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Ursula Baus: Kritisieren statt fabulieren

28.05.2018

Architekturkritik im Sinne eines fundierten Erklärens von Gelungenem, aber auch Misslungenem beschränkt sich im dichten Blätterwald auf einige wenige Seiten. Im Vormarsch sind zunehmend inhaltsleere Beiträge mit immer hohleren Floskeln, die kaum mehr von Lifestyle- oder PR-Texten zu unterscheiden sind. Diese besorgniserregende Entwicklung war für Orte Architekturnetzwerk Niederösterreich Anlass, die deutsche Architekturkritikerin Ursula Baus in den Wiener Presseclub Concordia einzuladen. Nach ihrem Vortrag sprach sie mit FORUM über Geschichte, Aufgaben und Formen der Kritik, die sie als eine der wichtigsten Errungenschaften menschlichen Denkens in Erinnerung rief. Zu erfahren war, wie Architektur und Öffentlichkeit in den Medien zusammenwirken, wie es um Meinungspluralismus bestellt ist und welche Abhängigkeiten bestehen.

Heidrun Schlögl im Gespräch mit Ursula Baus

Ursula Baus: "Architekturkritik der Gegenwart kommt ohne gesellschaftlich konstituierende, politische Positionen nicht aus."

In jeder anderen Kunstgattung, ob in Literatur oder Theater, ob in Film oder Musik, ist auch negative Kritik ganz selbstverständlich. Selbst Weltstars sind nicht davor gefeit, dass ihr jüngster Roman, ihr aktuelles Stück oder ihr letztes Album in den Feuilletons durchfallen. Aber gibt es ein Gebäude von Jean Nouvel oder Zaha Hadid, von Hans Hollein oder Coop Himmelb(l)au, das der Architekturkritik in den letzten zwei Jahrzehnten missfallen hätte? Diese erschöpft sich allzu oft in reiner Beschreibung – oder aber der unreflektierten Übernahme vorgefertigter PR-Texte. Auf diese Weise werden auch belanglose Bauten durch hohle Begrifflichkeiten mit Bedeutung aufgeladen – und bleibt misslungene Architektur unwidersprochen. Kritik heißt jedoch unterscheiden beziehungsweise trennen, heißt beurteilen – anhand nachvollziehbarer Maßstäbe. Aber verfügen wir aktuell überhaupt über sachliche Maßstäbe zur Beurteilung von Architektur?

Damit verbunden ist auch die Frage nach der Position der Kritiker, nach dem richtigen Abstand zwischen Schreibenden und Planenden. Schon ­George Orwell hat – für die Literaturkritik – gefordert, den Kontakt mit dem Autor zu meiden, um sich auf die Kritik des Werks konzentrieren zu können. Zudem solle er sich von jedweden Gefühlen freimachen, denn sowohl Sympathie als auch Antipathie für den Kritisierten führe zwangsläufig zur Verzerrung der Kritik. Dabei wäre verzerrungsfreie Kritik nirgends so wichtig wie in der Baukunst. Denn steht ein Haus erst einmal oder ist ein Platz gestaltet, prägen sie für Jahrzehnte unseren Lebensraum. Während alle anderen Kunstformen von ihrem Publikum selbst gewählt in Anspruch genommen werden, ist Architektur unausweichlich.

Was leistet seriöse Architekturkritik, warum ist sie wichtig, und in welchen Medien ist sie am wirkungsvollsten?
Ursula Baus: Man muss grundsätzlich zwei Arten von Architekturkritik unterscheiden: Einerseits die Fachkritik, die in Fachmagazine, ob gedruckt oder online, gehört. Andererseits die Architekturkritik in Publikumszeitschriften und Tagespresse, deren Zielgruppe Menschen sind, die sich für Architektur interessieren oder für sie zu interessieren sind. Die Rolle der Tageszeitungen halte ich diesbezüglich für ausgesprochen wichtig, weil sie von betroffenen Bürgern sowie von Entscheidungsträgern in Wirtschaft, Verwaltung und Politik gelesen werden. Hier kommt der Architekturkritik, ebenso wie in Radio und Fernsehen, eine immense Bedeutung für die breite Öffentlichkeit zu, weil sie Prozesse veranschaulichen kann – sowie das funktionale, ästhetische und atmosphärische Ambiente, in dem sich unsere Gesellschaft zurechtfinden muss, beeinflusst.

Oft wird der Forderung nach kritischerer Beurteilung entgegengehalten, dass baukulturelle Vermittlung und somit das Aufzeigen von Best Practices viel wichtiger sei. Kann man von schlechten Beispielen nichts lernen?
Doch, man kann von allem, das erklärt werden kann, lernen. Schlechte Beispiele geben Anhaltspunkte, um zu ergründen, warum etwas misslungen ist: Wurde das Raumprogramm falsch geschrieben? Ist das Haus am falschen Platz gebaut worden? Ist die architektonische Form im vorhandenen Kontext zu egozentrisch vom Architekten entwickelt worden? An guten wie schlechten Beispielen lässt sich viel verdeutlichen, wobei in beiden Fällen dieselben Fragen zu stellen sind.

Beeinflusst Architekturkritik tatsächlich die baukulturelle Entwicklung? 
Ja. Das lässt sich schon aus der Geschichte herauslesen. Bereits im Frankreich des 18. Jahrhunderts hat die Kritik in den Salons, wo auch über Architektur debattiert wurde, eine bemerkenswerte Rolle gespielt. In den heutigen Zeitungen steht außerordentlich viel über Architektur. Allerdings nicht in Form von differenzierter Architekturkritik, sondern in den Nachrichten der Immobilienseiten. Dort spiegelt sich die Ökonomisierung des Bauens, der Stadt- und Siedlungsentwicklung wider, und wir erfahren, wo hohe Renditen zu erwarten sind und welche Investmentfonds etwa im Wohnungsbau welche Inte­ressen verfolgen. 

Welche Themen vermissen Sie in der medialen Auseinandersetzung mit Baukultur?
Ich vermisse all das, was uns gesamtgesellschaftlich beschäftigt. Entscheidungsprozesse im Entstehen von Architektur und Stadtentwicklung müssten aufgezeigt werden, aber auch dahinterstehende Finanzströme oder etwa Abrissgründe müssten erklärt werden. Architekturkritik der Gegenwart kommt ohne gesellschaftlich konstituierende, politische Positionen nicht aus. Außerdem müsste über Architektur bereits in einem viel früheren Status und kontinuierlich debattiert werden.

Orten Sie Nachwuchskräfte für die Architekturkritik?
Im Moment nicht, weil das Bauen Konjunktur hat und die Architekten – zumindest in Deutschland – voll beschäftigt sind. Große Büros schließen zum Teil sogar ihre Wettbewerbsabteilungen, weil sie nicht ausreichend Personal finden, um die gewonnenen Wettbewerbe auch umzusetzen. Das macht es schwierig, fachlichen Nachwuchs für die Architekturkritik zu begeistern. Vermutlich wird sich das aber ändern, sodass geschätzte 20 Prozent der Architekturstudenten, die talentiert und neugierig sind, im Schreiben tätig werden könnten.

Sollte Architekturkritik Gegenstand der Lehre sein? Ist dieses Feld für junge Menschen überhaupt interessant? 
Ja, es ist von Interesse. Doch haben wir es bereits mit den „digital natives“ zu tun, die zu einem großen Teil nur über Internet-Wissen verfügen und nicht einmal ansatzweise begreifen, wie kümmerlich es im Vergleich zu dem ist, was in unseren Bibliotheken „gespeichert“ ist. Das ist ihnen allerdings weniger anzulasten als ihren Professoren. Deswegen plädiere ich dafür, Architekturkritik an Hochschulen als Lehrfach zu etablieren und nahe der Architekturtheorie anzusiedeln. Kritik hat das Potenzial, Entwicklungen aufzuzeigen und steht in einer engen Wechselwirkung zur Theorie. Meines Erachtens ist es sehr wichtig, konsequent die Architekturkritikgeschichte zu erforschen und zu verfolgen, um zu begreifen, was Architekturkritik wann, warum, wie und wo bewirkt hat. Dann wird sich herausstellen, dass sie beispielsweise in den 1920er und 1950er Jahren außerordentlich einflussreich war. Dissertationsthemen zur Geschichte der Architekturkritik gäbe es jedenfalls zur Genüge. 

Autoren beklagen sich häufig darüber, dass sie für ihre Beiträge von den Medien schlecht bezahlt werden. Viele sichern ihre Existenz daher anderweitig ab, etwa indem sie PR-Texte über oder für Architekten, Bauträger oder die Planungspolitik schreiben. Kann man als Auftragsschreiber noch ausreichend kritisch sein? Wie gehen Sie damit um?
Es ist schwer, die nötige Querfinanzierung zur Existenzsicherung hinzukriegen. Das gelingt mir unter anderem mit Ghostwriting. Freilich werde ich als Ghostwriter nur engagiert, wenn derjenige, für den ich einen Vortrag oder Aufsatz verfassen soll, mit meiner kritischen Haltung und Art einverstanden ist. Wer politisch an der Front steht, hat viel zu wenig Zeit, um sich auf die Weiterentwicklung von Agenden zu konzentrieren. Insofern kann ich als Ghostwriter auf diese Weise politische Programmarbeit mitgestalten sowie eine Beraterrolle einnehmen, und das macht mir großen Spaß.

Kann Architekturkritik nicht auch jenseits der Medien geäußert werden und trotzdem eine Öffentlichkeit erreichen?
Ja, beispielsweise in moderierten Rundgängen oder Podiumsdiskussionen, die viel zum Architekturbewusstsein beitragen können. Sie sind bereits eine Konsequenz aus einschneidenden Großprojekten, die die Bevölkerung mitunter auch mobilisieren.

Welchen Einfluss hat das Zeitalter der Digitalisierung auf die Architekturkritik?
Einerseits wissen wir, zu welch üblem Missbrauch die freie Meinungsäußerung im inhaltlich unkontrollierbaren Internet führt, wenn Profit vor Ethik geht. Andererseits gibt es in den digitalen Medien aber doch sehr viele Möglichkeiten, gerade in unprofitablen Themenbereichen wie der Architekturkritik eine sachlich interessierte Leserschaft zu erreichen und breite Diskurse anzuregen.

Wie sind Ihre beiden Foren frei04 publizistik und marlowes entstanden? Und wie schätzen Sie die weitere Entwicklung beider Medien ein? 
Ich war lange Redakteurin bei einer Fachzeitschrift der Deutschen Verlagsanstalt, die 2004 verkauft wurde. Sehr rasch wurde klar, dass die neuen Eigentümer nicht mehr die Interessen einer ordentlichen Architekturpublizistik verfolgten, und so habe ich mich mit zwei Kollegen selbstständig gemacht. Zwischenzeitlich veröffentlichen wir wöchentlich architekturkritische Beiträge auf unserer Webseite frei04 publizistik und gründeten vor drei Jahren das unabhängige Portal marlowes. Dieses Online-Magazin bietet aktuelle Nachrichten, Kritiken, aber auch Fotoessays zu Architektur und Stadt. Unsere Newsletter erreichen eine erfreuliche Öffnungsrate von 50 Prozent.

Gibt es Werbeeinschaltungen in Ihrem Newsletter?
Nein. Zwar gibt es den Unterstützerclub ­„Friends of marlowes“, der sich für freie Kritik einsetzt. Aber jegliche Einflussnahme auf die Inhalte ist ausgeschlossen. 

Autor/in:
Redaktion Architektur & Bau Forum
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