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Städtebauliche Déjà-vus

20.05.2019

Ein ganzes Jahr lang feierte Wien seinen Jahrhundert-Architekten. Mit dem Wien Museum, dem MAK und dem ­Hofmobiliendepot würdigten gleich drei Ausstellungshäuser das umfangreiche Œuvre Otto Wagners, und auch der ORF widmete ihm gebührende Aufmerksamkeit. Was aber blieb vom 100. Todesjahr des großen Baukünstlers? Was nahmen Planungspolitik und -verwaltung, Planungswissenschaft und -praxis daraus mit? Jubiläen wie dieses böten sich geradezu an, nicht nur zurück, sondern auch selbstkritisch auf das Heute zu blicken. Zumal Wagners Schriften, Projekte und Werke durchaus als Maßstab zur Beurteilung des aktuellen Planungs- und Baugeschehens in der Donaumetropole taugen.

von Reinhard Seiß

Als eine der letzten Ausstellungen vor seiner bis 2022 anberaumten, umbaubedingten Schließung zeigte das Wien Museum im Vorjahr seine große Otto Wagner-Schau. Passenderweise stellten die Kuratoren, Andreas ­Nierhaus und Eva-Maria Orosz, gleich an den Beginn ein imposantes Modell des Museums selbst – natürlich nicht des 1959 realisierten Oswald Haerdtl­-Baus, sondern jenes Entwurfs, den Otto Wagner sechs Jahrzehnte davor noch als „Kaiser Franz ­Josef-Stadtmuseum“ zu Papier gebracht hatte. Um keine andere Bauaufgabe hatte sich Wagner so intensiv bemüht wie um diese – und kein anderes Projekt offenbarte so sehr den zähen Kampf des „Bahnbrechers der Moderne“ mit den verharrenden Kräften seiner Zeit, mit den Verfechtern des Historismus: Während der Wiener Gemeinderat den Architekten im Jahr 1900 mit dem Kulturbau beauftragen wollte, erachteten das konservative Kaiserhaus, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger seinen Vorschlag als unverträglich mit der benachbarten barocken Karlskirche. Ganze zehn Jahre lang verhinderte das reaktionäre Lager Wagners mehrfach überarbeitete ­Ideen mit allen möglichen Winkelzügen, bis das Rathaus entmutigt für die nächsten vier Jahrzehnte sein Vorhaben fallen ließ.

Den Stadtraum komponieren

Otto Wagner sah das Stadtmuseum vor allem auch als Möglichkeit, den städtebaulich unvollendeten Karlsplatz räumlich zu fassen. Folglich dehnten sich seine nie realisierten Planungen alsbald auf die Neugestaltung des gesamten, für Wien so bedeutsamen Freiraums aus. Hundert Jahre später ist der Karlsplatz nach wie vor kein wirklicher Platz und wirft unverändert dieselben Fragen auf – zuletzt pikanterweise anlässlich des Um- und Ausbaus des Museums. Doch fußte der 2014 dafür ausgelobte Architekturwettbewerb ebenso wenig auf einem städtebaulichen Gesamtkonzept, wie die wenig später entfachte Diskussion um eine stadtbildprägende Aufstockung des angrenzenden Bürogebäudes. Wagners ganzheitliche Herangehensweise, seinen Anspruch, den Stadtraum zu komponieren und einzelne Neubauten in den Dienst einer Gesamtwirkung zu stellen, hat Wien schon vor Jahrzehnten aufgegeben.

Dabei war Otto Wagner alles andere als ein Formalist oder Stadtromantiker – im Gegenteil. In seinem 1896 publizierten Manifest „Moderne Architektur“ forderte er als einer der weltweit ersten eine neue Baukunst, die „ganz auf Zweck, Material und Konstruktion“ beruhen und „dem modernen Leben entsprechen“ sollte, was ihn zu einem Wegbereiter des Funktionalismus machte. Auch privat erschien Wagner durchaus als Pragmatiker, der sich auf die immobilienwirtschaftlichen Aspekte des Bauens sehr wohl verstand: Als Bauträger lukrativer Mietshäuser schuf er sich die finanzielle Unabhängigkeit für seine kompromisslose Arbeit als Planer. Dennoch hatte sein „Nutzstil“ nichts Nüchternes. Als Gallionsfigur der Wiener Secession um Gustav Klimt, Josef Hoffmann und Joseph Maria Olbrich, die sich 1897 von ihrer konservativen Kollegenschaft losgesagt hatte, schuf ­Wagner gleich mehrere Ikonen des Jugendstils: mit der Wiener Postsparkasse von 1906 den ersten ganz aus der Funktion entwickelten Zweckbau, mit der Kirche am Steinhof von 1907 den erste modernen Sakralbau und damit ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts, zudem die beiden berühmten Häuser am Naschmarkt und noch weitere Wohn- und Geschäftsbauten sowie zahlreiche Infrastrukturprojekte.

Verkehrsbauten als Architekturdenkmäler

Mit letzteren hat sich Otto Wagner am deutlichsten in das Stadtbild Wiens eingeschrieben. Sein größter Auftrag war dabei jener zur Planung der in nur sieben Jahren errichteten Stadtbahn mit ihren damals vier Linien, die bis heute als U- und S-Bahn-Trassen in Funktion stehen. Bei dem 38 Kilometer langen Gesamtkunstwerk zeichnete Wagner mit bis zu 70 Mitarbeitern für die architektonische Ausgestaltung von 42 Viadukten, 78 Brücken, 15 Tunnels und Galerien sowie 36 Stationsgebäuden verantwortlich. ­Da­rüber hinaus erklärte sich der Universalist, dessen Œuvre vom Städtebau über den Hoch- und Verkehrsbau bis hin zum Design von Möbeln und Geschirr, ja bis zur Entwicklung einer eigenen Typographie reichte, auch noch für allerlei Details zuständig, nämlich „für alle Gegenstände der Ausrüstung, Möblirung, Beleuchtung, Heizung und Wasserleitung, dann für die Aufzüge, Gepäcks-Auf- und Ausgabe, Fahrkarten-Controle, etc. insoweit diese Gegenstände eine einheitliche Behandlung mit der architectonischen Ausführung der Bauobjecte erfordern“. Es braucht keine weitere Erklärung, warum Zweckbauten aus den Jahren 1894 bis 1901 heute als Kulturdenkmäler gelten, das Gros der zeitgenössischen Architektur dagegen bedeutungslos wirkt – und mit den Jahren nur noch an Banalität gewinnt.

Gleichwohl war und ist der Umgang mit Wagners Werk nach seinem Tod, der mit dem Ende des Kaiserreichs zusammenfiel, nicht immer von Respekt getragen. Zunächst wurden ihm noch höchste Ehren zuteil: etwa ein neun Meter hohes Denkmal seines Schülers Josef Hoffmann für den „großen Baukünstler“, das bis 1938 am Ballhausplatz stand – und erst 1959 von Roland ­Rainer bei der Akademie der bildenden Künste wieder aufgestellt wurde. Auch das Rote Wien erwies ihm indirekt seine Reverenz, indem es für sein soziales Wohnbauprogramm der Zwischenkriegszeit vornehmlich Architekten beschäftigte, die bei Otto Wagner ihr Handwerk erlernt hatten. Doch spätestens in der Nachkriegszeit vergaßen die Politik wie auch die Revolutionäre des „Neuen Bauens“ die Bedeutung des evolutionären Modernisierers. Bis in die 1970er Jahre wurden etliche Stationsbauten Wagners an der heutigen U-Bahn-Linie 4 durch „zeitgemäße“ Gebäude ersetzt. Und die einst von Handwerkern, Händlern und Gastronomen genutzten Backstein-Viadukte der heutigen U6 verkamen bis in die 1990er Jahre zu einer kilometerlangen No-go-Zone inmitten der Stadt.

Politische Verantwortungslosigkeit

Trotz der inzwischen wiedererlangten Wertschätzung Wagners, die auch dem touristischen Interesse zu verdanken ist, bleibt der Umgang mit seinen Bauten nicht unumstritten. So bedeuten der Verkauf des Postsparkassengebäudes und der jüngst erfolgte Auszug der PSK einen weiteren Rückzug der öffentlichen Hand aus ihrer baukulturellen Verantwortung: Die Zukunft jenes Denkmals, das es in den 1980er Jahren gemeinsam mit seinem Architekten auf den 500-Schilling-Schein geschafft hatte, liegt nun nicht mehr im Ermessen eines mehrheitlich staatlichen Unternehmens, sondern eines privaten Immobilien-Tycoons.

Deutlicher noch offenbart sich das politische Desinteresse am Erhalt des baulichen Erbes am Gelände des „Otto Wagner-Spitals“ am Westrand Wiens. Die weitläufige „Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke“ am Steinhof aus dem Jahr 1907 mit mehr als zwei Dutzend Krankenpavillons, mit Wirtschafts- und Verwaltungsgebäuden, Gesellschaftshaus, ­Theater und Kirche stellt nicht nur ein einzigartiges architektonisches Ensemble inmitten einer 75 Hektar großen Parklandschaft dar, sondern aus Sicht des Rathauses auch eine lukrative Möglichkeit zur Sanierung des Grundeigentümers, des hoch verschuldeten Wiener Krankenanstaltenverbunds. Dazu wird der städtische Krankenhausbetrieb sukzessive abgesiedelt, um in den 60 historischen Bauten Platz für kapitalintensivere Nutzungen zu schaffen. Der östliche Bereich wurde schon vor einigen Jahren zur Verbauung durch einen Gesundheits- und Wellness-Dienstleister freigegeben, daneben folgen nun sukzessive auch Wohnhäuser. Allem voran die Architektur der privaten „Rehaklinik Wien Baumgarten“ würde selbst auf der grünen Wiese bescheiden wirken – angesichts der umgebenden Jugendstilbauten bedeutet sie geradezu eine kulturelle Schändung. Dabei ist das heutige Maß der Veränderung bereits das Ergebnis des zähen Kampfs einer Bürgerinitiative, der es zumindest gelang, die Stadt von einer um Vieles massiveren „Nachverdichtung“ für Büros, Hotels und Tausende Wohnungen abzubringen – wofür ­völlig ungeniert auch der Ausbau und die Aufstockung der denkmalgeschützten Pavillons vorgesehen war.

Anything goes

„Es geht nicht an, den Ausbau einer Großstadt dem blinden Zufall und der völligen künstlerischen Impotenz zu überlassen oder dem erbärmlichsten Grundwucher auszuliefern“, hielt Otto Wagner in seinem international rezipierten Buch „Die Großstadt“ fest – und nahm damit vorweg, woran das heutige Wien seit geraumer Zeit krankt. Mangels tauglicher bodenpolitischer In­strumente folgt die bauliche Entwicklung mehr denn je den Verwertungsinteressen von Grundeigentümern – sprich, der Bodenpreis gibt faktisch die Höhe und Dichte neuer Quartiere vor. Das Fehlen einer übergeordneten Stadtteilplanung wiederum bedingt ein inselhaftes Stadtwachstum, wobei städtebauliche Überlegungen spätestens an den Grenzen jedes Projektgebiets enden: Wo und in welcher Form auch immer Bauherren ihr Vorhaben realisieren wollen, können sie das ohne viel Aufheben um das Umfeld oder eine Gesamtstruktur tun. Das künstlerische Niveau im Neubau schließlich leidet unter der traditionell hohen Selbstzufriedenheit aller Verantwortlichen sowie unter einer ausgeprägten „anything goes“-Haltung, die von der Baubehörde über Fachbeiräte und Wettbewerbsjurien bis hin zu weiten Teilen der hiesigen Architekturpublizistik reicht. Das konzeptlose Nebeneinander von immobilienwirtschaftlich optimierten Objekten ist unter dem Deckmantel eines missverstandenen Liberalismus gleichsam zum Stadtmodell geworden. Was im heutigen Wien schmerzlich fehlt, sind etablierte Planer, die planungspolitische Irrungen öffentlichkeitswirksam anprangern, die Arbeit der eigenen Kollegenschaft hinterfragen, Modisches von Innovativem unterscheiden können, grundsätzliche Alternativen aufzeigen und für kontroversielle Debatten sorgen. Während noch ein Roland Rainer keinem Konflikt mit dem Rathaus aus dem Wege ging, agieren die heutigen Big Player der Wiener Architektur- und Städtebauszene in lukrativer Symbiose mit der politischen und ökonomischen Elite der Stadt.

Zeitlose Denkanstöße

Otto Wagner hielt dem von ihm angeprangerten unkontrollierten Stadtwachstum seiner Zeit, der „Kakophonie unterschiedlichster Bauten, die sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchen“, die Vision einer nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten geplanten, ganzheitlich entwickelten Stadt entgegen – die er 1911 in seinem detaillierten Entwurf für eine unbegrenzte Großstadt am Beispiel eines fiktiven 22. Wiener Gemeindebezirks konkretisierte: Darin sah er eine funktional durchmischte, geschlossene Blockrandbebauung mit sieben- bis achtgeschoßigen Wohnhäusern, Warenhäusern und großen Werkstatthöfen vor, mit öffentlichen Gebäuden und Hotels in jedem Stadtteilzentrum, mit großzügigen Plätzen und Parks sowie einem dichten Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln. Für Wagner selbstverständlich, sollte diese Stadt eine kapitalistische sein, mit hoher, aber eben nicht zu hoher baulicher Ausnutzung. Gleichwohl forderte er für eine funktionierende Metropole auch kommunalen Wohnungsbau, ein Enteignungsgesetz sowie einen „Stadtwertzuwachsfonds“ zur Vergesellschaftung privater Spekulationsgewinne. Es verwundert nicht, dass „Die Großstadt“ in ihrer englischen Übersetzung von 1912 in den USA als sozialistische Utopie abgetan wurde. Das rot-grün-regierte Wien hingegen sollte heute weniger Vorbehalte zeigen, Wagners Vermächtnis nicht bloß als vermarktbare Architekturgeschichte, sondern als planungspolitischen Denkanstoß zu sehen.

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