Direkt zum Inhalt

Stefan Behnisch: Die Löcher im Käse

21.07.2008

Für Wien würde Stefan Behnisch gerne bauen, schließlich verbinden ihn mütterlicherseits familiäre Wurzeln mit der österreichischen Hauptstadt. Anlässlich der "Otto Wagner Lecture" an der Akademie der Bildenden Künste kam Stefan Behnisch nach Wien und stellte die jüngsten Projekte des Büros vor, das sich erfolgreich in den USA engagiert.

Andrea nussbaum im Gespräch mit Stefan Behnisch
 

Stefan Behnisch: "Wir Architekten haben eine sehr stark moderierende Rolle. Ein neues Gebäude beeinflusst die innerbetriebliche Struktur enorm. Das wird immer unterschätzt. Und dabei haben wir die Aufgabe, mit den Betrieben über ihre Strukturen und Abläufe zu reden, das beeinflusst letztlich auch die architektonische Form." 

Lassen Sie mich mit einer persönlichen Frage beginnen. Sie sind ja mit der Architektur groß geworden, waren von Kindheitstagen an durch Ihren Vater mit dem Bauen, mit Gebäuden konfrontiert. War es eigentlich Ihr Kindheitstraum, Architekt zu werden?
Nein. Aber natürlich bin ich mit der Architektur groß geworden. Für uns Kinder war die Architektur Alltag. Eigentlich war es mein Wunsch, nicht Architektur zu studieren, denn genau das wurde von mir erwartet. Ich habe zuerst bei den Jesuiten - obwohl ich nicht katholisch bin - Philosophie und dann auch Volkswirtschaft studiert, und habe Ersteres auch abgeschlossen. Dann dachte ich, aus Prinzip nicht Architektur zu machen ist genauso einfältig, wie aus Prinzip Architektur zu studieren, und ging schließlich nach Karlsruhe, um bei Ottokar Uhl und Fritz Haller Architektur zu studieren, was ich nie bereut habe.

Und Sie sind dann in das Büro Ihres Vaters eingetreten?
Zuerst habe ich ein Jahr in Los Angeles gearbeitet, habe dann mein Studium in Deutschland beendet und parallel im Büro meines Vaters gearbeitet. Meine erste Aufgabe war damals die Bewerbung für die Olympischen Spiele in Istanbul, und ich habe kurzzeitig für meinen Vater in Istanbul ein Büro betrieben. Nach meiner Rückkehr haben wir ein Jahr zusammengearbeitet. Mein Vater war mir beim Aufbau meines eigenen Büros eine große Hilfe, er hat mir dies eigentlich erst ermöglicht. 17 Jahre lang waren wir Partner als gegenseitig Berater und stille Teilhaber, und die beiden Büros liefen parallel.

War es nicht schwer, in die Fußstapfen Ihres Vaters zu treten? Wird man da nicht immer am Vater gemessen?
Die Vorteile haben deutlich überwogen. Ich hatte das Privileg des Namens, dadurch hat nie jemand bezweifelt, dass ich in der Lage bin, ein gutes Haus zu bauen, auch weil eigentlich nie ganz klar war, was ist vom Alten, was vom Jungen. Ich durfte mir aber auch die üblichen Anfängerfehler nicht erlauben, da ich eben an diesem Büro gemessen wurde. Im dritten Jahr war mein Büro dann bereits größer als das meines Vaters.

Mittlerweile führen Sie ein riesiges Büro mit Sitz in Stuttgart, haben auch zwei Standorte in den USA in Los Angeles und Boston. Wenn Sie die beiden Märkte USA und Europa vergleichen, wo liegen die Unterschiede? Wo bauen Sie lieber?
Das Ausland habe ich so forciert, weil man die Büros dort klarer positionieren konnte. In Amerika ist das Bauen deutlich anders als in Deutschland, aber ich habe nicht nur in Amerika gebaut, sondern auch in den Niederlanden. Wir haben in Kopenhagen und England geplant, planen in Frankreich, Italien, bauen in der Schweiz. Das ist sehr spannend, da man sich nie auf das Erlernte verlassen kann und immer wieder aufs Neue überlegen muss. Der Hauptunterschied zwischen Nordamerika - dazu zählt auch Kanada - und Deutschland ist, dass die Amerikaner am Anfang etwas schwieriger zu überzeugen sind. Wenn man sie aber einmal überzeugt hat, sind sie äußerst loyale Bauherren, die durch dick und dünn mit einem gehen und jedes Risiko mittragen. In Deutschland stoßen wir oft auf eine "Reichsbedenken-Mentalität". Im Schwäbischen würden wir sagen, die Deutschen neigen dazu, eher die Löcher zu sehen als den Käse. Die Amerikaner sehen eher den Käse als die Löcher. Bautechnik und die Bauverfahren sind in den Vereinigten Staaten schwieriger, da man dort dem europäischen Baugeschehen einfach 15 bis 20 Jahre hinterherhinkt. Es wird dort aber gerade sehr stark aufgeholt und es entwickelt sich viel Spannendes.

In den USA scheint die nachhaltige Architektur das neue, große Thema zu sein. In New York wird gerade jedes neue Gebäude als "green building" verkauft, ob es dann wirklich so "grün" ist ...
... sei dahingestellt. Tatsächlich gibt es sehr viele Lippenbekenntnisse wie auch bei uns. Aber da es in den USA weniger auf Baugesetzebene, sondern eher auf freiwilliger Basis geschieht, preschen die Amerikaner schon ganz gut vor. Ein Developer, der im Moment kein "grünes" Gebäude baut, wohlgemerkt an den Küsten, hat inzwischen Probleme, dieses zu vermieten. Das ist ein echtes Argument. Wir verlassen uns in Europa ja sehr stark auf die Gesetzgebung. Wie wir alle wissen, kann diese immer nur so scharf sein, dass sie jeder erfüllen kann. Die Amerikaner haben sich für einen anderen Weg entschieden: für den der Freiwilligkeit mit dem LEED-System, dem Belobigungssystem, das auch viel schärfer greifen kann. Gerry Hines, ein Developer, den ich gut kenne, sagte einmal, in der Zeit der Hochkonjunktur ist es egal, aber wenn die Konjunktur runtergeht, gelten jene Häuser als gut, die noch Mieter haben. Und gut bedeutet im Moment auch nachhaltig. Michael Bloomberg in New York ist erpicht darauf. Er hat lauter junge, sehr gute Leute in seine Baubehörde geholt und die ganze Fahrzeugflotte auf Hybride umgestellt. Da fährt keiner mehr ein amerikanisches Auto. Das Thema ist mehrheitsfähig und politisch geworden. Mayor Daley profiliert sich in Chicago als "grüner" Bürgermeister, auch Thomas Menino in Boston, selbst Arnold Schwarzenegger möchte ein "grüner" Gouverneur sein und hat sogar seinen Hummer auf Hybrid umrüsten lassen, so albern das auch sein mag. Nachhaltigkeit ist Thema, und sollten die Amerikaner so weitermachen, haben sie uns bald eingeholt.

Glauben Sie, dass die Nachhaltigkeit das wichtigste Thema in der Architektur ist?
Immer wenn die Architektur neue Themen entdeckt, rücken diese in den Vordergrund. Man denke nur an den Eifelturm und die Bedeutung der Statik, die gestaltbestimmend wurde. Und so ist es auch mit der Nachhaltigkeit. Tatsächlich hat mir aber noch keiner definieren können, was Nachhaltigkeit bedeutet. Aber das ist ein anderes Thema.

Im Gegensatz dazu steht ja die Architektur, die sehr formbesessen ist. Sehen Sie diese im Widerspruch zum nachhaltigen Bauen?
Ich sehe hier keinen Widerspruch. Die Architektur wird aufgrund der Herausforderungen, die wir gerade erleben, viel stärker inhaltlich debattiert, ist viel stärker inhaltlich geprägt. Die Nachhaltigkeit kann auch ein sehr formen- und gestaltprägendes Thema werden, wenn wir Architekten endlich dazu in der Lage und bereit sind, es aus den Fängen der reinen Technokraten rauszulassen. Das heißt, wenn wir das Thema adoptieren und tatsächlich als gestaltbildendes Mittel mitnutzen, so wie die Statik, das Tageslicht und die Belüftung. Wenn Sie in der Architekturdebatte zurückblicken, etwa auf Le Corbusier, dann standen zu Beginn immer inhaltliche Aspekte, die die Gestalt prägten und sich irgendwann verselbstständigten. Ich glaube, diese Diskussion müssen wir jetzt wieder führen. Wenn wir an die Achtzigerjahre denken, an Hybride, an die Metabolisten, waren das ja inhaltliche Aspekte, die gestaltprägend wurden. Die Postmoderne hat die Diskussion dann eher unfein beendet.

Sie bauen und reisen sehr viel, wie viel Zeit bleibt da noch zum Entwerfen? Sind Sie der "Master-Builder"?
Nein, und das ist jetzt keine falsche Bescheidenheit. Ich arbeite immer mit sehr guten Mitarbeitern. In Stuttgart habe ich zwei Partner, Martin Haas und David Cook, in Los Angeles Christof Jantzen. Im Boston wird das Büro gerade umstrukturiert, da haben wir Matt Noblett als Partner. In Deutschland eröffnen wir ein zusätzliches Büro, da wir in Stuttgart an die Grenzen des vernünftigen Wachsens gestoßen sind. Auch hier wird es dann einen zusätzlichen verantwortlichen Partner geben. Es ist besser, ein neues Büro aufzubauen und kollegial zusammenzuarbeiten, als den Laden weiter wachsen zu lassen. Unsere Büros arbeiten gut miteinander, und meine Rolle ist es, ein bisschen, das verbindende Element zu sein. Aber das ändert sich bei uns alle zwei Jahre, wenn uns etwas Neues einfällt. Wir, die Partner, geben allerdings keine großen Entwürfe vor. Es ist ein wenig so wie an der Hochschule, die Aufgaben werden mit den Mitarbeitern diskutiert, wir machen Pin-ups, reden über die Alternativen. Und wenn ich viel unterwegs bin, dann wird mir das gemailt. Ich habe so einen schlauen Laptop, da geht das dann elektronisch hin und her. Das funktioniert eigentlich sehr gut. Aber ich würde sagen, die Partner haben mehr eine betreuende und steuernde Funktion. Das hat sich bewährt, denn zehn Leute wissen immer mehr als einer. Ich selbst betreue eigentlich nur zwei bis drei Projekte. Ganz tief involviert bin ich beim Science Complex in Harvard. Das liegt auch daran, dass die Amerikaner die Architektur stark personalisieren, für die ist es doch eher Stefan Behnisch als Behnisch Architekten. Und ich habe das Privileg, mir die Projekte aussuchen zu dürfen. Natürlich suche ich dann gerne jene aus, die mir etwas Neues bieten. Denn ich bin ja am längsten dabei und habe eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne.

Und was ist das Neue am Harvard-Projekt?
Wir versuchen, das Labor neu zu entwickeln. In Shadow Studies sind wir den Wissenschaftlern mit der Stoppuhr und dem Zeichenblock gefolgt und haben uns gefragt, was machen die eigentlich in den Labors. Denn erstaunlicherweise haben sich Forschung und Wissenschaft in den vergangenen 60 Jahren rapid gewandelt, doch das Labor-Layout kaum. Wir sind nicht ganz radikal vorgegangen, denn da stoßen wir schon auf Konventionen, aber wir haben das Labor doch stark verändern können. Mein Steckenpferd ist im Moment jene Idee, dass das Labor eigentlich ein runder Ort mit Poolaufstellung sein müsste - das mache ich dann das nächste Mal. Beim Harvard-Labor haben wir es mithilfe von Thomas Auer von Transsolar geschafft, den Energieverbrauch um 60 Prozent zu senken, für ein Laborgebäude ist das schon immens.
Ein anderes Thema ist die Frage, wie die Kommunikation in großen Betrieben funktioniert. Wie schafft man es, 1.500 Wissenschaftler, die per se nicht sehr kommunikativ sind, zu einer Zusammenarbeit zu bringen, ohne sie dazu zu zwingen, sondern indem man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Das sind spannende, neue Themen.

Die Rolle des Architekten scheint sich doch stark gewandelt zu haben. Heute sind Architekten viel mehr mit Abläufen und Strukturen beschäftigt.
Wir Architekten haben eine sehr stark moderierende Rolle. Ein neues Gebäude beeinflusst die innerbetriebliche Struktur enorm. Das wird immer unterschätzt. Und dabei haben wir die Aufgabe, mit den Betrieben über ihre Strukturen und Abläufe zu reden, das beeinflusst letztlich auch die architektonische Form.

Sie haben sehr viele unterschiedliche Bauaufgaben realisiert. Gibt es etwas, das Sie noch nicht gebaut haben, aber schon immer realisieren wollten?
Alle Bauaufgaben, fast alle sind spannend. Natürlich, wenn man das vierte Verwaltungsgebäude gebaut hat, könnte es unter Umständen etwas schal werden, außer es ist ein neues Thema dabei und neue Themen gibt es jetzt zur Genüge. Ich wollte immer eine Konzerthalle bauen, die wir jetzt in Ventspils in Lettland realisieren. Ich vermisse nichts, wir machen Aquarien, haben Museen gebaut, alles Traumbauaufgaben der meisten Architekten. Für mich liegt die Traumbauaufgabe eher in der richtigen Planer-Bauherr-Situation.

 

Werbung

Weiterführende Themen

Gespräche
13.12.2017

Der deutsche Architekt Peter Haimerl arbeitet mit aufsehenerregenden Projekten an der kulturellen und wirtschaftlichen Aufwertung von Regionen, die bisher vermeintlich am Rande des Geschehens ...

„Leistbares ­Wohnen“ wird  immer nur auf  die Architektur ­projiziert, denn ­eingespart wird  die Qualität.
Gespräche
09.10.2017

Vor zwanzig Jahren haben Raimund Wulz und Manfred König die Architekturhalle in Telfs gegründet. Sie sind beide keine gebürtigen Tiroler, doch haben sie landauf, landab viel gebaut: Wohnanlagen, ...

Gespräche
18.09.2017

Auf den zweiten Blick: Wilfried Wang ist nicht nur planender Architekt, Kurator und Lehrender. Seine Entwürfe sind selbstverständlich, sollen mühelos erscheinen und physikalisch ...

Gespräche
16.08.2017

Subtile Kontexte Peter Märkli hat einmal sein preisgekröntes Museum „Congiunta“ in Giornico als „architektonischen ­Versuch zur Kunst“ bezeichnet. Der vielseitig interessierte ...

Gespräche
29.05.2017

Philipp Buxbaum und Christian Kircher sind smartvoll Architekten. Aber das ­hören sie nicht gerne. Sie sehen sich lieber als großes Team; mit ihren Mitarbeitern, ihren Bauherrn – und Kollegen. ...

Werbung