Gebäude, die Software ist das Sozialleben. Solche Verfahren werden oft von politischer Seite initiiert. Ich halte nichts von einer Bürgerbeteiligung, die nicht gleichzeitig neben Diskussionen und Workshops auch die bauliche Umsetzung der Ideen im öffentlichen Raum in Angriff nimmt. Eines der ersten großen Projekte unseres Büros war neben dem Bau der Kletterhalle in Brixen ein groß angelegter Masterplan für die Gemeinde Brixen in Kooperation mit Experten aus verschiedenen Fachbereichen wie Sozialwesen, Verkehrsplanung und Bildung. Eine dem Prozess vorausgehende Volksbefragung hat gezeigt, dass die Bürger den Straßenverkehr als eines ihrer Hauptprobleme wahrgenommen haben. Meist wird der Verkehr als Hauptproblem empfunden, ist aber bei genauerer Betrachtung eher das Symptom und nicht die „Krankheit“. Oft sind es Fragen der Organisation, der Gestaltung, der Programmierung oder der Nutzung. Die Bürgerbeteiligungsverfahren werden stetig weiterentwickelt, damit schon während des Verfahrens Ideen und Konzepte als „Quick Win“ abgespalten und umgesetzt werden können.

Gibt es hierfür positive Beispiele?
M.M.: Ein positives Beispiel ist das kooperative Verfahren im Innsbrucker Stadtteil Reichen­au beim Campagne-Areal, bei dem wir Teil eines Planungsteams waren. Die Fragestellung war vorab von der Stadtverwaltung und der IIG klar formuliert worden, wir haben dann recht intensiv und ohne Verzögerungen mit der ganzen Stadtverwaltung zusammengearbeitet. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung sollten in ein Projekt einbezogen werden und dieses mitformen, um davon überzeugt zu sein, denn sie müssen für die Umsetzung Sorge tragen. Das hat bei diesem Projekt sehr gut funktioniert. Das Endprodukt kann man immer infrage stellen, aber es war wichtig, dass die Stadt die neun Hektar Grundfläche als eine Einheit gesehen hat. Wir finden Partizipationsprozesse immer spannend, aber diese sollten wie gesagt auch eine mögliche Umsetzung mitdenken.

Ähneln sich die Abläufe in Nord- und Südtirol?
M.M.: Im Grunde schon, es gibt beiderseits zuständige Landesabteilungen: In Nordtirol sind die Prozesse durch die Dorferneuerung, eine Abteilung der Landesverwaltung, klarer strukturiert, in Südtirol arbeitet man an einer Verbesserung der Abläufe.

Wie würden Sie die derzeitige Entwicklung einschätzen?
M.M.: Was in den Städten geschehen ist und immer noch geschieht, trifft auch auf die Dörfer zu und wirkt sich dort vielleicht sogar noch schlimmer aus. Aus verschiedenen Gründen werden abseits der Zentren neue Siedlungsflächen errichtet. Hier hat jeder viel Platz und einen Garten, was grundsätzlich ja auch gut ist. Allerdings führt diese Entwicklung am Land noch viel mehr zur Aushöhlung der Dorfzentren und zum Verlust der für ein Dorf so wichtigen sozialen Interaktion und Nachbarschaft, in der sich jeder kennt. Diese „soziale Kompetenz“ existiert in der Stadt in dieser Form nicht. Sobald durch die Zersiedelung diese Qualität aus dem Dorf verschwindet, ergibt das Dorf keinen Sinn mehr, weil das gesellschaftliche Leben dort dann nicht mehr funktioniert. Diese Zersiedelung ist ein ökologisches und volkswirtschaftliches Problem, das wir in den nächsten Jahren angehen müssen. Die Gesellschaft wird es sich nicht mehr leisten können, Siedlungsstrukturen zu bauen, die nur über das private Auto erschlossen und versorgt werden können. Und ein weiterer Prozess wird uns hier in Innsbruck die nächsten Jahre verstärkt beschäftigen. Derzeit verlässt ein Teil der Mittelschicht das Stadtzen­trum, weil er sich das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten kann oder will. In Innsbruck sind die Preise für das Wohnen alleine in den letzten Jahren um bis zu 50 Prozent gestiegen.

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