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tiburg: Entwerfen im Kontext des Ortes

21.10.2019

Tiburg ist ein sehr junges Büro, es besteht erst seit sechs Monaten. ­Entsprechend ­verrät die Website nicht allzu viel – wie bei einem Teaser zeigt sie ästhetische und minimalistische Fotos und Pläne der gebauten und projektierten Arbeiten. Zum Gespräch trafen wir uns im Altbau-Büro im 15. Bezirk in Wien.

Susanne Karr im Gespräch mit Ulrike Tinnacher, Alexandra Isele und Leo Habsburg

v.l.: Ulrike Tinnacher, Leo Habsburg und Alexandra Isele

"Die Politik ist stark gefordert, mit Raumplanern und Architekten zusammenzuarbeiten und die Experten einzubeziehen, damit ein breiterer Diskurs entsteht."

Wie haben Sie als Team zusammengefunden? Kennen Sie sich vom Studium?
Ulrike Tinnacher (UT): Wir haben gemeinsam in Graz studiert, danach aber unterschiedliche Wege eingeschlagen. Ich war erst in Hamburg, dann in Zürich, Alexandra und Leo sind direkt im Anschluss an das Studium nach Zürich gegangen, wo wir uns wieder begegnet sind.
Alexandra Isele (AI): Durch unsere parallelen Lebensläufe und die Arbeit innerhalb der Schweizer Baukultur haben wir ein gemeinsames Architekturverständnis entwickelt. Als wir zunehmend an Aufträgen in Österreich zu arbeiten begannen, haben wir die Idee eines gemeinsamen Studios in Wien entwickelt.

Wie könnte man dieses gemeinsame Architekturverständnis beschreiben? In Ihren persönlichen Portfolios finden sich sehr unterschiedliche Projekte, von Arbeiten über Tourismusarchitektur in der Südsteiermark über die Auseinandersetzung mit Schrumpfung am Beispiel Eisenerz bis zu temporärer Architektur im kulturellen Spannungsfeld Venedigs.
AI: Was wir in der Schweiz gelernt haben, ist ein Arbeiten mit Elementen der Architektur, die ohnehin notwendig sind. Daraus Gestaltung zu machen und sie entweder zu überformen oder sehr bewusst einzusetzen.

Eine Kombination aus Ästhetik und formalen Kriterien?
Leo Habsburg (LH): Die Suche nach der innewohnenden Ästhetik trifft den Punkt. Der Begriff „Schönheit“ ist in der Architektur oft schwierig. Was wir suchen, ist eine projektinhärente Ästhetik, die sich aus den Teilen entwickelt, aus denen sich das Projekt zusammensetzt.
UT: Wir versuchen, aus dem Kontext heraus zu arbeiten, zu schauen, was schon da ist. Über genaue Beobachtungen und Recherche entwickeln wir ein Gefühl für den Ort und die Bewohner. Oft finden wir dadurch einen Anknüpfungspunkt, von dem aus Elemente hinzugefügt oder weggelassen werden. Diese intensive Auseinandersetzung mit dem Bestehenden hilft uns, eine gewisse Selbstverständlichkeit in unserer Architektur zu erzeugen. Man denkt bewusst nicht alles neu, das ist ein spannendes Thema.

Wie beim Haus T zum Beispiel?
UT: Ja. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit Bestand umzugehen – entweder, das, was da ist zu imitieren, oder etwas komplett Konträres dazuzusetzen. Die dritte Möglichkeit ist ein sensibler Umgang mit dem Vorhandenen. Das wäre eher unser Ansatz.

Interessant ist in der Teamkonstellation, wie jede und jeder eine eigene Geschichte mit diesem Bestand in Verbindung bringt. Wenn man versucht herauszufinden, was das Ensemble erzählt, wie sich die Kontexte zeigen. Wie kommen Sie da zusammen?
UT: Wenn man alleine arbeitet, bleiben die Ideen teilweise sehr blass. Zu dritt hinterfragen wir unsere gemeinsame Architektur immer wieder gegenseitig. Man ist viel kritischer, schätzt aber gleichzeitig die Ideen der anderen. Daraus entsteht ein gemeinsames Ganzes, das dann „Tiburg“ ist. Man kann nicht mehr auseinanderdividieren, wer was gemacht hat.
LH: Wir versuchen die Schwarmintelligenz zu nutzen. Das funktioniert bisher sehr gut, wir stacheln uns gegenseitig an. Man unterschätzt, wie schnell man einen Tunnelblick entwickelt, wenn man in einem Projekt steckt. Dann ist es sehr gut, wenn es eine Position von außen gibt, die diesen Tunnelblick korrigiert und außen vor lässt. Man kann diese Art zu arbeiten unbedingt nur empfehlen.

Verstehen Sie das auch als Gegenstatement zum Bild des architektonischen Einzelgenies, das alles alleine erfindet und entwickelt?
LH: Ich würde grundsätzlich hinterfragen, ob es dieses überhaupt jemals gegeben hat.
UT: Vielleicht gibt es eine Art Genie, das aus einer eher sturen, einsamen Arbeit geboren wird – oder das Gegenteil, dass man Gefahr läuft, bequem zu werden und eigentlich immer das Gleiche zu machen, wenn man alleine arbeitet.

Teamarbeit ist also viel lebendiger?
AI: Jedenfalls. Was noch dazu kommt: Die Vorstellung von der großen Idee stimmt so meistens nicht. Entwürfe entstehen durch Arbeit, Ausprobieren, Modell bauen, durch das Studieren verschiedener Varianten sowie durch Erfahrung.

Sehr praktische Prozesse, keine Arbeit aus dem Elfenbeinturm.
AI: Immer ein sich Annähern von vielen Seiten, und irgendwann fügt sich das Ganze aus Diskussionen, Fragestellungen und Plänen zusammen. Es gibt auch Projekte, bei denen man von Anfang an eine Vision oder Idee hat, aber im Regelfall gibt es einen Prozess. Schön ist der Moment, in dem alles aufgeht, wenn die einzelnen Teile am Ende zusammenstimmen.
UT: Auch wenn wir mit einer Idee starten, versuchen wir diese immer noch einmal komplett zu hinterfragen und vielleicht absichtlich das Gegenteil auszuprobieren, um uns nicht mit einer ersten Intuition zufriedenzugeben.
LH: Wir gehören nicht zu jenen Architektur­büros, die nach einem starren Konzept arbeiten. In Graz haben wir die starke Orientierung an einem übergeordneten Konzept gelernt, in der Schweiz haben wir es teilweise wieder verlernt bzw. die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit von Projekten erfahren, die mehr der Komplexität des Bauens entsprechen. Es gibt zwar ein Konzept, das im Hintergrund wabert, aber es gibt immer auch die Möglichkeit, das Konzept zu durchbrechen, es infrage zu stellen. Absichtlich gesetzte Brüche machen den Entwurf spannender und erzeugen neue, zusätzliche Ebenen.

Stammt diese Idee, mit einem Kontra-Modell zu arbeiten, aus Zürich?
UT: In Zürich gab es immer die Idee: Man macht eine Regel und durchbricht sie an der richtigen Stelle. Was aber viel schwieriger ist, als eine Regel aufzustellen, ist es, den richtigen Punkt zu finden, an dem man sie durchbricht.

Was sind Ihre aktuellen Projekte?
LH: Ein Produktionsgebäude in der Steiermark, ein Wohnhausumbau in Graz, ein sehr kleines, schönes Badezimmer sowie ein Baugruppenhaus in Salzburg, welches gerade in der Fertigstellung ist. Drei Wohnungsumbauten in Wien sind vor Kurzem fertig geworden.

Wo liegen Ihre Hauptinteressen?
UT: Das ist schwierig zu beantworten, denn die Vielseitigkeit der Architektur macht gleichzeitig ihre Schönheit aus und bietet Herausforderungen. Auch bei Wettbewerben versuchen wir, breit aufgestellt zu bleiben.
AI: Wohnungsbau ist ein wichtiges Interessensgebiet. In Österreich wird diese Aufgabe zu wenig von Architekten betreut.

Sehen Sie Architektur als gesellschaftspolitische Kraft?
AI: Jedenfalls. Es muss ein Umdenken hinsichtlich des schnellen Profits stattfinden. Ein Beispiel wäre Zürich, wo der Wohnbau von Genossenschaften sehr hochwertig ist. Investoren sind also gut beraten, mindestens den Standard dieser Genossenschaftswohnungen zu bauen, weil sie sonst ihre teureren Wohnungen nicht vermieten oder verkaufen können.
UT: Wenn etwas hochwertig und sorgfältig gebaut ist, spüren das auch Menschen, die sich nicht aktiv mit Architektur auseinandersetzen. Diese gebaute Wertigkeit generiert eine Wertschätzung, die sich im Umgang und dem Erhalt von Gebautem niederschlägt.

Sehen Sie Wertigkeit und Materialität als Faktor der Nachhaltigkeit?
AI: Nachhaltigkeit ist immer ein Thema. Das Baugruppenhaus im Land Salzburg ist zum Beispiel sowohl sozial nachhaltig als auch in der Bauweise. Ein Wohnsitz, bei dem sich drei Personen zusammengetan haben, um gemeinsam zu bauen und möglicher Einsamkeit im Alter vorzubeugen. Das Projekt ist ein Niedrigstenergiehaus, Holzbau mit Riegelwänden und massiven Holzdecken sowie einer vorvergrauten Fichtenfassade. Auf PU Schaum und Kunststoffe in sämtlichen Baumaterialien wurde verzichtet. Neben dem direkt ökologischen Aspekt hat Nachhaltigkeit auch mit der Verwendung von langlebigen, hochwertigen Materialien zu tun.

Gibt es Ihrerseits eine Art Masterplan, wie Städte in Zukunft gestaltet werden sollen, damit nicht das ganze Land versiegelt wird?
AI: Es ist extrem wichtig, dass Städte lebenswert bleiben. Es muss zu den versiegelten Flächen genügend Gegenpole geben, sowohl öffentliche als auch private Außenräume. Es braucht mehr überregionale, branchenübergreifende Planung. Vorschreibungen, dass bei Entwicklungen eine gewisse Anzahl Bäume gepflanzt, qualitative Freiflächen geschaffen werden. Eigentlich ist der Gründerzeit-Block ein ideales Modell – außen Stadt und innen der grüne Hof, der in Graz und Wien teilweise noch unangetastet existiert, in Wien oft stark verbaut ist.
LH: Das wäre ein gutes Beispiel um die Langfristigkeit darzustellen. Wenn die Innenhöfe aus Gründen von Verdichtung und kurzfristiger wirtschaftlicher Interessen verbaut werden, ist der Raum zerstört, für immer.
UT: Gründerzeitwohnungen sind ein gutes Beispiel für Nachhaltigkeit: Sie durchleben starke Veränderung in den Anforderungen der Bewohner, können auf unterschiedliche Wohnformen und Situationen reagieren. Ein flexibler Grundriss, die solide Bauweise, die Proportionen der Fenster, die Stärke der Mauern – diese Eigenschaften formen elastischen und nachhaltigen Wohnraum.
LH: Oft wird zu funktionsbezogen gebaut, zu wenig offen, teilweise zu wenig strukturell. Eine Stärke des Gründerzeitblocks ist ja auch, dass er sehr robust ist, unterschiedliche Funktionen aufnehmen und sich anpassen kann. Große Raumflächen ermöglichen unterschiedliche Nutzung. Durch die Raumhöhe kann aus einem Wohnraum ein Büro werden – kein Vergleich mit typischen Größen im heutigen Wohnbau mit zehn Quadratmetern großen Zimmern ...

Wer sagt, wie Städte aussehen sollen? Als Architekten sind Sie Spezialisten für Gestaltung, Proportionen, Geschichte, Material. Dann kommen die Auftraggeber dazu mit ihren Vorstellungen und ihrem Budget.
AI: Der Einfluss von Architekten wird generell überschätzt. Baumasse und Volumen werden in großen Teilen von Baurecht und Politik beeinflusst. Man bewegt sich in sehr engem Raum. Geschoßhöhen, Dachform, Volumen, Dichte, liegen oft gar nicht in unserer Hand.
UT: Zum Beispiel sind viele Grundstücke als Einfamilienhausgrundstücke ausgelegt – man kann dort nur schwer alternative Konzepte realisieren – es könnten ja auch zwei oder drei Familien auf der gleichen Fläche bauen. Das ist aber wegen baurechtlicher Bestimmungen der Raum­ordnung oft nicht möglich. Die Politik ist stark gefordert, mit Raumplanern und Architekten zusammenzuarbeiten und die Experten einzubeziehen, damit ein breiterer Diskurs entsteht.
LH: Wichtig ist der Wille, überhaupt Stadt- und Raumplanung zu betreiben, zu verstehen, dass etwas weitergebaut wird, das lange Zeit Bestand hat und unseren Lebensraum formt. Es gibt genug Beispiele wo zu sehr auf’s Detail geschaut wird und ein übergeordneter Masterplan fehlt.

Welches Projekt würden Sie am liebsten als Nächstes machen, und welche Materialien würden Sie bevorzugen?
AI: Selbstbestimmte Lebensräume schaffen – organisch und kontextuell in die Umgebung eingepasst. Materialien sollen eine Patina bekommen dürfen. Ein Gebäude ist dadurch nicht weniger wert, im Gegenteil – es wird schöner.

Tiburg
tiburg Architekten wurde 2019 von Ulrike Tinnacher (*1987), Alexandra Isele (*1987) und Leo Habsburg (*1985) in Wien gegründet. Der Entwurf im Kontext des Ortes bildet das Fundament ihrer architektonischen ­Arbeit.

Projekte (Auswahl):
Haus T, Um- und Neubau, Gamlitz 2015
Haus L, Umbau, Trofaiach 2017
Steinbach, Umbau, Gamlitz 2017–2019
Meise, Wohnungsrevitalisierung, Wien 2019
Schuh, Wohnungsrevitalisierung, Wien 2019
Fux, Baugruppenhaus, Straßwalchen 2018–2019

http://www.tiburg.at

 

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