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Sue Architekten: Vom diskursiven Planen und Bauen

18.02.2013

Für Sue Architekten bedeutet Humor in der Architektur, dass ihre Gebäude eine Leichtigkeit und Beiläufigkeit aufweisen, den Menschen dabei aber ernst nehmen. das 15-köpfige Team sieht Planung als iterativen Prozess, der auch das unvorhersehbare berücksichtigen soll. die Partner Christian Ambos, Michael Anhammer und Harald Höller sprachen im Interview mit FORUM über entspanntes Bauen, die Stärke des Gemeinsamen und über gegenseitiges Kopieren.

Patrick Jaritz im Gespräch mit Christian Ambos, Michael Anhammer und Harald Höller

Sue Architekten: "Spannend ist auch, dass man eben gemeinsam stärker ist als in Konkurrenz zueinander. Es ist auch wichtig mitzubekommen, wie andere etwas machen, nicht immer nur im eigenen Saft alles selbst zu entwickeln. Sondern von den anderen zu lernen."

Stellt euch vor, ihr seid auf der Baustelle und stolpert über eine Wunderlampe, aus der der Geist von Oscar Niemeyer erscheint und euch jeweils einen Architekturwunsch erfüllen möchte. Was würdet ihr euch wünschen?
Michael Anhammer (MA): Das ist eine spannende Sache, weil als Architekt wird man ja eigentlich nie gefragt, ob man sich was wünschen möchte. Ich bin immer derjenige, der Wünsche erfüllen muss. Deswegen bin ich jetzt ganz perplex, dass ich mir mal was wüschen darf. Gebt mir noch kurz Zeit. Christian Ambos (CA): Ich wünsch mir weniger Überraschungen. Und keine Bürgermeister in der Jury.
MA: Jetzt hab ich es: Ich würde mir wünschen, dass mir der Oscar Niemeyer ein Architektenaustauschprogramm ermöglicht, bei dem ich das nächste Jahr in drei verschiedenen Städten in Architekturbüros arbeiten kann. Nicht als Mitarbeiter, sondern sozusagen im Chefaustausch. Mit Automatischdolmetsch. Genau das würde ich mir wünschen.

Findet ihr Möglichkeiten zum Austausch mit anderen Büros?
MA: Also in Wien praktizieren wir das ja schon, auch ziemlich intensiv.
Harald Höller (HH): Ja, zu diesem Austausch müssen wir heute Abend noch hingehen. Wir haben einmal im Monat den sogenannten Fightclub, und der findet eben heute wieder statt.
MA: Und der Fightclub funktioniert schon sehr gut.
HH: Das ist ein guter Austausch mit Büros, die einen ähnlichen Zugang zur Architektur haben wie wir; die zwar nicht die gleiche Sprache sprechen, aber ähnliche Architekturauffassungen haben wie wir; ein guter Ort für Diskussionen. Den Fightclub gibt es nun seit vier Jahren immer am letzten Freitag im Monat, mit vier bis acht Büros. Dabei geht es nur um aktuelle Projekte und außerdem um Fragestellungen im Büro, mit denen jeder zu tun hat. Es gibt dort zwar keinen Konkurrenzgedanken, es heißt aber Fightclub, weil man sich unverblümt Sachen sagen darf. Es wird also nicht automatisch alles für gut befunden, man muss auch Kritik einstecken können.
MA: Das Interessante ist, dass man bei den meisten anderen Treffpunkten von uns oft über Berufspolitik redet, aber wirklich über Architektur zu sprechen ist sonst eigentlich selten der Fall. Spannend ist auch, dass man eben gemeinsam stärker ist als in Konkurrenz zueinander. Es ist auch wichtig mitzubekommen, wie andere etwas machen, nicht immer nur im eigenen Saft alles selbst zu entwickeln. Sondern von den anderen zu lernen.

Gemeinsam stärker zu sein ist ja auch ein Grundgedanke der IG Architektur, bei der du, Michael, zuletzt Vorsitzender warst. Welche Rolle spielt dabei der Austausch und das Lernen von den anderen?
MA: Der Austausch war, als wir mit unserem Büro begonnen haben, sicher ein wichtiger Gedanke. Der große Unterschied ist, dass bei der IG Architektur eher berufspolitische Fragestellungen, wie beispielsweise die des Zugangs zu Wettbewerben, behandelt werden, also: Wer für einen Wettbewerb überhaupt zugelassen ist, wer Architektur machen darf, und wie fair der Marktzugang ist. Wenn einem die Berufspolitik nicht das Feld ebnet, kann man unter Umständen nicht an einem Wettbewerb teilnehmen. Jetzt haben wir die Referenzen, um auch an größeren Ausschreibungen teilzunehmen, vor ein paar Jahren hatten wir diese eben noch nicht. Der Zugang zu einer Bauaufgabe ist sicher ein wichtiger Grund, sich politisch zu engagieren. Man muss sich zum Beispiel dafür einsetzen, dass der offene Wettbewerb als Verfahren möglichst oft zur Anwendung kommt. Aber unser Büro investiert jetzt auch viele Stunden in Kammerarbeit.

Wie lassen sich all diese Aktivitäten mit dem Bürobetrieb vereinbaren?
HH: Wir teilen uns diese untereinander auf. Das ergibt sich automatisch durch unsere unterschiedlichen Interessen. Ich hätte übrigens noch einen Wunsch an Oscar Niemeyer: eine Reduktion der Normen- und Gesetzesflut, damit so puristische Formen wie bei Niemeyer wieder möglich werden. Bei uns wird einfach alles reglementiert. Gut wäre eine Vereinfachung der Bauvorschriften, um wieder entspannter bauen zu können.
MA: Damit nicht alles so aussieht, wie es aussieht.
CA: Das ist generell ein gesellschaftliches Problem. Weg von der Verrechtlichung und wieder hin zur Selbstverantwortung.
MA: Mut zur Lücke.
HH: Okay, wir brauchten mehr als nur drei Wünsche.
MA: Aber zurück zur Frage, wie das bei uns im Büro funktioniert: Die Kammerarbeit können wir uns nur deswegen leisten, weil wir momentan größere Aufträge haben, die es ermöglichen, dass wir über eine starke Struktur im Büro verfügen.
HH: Ich sehe das anders: Wir leisten uns das. Das ist einfach unser Zugang. Und wir leisten uns das, weil wir uns das leisten wollen.
MA: Also da geht jedenfalls viel Zeit drauf. Aber es gibt ein klares Agreement bei uns im Büro, das so zu machen.
HH: Es ist so wie beim Fightclub, man profitiert ja davon, wenn man auch etwas anderes macht. Man kriegt Dinge mit, von denen man so einfach nichts wüsste.
MA: Und: Gemeinsam ist man stärker. Sich nicht zu vernetzen wäre fast unvernünftig. Und das aber nicht im Kampf. Wie kann man Dinge verändern? Indem man mit Leuten redet. Und das funktioniert erstaunlich gut. Sich nur aufzuregen macht keinen Sinn – man muss dorthin gehen, wo die Dinge passieren, und kommunizieren, dass wir etwas so oder so wollen, dass wir etwas Bestimmtes richtig oder falsch finden. Erst dann kann man sich aufregen, wenn es nicht funktioniert.

Das von David Chipperfeld gewählte Thema für die vergangene Architektur­Biennale war auch ein Plädoyer für die Gemeinschaft. Was interessiert euch am Gemeinsamen?
CA: Die Arbeit eines Architekten basiert ja grundsätzlich vor allem auf dem Gemeinwohl, für das sich sonst niemand wirklich interessiert. Man vertritt oft Interessen, die sonst nirgendwo vorgesehen sind. Und deswegen ist es mit dieser Einstellung nur eine logische Konsequenz, auch mit den eigenen Berufskollegen kollegial umzugehen.
HH: Ich glaube, da gibt es zwei unterschiedliche Charaktere: jene, die nur bauen wollen, denen es nur um das Geldverdienen geht, und jene, für die Architektur mehr bedeutet. Nehmen wir zum Beispiel die Investorenarchitektur, deren Planer haben andere Ansprüche. Man sollte das zwar nicht verallgemeinern, aber es gibt schon viele, die eben genau das wollen, und andere wiederum, denen das egal ist.
MA: Ich würde gerne diesen Gemeinschaftsgedanken einen Moment weiterführen: Ganz so wie wir prinzipiell nicht in Konkurrenz mit anderen denken, sind wir daran interessiert, bei Bauaufgaben nicht in Konkurrenz mit anderen zu treten. Wir möchten hören, was das Gegenüber braucht, um in einen Dialog zu treten und in der Folge auch ernst genommen zu werden, wenn wir ernsthafte Vorschläge machen. Natürlich muss nicht jeder Vorschlag von uns auch gut sein, aber schwierig wird es dann, wenn man nicht trachtet, zum Kern der Sache zu kommen. Und der Kern der Sache hat etwas mit den Grundfragen des Lebens zu tun. So wie wir an Bauaufgaben herangehen und ernsthafte Lösungen anbieten, so gehen wir auch mit unseren Kollegen und den Leuten am Bau um. Mit reinem Konkurrenzdenken kommt man da nicht weit. Ich sehe, dass unsere Generation aber mehrheitlich so tickt. Ich glaube, dass man hingegen mit Kooperationen sehr weit kommt und sehr erfolgreich sein kann. Auf eine schwierige Frage eine Antwort mit einer gewissen Schlüssigkeit zu geben, das finden wir interessant. Nehmen wir das Beispiel Schubhaftzentrum: Wir beteiligen uns an dieser Diskussion, weil wir glauben, dass es auch da Antworten braucht. Es ist nicht gut, dass vielleicht nur diejenigen mitmachen, die so etwas schon dreißigmal gemacht haben, die da einfach wieder einen Gefängnisbau drüberstülpen. Genau dann wird es aber spannend. Dort nicht zynische, sondern konstruktive Antworten zu liefern ist interessant. Und nicht nur an eine Person zu denken, sondern das Gemeinwohl im Auge zu haben. Es ist nicht egal, wie zukünftige Gerichtssäle aussehen werden oder wie zukünftig Leute untergebracht sind, die weggesperrt werden, oder ob eine Wohnsituation änderbar und adaptierbar ist. Das sind Dinge, die uns interessieren müssen. Hier gibt es große Gestaltungsspielräume und vieles, das noch nicht zeitgemäß durchdacht wurde.

Stichwort Gestaltungsspielraum versus Investorenarchitektur: in China hat ein Investor ein Zaha­Hadid­Projekt mittels „geleakter“ Pläne kopiert, jetzt wird um die Wette gebaut. Moralische Arglosigkeit, Urheberrechtsverletzung oder Adelung, weil man erst dann wirklich jemand ist, wenn man kopiert wird?
HH: Eine Eins-zu-eins-Kopie finde ich bedenklich, weil es ja unterschiedlichste Voraussetzungen für ein Gebäude gibt, copyrightunabhängig. Gleichzeitig kopiert man sich gegenseitig ohnehin ständig. Man schaut ja, was andere machen. Es gibt immer Entwicklungen – wie in allen Disziplinen kommen auch in der Architektur mehrere Leute zur gleichen Zeit auf ähnliche Lösungen. Insofern ist vielleicht eine Kopie zu machen gar nicht blöd, weil in der Architektur auch viel zu viel neu erfunden wird, das es schon gibt. Da hat die Architektur noch großes Potenzial.
CA: Ich bin der Meinung, dass der Investor sich keinen guten Dienst erweist, wenn er einfach so kopiert. Ein Gebäude zu kopieren ist ja schon etwas anderes. Das sollte ja doch gewisse Anforderungen erfüllen, und wenn ich dieses dann eins zu eins in einen anderen Kontext setze, habe ich etwas Grundsätzliches missverstanden. Für den Nutzer ist das sicher eine Fehlinvestition. Außer es geht ihm nur um die Schaffung einer Ikone.
MA: Die Aura, etwas speziell für einen Ort zu entwickeln, hat schon was. Wenn du etwas kopierst, fehlt der Entstehungsprozess dahinter, du hast zwar die Hülle, aber nicht deren Aura. Wir haben etwa für den Fernsehsender W24 die Bürolofts gemacht. Und das Wichtigste dabei war sicher der gemeinsame Prozess. Am Schluss gibt es eine Lösung, eine Oberfläche und eine räumliche Struktur, die genau an jenem einen Standort Sinn macht. Wenn wir ihnen sofort ohne Diskurs auch das geilste und schönste Ding hinkopiert hätten, wäre das lange nicht dasselbe gewesen. Dass ein Bauherr sich mit dem gemeinsam geschaffenen Objekt identifiziert, ist so wichtig, das darf man nicht unterschätzen. Wenn das eintritt, sind wir gut – wenn das Gegenüber so etwas mit uns gemeinsam machen möchte und sich darauf einlässt. Und wir brauchen ein Gegenüber. Das Anonyme ist total uninteressant, dabei kann nur etwas Anonymes herauskommen.

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