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Steven Holl: Zum Frühstück ein kleines Aquarell

13.05.2005

Manche brauchen ein Power-Frühstück, anderen wiederum reicht ein Blatt Papier mit Wasserfarben. Der New Yorker Steven Holl erzählt von seinem allmorgendlich stressfreien Tagesbeginn, spricht über die Sinnlichkeit aus der Flasche und über das Licht in der Architektur. Ein kurzer Stopover auf der Baustelle, ein Bild aus Langenlois.

Wojciech Czaja im Gespräch mit Steven Holl

Steven Holl: "Kommerzielle Architektur, in der nur Geld, Werbung und Rendite zählt, die nur zur besseren Positionierung am Markt benutzt wird, interessiert mich überhaupt nicht. Ich mache daher auch keine kommerzielle Architektur." 

Amerikanische Architektur, das klingt im ersten Atemzug nach einem großen Whow und einem großen Hey. Yes, I know! Und dann – nach reichlicher Überlegung – fällt einem der Gehry ein, Diller & Scofidio vielleicht, und wenn man ganz scharf nachdenkt, dann auch noch Skidmore, Owings & Merill. Das war’s auch schon. Mit dem Bau des Loisiums in – sic – Langenlois ist es gelungen, einen weiteren Namen aus Übersee in den heimischen Köpfen sesshaft zu machen. Der New Yorker Architekt Steven Holl konnte für das vor zwei Jahren fertig gestellte Besucherzentrum der Langenloiser Weinwelten gewonnen werden – ein aluminiumverkleideter Kubus mit lichtbringenden Ritzen und Schlitzen, der in der Erde steckt. Die Fortsetzung des Projekts bildet gerade einmal 100 Meter hinter dem Loisium das dazugehörige Hotel, wahrscheinlich – der Hollschen Manier verbunden – wieder ganz aus dem leeren Kopf heraus entstanden. Es wird gerade gewerkt, Eröffnung ist im Oktober. Rechtzeitig also eine kleine Retrospektive. Und was Steven Holl bei seiner letzten Bauvisite in lovely Langenlois zu sagen hatte.

Wie fangen wir an? Machen wir es einfach so, dass ich Ihnen eine Antwort gebe und Sie sich daraufhin die dazugehörige Frage überlegen?

Erst das Resultat, dann die Aufgabenstellung. Ist das Ihre Art, sich an ein Projekt heranzutasten?
Überhaupt nicht. Am Anfang ist die absolute Leere. Ein Projekt muss komplett von Null an begonnen werden.

„Ich möchte jedes Projekt mit einem klaren und leeren Kopf beginnen“, sagten Sie einmal in einem Interview. Wie leer ist Ihr Kopf heute noch?
Jeden Morgen ganz leer. Sehr leer und frei für Inspirationen. Und das ist auch sehr wichtig. Der Grund ist, alle Elemente zu abstrahieren, die typisch bzw. nichts anderes als Klischees sind, um dann an den Kern der Sache zu gelangen. Erst wenn das unwichtige Rundherum ausradiert ist, sieht man, worum es eigentlich wirklich geht. Ich denke auch, dass man zu einem Massenproduzenten wird, wenn man nicht jeden Tag und jedes Projekt von Null an beginnt. Bedauerlicherweise passiert das sehr vielen Architekten. Ein leerer Kopf, das bedeutet für mich unvoreingenommene Inspiration. Anders kann man den Gefühlen nicht freien Lauf lassen. Alles andere wäre persönlicher Stil und vorgefasste Meinung.

Die Schweizer Architekturzeitschrift archithese hat unlängst ein Heft dem Schwerpunktthema „Architektur und Alkohol“ gewidmet. Worin liegt die Synthese dieser beiden schönen Bereiche?
Alkohol, vor allem aber Wein, hat eine gewisse Stärke und weckt Phänomene in uns, die intellektuell bzw. rationell nicht so leicht zu erklären sind. Das Erklären würde letztendlich auch nichts nutzen, denn das Reifen, der Geschmack, der Geruch – das hat alles etwas sehr Sinnliches. Genau auf diese Sinnlichkeit habe ich es abgesehen, mich interessiert die Auseinandersetzung auf der Gefühlsebene .Kommerzielle Architektur, in der nur Geld, Werbung und Rendite zählen, die nur zur besseren Positionierung am Markt benutzt wird, hingegen interessiert mich überhaupt nicht. Ich mache daher auch keine kommerzielle Architektur.

Ein Besucherzentrum in der Weinwelt, ein Hotel gleich daneben – wo liegen die Grenzen zum Kommerz?
Das Loisium hat nicht viel mit Geld zu tun, es steht ganz im Zeichen des Weins, des Genießens, der hedonistischen Hingabe sowohl an ein alkoholisches Getränk als auch an eine beeindruckende Architektur. Und beim Hotel ist die Sache ganz einfach: Langenlois ist in der Landschaft zwar wunderschön gelegen, hat aber für Touristen keinen schönen Ort zum Wohnen und Schlafen, weder einen Veranstaltungsort noch sonst irgendeinen qualitätsvollen öffentlichen Ort der Zusammenkunft. Bei dem Hotel handelt es sich also um weit mehr als nur ein Gebäude mit 82 Zimmern. Sie dürfen das Projekt nicht nur als Hotel in den Weingärten verstehen, es soll ein Gebäude sein, der dem kleinen Ort eine Mitte, ein Wahrzeichen geben soll. Außerdem ist es der notwendige Abschluss zum Loisium und zu den Weinwelten. Dieses Konzept zeigt sich schon in der allerersten Skizze, die nun als Etikette auf der Flasche des Steven-Holl-Veltliners verkauft wird. Übrigens ist für mich die Etikette ein sehr schöner Aspekt des Projekts geworden, seitdem werde ich ständig gefragt, ob ich nun zum Winzer avanciert bin.

Es kommt selten vor, dass eine erste Skizze tatsächlich so umgesetzt wird. Meist ist das Gebaute die Summe von vielen Kompromissen.
Nicht wirklich! Meist entsteht die erste Skizze aus dem Bauch heraus. Und es gibt manchmal erste Ansätze, bei denen man sofort spürt, dass daraus nichts wird, dass man sich auf dem Holzweg befindet. Oft aber hat man anfangs etwas recht Passables, zeichnet wochenlang an irgendwelchen Variationen herum und landet schlussendlich wieder bei der ersten Skizze, um nach Wochen und Monaten zu merken, dass sie nicht nur ganz okay, sondern absolut perfekt war. Viel zu oft lässt sich das Herz vom Kopf steuern.

Sie sind bekannt für Ihre Aquarellskizzen.
Manche trinken in der Früh Kaffee, ich nehme den Block in die Hand und mache eine farbige Skizze. Die Wasserfarben trage ich jeden Morgen beinahe intuitiv auf, sie geben mir Ideen. Jedes meiner Projekte muss mit einem ganz eigenen Konzept auf diesem kleinen Stück Papier beginnen. Es ist interessant, dass ich ein Projekt unbewusst hintanstelle, wenn es nicht von Beginn an eine klare Strategie besitzt. Jede Form und jede Farbe, ja jede Aquarellzeichnung ist das beste Frühstück für mich. Mir fällt auf, dass ich und andere New Yorker wahnsinnig gestresst durch den Tag rennen. Um sechs in der Früh wacht man auf, die arbeitsamen Power-Leute nehmen kurz vor der Arbeit dann das Power-Frühstück zu sich – schrecklich dieser Ausdruck, schrecklich dieses Frühstück! Lieber bleibe ich Tag für Tag bis mindestens neun Uhr alleine und bringe mich auf Null herab. Das ist auch die beste Zeit, in der meine kleinen Aquarellzeichnungen entstehen. Aber es stimmt: Nach so vielen Projekten ist der Null-Zustand eine wahre Herausforderung.

Ihre Architektur ist formal ausgereift, ein Kanon lässt sich also dennoch ablesen. Können Sie mit einem wertfrei gemeinten Formalismus-Begriff leben?
Jede beabsichtigte Architektur muss auch eine beabsichtigte Form aufweisen. Im letzten großen Projekt, dem MIT-Studentenheim in Boston, ist natürlich auch Formarbeit zu finden. Im Quadrat angeordnet neun Fenster pro Student beispielsweise müssen aber nicht als reiner Formalismus bezeichnet werden. Ich kann auch sagen: Jedes dieser neun Fenster ist öffenbar, und jedes Mal vor dem Öffnen kann ich mich einer Wahl erfreuen. Bei neun Fenstern auf einer Wand muss man auch die Raumhöhe vergrößern, damit einem nicht die Decke auf den Kopf fällt – unterm Strich ergibt das wunderschön ausgeleuchtete 2,8 Meter hohe Räume. Architektur muss im Begehen immer mehr aufweisen können als im bloßen Betrachten von außen. Wenn das erfüllt ist, handelt es sich nicht mehr um Formalismus. Beim Loisium ist das nicht anders, beim Loisium-Hotel selbstverständlich auch nicht.

Für Lobby, Bar, Restaurant und Zimmer haben Sie eigens Sitzmöbel entworfen, die nun der nahe gelegene Möbelproduzent Wittmann herstellt.Was zeichnet Ihr Design aus?
Mein Rücken! Mai letzten Jahres hatte ich wahnsinnige Rückenprobleme. Und wenn man einmal mit Rückenschmerzen und Hexenschüssen beschäftigt ist und nach geeigneten Stühlen herumsucht, um die eigenen Schmerzen zu reduzieren, dann findet man welche, die entweder gesund und hässlich, oder solche, die schön und unbequem sind. Na ja, so sind wir also auf die Idee gekommen, gemeinsam mit Wittmann eine Serie von 250 Stühlen zu entwickeln, die schön und noch dazu gesund sind. Bequemes und gesundes Sitzen, der Rücken ist dabei absolut gerade, die Wirbelsäule wird in der Mitte von einer sehr gewölbten Lehne gestützt. Bei den Sesseln allein ist es natürlich nicht geblieben. Nun gibt es auch noch ein Bett und eine Couch mit klappbaren Elementen. Den Stoffbezug haben übrigens auch wir entwickelt: Ein senffarbener Untergrund, darauf in Schwarz der stilisierte Grundriss der unterirdischen Weingänge unter dem Loisium. So schließen sich also wieder einmal Kreise.

In vielen Projekten – so scheint es – arbeiten Sie hauptsächlich mit Licht. Beim Hotel in Langenlois greifen Sie diesmal selbst zur Farbe und erledigen die Färbung des Gebäudes schon statt der Sonneneinstrahlung. Weshalb die Farbe?
In den Unterwelten, die sehr dunkel sind, und im Weinzentrum ist kaum Farbe vorhanden. Die einen befinden sich zur Gänze unterirdisch, das andere steckt immerhin noch in der Erde, und das Hotel als dritter Bestandteil des umfassenden Projekts schwebt auf Säulen über den Weingärten. Es ist wie in der Musik, wo sich der dritte Satz von den ersten beiden manchmal auch sehr stark unterscheidet. Das Hotel also schwebt über der Erde, wird mit Licht und Farbe geflutet, ist das Finale. Das ist die Erscheinungsform von außen und im rundum verglasten Erdgeschoß. In den Zimmern hingegen, in denen das Hauptaugenmerk auf den Ausblick in die Landschaft hinaus gerichtet ist, nimmt sie die Farbe wieder zurück, da wird es wieder ganz klassisch, fast nur schwarz-weiß.

Was wäre Ihre Architektur ohne den Aspekt des Lichts?
Eine Antwort ohne Ende. Wenn ich das Licht rein physikalisch betrachte – Lichtbrechung, Beugung, Spektralfarben –, dann reicht das alleine schon aus, um ein Projekt quasi mathematisch und geometrisch zu beginnen. Das Haus steht da oder dort, das Licht fällt mit so einem Winkel im Sommer ein, mit einem anderen im Winter. Ich denke also: Bevor man überhaupt zum metaphorischen bzw. konzeptionellen Potenzial von Licht gelangt, ist allein schon die wissenschaftliche Betrachtung von Licht faszinierend genug. An einem Projekt, das beinahe ohne Licht auskommt, arbeite ich momentan. Es gibt gerade die ersten Ideen für ein Memorial in Nanjing, China, das an die japanische Invasion am Beginn des Zweiten Weltkriegs 1938 erinnern soll. Ein absolut dunkles Gebäude mit einem minimalen Anteil an Licht. Das Auge wird einige Minuten brauchen, bis sich die Pupille weit genug geöffnet hat, um einen Bruchteil an Orientierung zu finden. Eigentlich ist es wieder einmal eine Arbeit, die vor allem mit Licht zu tun hat. Allein, diesmal wird es nur sehr wenig davon geben.

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