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Traumberuf Architekt

25.10.2013

Architekturstudium zwischen Traum und Realität Architektur zählt nach wie vor zu den beliebtesten Studienrichtungen. Die Architekturausbildung in Österreich wird heute an sechs universitären Institutionen und zwei Fachhochschulen angeboten. Die Bandbreite der Profile ist groß.

von Brigitte Groihofer

Die Hochschule für angewandte Kunst bietet nur mehr eine Masterausbildung im klassischen „Meister­atelier" an. An der FH Kärnten kann man sich nach einer gemeinsamen Grundausbildung mit den Bauingenieuren zwischen den beiden Disziplinen im Master entscheiden. Zusätzlich wird eine Spezialisierung auf Energie­bionik angeboten.

Während in allen anderen technischen Fächern, von Mathematik bis zur Physik und zu den angewandten Fächern wie Bauingenieurwesen, Verkehrsplanung, Maschinenbau oder Elektrotechnik, händeringend Absolventen der Wirtschaft, gesucht werden, verzeichnet Architektur eine zu große Nachfrage. Entwerfen steht klar im Vordergrund der Architekturausbildung, die natürlich fachspezifisches Grundlagenwissen und konstruktive Details beinhaltet. Für viele Studienanfänger wird jedoch in der Vorstellung der kreativ-künstlerische Part den Ausschlag für die Studienwahl geben. Auch wenn diesem in der Praxis des Berufsalltags sowie bei der zunehmenden Komplexität der Bauwerke ein immer geringerer Anteil zukommt und der Markt andere Bedürfnisse hat. Einzelkämpferische Stararchitekten sind nicht mehr en vogue. Von Anfang an wird in heterogenen Teams mit hochspezialisierten Bauingenieuren, Bauphysikern, Elektrotechnikern und Tragwerksplanern gearbeitet. Angehende Architekten müssen nicht nur als Generalisten ausgesprochenes Interesse für all diese Disziplinen mitbringen, sondern auch Soft Skills wie Koordinations- und Kommunikationsfähigkeit. Erst dann und zusätzlich ist künstlerische Begabung erforderlich.

 

Viele Studenten – schlechte Ressourcen

In Österreich entscheiden sich pro Jahr rund 1.500 für ein Architekturstudium, allein auf der TU Wien waren es im vergangenen Studienjahr 1.100, von denen 900 das Studium auch tatsächlich aufnahmen. Diesen standen nur 234 Absolventen im Bachelor und 183 im Master gegenüber. Christian Kühn, Dekan der TU Wien, sagt hierzu: „Wir verlieren drei Viertel der Studenten massiv in den ersten beiden Jahren, danach flacht die Kurve ab. Dies führt zu einer Belastung des Universitätsbetriebs." Die Drop-out-Raten liegen zwischen zehn und 66 Prozent. Besonders hoch sind sie an den TUs in Wien und Graz, niedriger an den beiden Fachhochschulen in Villach und Graz, die mit je nur 25 bis 30 Erstinskribierenden im Jahr eine sehr verschulte Lehre bieten. In Summe dürfte es in Österreich mehr als 7.500 Studierende geben, 750 Absolventen im Bachelor und Master pro Jahr. Anders als in anderen technischen Studienrichtungen muss man nach dem Bachelor weiterstudieren, um später Architekt zu werden.

Die Ursachen dieses horrenden Missverhältnisses liegen nicht nur an den falschen Erwartungshaltungen der Studienanfänger in Bezug auf Studium und Berufsbild des Architekten, sondern auch an deren mangelnder kognitiver und kreativer Eignung. Weiters führt finanzielle Unterdotierung der Universitäten zu schlechten Studienbedingungen durch einen massiven Mangel an personellen und räumlichen Ressourcen. Der Versuch, Zulassungsprüfungen, wie sie in Österreich an den Kunstuniversitäten und international an fast allen Unis im Bereich der Architektur üblich sind, auch an den TUs einzuführen, ist Anfang 2013 gescheitert. Der Grund dafür war eine Vorgabe der Zahlen für die aufzunehmenden Studierenden seitens des Wissenschaftsministeriums auf Basis bisheriger Inskriptionszahlen, die höher lagen als der tatsächliche Anfängerstand. Die TU Wien hat daher auf die Einführung eines Zulassungsverfahrens verzichtet; TU Graz und Uni Innsbruck haben Prüfungen angekündigt, diese aber aufgrund der erwartungsgemäß unter den vorgegebenen Zahlen liegenden Registrierungen gar nicht durchgeführt. Denn viele lassen sich vor angekündigten Prüfungen abschrecken.

 

Orientierungsphase

Die TU Wien startete daher heuer mit einer neuen Studieneingangs- und Orientierungsphase (StEOP), denn es war höchste Zeit zu handeln: Ein abgebrochenes Studium ist nicht nur für junge Studierende eine Katastrophe, sondern eine Vergeudung volkswirtschaftlicher Ressourcen. Eine Verringerung der Studierendenzahlen auf die wirklich geeigneten, ist für Studierende wie Universitäten von Vorteil und sichert die Qualität der Ausbildung. Das kommt später den Büros zugute, die sich oft beklagen, Absolventen erst ausbilden zu müssen. Die nun verschärfte Orientierungsphase ist ein erster Schritt.

Im ersten Semester sind aus einem Angebot einführender Veranstaltungen, zu denen u. a. Fächer wie „Zeichnen und visuelle Sprachen", „Gestaltungslehre", „Darstellende Geometrie", „Bauphysik", „Materialkunde" und „Gegenwartsarchitektur" gehören, positive Zeugnisse im Umfang von 18 ECTS-Punkten nachzuweisen. Der Arbeitsaufwand eines Studienjahres liegt bei 60 ECTS-Punkten, pro Semester bei 30. Erst danach dürfen betreuungsintensive Lehrveranstaltungen wie die Grundkurse und Übungen für „Konstruktion-Hochbau", „Tragwerkslehre" oder „CAAD 1" besucht werden. Ein neuer Bestandteil der StEOP ist ein verpflichtender Orientierungskurs in Kleingruppen. Der Kurs umfasst drei Übungen, in denen die Studierenden unter anderem das Berufsfeld Architektur näher kennenlernen und erfahren, welche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Architekturstudium nötig sind. Hierzu gehört der Besuch eines Architekturbüros, wobei ein Team aus fünf Studierenden im Büro Fragen zu Aufgabenfeldern, Arbeitsbedingungen oder zur Einschätzung der zukünftigen Berufsentwicklung stellt. Erfahrungen aus diesen Gesprächen werden in einer moderierten Diskussionen in größeren Gruppen verarbeitet. Über einen Aufruf der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten haben sich mehr als 100 Büros bereit erklärt, ihre Büros zwischen Mitte Oktober bis Mitte November für die Studierenden zu öffnen. Die TU hofft, mit der neuen StEOP zu einer frühzeitigen Reflexion über die getroffene Studienwahl beizutragen, so die Drop-out-Rate ab dem zweiten Semester deutlich zu senken und damit verbesserte Studienbedingungen herstellen zu können.

 

Befugnis

Von all jenen, die das Studium vom Bachelor bis zum Master erfolgreich und im Anschluss drei Praxisjahre gemeistert haben, absolvieren in Österreich rund 200 pro Jahr die von den Architektenkammern angebotenen Ziviltechnikerkurse. Diese sind Grundlage für Vereidigung und Befugnis mit dem Recht, die Berufsbezeichnung „Architekt" führen zu dürfen – was nur Kammermitgliedern erlaubt ist; allerdings auch jenen mit ruhender Befugnis, weshalb viele von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Laut bAIK-Statistik verfügen in ganz Österreich nur 3.423 Architekten über eine ausübende, 1.337 über eine ruhende Befugnis. Die Aussichten auf Erfolg und ansehnliches Einkommen als selbstständiger Unternehmer sind auch nicht berauschend. Laut Kammerstatistik von 2011 erwirtschaften 26,4 Prozent der Architekten einen Umsatz von unter 35.000 Euro, 35,8 Prozent zwischen 35.000 und 100.000 Euro, nur 10,7 Prozent einen Umsatz zwischen 150.000 und 200.000 Euro und schließlich lediglich 4,8 Prozent mehr als eine Million. Wohlgemerkt Umsatz vor Steuern, nicht netto. Der Frauenanteil liegt bei nur 20 Prozent.

 

Karriere und Arbeitsbedingungen

Oliver Schürer, Assistent an der TU Wien, initiierte gemeinsam mit seiner Kollegin Katharina Tielsch 2008 eine Bestandsaufnahme, die Karrieremöglichkeiten, Arbeitsbedingungen und Arbeitsbereiche von Architekturschaffenden in Österreich unter die Lupe nahm. Im Grunde bestätigt die Studie nur, was in der Branche ohnedies allen bekannt und vertraut ist: Schon 2006 wurden im österreichischen Baukulturreport die harten Produktionsbedingungen dargestellt, und eine Studie zur Situation der Wiener Kreativwirtschaft belegte, dass Architekten im Vergleich mit anderen Berufsgruppen der sogenannten „Creative Industries" schlechter abschneiden.

Mit durchschnittlich 48 Stunden arbeiten Architekten am längsten, sind dabei aber überdurchschnittlich glücklich – und das für ein unterdurchschnittliches mittleres Jahreseinkommen von 18.000 bis 24.000 Euro. Zusätzliche „artfremde" Tätigkeiten oder Nebenjobs sind zur Einkommensaufbesserung oft unabdingbar. Atypische Beschäftigungsverhältnisse und damit fehlende soziale Absicherungen sind für das Arbeitsgebiet Architektur typisch. Viele Büros können es sich schlichtweg nicht leisten, Mitarbeiter fix anzustellen, um wettbewerbsfähig zu arbeiten. Dementsprechend schlecht sind für Berufseinsteiger die Aussichten, in einem Angestelltenverhältnis die Karriereleiter hochzuklettern. Scheinselbstständigkeit ist eher die Regel denn Ausnahme.

Die monatliche Honorierung von Studierenden liegt je nach Praxis zwischen 500 und 800 Euro, zehn bis 15 Euro pro Stunde als freie Dienstnehmer. Das kollektivvertragliche Mindestanfangsgehalt für Absolventen liegt bei 2.029 Euro brutto. Oft wird jedoch nicht mehr als 1.100 bezahlt, da Büros argumentieren, Neulinge könnten noch nicht selbstständig arbeiten und seien eine Belastung für die Struktur.

Architektin Marlies Breuss von Holodeck architects wünscht sich daher ein in das Studium integriertes und auch finanziell gefördertes Praxissemester: „Man muss für ein Praktikum mindestens ein Semester zur Verfügung haben, um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Einschulungszeit und tatsächlicher Arbeitszeit zu erzielen. Viele Studierende bleiben nach der Praktikumszeit auch halbtags weiter in unserem Büro, was für beide Seiten sehr von Vorteil ist."

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