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Der Stadtplatz Privoz mit der Pfarrkirche wurde von Camillo Sitte geplante und umgesetzt (1894 bis ca. 1901). Privoz ist die einzig erhaltene Stadtplanung von Camillo Sitte und stellt ein Gesamt­kunstwerk dar. Sowohl Städtebau als auch Architektur stammen von ihm.Camillo-Sitte-Symposium: Das Podium mit Christoph Luchsinger, Franz Pesch, Michael Mönninger, Sibylla Zech und Sonja Beeck, Foto: TU WienStraßenschnitt mit Kanal von Ildefons Cerdà (1859) Beispiel einer damals technisch dominierten Stadt­planung,

Technik allein reicht nicht

20.01.2015

Anlässlich der Präsentation der sechsten und abschließenden Ausgabe der „Camillo Sitte Gesamtedition“ fand Anfang November das zweitägige Symposium „Camillo Sitte / Smart City“ an der TU Wien statt. Stand am ersten Tag die Forschung bezüglich Sitte und die Buchpräsentation im Vordergrund, wurde am zweiten die Aktualität eines „Stadtbaus als Kunstwerk“ hinterfragt: Welche Rolle spielen stadtgestalterische Fragen heute – in einer Zeit, in der die Produktion von Stadt von technischen und energetischen Fragen im Zuge einer Fokussierung auf die Smart City geprägt ist?

 

von Stefan Groh

Mit Camillo Sitte und Smart City wurden im Titel des Symposiums zwei Begriffe zusammengebracht, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: steht auf der einen Seite der österreichische, universalistisch denkende und arbeitende Architekt und Stadtplaner, der zur vorletzten Jahrhundertwende tätig war, wird ihm die Smart City, ein Sammelbegriff, der aktuelle technologiebasierte Veränderungen und Innovationen in urbanen Räumen zusammenfasst, gegenübergestellt. Bereits auf dem zweiten Blick gibt es jedoch eine thematische Komplementärmenge und genug inhaltliche Parallelen bei dem Begriffspaar. Gleichzeitig erlaubt der Querstrich dazwischen – also die Gegenüberstellung an sich – neue Sichtweisen in der Diskussion. Genau dieser Querstrich wurde am zweiten Tag des Symposiums in drei Panels behandelt, wobei Camillo Sitte und die Smart City die Pole der Diskussion lieferten.

Stadt als Kunstwerk

In seinem 1889 publizierten Buch „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ kritisierte Camillo Sitte eine von hygienischen, verkehrlichen und ökonomischen Zwecken dominierte Stadtplanung, der er eine „sprichwörtliche Langweiligkeit“ vorwarf. Orientiert an konkreten Beispielen richtete er seine Forderungen an die Verknüpfung technischer Neuerungen mit künstlerischen und malerischen Anliegen im Städtebau und postulierte, „Technik allein reicht nicht“, womit er zusätzlich die Gestaltung der Stadträume einforderte. Damit zielte Sitte darauf ab, den Bezugsrahmen des damaligen Städtebaus von der Lösung technischer Probleme hin zu einem Verständnis des „Stadtbaus als Kunstwerk“ zu erweitern. 

Kluge Städte

Zwar haben sich seit dieser Zeit die Bedingungen und die Leitbilder im Städtebau vielfach verändert, gleichzeitig werden aber auch die heutigen Parallelen zur Zeit Camillo Sittes offensichtlich. Gesichtspunkte wie Energieeffizienz und Ressourcenschonung stehen heute stellvertretend für die großen Herausforderungen der Zukunft in der Gestaltung des städtischen Lebensraumes. Das planerische Leitbild der „Smart City“ rückt in den Fokus der Auseinandersetzungen mit Zukunftsfragen von zu Stadt und städtischem Leben. Weltweit haben sich Städte das Ziel gesetzt, künftig „klüger“ zu sein; die Smart City verspricht dabei durch den Einsatz von neuen Technologien Mess- und Berechenbarkeit und damit das Rüstzeug zur Lösung anstehender Aufgaben sowie Komfort und Sicherheit. Als „mathematisch abgezirkeltes modernes Leben, in dem der Mensch förmlich selbst zur Maschine wird“, beschrieb Camillo Sitte die Technikgläubigkeit seiner Zeit, die man als Phänomen auch bei der aktuellen Stadtproduktion wieder ver­stärkt kritisiert. Siedlungsräume werden heute möglichst effizient aneinandergereiht, sollen vor allem funktionieren, quantifizierbar und vorhersehbar sein und dabei nicht zuletzt Rendite abwerfen. 

Zur gleichen Zeit rückt in der aktuellen Fokussierung auf die Planungsphilosophie der Smart City die Gestaltungsfrage der Städte in den Hintergrund. Neben der Frage, „wie“ Stadt gestaltet wird, muss dabei aber auch die Frage gestellt werden, „wer“ die Stadt gestaltet. Und das sind in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr privatwirtschaftliche Unternehmen, die in der Ausformung der Stadt gewichtig mitreden.

Stadt der Zukunft

Beide Fragen des Wie und des Wer wurden im Vorfeld des Symposiums mit zwei Positionspapieren vor allem im bundesdeutschen universitären Rahmen diskutiert: Auf der einen Seite „Die Stadt zuerst! Kölner Erklärung zur Städtebauausbildung“, in der deutschen Stadträumen eine gestalterische Armut attestiert und ursächlich eine mangelhafte städtebauliche Ausbildung an den Universitäten ausgemacht wird. Die Unterzeichner sprechen sich dafür aus, dass in Zukunft nicht Teildisziplinen, sondern umfassende Kernkompetenzen für die Gestaltung von Stadt vermittelt werden sollen. Als Replik folgte kurz darauf der Gegenentwurf „100% Stadt – Positionspapier zum Städtebau und zur Städtebauausbildung“, der Städtebau, Stadtplanung und Stadtentwicklung als einen hochkomplexen Prozess mit einer Vielzahl an Akteuren beschreibt und das Einlassen auf diese Situation und auf die permanente Veränderung einfordert, um ein „tragfähiges Zukunftsbild für die Stadt von morgen“ entwerfen zu können. Im Bezug auf die Ausbildung fordern sie eine Anpassung an diese Rahmenbedingungen und ein verstärktes Augenmerk auf Teamfähigkeit. Von beiden Positionspapieren waren Unterzeichner am Podium vertreten: Franz Pesch und Wolfgang Sonne als Unterstützer der Kölner Erklärung – ihnen gegenüber standen in den Diskussionen Klaus Overmeyer und Christa Reicher, die beide die Positionen von „100% Stadt“ vertreten.

Stadt und Gesellschaft

Diese Debatte um die zukünftige Rolle des Städtebaus und der Stadtplanung war einer der Ausgangspunkte des Symposiums und spielte in allen Panels eine große Rolle. Elke Rauth betonte den Zusammenhang zwischen der Gestalt von Städten und ihrem Entstehungsprozess als Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse und stimmte mit Jens Dangschat überein, dass man heute von „der einen Stadt“ kaum mehr sprechen kann, da Stadt immer vielfältiger und vielschichtiger wird, und dass man in diesem Umfeld wieder lernen muss, Konflikte auszuhalten. Gleichzeitig wurde in verschiedenen Statements eingefordert, dass Handlungskompetenzen wieder zu den Akteuren – abseits von vordergründigen wirtschaftlichen Interessen – zurückgespielt werden müssen, und festgestellt, dass im Hinblick auf räumliche Faktoren ökologische, soziale und ästhetische Aspekte in der derzeitigen Smart-City-Ausrichtung zu kurz kommen und Raum als wertvolle und beschränkte Ressource aufgefasst und dementsprechend genutzt werden müsse.
Von verschiedensten Seiten und in den unterschiedlichsten Maßstäben wurde durch alle Diskussionsrunden hindurch eingefordert, dass das Gemeinsame im Vordergrund stehen muss – sowohl in der Architektur, wo nicht mehr das Einzelgebäude, sondern das Ensemble und das Quartier gestaltet werden soll, als auch in der Stadtproduktion, in der es eine gemeinsame Anstrengung und Einbeziehung aller Beteiligten braucht, um an der zukunftsfähigen Stadt weiterzubauen, und nicht zuletzt in der Universität, in der diese gemeinsamen Kompetenzen gebildet werden müssen.
Auf der Webseite www.futurelab.tuwien.ac.at finden sich weitere Informationen zum Symposium sowie kurze Zusammenfassungen aller drei Paneldiskussionen und Interviews mit den Podiumsgästen. Unter dem Schlagwort „Stadt Positionen“ werden auf dieser Seite auch die angesprochen Positionspapiere abgebildet.

Christoph Luchsinger, Mario Schwarz und Andreas Zeese (Hrsg. und Autoren): Camillo Sitte Gesamtausgabe Schriften und Projekte, Band 6, Entwürfe und städtebauliche Projekte: Das internationale Werk in Architektur, Kunstgewerbe und Städtebau. 
Böhlau Verlag Wien 2014, 798 Seiten, Deutsch, 
ISBN-10: 3205788818

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