Direkt zum Inhalt

T.J. Gottesdiener: Architekturfabrik? Ich bin erstaunt!

06.12.2010

Skidmore, Owings & Merrill LLP, kurz SOM, ist eines der größten und einflussreichsten Architekturbüros ­weltweit. Wie mit dieser Verantwortung umgegangen wird, erklärte T. J. Gottesdiener, Senior Partner im New Yorker Büro. Ein Gespräch über Freiheit, Angst und das unsichtbare Ende des Fahnenmastes.

Wojciech Czaja im Gespräch mit T.J. Gottesdiener

T. J. Gottesdiener: "Wir sind kein Büro, das auf Quantität aus ist. Es geht uns nicht darum, möglichst viel zu bauen, sondern möglichst gut zu bauen. Qualität vor Quantität!"

SOM ist eine der größten Architekturfabriken der Welt. Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie? Und wie viele Projekte wickeln Sie jedes Jahr ab?
Hier im New Yorker Büro haben wir etwa 400 Angestellte. Weltweit sind es etwas mehr als 1.000 Mitarbeiter. Wie viele Projekte wir abwickeln, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Wir sind kein Büro, das auf Quantität aus ist. Es geht uns nicht darum, möglichst viel zu bauen, sondern möglichst gut zu bauen. Qualität vor Quantität! Aber wenn ich eine Schätzung abgeben darf, dann werden es wohl 40 bis 50 Fertigstellungen pro Jahr sein. Aber um ehrlich zu sein, mir gefällt Ihr Ausdruck Architekturfabrik nicht. Wie kommen Sie auf die Idee?

Architekturfabrik ist der Ruf, der Ihnen vorauseilt – zumindest in Europa. Ich nehme an, das hängt mit der Größe und mit dem Output Ihres Unternehmens zusammen.
Ich bin erstaunt! Ich bin wirklich erstaunt. Eine Fabrik ist für mich ein Unternehmen, in dem immer wieder ein und dasselbe Produkt hergestellt wird. Das ist bei uns nicht der Fall. Es gibt bei uns keine Wiederholungen, denn wir entwickeln jedes einzelne Projekt als Unikat. Aber natürlich steht SOM für einen gewissen Stil, für einen gewissen Ethos, keine Frage! Ich denke, das tut jedes Büro.

Wie lautet Ihr Ethos?
Qualität bei jedem einzelnen Projekt, von der ersten Skizze bis ins hohe Alter, ganz gleich, ob es sich dabei um etwas Kleines oder etwas Großes handelt. Wir erachten uns als Lösungsfinder, der darauf spezialisiert ist, in ganz unterschiedlichen, spezifischen Situationen das jeweils optimale Resultat zu erzielen.

Trifft das nicht auf jedes Büro zu?
Schauen Sie, wir arbeiten sehr eng mit unseren Auftraggebern zusammen, und die Zufriedenheit mit unseren Projekten ist sehr groß. Hinzu kommt, dass wir nicht vor neuen Technologien und Planungsmethoden zurückschrecken, sondern uns gerne neuen Herausforderungen stellen. Dass man selbst im Neuland immer wieder das Optimum erzielt, ist nicht selbstverständlich. Dazu bedarf es eines großen Know-hows und viel Erfahrung im Geschäft. Und die gibt es. Immerhin existiert SOM schon seit fast 75 Jahren. Das Büro wurde 1936 gegründet.

Es gibt mittlerweile zehn SOM-Büros weltweit. Kann man heute überhaupt noch von einem zusammenhängenden Unternehmen sprechen?
Die Zentrale ist in Chicago. Darüber hinaus gibt es momentan neun Büros in New York, Washington D. C., San Francisco, London, Brüssel, Dubai, Abu Dhabi, Hongkong und Schanghai. Jedes dieser Büros ist ein eigenständiges und unabhängiges Unternehmen. Die drei Gemeinsamkeiten der weltweiten SOM-Niederlassungen sind: erstens, dass wir ein zentrales Department für Human Ressources haben. Zweitens, dass sich die jeweiligen Geschäftsführer regelmäßig treffen, um einander am Laufenden zu halten. Und drittens das gemeinsame Commitment, dass wir die innovativste und fortschrittlichste Architektur entwerfen, planen und umsetzen wollen, die wir uns nur vorstellen können.

Wie würden Sie Innovation in der Architektur- und Baubranche heute definieren?
Da spielen viele Dinge mit hinein. Es geht um einen anderen, um einen alternativen Blickwinkel, um den Einsatz neuer und besserer Materialien, um die Zusammenführung von perfektem Konzept, möglichst kurzem Zeitplan und möglichst geringen Baukosten, und nicht zuletzt um das große und essenzielle Thema der Nachhaltigkeit. Das ist ein zentraler Fokus in unserem Büro. Um auf diesem Gebiet noch weiter voranzukommen, haben wir vor kurzem ein Joint Venture mit dem Rensselaer ­Polytechnic Institute in Troy, Upstate New York, gegründet. Wir nennen diese Initiative Case. Das bedeutet nichts anderes als Center for Architecture Science and Ecology.

Wie genau funktioniert das Case?
Es geht um die Förderung zukünftiger Talente, um die Zusammenarbeit mit den Architekten von morgen. Und das ist eine Win-win-Situation für beide Seiten. Die Studenten profitieren davon, indem sie bei uns im Haus ihre Forschung vorantreiben und ihre Entwürfe weiterentwickeln können. Und sie können ihre Ideen an konkreten Projekten virtuell zur Anwendung bringen. Wir hingegen profitieren von der Offenheit und Experimentierfreude der Studenten.

Wer zahlt wem?
Niemand niemanden. Wir stellen die Räumlichkeiten zur Verfügung. Die einzelnen Forschungsprogramme sind von der Industrie gesponsert. Wie gesagt: Es geht um Zusammenarbeit im Universitätsbereich.

Sie haben vorhin den Begriff Nachhaltigkeit verwendet. Wie sehr unterscheidet sich aus Ihrer persönlichen Erfahrung der Begriff der Nachhaltigkeit von Land zu Land?
Sehr! Es gibt riesige Unterschiede! In den USA geht es in erster Linie um Strommengen. In Europa geht es darum, welche Energiequellen wir verwenden, um Strom zu generieren. Und im Mittleren Osten, um ein weiteres Beispiel zu nennen, geht es um Wasser. So gesehen hat jedes Land, jeder Kulturraum auf der Welt seine ganz eigenen spezifischen Herausforderungen, denen es sich stellen muss. Welche Themen wo aktuell sind, zeigt sich nicht zuletzt in den unterschiedlichen Gebäudezertifikaten, die es weltweit gibt.

SOM ist unter anderem auf Hochhausbau spezialisiert. Bestes Beispiel ist der 828 Meter hohe Burj Khalifa in Dubai. Die Kritik bei solchen „super-high-rise buildings“ ist nicht zu überhören. Kann man hier überhaupt noch von Nachhaltigkeit sprechen?
Der Turm verbraucht viel Energie. Aber Sie dürfen nicht vergessen, wie groß er ist und wie viele tausende Leute darin arbeiten und wohnen. Kompakte, urbane Strukturen sind das Um und Auf für die Zukunft.

Wie weit kann man gehen? Wo stößt Architektur an ihre Grenzen?
Das kommt ganz auf den Kontext an! In New York und Chicago gab es kurz vor 1900 zehn- bis zwölfstöckige Häuser. Bei der damaligen Bauweise war das bereits das Limit. Kurz nach der Jahrhundertwende schossen die Gebäude auf 40, 50 Stockwerke hoch. Und in den Dreißigerjahren wurde dann das Empire State Building errichtet. Damit war für viele Jahrzehnte das absolute Limit erreicht. Heute bauen wir bereits Hochhäuser mit mehr als 800 Metern und planen bereits an Gebäuden mit 1.000 Metern Höhe. Die Geschichte lässt sich endlos fortsetzen – alles eine Frage der Zusammenhänge.

Der Burj Khalifa ist also noch nicht das Ende des Fahnenmastes?
Wie man’s nimmt. Wirtschaftspolitisch kann man davon ausgehen, dass ein ähnliches Projekt in näherer Zukunft wohl nicht mehr möglich sein wird. Und was die Technik betrifft: Die Statik und Tragkonstruktion ist nicht das Problem. Es gibt ganz andere Bereiche, wo wir an unsere Grenzen stoßen: Lifttechnik, Brandschutz, Wasserpumpen, Windkräfte und so weiter. Aber auch dafür werden sich Lösungen finden. Ich kann Ihnen nur eines versichern: Der Burj Khalifa ist garantiert nicht das Ende des Fahnenmastes. Es kommt noch Höheres, viel, viel Höheres! Allerdings glaube ich nicht, dass ich das noch erleben werde.

Wann wird es wieder weitergehen?
In Anbetracht der globalen wirtschaftspolitischen Situation glaube ich, dass die nächsten Rekorde erst in 25, 30 Jahren aufgestellt werden.

Ein prominentes Projekt, an dem Sie gerade arbeiten, ist der Freedom Tower auf dem Groud Zero. Wie viel ist vom Entwurf Daniel Libeskinds übriggeblieben?
Libeskind hat einen großartigen Entwurf vorgelegt. Aber dieses Projekt war immer nur als Masterplan und Stoßrichtung angedacht. Auf Basis von Libeskinds Masterplan hat der Investor Larry Silverstein dann eines Tages beschlossen, dass er das Gelände nicht nur von einem einzigen Architekten bebauen lassen will, sondern dass er auf die Karte der Pluralität setzen will. Neben Architekten wie Richard Rogers, Norman Foster oder Fumihiko Maki können wir uns glücklich schätzen, dass er sich beim Tower 1 für uns entschieden hat. Und so kam es dann auch. Das ist die Geschichte.

Haben Sie das Gefühl, dass die Potenziale beim Wiederaufbau von Ground Zero ausgeschöpft werden?
Selbstverständlich hat Larry Silverstein wirtschaftliche Interessen. Das Projekt muss sich rechnen. Das ist eine Tatsache. Doch darüber hinaus entstehen auf dem Ground Zero viele Qualitäten, die es hier nie zuvor gegeben hat. Rund 50 Prozent des Geländes werden bebaut. Die restliche Fläche von Ground Zero wird in einigen Jahren der größte, grünste und wohl interessanteste Freiraum in Lower Manhattan sein. Die stadtplanerischen und infrastrukturellen Absichten sind großartig!

Ein Spezifikum dieses Projekts ist der 50 Meter hohe massive Sockel, der Autobomben standhalten soll.
Das war ein Wunsch des Auftraggebers. Er ist um maximale Sicherheit bemüht. Aber ich denke, dass es uns gelungen ist, den Sockelbereich trotz aller Massivität schön und leicht zu gestalten. Die Oberfläche ist facettiert, bei den Fenstern handelt es sich um prismatisches Glas, das das Licht sehr schön reflektieren wird. Schauen Sie sich nur einmal die Geschlechtertürme der Medici in Florenz an! Die haben im unteren Bereich auch kaum Öffnungen, und trotzdem finden wir diese Gebäude atemberaubend schön.

Kann man sich mit so einer Sicherheitsapparatur wirklich gegen jeden Eingriff von außen wappnen?
Nein, wir können damit natürlich nicht jede Art von Angriff abwehren. Wir bauen nur, was sinnvoll ist und was im Rahmen der Möglichkeiten ist.

Es geht hier um den sogenannten Freedom Tower. Wie passt der Aspekt der Freiheit zu dieser Form von Angstarchitektur?
Als Architekten eines so sensiblen Projekts müssen wir verantwortungsvoll agieren. Und was den Freedom Tower betrifft, kann ich nur sagen, dass sich Larry Silverstein von diesem Namen wieder distanziert hat. Das Gebäude heißt nun ganz pragmatisch One World Trade Center, kurz 1 WTC. Die Fertigstellung ist für Ende 2013 vorgesehen.

Ganz allgemein: Hat sich das Bauen in New York City seit 9/11 geändert?
Die ganze Welt hat sich seit 9/11 geändert. Die Sicherheitsbestimmungen haben sich verschärft, die Bauvorschriften wurden novelliert, die Baubehörde schaut sich jedes Hochhaus genauer an als noch vor zehn Jahren.

Ist der Job als Architekt seitdem schwieriger geworden?
Was soll ich Ihnen sagen? Wir lieben New York! Wir lieben York mit all seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen. Und wir strengen uns an, um in diesem Dschungel von Vorschriften, Regeln und Verboten gute und hochwertige Architektur zu machen. Und deshalb sind wir vom Bauen in dieser Stadt so überzeugt wie am ersten Tag.

Werbung

Weiterführende Themen

Gespräche
27.03.2019

Claudia Staubmann und Cédric Ramière, die Gründer des französischen Büros CoCo ­Architecture, waren Ende Februar Invited Speakers des Departure-Talk one und Gast von architektur in porgress im ...

Wolfgang List, Maik Perfahl und Mark Neuner
Gespräche
27.02.2019

Mostlikely – wieder ein Büroname mit Erklärungsbedarf? FORUM wollte es von Mark Neuner, Wolfgang List und Maik Perfahl genauer wissen und traf die drei in ihrem Wiener Büro. Dabei erzählten sie ...

Gespräche
17.12.2018

Architektur, Lehre und die Aufgeschlossenheit zu Innovationen sind in der dritten Generation eng mit dem Namen Hoppe ­verbunden. Diether Hoppes Söhne, Thomas und Christian, haben Baukultur mit der ...

Individuell angefertigte Waschtische von Laufen finden sich in Ian Schragers ­Public Hotel.
Hotelprojekte
06.11.2018

In der Laufen-Manufaktur in Gmunden wurde etwa das revolutionäre Material „Saphir Keramik“ entwickelt, das besonders dünnwandige Keramikprodukte mit engen Radien ermöglicht. Das Laufen Innovations ...

Gespräche
31.10.2018

Professorin Aglaée Degros ist seit 2016 Leiterin des Instituts für Städtebau an der Technischen Universität Graz und Science Fellow der Vrije Universiteit Brüssel. Ursprünglich in der belgischen ...

Werbung