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Urbanistische Narrenfreiheit

27.08.2018

Linz reklamiert für sich eine nachhaltige Stadtentwicklung. Auch gibt sich Oberösterreichs Kapitale als Smart City. Und selbstredend verkauft das Rathaus seine Stadt- und Verkehrsplanung als zukunftsweisend. Was nur möglich ist, weil wir viel zu lange schon tolerieren, dass sich Politiker jeglichem Wahrheits- oder auch nur Sachlichkeitsanspruch entschlagen, dass staatlich geförderte Medien Propaganda statt Kontrolle betreiben und willfährige Planer die Projekte von Bau- und Finanzspekulanten schönreden. Insofern ist Jammern verboten, solange wir den Zerstörern von Stadt und Umwelt nichts entgegensetzen.

Autor: Reinhard Seiß

Was macht ein Linzer, wenn morgen die Welt untergeht?“, heißt es in einem leidlich amüsanten Mühlviertlerwitz. „Er geht über die Donaubrücke ins Mühlviertel, denn dort sind sie 30 Jahre hinten.“ Zumindest baukulturell hat dieser Gag inzwischen ausgedient: Wenn etwas wirklich rückschrittlich ist, dann die Linzer Planungs- und Verkehrspolitik. Nicht der einzige, wohl aber der größte Anachronismus ist die autogerechte Entwicklung der oberösterreichischen Landeshauptstadt, die ideologisch an die 1960er  und 70er Jahre anknüpft – als ob es seither keinen Paradigmenwechsel in Sachen Verkehr, Umwelt und Klima gegeben hätte.

Drive-in-City

So steht Ende 2018, zwei Dekaden nach Beschluss des Kyoto-Protokolls, tatsächlich der Neubau einer Stadtautobahn, des Westrings, an – wofür im Stile der Nachkriegszeit auch eine ganze Häuserzeile in der Waldeggstraße abgerissen wird. Die künftige A26 soll den Pendlerverkehr aus dem westlichen Mühlviertel aufnehmen und in Bahnhofsnähe bis an das Zentrum heranführen. Die Planungen dafür gehen auf das Jahr 1972 zurück und wurden vom Bund zwischenzeitlich verworfen. Oberösterreichs Verkehrspolitik hielt dennoch daran fest, bis Stadt und Land 2011 das Verkehrsministerium zur Umsetzung bewegen konnten – ungeachtet vernichtender Stellungnahmen aus dem Umweltministerium: Sie bezeichneten die pro­gnostizierte Verkehrs- und Emissionsreduktion als Folge des Westrings als ebenso absurde Phantasie wie die behaupteten Vorteile für den Siedlungs- und Wirtschaftsraum – und stellten klar, dass das Projekt den völkerrechtlich verbindlichen Klimaschutzzielen eindeutig zuwiderläuft. „Alternativen für die Pendler, allen voran die überfällige Attraktivierung der Mühlkreisbahn samt Errichtung entsprechender Park&Ride-Anlagen, wurden von oberösterreichischer Seite nie wirklich verfolgt“, kritisiert der Raumplaner Max Mandl.

Politische Unverschämtheit

Ähnlich ignorant gegenüber zeitgemäßer Planung zeigt sich die „sehr offensive“ Linzer Hochhauspolitik, zu der sich Bürgermeister Klaus Luger unumwunden bekennt. Für ihn bedeuten Bevölkerungsanstieg und Flächenknappheit, dass „die Wohnbau-Verdichtung in die Höhe führen muss, um die Grüngürtel in Urfahr und in Pichling weiterhin unangetastet lassen zu können.“ Wohlgemerkt zählt Linz mit 206.000 Bürgern heute weniger Einwohner als vor 40 Jahren, und das Argument eingeschränkter Baulandreserven führt die Politik selbst ad absurdum: Durchaus wohlwollend wurden jüngst die Pläne des Linzer Bundesligavereins LASK aufgenommen, im Süden der Stadt ein neues Fußballstadion auf Feldern unweit des Pichlinger Sees zu ­errichten. ­2,5 Hektar Ackerland würden für die Arena aufgehen, weitere 8,5 Hektar für bis zu 3.500 Parkplätze – inmitten jener geschützten Grünzone, die ­Luger vorgibt, durch Hochhäuser in der Innenstadt vor einer Verbauung bewahren zu wollen. Und das sechs Jahre nachdem das zentrumsnahe Linzer Stadion um 32 Millionen Euro saniert wurde.

Planlosigkeit als Prinzip

Während der Umgang mit Steuergeldern recht unbekümmert erfolgt, achtet man bei privaten Investments sehr wohl auf Effizienz. So betont Bürgermeister Luger angesichts wiederholter Kritik an der Maßstäblichkeit vieler Bauvorhaben, dass sich Projekte eben auch rechnen müssten: Private Initiativen als Gefahr für die Stadt hinzustellen, sei gefährlich, so der Sozialdemokrat. Sein freiheitlicher Planungs- und Verkehrsstadtrat ­Markus Hein erachtet stadtplanerische Festlegungen an sich als Schritt in die falsche Richtung, zumindest bei Hochhäusern, und rechtfertigt die bewusste Konzeptlosigkeit seines Ressorts: „Sobald ein Bereich für Hochhausbauten auserkoren ist, würden die Grundstückspreise dort immens ansteigen.“ Sprich, Spekulanten würden um ihre bisherige Strategie umfallen, normale Grundstücke zu normalen Preisen zu kaufen und sie dann durch eine Hochhauswidmung in ihrem Wert zu vervielfachen. 
Dass Verbotszonen für Hochhäuser – als Alternative zu Eignungszonen – ebenso wenig der Weisheit letzter Schluss seien, zeigt sich für den Linzer Stadtrat in Wien: Dort werde der Turm am Heumarkt trotz Schutzzone und Unesco-Wel­terbe vom Rathaus „durchgedrückt“. Dreister kann man gar nicht mehr argumentieren, sagt Hein damit doch nichts anderes, als dass konkrete Planungen deshalb nichts brächten, weil die Politik – im Fall von Linz also er selbst – sich ohnehin da­rüber hinwegsetzen würde. Zwar verfügt die Stadt seit letztem Dezember über eine „Checkliste zur Planung von Hochhäusern“, um die städtebauliche Verträglichkeit von Projekten zu überprüfen, doch bieten Kriterien wie „eine positiv zu bewertende Beziehung“ neuer Türme zu ihrem Umfeld einen breiten Interpretationsspielraum.

Selbstdarstellung und Rendite

So preisen Kleboth und Dollnig Architekten ihr Projekt „Weinturm“ in der Altstadt von Linz-Urfahr als „das beste bisher für Linz geplante Hochhaus“ an, auch weil es „einen Impuls zur Aufwertung der Nachbarschaft setzt“. Entsetzt dagegen sind die Eigentümer und Bewohner der umgebenden zwei- bis fünfgeschoßigen Häuser, dass auf einer gründerzeitlichen Parzelle ein 75 Meter hohes Gebäude emporragen soll – auch wenn die OÖN, die Oberösterreichische Nachrichten, den 24-stöckigen Luxusapartmentturm als „Super-­Projekt“ titulieren. Am östlichen Rand der Urfahraner Altstadt entstehen derzeit nach Plänen von AllesWirdGut und Hertl Architekten 357 „hochkarätige Eigentumswohnungen“ auf 31 Etagen – laut OÖN „ein Bauprojekt, das an Superlativen nicht spart“. Dass dafür ein voll funktionsfähiger, architektonisch wertvoller Hochschulbau aus den 1980er-Jahren weichen musste, bekümmert im vermeintlich smarten, nachhaltigen Linz scheint’s ebenso wenig, wie dass der neue Uni-Standort in ein Einfamilienhausgebiet am Pöstlingberg ausgelagert wurde: per Fahrrad nur für Sportliche und per Pöstlinbergbahn nur für geduldige Studierende erreichbar. 
Selbst mancher Experte tut sich schwer, im Bruckner Tower jenen „neuen Quartiersbaustein“ zu erkennen, der laut AllesWirdGut einen „abwechslungsreichen und lebenswerten Stadtraum“ schafft. Wolf-Dieter Albrecht, einst Leiter der Linzer Stadtplanung, empfindet den 97 Meter-Turm als „unmaßstäblich“ und spricht ihm jegliche „nachvollziehbare Einbettung in die Struktur von Urfahr und in das Stadtbild von Linz“ ab. Da hilft es wenig, dass die Architekten ihre „klar lesbare Skulptur“ als „Landmark mit hohem Identifikationspotential“ sehen, die „die Stadtlandschaft stärkt und mit ihrer geknickten Fassade auf die städtebauliche Situation reagiert“. Gespannt darf man sein, wie Städtebau-Professor Christoph Luchsinger jenes Hochhaus am Schillerpark, eingangs der Linzer Altstadt, argumentieren wird, für das er im Auftrag des Shoppingcenterbetreibers und Immobilienentwicklers Ernst Kirchmayr eine Machbarkeitsstudie verfasst. Im Gespräch ist eine Höhe um die 100 Meter, wobei noch einiges dazukommen könnte. Denn der „Konsumtempelritter und Multimillionär“ (OÖN) möchte, dass „absolute Top-Architekten das Projekt planen“ – und mit wirklichen Baukünstlern sei nun einmal nicht zu spaßen: „Wenn wir ihnen Höhe, Länge und Breite vorgeben, rauben wir ihnen jegliche Kreativität und riskieren Absagen der Stars.“

Klüngelei statt Qualität

Freilich bedient der Hochhausboom auch die ­lokale Planerszene, wobei immer wieder dieselben Architekten zum Zug kommen. Fragwürdige Berühmtheit für seine Vormachtstellung erlangte Wolfgang Kaufmann, der für die Raiffeisen Landesbank – eine der Triebfedern des spekulativen Baugeschehens in Linz – den 64 Meter hohen BLICK.punkt entworfen hat. Auch dieser Apartmentturm unweit des Bahnhofs, wo ein ganzes Hochhausviertel entsteht, trägt mit Mietpreisen um die 40 Euro pro Quadratmeter wenig zur politisch beschworenen „bedarfsgerechten Ab­deckung der Wohnungsnachfrage“ durch Hochhäuser bei. In den Schatten gestellt wird der „schillernde Planungs-Multi“ (OÖN) aber noch von zwei Mitt-Siebzigern, Franz ­Kneidinger und Heinz Stögmüller, deren Büros die Hälfte aller sechzehn Hochhausplanungen der letzten Jahre an Land ziehen konnten. Ihrer Entwurfsqualität verdanken sie die vielen Aufträge laut Einschätzung der Linzer Kollegenschaft nicht – was ein Lokalaugenschein bei Kneidingers schäbig wirkendem Blumau Tower und Stögmüllers nicht wirklich ausgelastetem City Tower bestätigt. Kein Wunder, dass der Gestaltungsbeirat Pläne aller drei gut vernetzten Branchenführer immer wieder zurückweist und gravierende Änderungen einfordert. Die Stadtplanung könnte angesichts solcher architektonischen Dürftigkeit Wettbewerbe als Voraussetzung für Hochhauswidmungen verlangen, will den gut eingespielten Klüngel aber offenbar nicht stören – zumal die öffentliche Hand selbst darin verstrickt  ist.

Eigen- oder Gemeinnutz?

Den Eindruck kommunalpolitischer Befangenheit erweckt auch der Umgang mit in die Jahre gekommenen sozialen Wohnbauten. Die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Linz, GWG, hat letzten Dezember beschlossen, im Franckviertel, einem traditionellen Arbeiterbezirk, wo heute viele Zuwanderer, sozial schwache und alte Menschen leben, eine ganze Siedlung aus den frühen 30er-Jahren zu schleifen. Die acht Häuserzeilen mit großzügigen Grünräumen sind das Herzstück einer Wohnanlage, die selbst von der Kulturabteilung der Stadt als Baudenkmal eingestuft wird. Nachdem bis vor zwei Jahren von einer Sanierung die Rede war, und etliche Mieter schon eigenes Geld investiert hatten, bot eine Gasexplosion, die den Abbruch eines Gebäudetrakts erforderlich machte, dem Rathaus Anlass, den Bebauungsplan zu überdenken – nicht nur für den nötigen Wiederaufbau von 17 Wohnungen, sondern gleich für die ganze Siedlung. 
Der eben fertiggestellte Ersatzbau von Architekt Andreas Treusch, der schon mit dem Ars Electronica Center in Alt-Urfahr unter Beweis gestellt hatte, dass die sensible Einfügung neuer Architektur in historische Strukturen nicht seine größte Stärke ist, hat mit den umliegenden Bauten aus der Zwischenkriegszeit nichts gemeinsam – und gibt einen Vorgeschmack auf das, was wohl kommen soll: acht Geschoße statt bisher vier, eine abweisende Sockelzone ohne Bezug zum Außenraum, eine „zeitgenössisch“ gestaltete Grünfläche samt Tiefgaragenentlüftung. 

Unsozialer Wohnbau

Die GWG scheint einem solchen Strukturwandel einiges abzugewinnen und ist mittlerweile überzeugt, dass eine Sanierung doch „unwirtschaftlich“ sei. „Unwirtschaftlich für wen?“, fragt Neos-Gemeinderat Lorenz Potocnik und mahnt, dass ein gemeinnütziger, ja kommunaler Bauträger zuvorderst die Leistbarkeit von Wohnraum für bedürftige Bürger im Auge haben sollte. Auch wenn es der Stadt Linz um Sparsamkeit und Effizienz ginge, müsste sie auf eine kostengünstige Modernisierung der 418 Wohnungen drängen, die, so der gelernte Architekt, rund sieben ­Millionen Euro erfordern würde – während eine neue Siedlung mehr als das Sechsfache koste.

Doch würde die GWG mit den Altbauten dauerhaft nichts mehr verdienen, zumal die Sanierungskosten bei Gebäuden aus der Zeit vor 1945 nicht auf die Mieten aufgeschlagen werden dürfen. Eine neue und dichtere Verbauung dagegen würde lukrative Erträge garantieren. Gegenwärtig belaufen sich die monatlichen Mieten für die 35 bis 50 Quadratmeter kleinen Wohnungen auf beispiellos geringe 190 bis 330 Euro, einschließlich Betriebskosten. Trotzdem bezieht die Hälfte der rund 1.000 hier lebenden Menschen bereits jetzt Wohnbeihilfe. Im Zuge einer Neubebauung würden teils doppelt so große Wohnungen entstehen, die auch mindestens das Doppelte kosten. Allein die Kosten für einen heute verpflichtenden Auto­stellplatz und den obligatorischen Lift machten Neubauten für viele Bewohner aber unfinanzierbar – was ihrer Vertreibung gleichkäme. „Die sozial schwächsten Bürger von Linz benötigen einfache und billige Wohnungen, die für niemanden mehr Gewinne abwerfen müssen“, fordert der Stadtsoziologe Peter Arlt. Und damit gelange man rasch zur themenübergreifenden Kardinalfrage der Stadtentwicklungspolitik: „Welchen Interessen ist sie verpflichtet? Jenen der Bürger, jenen künftiger Generationen oder jenen der Immobilienwirtschaft?“

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